Israels Kriegserklärung an den Iran: Der Westen treibt die Welt an den Abgrund

Israel erzählt seit den 1980er Jahre die Mär der iranischen Nuklearaufrüstung und der daraus resultierenden immanenten Bedrohung für das „israelische Volk“.  Was hat der Iran in den letzten Tagen getan, was er nicht seit 50 Jahren hätte tun können?

Gestern, am 13. Juni 2025 startete Israel einen koordinierten Krieg gegen den Iran. In Teheran und Umgebung starben mindestens 78 Zivilist:innen, mehr als 329 weitere wurden verletzt. Der Luftangriff auf die Wohnviertel von Teheran und andere iranische Städte tötete mehrere hochrangige Mitglieder der iranischen Militärführung.  Gegen 16 Uhr meldete Reuters am 13. Juni, dass zusätzlich 20 hochrangige iranische Militärs, darunter mehrere Generäle der Revolutionsgarden, durch den Luftschlag getötet wurden. Ebenfalls ins Visier geriet Tabriz: Eine zweite Angriffswelle traf am Nachmittag den Flughafen und Militäreinrichtungen. 

Israel erzählt seit den 1980er Jahre die Mär der iranischen Nuklearaufrüstung und der daraus resultierenden immanenten Bedrohung für das „israelische Volk“.  Was hat der Iran in den letzten Tagen getan, was er nicht seit 50 Jahren hätte tun können?

Die Annahme, dass heute ein geschichtsträchtiger Tag ist, wird sich leider vermutlich bewahrheiten: Die heutige, blutige Kriegserklärung der Kriegsverbrechernation Israel gegenüber dem Iran ist nicht das Resultat einer regionalen Eskalation, sondern einer monatelang eingefädelten Täuschung, die den Iran bewusst in Sicherheit wiegen sollte – orchestriert von Israel, durchgezogen unter dem Deckmantel vermeintlicher Zurückhaltung durch Washington, wo spätestens in den Morgenstunden des gestrigen Tages still und heimlich ein: „Go“ an Israel rausgegangen sein müsste.

In den Stunden nach dem israelischen Erstschlag schlug der Iran zurück. Gegen Mitternacht Ortszeit starteten die Revolutionsgarden eine Welle ballistischer Raketen auf israelische Militärbasen in den Golanhöhen, auf Ziele in Haifa, Tel Aviv und den Negev. Mehrere Raketen durchbrachen das „Iron Dome“-System, trafen unter Teile eines Luftwaffenstützpunkts lahm. Teheran kündigte an, jede militärische Unterstützung Israels werde als Kriegseintritt gewertet – und nannte erstmals offen auch europäische Stützpunkte in Zypern, Italien und Griechenland als mögliche Ziele. Heute morgen teilte Israels Verteidigungsminister Katz mit, dass bei weiteren Angriffen auf zivile Gebiete durch den Iran, „schwere Konsequenzen“ drohen würden. 

Doch die USA reagierten prompt auf den iranischen Schlag: Kampfjets vom Flugzeugträger „USS Gerald R. Ford“, sowie aus Jordanien und der Türkei wurden zur Luftunterstützung aufgeboten. Raketen wurden abgefangen, Drohnen zerstört – nicht nur im israelischen Luftraum, sondern auch aktiv auf deren Flugbahnen. In der Nacht erklärten US-Militärsprecher, man habe iranische Flugkörper „präventiv eliminiert“, bevor sie Israel erreichen konnten.

Das Täuschungsmanöver

An genau dieser Stelle zerbricht die Illusion, die Trump im Mai noch bemüht aufrechterhielt – nämlich, dass er einen israelischen Angriff auf den Iran verhindern wollte. Noch Anfang Mai 2025 ließ Donald Trump in mehreren Interviews durchblicken, dass er „nicht länger bereit sei, Israels Eskalationskurs gegen Iran mitzutragen“. Die US-Regierung äußerte vage Kritik am Gaza-Krieg, sprach von „Zurückhaltung“ und vermittelte öffentlich den Eindruck, Israel werde diplomatisch eingebremst. 

In einem nächtlichen Interview am 14. Juni erklärte er stolz, dass „mehrere hochrangige Terrorziele“ ausgeschaltet worden seien. Gleichzeitig behauptete er, schon vor Tagen von allem gewusst zu haben – und Israels Offensive ausdrücklich gedeckt zu haben. Damit ist seine Inszenierung als angeblich zurückhaltender Bremser endgültig entlarvt.

Wie israelische Offizielle gegenüber Axios und anderen Medien am 13. Juni einräumten, war die angebliche Kursänderung Teil einer bewussten Strategie, um den Iran zu täuschen. Ziel war es, Teheran in dem Glauben zu lassen, dass ein Angriff vom Tisch sei – um im entscheidenden Moment maximalen Schaden anzurichten. Die USA wussten von den Vorbereitungen und sie deckten sie. Während Trump vor Mikrofonen den Frieden mimte, wurden schon die Zielkoordinaten geteilt.

