Seit März ist ein Thema in der politischen und medialen Öffentlichkeit allgegenwärtig: Kaum ein Nachrichtenportal ließ sich öffnen, ohne auf Berichte über KI-generierte Deep Fakes und die Debatte um Collien Fernandes zu stoßen. Die Aufmerksamkeit war enorm, die politischen Reaktionen folgten schnell und die Forderungen nach Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten.
Seither erschleicht einen das Gefühl, die Welt habe eine neue Bedrohung entdeckt: Die digitale und digitalisierte Gewalt. Doch sind diese Formen der Gewalt tatsächlich so neu? Oder reagieren wir gerade auf eine neue Erscheinungsform eines wesentlich älteren Problems?
Ein Gastbeitrag vom feministischen Vernetzungstreffen des Stadtteilkomitees Lichtenberg.
Typisch für die Berichterstattung und die anschließende Debatte ist ein recht klares Muster: Es geht unter anderem schnell um konkrete einzelne Täter und Opfer, um Schuldfragen, um Solidarität, um die Unschuldsvermutung, um Empörung; um die Forderung, dass so etwas in unserem Rechtstaat künftig verhindert werden muss. Aber insbesondere geht es um digitalisierte Gewalt als komplett neues Phänomen. Der folgende Beitrag knüpft an aktuelle Narrative rund um die scheinbare neue Erscheinungsform sexualisierter Gewalt (ausgehend vom Fall Collien Fernades) an, und nimmt sie als Ausgangspunkt für eine kritische Einordnung.
Von der Zwangsehe zur KI-Freundin
Die Digitalisierung als jüngste Stufe des technologischen Wandels hat insbesondere die gesellschaftliche Omnipräsenz geschlechtsspezifischer Gewalt massiv zugespitzt. Dementsprechend ist ihr disziplinierender Effekt sprunghaft verstärkt worden. Dies ist jedoch nur das offensichtlichste Beispiel für eine scheinbar revolutionäre Neuerung, die sich eigentlich linear in bisherigen Entwicklungen einreiht.
Typische Formen patriarchaler und insbesondere sexualisierter Gewalt lassen sich über unterschiedliche historische, kulturelle und räumliche Kontexte hinweg beobachten. Dazu gehören Formen der sexuellen Versklavung, Zwangsehen, der Verfolgung der sogenannten „Hexen“, sowie feudale Besitz- und Abhängigkeitsverhältnisse, in denen weibliche Körper als Teil der männlichen Verfügungsmacht organisiert waren. Ebenfalls gehört die sexualisierte Gewalt in Kriegen zu dieser historischen Kontinuität. Neben diesen Ausprägungen der Gewalt existiert eine lange Geschichte der ästhetischen und kulturellen Objektifizierung weiblicher Körper. Diese zeigt sich in unterschiedlichen historischen Figuren des Blickes: Von der Muse als inspirierender, jedoch passiver Projektionsfläche über das Modell in Kunst und Wissenschaft bis hin zum Aktmodell als institutionalisierter Form der Körperdarstellung.
In der Moderne verschiebt sich diese Logik weiter zu pornographischer Bildproduktion, in denen der weibliche Körper zunehmend als explizites Objekt sexueller Betrachtung und Konsum erscheint. Diese Entwicklung ist eng mit der Transformation der Massenmedien verbunden: Vom wandernden Erzähler, bis hin zum Buchdruck, der Presse, dem Radio, dem Fernsehen und schließlich dem Internet. Mit jeder Entwicklungsstufe veränderten sich nicht nur die grundlegenden Macht- und Objektifizierungslogiken, sondern ihre Reichweite, ihre Geschwindigkeit und letztlich auch ihre technische Verfügbarkeit. Bilder und Narrative wurden global zugänglich und damit grenzenlos reproduzierbar. Mit der Optimierung der generativen künstlichen Intelligenz ist es mittlerweile selbst möglich, sexualisierte Darstellungen, ohne eine reale körperliche Vorlage, herzustellen. Damit löst sich die Produktion zunehmend von der physischen Realität ab, während die Logik des voyeuristischen Blickes bestehen bleibt. Die historische Linie, die sich von der Muse zum Aktmodell und schließlich zu digitalen und KI-generierten Körperbildern zieht, zeigt keinen Bruch, sondern eine kontinuierliche technische Transformation, die auf denselben patriarchalen Strukturen basiert.
