Zu unserem am 01.06.2026 veröffentlichten Artikel “Lucky Luke auf Berlinerisch” von Hamza Kartal, der von den veränderten Verhältnissen innerhalb der Berliner organisierten Kriminalität berichtet, erhielten wir folgenden Leserbrief, den wir nun mit unseren Leser:innen teilen möchten:
“Dieser Beitrag ist wahrscheinlich das Wertvollste, was man derzeit zu diesen Themen lesen kann, dafür Dank.
Hier wird ein Phänomen angesprochen, welches zugleich nach innen, wie außen kreiert wird. Wenn der türkische Sicherheitsapparat, jahrzehntelang mit dem Drogenmilieu verwachsen war: Warum behandeln wir das, was davon in Berlin ankommt, als Linke ausschließlich als nationales Kriminalitäts- und Polizeiproblem (Kriminalisierung, mangelnde Bildung, Perspektivlosigkeit, fehlende Integration) und nie als Folge von Außen- und Bündnispolitik?
Das alles entlastet die NATO-Partnerschaft massiv, die diese Strukturen mit hervorgebracht hat, und gibt Zündmaterial für den herrschenden Rassismus: Das „Importierte” wird im Journalismus als Beweis gegen die Migration gelesen, während die imperialen staatlichen Absichten dahinter unsichtbar bleiben. Aus einer internationalistischen Perspektive muss man so ansetzen, da dann die Verbindung der Kämpfe, die geführt werden, sichtbar wird.
Das in Artikel angesprochene Muster ist nicht rein türkisch und auch nicht neu. Shanghai 1927 1, Portella della Ginestra 1947 2, die kommunistischen Hafenstreiks von Marseille 3; organisiertes Verbrechen war bis heute immer wieder das Werkzeug gegen die organisierte Klasse, finanziert über Opium und Heroin. Und es ist gesamteuropäisch: Die ’Ndrangheta verwaltet heute den Großteil des EU-Kokains, die britische und schwedische Drill- und Bandenpanik und die französischen Banlieues fallen in dieses Muster der produzierten soziale Unruhe. es wird kulturell abgestempelt und ist Futter für die Rechte.
Von solchen Artikeln würde ich mir eine ganze Serie wünschen. Dieselbe Untersuchung z.B. für Cosa Nostra. Wir jungen Leute brauchen das.
Und zum Schluss etwas für uns Linke: Man sollte nicht von einem „Versagen” der Präventions- und Jugendsozialarbeit sprechen. Das Wort „Versagen” unterstellt dem Staat gute Absichten und bloße Unfähigkeit. Tatsächlich versagt hier nichts. Diese im Artikel angesprochenen ausgetrockneten Kieze, die kriminalisierte und rassifizierte Bevölkerung: Das ist ein Zweck, den diese Herrschaftsräume durchaus rational und erfolgreich verfolgen. Die Jugendzentren wurden für die Kriegstüchtigkeit geschlossen. Wer hier von Versagen spricht, bittet um Reparaturen, wo nichts zu reparieren ist; weil das Ergebnis gewollt ist.
Mehr davon! Dringend.
1. Im Februar 1926 organisierte die Kommunistische Partei Chinas in der französischen Konzession Shanghais einen Generalstreik der Arbeiter gegen die ausländischen Mächte und die Generalität.
Du schloss einen Deal mit Chiang Kai-Shek ab. Als der kommunistische Aufstand ausbrach, ließ er Waffen verteilen und befahl seinen Männern, die Aufständischen zu eliminieren. Die Hinrichtungen dauerten mehrere Tage. Die Polizei der internationalen und französischen Konzessionen verschloss die Augen: Die „bolschewistische Bedrohung“ musste beseitigt werden. Chiangs Truppen unterstützten die Gangster und führten die Arbeit methodisch zu Ende. In einer stillschweigenden Vereinbarung zwischen den Westlern, den Nationalisten und den Grünen wurden mehrere tausend Kommunisten massakriert. Dies waren die Ereignisse, die in Malraux’ La Condition humaine beschrieben werden. Die historische Führung der Kommunistischen Partei Chinas war dezimiert: Nur wenige überlebten, darunter Zhou Enlai, der aus Shanghai floh, verkleidet als Jesuitenpriester. Von einer Partei der Intellektuellen und Proletarier wurde die Kommunistische Partei Chinas so zu einer Partei der Bauern, indem sie von Stützpunkten im Landesinnere aus wiedergeboren wurde: sie war für immer verändert.
