Stimmen zum Iran Krieg: “Für viele Familien ist die wichtigste Frage nicht der Protest, sondern das nackte Überleben.” Interview mit der Komala

Die Komala – Kurdistan Organisation der Kommunistischen Partei Irans – ist eine von drei Parteien aus Rojhilat (Kurdistan im Iran) die sich heute Komala nennen. Auf kurdisch heißt Komala lediglich “Organisation”. Im politischen Sprachgebrauch in Kurdistan ist sie aber mit einer klaren Assoziation verbunden: “Komala, die revolutionäre Organisation der Werktätigen Kurdistan-Irans”.

1968 gegründet von Foad Mostafa Soltani, war sie eine maoistische Partei mit tiefer Verwurzelung in der kurdischen Gesellschaft im Iran. Noch heute erinnern sich viele Menschen an die Erfahrung der Selbstorganisierung und der Rätemacht in den Tagen nach der Revolution 1979, an den historischen Protestmarsch von Mariwan, die Fatwa von Ayatollah Khomeini, der zum Jihad gegen Kurdistan und den Kampf aufrief, und den Kampf, den die Komala gegen die islamische Republik und gegen die kurdischen Großgrundbesitzer gleichermaßen führte.

In den 1980er Jahren, mit der gewaltigen Repressionswelle der islamischen Republik gegen die revolutionäre Linke und den kommunistischen Organisationen, wurde Kurdistan, vor allem derjenige Teil der von der Komala dominiert wurde, zum Rückzugsort vieler kommunistischer Organisation.

1983 Gründete sich aus dem Zusammenschluss der Komala, Fraktionen der Peykar und der Union kämpfender Kommunisten die Kommunistische Partei Irans (KPI). Die Komala wurde fortan zur Kurdistan-Organisation der Kommunistischen Partei Irans. Als einzige der drei Organisationen, die sich auf diesen Namen beziehen, ist sie kommunistisch geblieben und kämpft heute noch für die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft. Barbara Dersim hatte die Möglichkeit ihren Generalsekräter im kurdischen Autonomiegebiet im Irak zur aktuellen Lage im Iran zu interviewen.

Das Interview erscheint in zwei Teilen. Den ersten Teil des Interviews könnt ihr bei der Jungen Welt unter: https://www.jungewelt.de/artikel/520189.krieg-im-iran-dieser-krieg-muss-so-schnell-wie-möglich-beendet-werden.html lesen. Der zweite Teil des Interviews hier:

Wie bewertet ihr die gegenwärtige geopolitische Lage, und welche Ziele verfolgt dieser Krieg?

Aus unserer Sicht hat dieser Krieg nichts mit den Interessen der Menschen im Iran zu tun. Die Islamische Republik kämpft um ihr Überleben, und die USA kämpfen für die Festigung ihrer politischen Vorherrschaft im Nahen Osten sowie für die Stabilisierung ihrer globalen Position. So wie Khomeini den Iran-Irak-Krieg als „Segen“ bezeichnete, betrachten auch die heutigen Führer der Islamischen Republik den Krieg als Mittel, um die öffentliche Aufmerksamkeit umzulenken und die Repression im Inneren zu verschärfen.

Auch die Reaktion der Gesellschaft ist widersprüchlich und komplex. Ein Teil der Bevölkerung ist nach 47 Jahren Unterdrückung, Armut und politischer Erstickung so erschöpft von diesem Regime, dass er selbst die Zerstörung durch den Krieg dem Fortbestand dieses Zustands vorziehen würde. Gleichzeitig ist unter den aktuellen Bedingungen – Bombardierungen, Unsicherheit, Instabilität -, für viele Familien die wichtigste Frage nicht der Protest, sondern das nackte Überleben.

Zugleich sind wir der Auffassung, dass eine militärische Lösung allein das politische Schicksal des Iran nicht bestimmen kann. Die Angriffe der USA und Israels mögen militärisch wirksam sein, aber sie führen nicht zu einem politisch wünschenswerten Ergebnis. Keine Bombardierung allein stürzt eine Regierung, sie kann im Gegenteil sogar dazu führen, dass noch extremere Kräfte an die Macht kommen.

Unsere Haltung ist klar: Dieser Krieg ist ein Krieg gegen die Bevölkerung und muss so schnell wie möglich beendet werden. Am Ende werden nicht Raketen, sondern die Menschen im Iran über das Schicksal der Islamischen Republik entscheiden. Eine wirkliche Alternative muss aus dem Kampf der Menschen selbst hervorgehen und nicht aus einer ausländischer Intervention.

Welche Perspektive seht ihr für die Bildung und Ausweitung von Komitees und Volksorganen von unten innerhalb Irans?