Damit zeigt sich, dass die gesellschaftlich dominanten Strukturen bestehen bleiben, sich nur in jeder neuen medialen Form neu äußern. Der digitale Kapitalismus zeichnet sich in diesem Zusammenhang insbesondere dadurch aus, dass das Internet und der digitale Rahmen neue Möglichkeiten der Verbreitung, Permanenz und Allgegenwärtigkeit geschaffen haben. Die digitalen Technologien stellen somit keine grundlegende Zäsur dar, sondern die gegenwärtige Reiteration eines Effekts, der bereits in früheren Phasen technologischen Wandels angelegt war und nun in bislang unerreichter Intensität wirksam wird.
Die Kritik am gesetzlichen Lösungsversprechen
Seitdem der Fall Fernandes gegen Ulmen in die Öffentlichkeit geraten ist, gab es Reaktionen aus verschiedenen Lagern. Unter anderem hat die Politikerin Ricarda Lang (Bündnis 90/Die Grünen) mit den Aktivistinnen Kristina Lunz und Düzen Tekkal den Forderungskatalog „In Solidarität mit Collien Fernandes – 10 Forderungen an die Bundesregierung“ initiiert, in dem der Appell nach mehr Schutz vor digitaler Gewalt gefordert wird. Ebenfalls hat sich die Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) dem Fall zugewandt und einen Gesetzesentwurf gegen digitale Gewalt vorgelegt, der Strafbarkeitslücken hinsichtlich der digitalen, aber auch der digitalisierten Gewalt schließen sollte. Ist das endlich die Lösung?
Staatliche und strafrechtliche Maßnahmen, um Gewalt der digitalen Form zu bekämpfen, verstellen den Blick auf das eigentliche Problem: Sexualisierte Gewalt ist eine gesellschaftlich tief verankerte Struktur, die nicht an künstliche Intelligenz gebunden ist. Die zentrale Kritik an den Gesetzesforderungen lautet, dass dadurch strukturelle Ursachen in den Hintergrund gerückt werden und politische Antworten vor allem auf Kontrolle und Bestrafung basieren – im Sinne eines Carceral Feminism. Gleichzeitig lässt sich in diesem Zusammenhang kritisch auf eine politische Instrumentalisierung verweisen, in der sexualisierte Gewalt im digitalen Raum verstärkt als Anlass für neue sicherheitspolitische Maßnahmen dient. In Anbetracht des gegenwärtig autoritären Staatsumbaus, der sich in Entwürfen wie der neuen Polizeigesetze und der Ausweitung konkreter Überwachungsbefugnisse zeigt, ist die schnelle politische Reaktion nur ein Ausdruck genau dieser Entwicklung.
