Das mediale „Sommerloch“ ist dieses Jahr anders. Füllten im Juni noch ganz traditionell zwei bayerische Welse, die der Polizeigewalt in Deutschland zum Opfer fielen, die Seiten der Einheitsmedien, ist es nun die aktuelle Entwicklung im Gaza-Genozid, die Schlagzeile macht.
Vor wenigen Tagen erst verkündete der französische Präsident Emmanuel Macron, dass er einen Staat der Palästinenser:innen offiziell anerkennen möchte. Diesem Vorstoß folgte nun auch der kanadische Regierungschef. Derzeit sind es 147 Staaten, die diesen Schritt schon gewagt hatten, 10 davon erst seit dem 7. Oktober 2023. Auch der britische Regierungschef Keir Starmer, der noch vor wenigen Wochen den Ausschluss der irischen Band Kneecap wegen ihrer Palästina-solidarischen Haltung von einem Festival verlangte (wir berichteten), signalisiert inzwischen, Israel im Fall mangelnder Kooperationsbereitschaft mit einer Anerkennung Palästinas unter Druck setzen zu wollen.
Dieses Vorgehen ist dabei nicht zufällig, sondern reiht sich in eine aktuelle Entwicklung ein. Wer sich mit dem Leiden der Palästinenser:innen nicht erst seit den neuesten Warnungen vor einer Hungersnot beschäftigt, weiß um den üblichen Sprech der Medien in Bezug auf die Lage in Nahost. Inzwischen ist aber eine allmähliche Veränderung der öffentlichen Rhetorik erkennbar; zunehmend wird auch in etablierten Medien (gemäßigte) Kritik am israelischen Vorgehen zugelassen. Vor allem nach dem nun auch zwei israelische Organisationen von Völkermord sprechen.
Auch der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz schwenkte ein: Von „Drecksarbeit, die letztlich uns alle betrifft“ (in Bezug auf die Raketen Israels auf den Iran) zu: „Wir sind da. Wir helfen“ (in Bezug auf die Hilfslieferungen nach Gaza).
Dieser Kurswechsel betrifft nicht nur die Politik. Auch aus der Kunst- und Kulturbranche werden nun kritischere Stimmen laut: „Sehr geehrter Herr Merz“, beginnt der offene Brief, den neben Joko Winterscheidt, Shirin David, Ski Aggu und Carolin Kebekus 201 weitere Prominente unterschrieben haben. Sie fordern mit „tiefster Dringlichkeit und menschlicher Hoffnung“ durch einen umgehenden Stopp von Waffenlieferungen an Israel und das Einsetzen für einen sofortigen Waffenstillstand die Staatsräson zu wahren.
Mag der Brief in seinem Wortlaut noch zurückhaltend formuliert sein und es sich bei der Anerkennung des Palästinensischen Staates nach zwei Jahren andauernder Bombardements um einen symbolischen Akt handeln, so ist beides zunächst einmal begrüßenswert.
Kontinuierliche Solidarität
Doch woher kommt dieses eilige Umschwenken? Wieso werden erst jetzt kritische Stimmen laut? Wo waren sie davor und warum waren sie leise? Es ist wohl nicht vermessen, zu behaupten, dass es sich hier um politisches Kalkül handelt. Denn bald zwei Jahre nach dem Beginn der vollständigen Zerstörung Gazas reißt die internationale Unterstützung für die Opfer dieser Politik nicht ab.
Eine Liste von Aktionen, Kampagnen, Gruppen und Organisationen ist hier in Gesamtheit nicht mehr aufzählbar. Die Solidarität umfasst alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. So konnte man bei der Giro d’Italia dieses Jahr überall Palästina-Flaggen und solidarische Parolen sehen; der Kapitän der Bundesligamannschaft des FC St. Pauli, Jackson Irvine, hatte sich vor wenigen Wochen in einem “FC Palestine” Trikot ablichten lassen und verbreitete dieses auf Instagram und das Glastonbury Musikfestival 2025 war geprägt von Kritik an Israel und Palästina-Solidarität. Im Deutschrap-Song des Jahres „bissu dumm ¿ MEGALODON REMIX“ des Rappers Bonez MC mit über 40 Rapper:innen findet sich der Text des Brandenburgers Finch „zahl’n hunderte Million’n damit in Gaza Kinder sterben“.
