Der Krieg in Syrien geht unvermindert weiter, aktuell spitzen sich die Kämpfe im Süden des Landes zwischen HTS, Drusen und Israel mit ungewissem Ausgang zu.
Titelbild: Treffen des US-Sondergesandten Barrack (links) mit dem syrischen Übergangspräsidenten al-Dscholani (rechts) im Mai 2025
Seit vergangenem Montag greift das islamistische Bündnis Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS) des derzeitigen Übergangspräsidenten al-Dscholani, das Siedlungsgebiet Suweida der Drusen im Süden Syriens an. Die Angriffe, welche überwiegend als staatliche Intervention zur Deeskalation der Lage zwischen Drusen und sunnitischen Beduinen verkauft wurden, entpuppten sich schnell als Versuch der territorialen Übernahme. Bereits in den vergangenen Monaten griffen HTS und angegliederte Gruppen die Region Suweida in regelmäßigen Abständen an. Dass die jetzigen Angriffe teils unter wehenden Fahnen des Islamischen Staates (IS) geschehen und sich wieder derselben menschenverachtenden Gewalt bedient wird, sagt viel über den neuen westlichen Partner in Damaskus aus, den die USA erst kürzlich von der internationalen Terrorliste streichen ließen.
Es bestätigt außerdem exakt das, wovor (syrische) linke Menschenrechtsaktivist:innen und andere Betroffene des Assad-Regimes bereits vor dem lange überfälligen Sturz der Diktatur gewarnt hatten. Denn trotz allen gemäßigten Verlautbarungen und Gesten entsprechen die Gräueltaten, die im Moment den Drusen widerfahren, der Ideologie und Politik des aktuellen Präsidenten und seiner Gefolgschaft. Schließlich war es al-Dscholani selbst, der die Al-Nusra Front aufbaute, bevor sie zu HTS transformiert wurde.
Bereits im Jahr 2014, drei Jahre nach dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs, drang die Al-Nusra Front in die drusischen Dörfer im Norden von Idlib ein und zwang die Bevölkerung mit Waffengewalt dazu, schriftliche Erklärungen abzugeben, in denen sie ihrem „Irrglauben“ abschwören sollte. Sie wurden gezwungen, ihre Heiligenschreine zu zerstören und mussten sich dazu verpflichten, ihre Kindern eine fundamentalistische Auslegung des Islam zu lehren.
Ein Jahr später ließ al-Dscholani, welcher zu dieser Zeit als Emir der Al-Nusra Front fungierte, in einem Interview gegenüber Al-Jazeera verlautbaren, „dass Drusen und Alawiten unsere Brüder seien, wenn sie nur aufhören würden, Drusen und Alawiten zu sein: wenn sie ihren Irrlehren abschwören, die sie aus dem Islam geführt haben, werden sie unsere Brüder sein.“
Kampf um Staatsaufbau in Syrien
Die jüngsten Angriffe können aber nicht als rein ideologisch betrachtet werden, da al-Dscholani und HTS den Aufbau eines neuen syrischen Staatsapparats unter ihrer Führung anstreben und sie dafür die Gebiete der Drusen für sich beanspruchen, sowie auf eine vollständige Entwaffnung und Eingliederung ihrer militärischen Kräfte in die neue syrische Armee abzielen.
Diese als Forderung formulierte Drohung wurde in den letzten Monaten bereits mehrfach geäußert und durch die jüngsten Angriffe nochmals untermauert. Betroffen davon sollen jedoch nicht allein die Drusen sein. Ebenso die Kräfte der Syrian Democratic Forces (SDF), und mit ihnen die YPG/YPJ, sollen sich in den neuen Staat assimilieren und die Hoheit über die Gebiete der autonomen Föderation Nord-Ostsyrien an Damaskus abgeben.
Die Religionsgemeinschaft der Drusen, welche sich explizit nicht als Muslime verstehen, weigert sich jedoch bisher konsequent, den Forderungen aus Damaskus Folge zu leisten. Und das aus nachvollziehbaren Gründen: Die umkämpfte Autonomie der Drusen ist aktuell extrem gefährdet. Die Abgabe der Waffen würde einer de facto Kapitulation gegenüber HTS und anderer islamistischer Akteure gleichkommen bzw. bedeuten, sich diesen schutzlos auszuliefern.