Reaktionen der “progressiven Medien”: Paradoxe Kollektivierung individualisierter Schuld
Während sich bereits viel kritisch mit diesen genannten Appellen an den Gesetzgeber beschäftigt wurde, zeigt sich eine weitere gewisse Dynamik, die bisher noch unterbeleuchtet geblieben ist: Die paradoxe Kollektivierung individualisierter Schuld. Diese zeigt sich insbesondere bei linksliberalen Medien, die sich häufig als kritische Gegenposition zu konservativen Meinungen verstehen. Jedoch bleiben diese in vielen Fällen auf derselben Ebene der Analyse, nämlich in dem stark ausgeprägten Fokus auf Täter-Opfer-Konstellationen, individueller Verantwortung und persönliche Beziehungen. So wird selbst in der Kritik an konservativen Reaktionen dieses Muster häufig nicht hinterfragt, sondern nur politisch umgedeutet. Zentral ist hier eine wiederkehrende Argumentationsstruktur, die über emotionale Zuspitzung funktioniert. Typisch ist, den Fokus auf den namentlich genannten Täter zu lenken und durch persönliche Vergleichsfiguren die Debatte zu moralisieren. Dies geschieht beispielsweise in Form von Gedankenexperimenten, die dazu auffordern, sich vorzustellen, die betroffene Person oder auch der Täter stünde in einem engen persönlichen Verhältnis zu einem selbst. Typische Formulierungen lauten etwa: „Was wäre, wenn es deine Tochter, deine Schwester oder deine Freundin wäre?“ oder umgekehrt: „Was, wenn der Täter dein Sohn, dein Vater oder dein Arbeitskollege wäre?“ Ziel solcher Vergleiche ist es, Empathie zu erzeugen und die moralische Dringlichkeit des jeweiligen Standpunkts zu verstärken. Daran anknüpfend findet sich häufig der Appell, dass eine konsequente Selbstreflexion aller Männer das Problem bereits lösen würde.
Diese Positionen sind nicht falsch und dass solche Haltungen die öffentliche Debatte prägen, ist das Ergebnis von langen feministischen Kämpfen. Nichtsdestotrotz sind sie heute vor allem Ausdruck einer moralischen – zwar nachvollziehbaren – Haltung, die aber den gesellschaftlichen Diskurs in Richtung eines liberal-individualisierten Lösungsansatzes verschiebt, der der Grundlogik folgt, dass sich durch Veränderung des individualisierten Verhaltens das gesellschaftliche Problem auflöst. Gewalt und die Überwindung dieser wird damit letztlich als Summe einzelner Entscheidungen verstanden, wodurch strukturelle Bedingungen in den Hintergrund treten und die Verantwortung auf individuelles Bewusstsein und Verhalten verlagert wird. Gleichzeitig verschieben solche Argumentationsstränge den Fokus konsequent auf individuelle Akteure und konkrete Einzelfälle. Das führt dazu, dass Schuld und Verantwortung einerseits stark kollektiv emotionalisiert werden, andererseits jedoch strikt individualisiert bleiben. Die gesellschaftlichen Bedingungen, die solche Formen der Gewalt ermöglichen, geraten dadurch systematisch aus dem Blick.
Gerade dadurch entsteht eine Form des Diskurses, in der sich unterschiedliche Lager zwar widersprechen, aber dennoch dieselbe Logik reproduzieren. Im Ergebnis bleibt die Analyse oberflächlich oder gar rein performativ: Als Positionierung innerhalb einer moralischen Debatte, nicht als Analyse gesellschaftlicher Grundlagen.
Massenpanik und die Wiederkehr des Bekannten
Der Fall Fernandes-Ulmen erscheint nicht als singuläres Ereignis, sondern als Verdichtung einer wiederkehrenden gesellschaftlichen Dynamik. Die starke mediale und politische Aufmerksamkeit verweist nicht auf ein völlig neues Problem, sondern auf eine spezifische Art, gesellschaftliche Strukturen zu verarbeiten. Es zeigt eine beschleunigte Deutungssuche nach klaren Ursachen, eindeutigen Schuldigen und schnellen Lösungen. Dadurch entsteht zwar der Eindruck einer neuen Bedrohung, jedoch haben sich die zugrunde liegenden Gewaltverhältnisse historisch etabliert und sich in einer technischen Form wiedergefunden.
Der zentrale Widerspruch besteht darin, dass der Diskurs auf eine vermeintlich neue Form der Gewalt reagiert, jedoch dabei das bekannte Muster reproduziert: Personalisierung, Moralisieren und die Verkürzung komplexer Strukturen auf Einzelfälle. Die Massenpanik besteht damit aus der wiederholten Suche nach individuellen Antworten auf ein strukturelles Problem.

