Journalismus unter Belagerungszustand: Wo sind Eva und Ahmet?

Nach der am 6. Januar begonnenen Offensive der syrischen Übergangsregierung gegen die Gebiete der Demokratischen Autonomieverwaltung Nordostsyriens (Rojava) gelten die Journalist:innen Eva Maria Michelmann und Ahmet Polad als vermisst. Zu den aktuellen Bemühungen um Aufklärung, der Verteidigung journalistischer Arbeit und der Lage in Rojava: Avîn von der Solidaritätsorganisation People’s Bridge im Interview.

Die Journalist:innen Eva Maria Michelmann und Ahmet Polad gelten seit dem 18. Januar als vermisst. Worum geht es?

Im Februar gab es erste Presseberichte dazu, dass Eva und Ahmet entführt wurden. Seit dem 18. Januar, an dem sie als letztes in einem Haus in Rakka gesehen wurden, fehlt jede Spur von ihnen. Ahmet Polad ist ein kurdischer Journalist mit türkischer Staatsbürgerschaft, der für Kurdistan Azad und Özgür TV arbeitet [1]. Eva ist eine Journalistin, die 2022 nach Nordostsyrien gereist ist. Sie wurde 1989 in Siegburg geboren und hat in Köln Soziale Arbeit studiert. Sie ist dann 2022 nach Rojava gegangen und hat dort für ETHA [2] gearbeitet. Davor hat sie in Deutschland für Perspektive Online geschrieben.

Wovon geht ihr aktuell aus: Was ist die aktuelle Situation von Eva und Ahmet? Was droht ihnen jetzt?

Es sind jetzt über 50 Tage vergangen, seitdem sie weg sind. Es sind ja über 1000 Menschen entführt worden bei der Offensive. Was wir von Berichten wissen, ist, dass es den Leuten, die in Gefangenschaft waren, wirklich nicht gut ging. Manche haben auch berichtet, dass sie vom IS gefangen genommen wurden. Es gibt hier kein bürokratisches System und es ist überhaupt nichts klar: Sind sie auf irgendwelchen Listen, sind sie in informeller Gefangenschaft? Wer hält sie gefangen? Es ist eine wirklich unübersichtliche Lage in Syrien mit einer Übergangsregierung, auf die kein Verlass ist.

Was droht Eva und Ahmet, falls sie sich tatsächlich in IS-Gefangenschaft befinden?

Der IS drängt die Frau ideologisch komplett in den Haushalt, aus dem gesellschaftlichen Leben heraus oder verkauft Frauen wie Ware. Und auch Kurden werden vom IS umgebracht und verschleppt. Unter dem IS herrscht rohe und willkürliche Gewalt. Der IS ist ja keine offizielle Struktur – da kann man nichts nachfragen oder irgendwas einsehen.

Wie ist denn insgesamt die aktuelle Situation vor Ort und womit ist unter der HTS aktuell weiter zu rechnen?

Eine der letzten wichtigsten Entwicklungen war die Rückkehr nach Afrin, der Stadt die 2018 vom türkischen Staat besetzt wurde. Aber vor Ort wurde auch wieder von viel Gewalt berichtet. Die Menschen können nicht mehr in ihre Häuser zurückkehren, leben teilweise in Autos. Es gab auch gewalttätige Angriffe gegen Kurdinnen, die Newroz gefeiert haben. Die Leute dürfen also nach Afrin zurückkehren, aber sie leben nicht unter den Errungenschaften Nordostsyriens. Auch ist die Stadt Kobane weiterhin besetzt, also eingekreist. Die humanitäre Lage da sieht wirklich nicht gut aus. Es gibt immer wieder Versuche, Frieden zu verhandeln. Dann gibt es wieder Angriffe, Aggressionen von der HTS, die verteidigt werden müssen.

Allgemein ist eigentlich der springende Punkt nach der Offensive gewesen, dass ein Abkommen zwischen der syrischen Übergangsregierung und der demokratischen Autonomieverwaltung geschlossen wurde, nach dem sich die demokratische Autonomie in irgendeiner Weise integrieren soll. Wie das genau aussehen wird, ist aktuell noch nicht klar. Die syrische Übergangsregierung zielt darauf ab, dass Nordostsyrien komplett integriert wird, während es auf der anderen Seite den Willen nach Gleichstellung, nach Frauenbefreiung, nach friedlichem Zusammenleben und einem föderalen Syrien gibt. Aktuell gibt es zwar keine offenen Schlachtfelder. Aber es wurden viele IS-Gefängnisse durch die syrische Übergangsregierung geöffnet. Das bedeutet der IS hat die Möglichkeit, wieder zu erstarken.

Der türkische Staat ist an dieser ganzen Sache jetzt auch nicht ganz unbeteiligt. Und es steht ja auch die Möglichkeit im Raum, dass Eva und Ahmet in die Türkei ausgeliefert wurden. Was würde das für sie bedeuten?