In Kurdistan sind die Voraussetzungen für ihre Entstehung sehr ernsthaft gegeben. Die Zivilgesellschaft hat sich entwickelt, die Menschen verfügen über wichtige Erfahrungen der Selbstorganisation, und das Maß an sozialer Solidarität ist hoch. Soziale Netzwerke, die Erfahrung mit Organisierung, die Tradition gegenseitiger Hilfe und das Vertrauen in kollektives Handeln sind Potenziale, die in Krisensituationen sehr schnell zur Bildung solcher Volksorgane beitragen und die menschlichen und gesellschaftlichen Kosten verringern können.

In einer Situation des Machtvakuums oder dann, wenn mehrere Machtzentren entstehen, werden die Menschen gezwungen sein, die Regelung ihres Alltags unmittelbar selbst in die Hand zu nehmen. Das lässt sich nicht durch Veränderungen von oben erreichen, sondern nur durch den Aufbau realer Volksorgane von unten: Stadtteilräte für Alltagsfragen, Sicherheit und Versorgung; Arbeiterräte in Fabriken und Werkstätten zur Verteidigung von Produktion und Lebensunterhalt; Lehrervereinigungen für Bildung und Kinderrechte; studentische Räte zur Organisierung der Universitäten und ihrer Verbindung zur Gesellschaft; sowie Räte oder Zusammenschlüsse von Händlerinnen und Händlern, um die lokale Wirtschaft zu ordnen und die Versorgung mit Waren sicherzustellen.

Der nächste Schritt besteht darin, diese Organe auf städtischer und regionaler Ebene miteinander zu verbinden, sie zu koordinieren und in Richtung weiterentwickelter Formen demokratischer Volksherrschaft auszubauen.

Politische Parteien können in diesem Prozess eine Rolle spielen, aber nicht, indem sie an die Stelle der Menschen treten. Die Rolle jeder Partei muss auf dem Weg der Überzeugungsarbeit, der Organisierung, der Vorlage eines politischen Programms und des Gewinnens des Vertrauens der Mehrheit ausgeübt werden. Die endgültige Entscheidung muss bei den von den Menschen gewählten Institutionen liegen.

Auch in Bezug auf die Waffen ist unser Leitprinzip eindeutig: Waffen dürfen nicht in den Händen nicht-gewählter und nicht-rechenschaftspflichtiger Kräfte bleiben. Sie müssen der Kontrolle der von der Bevölkerung gewählten Institutionen unterstellt werden. Auch bewaffnete Parteien sollten ihre Waffen freiwillig an sie übergeben, damit Sicherheit nicht mehr auf gruppenbezogener Macht, sondern auf kollektiver und demokratischer Kontrolle beruht.

Die Menschen in Kurdistan haben 1979, gleichzeitig mit dem Sturz des Schah-Regimes, in vielen Städten und Dörfern ganz konkrete Erfahrungen mit dem Aufbau solcher Organe gemacht. In Städten wie Sanandadsch wurden diese sogar zum Zentrum des Widerstands gegen die Angriffe der Islamischen Republik. Diese historische Erfahrung lebt im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft bis heute weiter und kann für die Zukunft ein entscheidendes Kapital sein.

Einige Strömungen in Europa, die sich selbst als „antiimperialistisch“ bezeichnen, unterstützen die Islamische Republik. Was ist eure Meinung dazu?

Aus unserer Sicht lässt sich der Kampf gegen den Imperialismus nicht vom Kampf gegen den Kapitalismus, gegen Despotismus und Repression sowie von der Verteidigung von Freiheit und Menschenrechten trennen. Die Unterstützung der Islamischen Republik im Namen des „Antiimperialismus“ ist eine offenkundige politische Fehlentwicklung und hat keinerlei Verbindung zum Kommunismus oder zum proletarischen Internationalismus.

Man kann nicht im Namen des Widerstands gegen die USA ein Regime verteidigen, das arbeiterfeindlich, frauenfeindlich, repressiv und ein Gegner der elementarsten Freiheiten der Menschen ist. Eine solche Haltung steht weder im Dienst der Arbeiterklasse, noch im Dienst der menschlichen Befreiung.

Wie können Revolutionärinnen und Revolutionäre, sowie Kommunistinnen und Kommunisten in Europa die Kämpfe der Menschen im Iran und in Kurdistan unterstützen?

Die wichtigste Form der Unterstützung ist die politische Unterstützung. Unter Bedingungen, in denen ein großer Teil der Medien von Machtzentren beherrscht wird, finden die Stimmen linker und radikaler Kräfte nur wenig Gehör. Die Aufgabe der Kommunistinnen und Kommunisten sowie der revolutionären Kräfte in Europa besteht darin, nicht zuzulassen, dass die Situation im Iran und in Kurdistan ausschließlich aus der Perspektive der rechten Opposition dargestellt wird.

Eine enge Zusammenarbeit mit linken Exilkräften aus dem Iran und aus Kurdistan in Europa ist, sowohl im medialen als auch im politischen Bereich, äußerst wichtig und wirkungsvoll. Die Stimme der arbeiterorientierten, egalitären, sozialistischen und freiheitlichen Kräfte zu stärken, ist heute die wichtigste Aufgabe internationaler Solidarität.

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