„Old but gold“ – eine Reihe zu Klassikern der Weltliteratur
Der Kapitalismus hat vorerst gesiegt und für Verlierer, die das Bessere wollten, ist kein Platz mehr in der Geschichtsschreibung. Was der historische Gegner, die geschlagene Arbeiterbewegung, erschuf, muss mit Schlamm beworfen oder der Vergessenheit anheim gegeben werden.
Für abermillionen Buchseiten der Weltliteratur ist kein Platz mehr in den Onlineshops einer dementen kapitalistischen Moderne. Kein Lehrplan empfiehlt sie der Schülerin, keine schmucken Neuauflagen werden im Weihnachtsgeschäft beworben. Man muss sie sich alle antiquarisch besorgen und selbst entstauben. Das aber lohnt sich.
Die vorliegende Reihe hat so auch nur einen Zweck: Grabt die alten Schmöker aus den Hügelgräbern der Nachlässe, Genoss:innen. Bringt wieder ans Licht, was unsere eigene revolutionäre Tradition hervorgebracht hat, denn es ist schön und gut.
Nikolai Ostrowskis Roman über den Werdegang des jungen Arbeiters Pawel Kortschagin
Die Zeit des Bürgerkriegs, der auf die Oktoberrevolution folgte, hat einige der größten Romane des damals noch jungen sozialistischen Realismus hervorgebracht. Nachdem die Arbeiter und Bauern Ende 1917 die Macht übernommen hatten, überzogen im ganzen ehemaligen Zarenreich Banden und konterrevolutionäre Armeen – unterstützt aus dem kapitalistischen Ausland – das Land mit Terror und Gewalt. Die Bolschewiki organisierten Partisanen- und Rote-Armee-Truppen gegen die Reaktionäre und gewannen schließlich. Die Bürgerkriegsjahre aber waren blutig und prägten die junge Sowjetunion maßgeblich mit. Ihre literarische Verarbeitung brachte einiges an Weltliteratur hervor, so auch Nikolai Ostrowskis „Wie der Stahl gehärtet wurde“.
Ostrowski war Ukrainer und so liest sich sein Roman heute auch als ein Dokument jener „anderen“ Ukraine, die heute längst durch eine vom Westen geförderte nationalistische Geschichtsschreibung in der Ukraine verdeckt und verbannt wurde. Wie abertausende ukrainische Arbeiter und Bauern schloss sich auch Ostrowski der Roten Armee an und kämpfte gegen die Anhänger Simon Petljuras, eines Kosakenführers, der seit den 1990er-Jahren in der Ukraine wieder als positive Bezugsfigur gilt. Dabei stand Petljura für eine restaurative Politik, die sich gegen soziale Gleichheit richtete. Es waren seine Truppen, die maßgeblich verantwortlich waren für die Ermordung von Juden im Zuge systematischer Pogrome verantwortlich sind.
Vom ziellosen Kämpfer zum Revolutionär
„Wie der Stahl gehärtet wurde“ zeichnet den Weg des durchaus klassenbewussten, aber unorganisierten Arbeiterjugendlichen Pawel Kortschagin nach. Gleich zu Beginn des Bandes erklärt der Bolschewik Shuchrai dem ziellos wütenden Jungen:
„‘Deine Mutter hat mir erzählt, dass du dich gerne raufst. Er ist ein richtiger Kampfhahn, hat sie gesagt.‘ Der Monteur lachte gutmütig. ‚Kämpfen ist gar nicht so schlecht. Nur muss man wissen, wen man prügelt und wofür.“
Die restlichen hunderten Seiten handeln davon, wie der Jugendliche genau das lernt. Pawel tritt in den Komsomol, den Jugendverband, der ukrainischen Kommunisten ein. Er dient mit und ohne Waffe an der Hand dem Aufbau des Sozialismus. Er wird verwundet, mehrfach. Den Kindern der armen Bauern und Proletarier wird nichts geschenkt. Was sie brauchen, müssen sie sich im Angesicht von Blut und Schweiß, durch Anstrengung und Disziplin aufbauen. Kortschagin aber muss nicht nur mit dem äußeren Feind ringen. Durch die Kriegsverletzungen schwindet im Verlauf des Romans seine Gesundheit und er, der nichts mehr will, als seiner Klasse zu dienen, verliert sein Augenlicht und ist ans Bett gefesselt.
Der Roman verarbeitet so Ostrowskis eigenes Schicksal. 1904 geboren, konnte er zwar 1920 noch in der berühmten Roten Reiterarmee des Generals Semjon Michailowitsch Budjonny mitkämpfen, wenige Jahre später aber, ab 1924, war er zum Dienst nicht mehr fähig. Eine Morbus-Bechterew-Erkrankung und die rastlosen Anstrengungen der Kriegsjahre zwangen ihn, gelähmt und blind seine Bücher vom Bett aus zu diktieren.
Man muss sich die Willensanstrengung vorstellen, sich in dieser Situation als junger Mann nicht aufzugeben. Im Roman nimmt Pawel Kortschagin, als klar wird, dass sich seine Gesundheit nicht mehr verbessern wird, die Pistole zur Hand und überlegt, den Freitod zu wählen. Aber er tut es nicht:
„Sich niederknallen – das kann ja jeder Dummkopf – immer und jederzeit. Das ist der feigste und leichteste Ausweg. Wird es schwer zu leben – so macht man Schluss. Aber hast du versucht, dieses Leben zu besiegen. (…) Du musst auch dann zu leben verstehen, wenn das Leben unerträglich wird. Trachte danach, dieses Leben nützlich zu gestalten.“
Wofür leben?
Obwohl „Wie der Stahl gehärtet wurde“ von einem jungen Mann erzählt, der töten muss und schwer verwundet wird; dem die Füße abfrieren, während er in Lumpen Bahnstrecken baut und der sich keine vier Stunden Schlaf zwischen hunderten von Sitzungen genehmigt; einem Mann, der am Ende durch eine heimtückische Krankheit noch in der Blüte seiner Jugend aus dem Leben gerissen wird, ist es ein radikal optimistisches Buch.
Das mag in der heutigen Zeit, in der Schönheit, Fitness und Bequemlichkeit als die höchsten erreichbaren Güter im Leben eines Menschen gelten, verwirren. Aber sowhol Ostrowski, als auch Kortschagin finden die Bestimmung ihres Daseins nicht im Erhalt des eigenen verfallenden Körpers. Sie leben und sterben für die Verwirklichung des menschheitsgeschichtlichen Ziels der vernünftigen Gesellschaft – des Kommunismus.
Ostrowski selbst waren nur 32 Lebensjahre vergönnt, um daran mitzuwirken. 1935 erhielt er den Lenin-Orden, die DDR benannte Schulen und Straßen nach ihm, die Sowjetunion einen Asteroiden. „Wie der Stahl gehärtet wurde“ zählte für Generationen von Jungkommunisten zur Pflichtlektüre. Man kann sagen, Ostrowski hat die Zeit, die ihm zur Verfügung stand, genutzt.