Die Ausländer, die Chiang Kai-shek unterstützten, erwarteten, dass er diesen Streik niederschlagen würde, was er aber aus Prestigegründen nicht selbst tun wollte, so dass er mit seinen Truppen betont langsam auf Shanghai vorrückte und erst am 21. März vor der Stadt anlangte. Chiang öffnete seine Waffenlager für die Angehörigen der Triaden und in den nächsten Tagen füllte sich die Stadt mit den schwer bewaffneten Gangstern. Am 12. April 1927 begannen sie ein Massaker an allen Kommunisten und vielen Arbeitern und löschten in den folgenden Wochen und Monaten die dort sehr starke kommunistische Organisation und Basis praktisch aus.
Du Yuesheng wurde zur Belohnung zum Generalmajor der Kuomintang und zum stellvertretenden Gouverneur von Shanghai ernannt. Außerdem wurde er Ehrenpräsident der im US-Besitz befindlichen Shanghai Power Company.
2. Das Massaker von Portella della Ginestra ereignete sich am 1. Mai 1947 in Portella della Ginestra , einem Ort in der Gemeinde Piana degli Albanesi in der Provinz Palermo . Verübt wurde es von der kriminellen Bande um Salvatore Giuliano, auch bekannt als Turiddu . Er schoss auf die versammelten Bauern, die den Tag der Arbeiter feierten , und verursachte elf Tote und zahlreiche Verletzte.
Die Motivation für das Massaker lag nicht nur in der erklärten Abneigung der Banditen gegen die Kommunisten , sondern auch im Bestreben der Mafia und reaktionärer Kräfte, das alte Machtgleichgewicht im nach dem Zweiten Weltkrieg neu geschaffenen politischen und institutionellen Rahmen aufrechtzuerhalten . Darüber hinaus löste das Massaker die Mai-Krise 1947 aus und wurde in den folgenden Tagen von Angriffen auf die Büros linker Parteien und lokaler Gewerkschaften begleitet
3. Widerstandsgruppen wie Combat waren seit 1941 mit ihren illegalen Zeitungen präsent. Henri Frenay rekrutierte ab Dezember 1940 unter Armeeangehörigen für seine Bewegung. Die Sozialistische und die Kommunistische Partei wurden wieder aktiv, ebenso der neu gegründete Front National (Résistance). Spontane Protestaktionen fanden z.B. am 14. Juli 1942 statt, ebenso große Hausfrauendemonstrationen wegen des Nahrungsmangels. Mit der deutschen Besatzung ab November 1942 begannen bewaffnete Aktionen (Sabotage, Attentate). Viele Résistance-Führer und Helfer, darunter Irene Wosikowski, die Aufklärungsarbeit für Travail Allemand unter deutschen Soldaten machte, wurden 1942-1944 von der Gestapo verhaftet; einer ihrer Folterkeller war in der Rue Paradis Nr. 425.
Nach einem Lohnstreik im März 1944 erfasste der sog. „Brotstreik“ („500 Gramm Brot jeden Tag“) im Mai die Arbeiter der größten Industriebranchen und mobilisierte mehrere 10.000 Frauen in Demonstrationen. Die Bewegung wurde nach dem verheerenden US- Bombardement am 27. Mai 1944 (fast 2.000 Tote) abgebrochen. Nach der Landung in der Normandie strömten zahllose Männer in die Maquis – FTP, KPF und Gewerkschaft riefen zum Verbleib in der Stadt auf – auch mit Blick auf den vorzubereitenden Volksaufstand. Nach der Landung in der Provence war die Résistance trotz schwerer Verluste aktiv an der Befreiung beteiligt. Das nördlich des alten Hafens gelegene Viertel galt der deutschen Wehrmacht als Hochburg Krimineller, Schieber, Widerständiger und somit als Sicherheitsrisiko. Reichsführer-SS Himmler ordnete Anfang Januar 1943 die Zerstörung der Gebäude und die Deportation der Bevölkerung an. Sicherheitsinteressen der Wehrmacht, Immobilienspekulation und die Jagd auf Juden und Widerständler waren im Spiel. Wehrmacht, SS und Vichy-Polizei arbeiteten zusammen, SS- Führer Oberg und Vichy-Polizeichef Bousquet waren zeitweise vor Ort.
Am 22. und 23. Januar 1943 führten große französische Polizeikräfte eine Massenrazzia in Marseille durch, 40.000 Menschen wurden überprüft, 6000 zeitweilig festgenommen und u.a. im Gefängnis Les Baumettes inhaftiert. 1.642 von ihnen wurden ins Internierungslager Compiègne transportiert, die meisten wenig später in das KZ Sachsenhausen deportiert. 780 Juden wurden am 23. und 25. März 1943 in die Vernichtungslager Sobibor und Auschwitz deportiert, keiner überlebte.”