Kampf um Hegemonie im Nahen Osten
Unterdessen wurde ein zweiter, voraussichtlich brüchiger Waffenstillstand verhängt und von geistlich-drusischen Führungspersönlichkeiten regionale sowie internationale Kräfte zur Hilfe aufgerufen. Israel, wo ca. 153.000 Drusen leben, verklärte sich zur Schutzmacht der Gemeinschaft und nahm die Geschehnisse als Anlass, zwei Tage in Folge Regierungsgebäude in Syriens Hauptstadt Damaskus zu bombardieren. Fast zeitgleich wurde die Grenze zu Syrien geöffnet und kurze Zeit später wieder mit Gewalt geschlossen. Die Drusen, die es in der Zwischenzeit von Israel nach Syrien geschafft hatten, beteiligten sich an der Verteidigung der Region Suweida. Mit Verweis auf die Bedrohung der regionalen Sicherheit und Stabilität kündigten auch die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) an, dass sie dazu bereit seien, drusische Frauen und Zivilistinnen zu schützen, sollten sie dazu aufgefordert werden.
Mittlerweile fast nicht mehr erwähnenswert, verstößt die Netanjahu-Regierung dabei fortlaufend gegen geltendes Völkerrecht. Die Bombardements reihen sich nahtlos in die Liste von Angriffen der israelischen Luftwaffe auf syrische Militärstützpunkte und -infrastruktur in den vergangenen Monaten ein. Israel geriert sich dabei als neuer imperialer Hegemon im Nahen Osten, in diesem Fall unter dem Vorwand, als Schutzmacht der Drusen aufzutreten. Die Unterstützung der Drusen erfüllt hierbei einen doppelten Zweck: In der direkten Auseinandersetzung mit dem syrischen Regime und seinen Verbündeten binden sie in Südsyrien militärische Kräfte, wodurch eine Eskalation an der Grenze, wo Israel die Golanhöhen besetzt und annektiert hat, unwahrscheinlicher wird.
Außerdem könnten die Drusen unter Umständen als eine Art Proxy für Israel fungieren, der die Bildung und Ansiedlung neuer Milizen auf syrischem Staatsgebiet bekämpft. Dies könnte dazu beitragen, die limitierte Position und den Einfluss des Iran in der Region weiter zu verdrängen. Die Position der Gemeinschaft der Drusen selbst ist nicht eindeutig, einige ihrer Führer zielen eher auf eine Integration in ein föderales syrisches System, andere auf eine vollständige Autonomie und die Unterstützung Israels, um diese zu erreichen.

Ungewisse Zukunft
Wie sich die Situation in den nächsten Tagen und Wochen weiterentwickeln wird, ist derzeit nur schwer oder gar nicht abzuschätzen. Zum einen lässt sich aber feststellen, dass die neue selbsternannte Regierung in Damaskus nichts unversucht lassen wird, sowohl die Drusen als auch die SDF zu entwaffnen und deren Autonomie zu bekämpfen. Für letzteres haben die USA kürzlich grünes Licht gegeben. So äußerte sich der amerikanische Botschafter Barrack deutlich, als er sagte, dass der Föderalismus für Syrien nicht funktioniere, die SDF sich viel zu zögerlich mit Blick auf Gespräche mit der syrischen Regierung verhalte und dass nur eine Integration in die syrische Armee in Frage käme. Das macht insbesondere jetzt die Wahrscheinlichkeit nicht geringer, dass HTS nach den Angriffen auf die Drusen zum Angriff auf die Föderation und damit auf die SDF übergeht.
Zum anderen lässt sich festhalten, dass der IS weiter- bzw. wieder erstarkt. Auch wenn dieser nach seiner militärischen Zerschlagung im Wesentlichen nur noch aus Schläferzellen bestand, waren seine Anhänger nie weg. Die meisten haben sich neu aufgestellt- und das vor allem in den Reihen der HTS und damit in der neuen syrischen Regierung. Schon beim Sturz von Assad waren zahlreiche Kämpfer der HTS mit Patches des IS zu sehen. Die Bilder der vergangenen Tage, in denen zahlreiche Fahnen des IS bei den Angriffen auf die Glaubensgemeinschaft der Drusen wehten, sprechen außerdem für ein neues Selbstbewusstsein. Hinzu kommen teils schwere (Selbstmord-)Anschläge in den letzten Monaten, welche alle auf das Konto des IS gehen.
Ob und inwieweit eine Wiedergeburt des IS als eigenständigen militärischen Akteur im offenen bewaffneten Konflikt mit der neuen Regierung in Damaskus mündet, lässt sich ebenfalls aktuell nicht sagen. Auszuschließen ist es mit Blick auf die Geschichte der islamistischen Gruppen keineswegs. Das einzige, was sich mit Gewissheit sagen lässt, ist, dass das Leid der Menschen und das Töten in Syrien unvermindert weitergeht.