Jeden Tag aufs Neue finden in ganz Deutschland Demos und Protest-Camps für Palästina statt und Ende Juni gingen bei der United4Gaza Massendemonstration über 70.000 Menschen allein in Berlin auf die Straße. Durch Greta Thunberg, die auf dem Schiff Madleen der Freedom Flottila Coalition, Anfang Juni nach Gaza fuhr, um dort dringend benötigte Hilfslieferungen zu verteilen, wurde auch der Umgang der Israelis mit „Störern“ des Genozids breiter diskutiert. Thunberg kritisierte danach das Schweigen anderer berühmter Personen.
Diese Kritik kommt schon seit langem auch vom amerikanischen Rapper Macklemore, der sich früh schon zur palästinensischen Sache bekannte und sowohl Biden als auch Harris (die damaligen Präsidentschaftskandidat:innen der Demokratischen Partei der USA) in seinen Songs angriff. Diese stete Unterstützung Palästinas schlägt sich auch in den aktuellen Sonntagsumfragen nieder, denen zufolge über 70 Prozent der Deutschen für eine kritischere Haltung gegenüber Israel plädieren. Die Stimmung scheint zu kippen.
Hilfreich ist dabei für die deutsche Politik nicht unbedingt, dass zu den Bildern von hungernden Kindern aus Gaza, die um die Welt gehen, auch Bilder von willkürlicher Polizeigewalt aus Deutschland kommen. So konnte die ARD nachweisen, dass ein Polizeibericht wissentlich falsch geschrieben und eine Situation geschildert hatte, die in Wahrheit ganz anders abgelaufen war. Es ging um die gebrochene Hand eines Polizisten, die dieser selbst durch unverhältnismäßige Gewalt gegen friedliche Demonstrant:innen zu verantworten hatte.
Auch bei der Internationalist Queer Pride for Liberation, einer Gegenveranstaltung zum kommerzialisierten CSD, kommt es im Nachhinein zu ähnlichen Vorwürfen wegen massiver Polizeigewalt. Demonstrant:innen sei es unter anderem verboten worden, die Demonstration zu verlassen. Solche Vorgänge geraten zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit.
Besser spät als nie
Diese Geschichten dominieren die Nachrichten zu einer Zeit, zu der traditionell über Nichtiges berichtet wird. Und so sieht das diesjährige Sommerloch wohl gar nicht so hohl aus. Im Gegenteil, es könnte sich einiges ändern. Die Frage ist aber, ob der bisher zu beobachtende Kurswechsel reicht, um zumindest zu einem Waffenstillstand zu kommen.
Bald zwei Jahre Gaza-Genozid wären genügend Anlass für ein Ende dieses brutalen Feldzugs, der bisher allein über 50.000 Kindern (Stand Juni 2025) das Leben kostete. Doch die israelische Regierung lässt sich derzeit nicht zum Einlenken bewegen, die Besatzungsarmee operiert weiterhin mit großer Freiheit in Gaza, was von Menschenrechtsorganisationen international kritisiert wird. Die USA unterstützen das Vorgehen – und haben sogar Sanktionen gegen die Palästinensische Autonomiebehörde verhängt.
Auch das Gerede der deutschen Regierung ist derzeit wenig mehr als ein symbolischer Akt, der vor allem die hiesige Bevölkerung befrieden soll. Im Hintergrund wird weiter geprügelt, abgeschoben, verboten und es werden Waffen an Israel geliefert. Es wird mehr als einen kritischen Brief einiger Künstler:innen brauchen. Doch besser reagiert man zu spät als nie.