Der erste Dominostein fiel in Damaskus

Wer glaubt, der heutige Angriff markiere den Anfang der Eskalation, irrt. Der erste Dominostein, für den heutigen Angriff, fiel Monate zuvor, als US-gestützte Islamisten – darunter Hay’at Tahrir al-Sham – mit Rückendeckung der Türkei und Finanzierung durch Golfstaaten das Assad-Regime stürzten. Syrien, durch ein Jahrzehnt Krieg geschwächt und von westlichen Sanktionen ausgehungert, wurde zur offenen Flanke. Die USA hatten ihr Ziel erreicht: Den letzten halb-souveränen Verbündeten des Iran auf syrischem Boden zerschlagen – durch eine Proxy-Invasion unter dschihadistischer Fahne.

Der „Sturz Assads“ wurde im Westen als „Wandel von innen“ verkauft – tatsächlich war es ein Lehrstück in imperialer Destabilisierung.

Iran ist nicht nur ein sogenannter Gegner Israels – er ist zentraler Bestandteil der sogenannten „Achse des Widerstands“, die in Moskau, Peking und Teheran geopolitisch und militärisch verankert ist. Der Angriff auf Teheran ist daher nicht bloß ein regionaler Schlag – sondern eine gezielte Zangenbewegung gegen das BRICS-Bündnis. Mit Syrien als wichtigem Logistik- und Transitraum für russische und iranische Interessen wurde schon im Vorfeld die Brücke zwischen Moskau und Teheran gebrochen. Die von den USA gestützte Zerschlagung des Assad-Regimes durch dschihadistische Proxies – unterstützt von der Türkei und Golfstaaten – war die notwendige Vorarbeit.

Diese Strategie ist keine spontane Eskalation, sondern integraler Teil der globalen Frontverschiebung: Der Nahe Osten wird zur Außenflanke einer kommenden Konfrontation zwischen NATO und BRICS, zwischen westlichem Imperialismus und wiederum imperialistischer Gegenordnung. Die Offensive gegen Iran zielt deshalb nicht nur auf Teheran – sie ist ein Testlauf für die Fähigkeit des Westens, die globale Süd-Koalition in Zukunft systematisch zu zerschlagen.

Russland verliert in Syrien seinen Zugang zum Mittelmeer. China verliert über den Iran einen geopolitischen Partner auf der „Neuen Seidenstraße“. Und vielleicht verliert BRICS in den kommenden Tagen gänzlich den Anspruch, in der Region ein Gegengewicht zur NATO zu bilden. Der Krieg gegen Iran ist deshalb nicht ein Krieg gegen ein Land – es ist eine weitere Zuspitzung hin zur globalen Eskalation. Der Boden dafür ist jedenfalls bereitet.

Die USA: Täuschung als Doktrin

Wie Séamus Malekafzali in seinem Artikel vom 11. Juni schreibt, war der Iran „zu geduldig, zu diplomatisch, zu gutgläubig gegenüber einem System, das nie verhandeln, sondern immer nur diktieren wollte“. Die Geschichte der USA gegenüber Iran ist eine Geschichte der Täuschung: Vom CIA-Putsch 1953 über Sanktionen, Sabotage, JCPOA-Verrat bis zum heutigen Tag. Es ist komplett absurd diesen Satz zu schreiben und ihn, hinsichtlich einer völligen Alternativlosigkeit, auch so zu meinen:  Der Iran besaß in einer Welt, in der die USA eben leider existieren, nie Atomwaffen und genau das wurde ihm und vielleicht der Region, oder der Weltgemeinschaft als solcher, nun zum Verhängnis.

Was jetzt droht

Was mit Gaza begann, setzte sich in Syrien fort und kulminiert nun im Iran. Doch es wird nicht dort enden. Libanon, Irak, Afghanistan, Pakistan – überall schlagen erste Reaktionen auf den Angriff durch. Russland warnt, China mobilisiert diplomatisch, Milizen aus dem Jemen bis zur Westbank erklären sich kampfbereit, während  der Privatjet Netanyahus schon in Athen landet. Wir stehen am Rande eines globalen Flächenbrandes – weil Amerika der Meinung ist, dass es bereits jetzt einen Krieg an drei Fronten führen kann: in der Ukraine, im Iran und im eigenen Land. Oder weil Trump denkt, ein kurzer Krieg mit dem Iran würde ihm später die Oberhand in den Verhandlungen zum Atomdeal liefern, bevor er endgültig den nächsten größeren Krieg anzettelt. 

Das Schreckliche ist: vielleicht kann es das. Die tragische Frage, die man sich nicht trauen darf, zu stellen: worauf nun hoffen? Eine tatsächliche Befreiung ist nicht in Aussicht, aus Mangel an einer echten emanzipatorischen Kraft, die in der Lage dazu wäre, sich gegen diesen Krieg zur Wehr zu setzen – kein Fall wird kommen nach dieser imperialen Hybris. Man kann abwarten, was der Iran in den kommenden Stunden und Tagen tun wird; man kann hoffen, dass die Situation nicht weiter eskaliert und die Frage vorerst nicht beantwortet werden muss; oder aber man hofft darauf, dass das unfassbare (und dennoch falsche) Verlangen nach Katharsis, das man in diesen Tagen verspüren muss, endlich ein wenig befriedigt wird.

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