Ahmet und Eva haben beide für Nachrichtenagenturen gearbeitet, die in der Türkei sitzen. Seit Anfang Februar hat der türkische Staat eine Verhaftungswelle gegen Sozialist:innen, Demokrat:innen, Kulturschaffende und Journalist:innen veranlasst, bei der 96 Leute verhaftet und auch unter absurden Begründungen verurteilt wurden. Das bedeutet, dass Journalist:innen und auch diese Agenturen für die Eva und Ahmet gearbeitet haben, Repressionen ausgesetzt sind. Dadurch, dass man weiß, dass sie in Nordostsyrien aktiv waren, werden Sie wahrscheinlich wie Terroristen behandelt. Die Türkei hat keine gute Beziehung zur demokratischen Selbstverwaltung in Nordostsyrien und greift diese oft an, hat ja auch mit Drohnenangriffen Menschen umgebracht.

Warum ist die Verteidigung der Berichterstattung wichtig?

Es gibt dieses Bild aus dem Vietnamkrieg, wo ein Kind von einer Bombe getroffen wird und wegrennt. Das hat ein Journalist gemacht. Journalisten in Kriegsgebieten decken am Ende des Tages die Wahrheit auf. Das sehen halt auch die Staaten, die Armeen und dementsprechend werden auch Journalisten umgebracht. Viele kurdische Journalistinnen wurden über Drohnenangriffe vom türkischen Staat in den letzten Jahren hingerichtet. Die syrische Übergangsregierung führt vor allem auch einen medialen Krieg, verbreitet extrem viel Falschnachrichten. Zu Beginn der Offensive zum Beispiel wurde dadurch versucht das kurdische Volk zu spalten. Journalisten machen sehr wichtige Arbeit, weil sie zeigen, was Sache ist vor Ort.

Das Auswärtige Amt hat ja versucht, sich nach Eva zu erkundigen. Der deutsche Staat sieht sich aktuell aber eher in brüderlicher Verbundenheit zur syrischen Übergangsregierung. Was bedeutet das denn für die verschwundenen Journalist:innen?

Die Bundesregierung weiß Bescheid, hat auch Stellen im Mittleren Osten eingeschaltet. Es wurde gesagt, dass es schwierig ist, die Botschaft in Damaskus zu erreichen. Aber wenn Millionen an Geldern an die syrische Übergangsregierung fließen, dann können die Beziehungen ja nicht so schlecht sein. Eigentlich sollte das bedeuten, dass diese Beziehungen genutzt werden könnten, Eva zu finden und zu befreien. Aktuell werden diese wie es aussieht aber für andere Interessen eingesetzt. Zum Beispiel redet ja die Bundesregierung davon, dass sie nach Syrien abschieben will.

Der deutschen Bundesregierung geht es oft eher weniger um Menschenrechte. Die Aufmerksamkeit für den Fall ist vor allem über Druck von unten entstanden. Was ist jetzt zu tun?

Also erst mal kann man sagen, dieser Fall ist nicht in die Medien gekommen, ist nicht bei der Bundespressekonferenz gelandet, weil da irgendjemand gesucht und gefunden hat. Sondern weil Leute seit Tagen, seit Wochen am Laptop sitzen und arbeiten. Es ist die Aufgabe der Solidaritätsbewegung für Rojava und die der Demokrat:innen, sich einzusetzen für Klarheit und Aufklärung, für die Befreiung von Eva und Ahmet. Konkret geht das zum Beispiel durch Unterstützung der Initiative „Wo sind Eva und Ahmet?“.

Und darüber hinaus?

Ich fange ein bisschen weiter hinten an: Seit dem 8. Dezember, seit die Macht in Syrien übergeben wurde, ist die Frage zu einem neuen Syrien offen. Wir sind in einer Übergangsphase. Ein neues Syrien wird geschaffen und es wird sich entscheiden, wie dieses neue Syrien aussehen wird. Also inwiefern die Völker, die sich organisieren, die Drusen, Alawiten und Kurden, aber auch die Frauen, Jugendlichen, Unterdrückten, ihre Rechte bekommen. Welche Stellung die Übergangsregierung hat, das wird sich alles entscheiden. Die syrische Übergangsregierung wurde legitimiert, aufgebaut und unterstützt von den USA, vom westlichen Flügel. Rojava wird unterstützt von den Demokraten, von den Arbeiterinnen, von den Menschen, die dieses Projekt sehen und daran glauben – auf der ganzen Welt. Rojava hat keine Lobby, Rojava hat die Massen, hat die Menschen. Und das ist eigentlich das Wichtigste. Dieses Projekt ist sicher nicht perfekt, aber es sichert demokratische Grundrechte in der Region ab, vertritt die Gleichheit der Völker und die Frauenbefreiung. Das Programm der syrischen Übergangsregierung ist gemäßigt islamistisch, arabisch-nationalistisch und nicht demokratisch. Das sind zwei Programme, die kollidieren miteinander. Die können nicht in eine Einheit gebracht werden oder ineinander integriert. Das heißt, irgendjemand muss gewinnen am Ende des Tages. Unsere Aufgabe ist es, Nordostsyrien den Rücken zu stärken und dafür zu kämpfen, dass Rojava bestehen bleibt.


[1] Kurdistan Azad ist eine Plattform, die politische Texte und Theoriearbeiten zu Entwicklungen in Kurdistan veröffentlicht. Özgür TV ist ein demokratisches Fernsehen aus der Türkei und Nordkurdistan.

[2] Etkin Haber Ajansı (ETHA) ist eine türkisch-sprachige Nachrichtenagentur mit Sitz in Istanbul.

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