Jordanien, Palästina und der Blick nach Westen

Koloniale Grenzziehungen und die politische Funktion eines Pufferstaates

Jordanien gilt oft als stabiles Königreich in einer unruhigen Region. Doch dieser Blick verdeckt seine Entstehungsgeschichte – und seine politische Funktion bis heute. Dieses Essay liest Jordanien aus palästinensischer Perspektive neu: als Produkt kolonialer Grenzziehung, als Raum der Integration und Kontrolle, und als zentraler Faktor in einer bis heute ungelösten kolonialen Situation zwischen Fluss und Meer.

Durch die Geschichtsschreibung kursiert eine mythisch überhöhte Anekdote, die von Winston Churchill und einem Stück arabischer Wüste am Ostufer des Jordans handelt.

Die Geschichte spielt in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche: 1921, der Erste Weltkrieg war zu Ende gegangen, die Erdball unter den Imperialisten der Zeit neu aufgeteilt und eine neue Weltordnung im Entstehen begriffen. Ideen und Konzepte wie “Imperium”, der Nationalstaat und “Souveränität” wurden neu verhandelt. Und es wurden neue Grenzen auf der Weltkarte gezogen.

In dieser Zeit, in den frühen 20er Jahren, formten französische und britische Diplomaten die politische Landschaft Westasiens und schufen aus den Überresten des osmanischen Reiches im arabischsprachigen Raum das, was die modernen arabischen Nationalstaaten werden sollten.

Diese Geschichte ist unter der Überschrift “Sykes-Picot”1 schon oft erzählt worden.

Es ist überliefert, wenn auch von einigen Historikern bestritten, dass Winston Churchill im Zuge der Aufteilung der ehemaligen osmanischen Provinzen eine seltsame polygonale Form auf seine Karte der Levante zeichnete, aus der das Haschemitische Königreich Jordanien werden sollte. Die Form enthielt einen auffälligen Knick an der Nordgrenze. Dieser Knick wurde als “Churchills Schluckauf” bekannt, weil es heißt, dass Churchill in seiner Position als Staatssekretär für die Kolonien einen Schluckauf hatte (oder nach anderen Angaben niesen musste), während er Kraft seines Amtes mit Bleistift und Lineal Grenzen zeichnete.

Dies ist eine Geschichte über das Land, das – angeblich – an jenem denkwürdigen Tag Gestalt annahm. Es ist eine Geschichte aus palästinensischer Sicht, von jemandem, dessen Familie vom Westufer des Jordans stammte; eine Familie unter Tausenden, die sich durch die Umstände des Kolonialismus am Ostufer dieses Flusses wiederfanden, der abrupt in eine politische Grenze verwandelt wurde. Ein Ort, an dem Generationen von Palästinenser:innen der beliebten Beschäftigung nachgehen, auf einen Berg oder einen Hügel zu steigen, nach Westen zu schauen und zu sagen: “Dort drüben liegt das Land unserer Großväter”. Danach steigen sie hinunter und kehren zurück, um ihr alltägliches und mehr oder weniger prekäres Leben weiterzuleben.

Staatlichkeit als imperiales Arrangement

Aber treten wir ein wenig zurück. Es ist trivial, von einer Nation als einem “erfundenen” Gebilde zu sprechen. Jeder Staat erzählt eine Art Gründungsmythos über sich selbst, der mehr oder weniger leicht entzaubert und materialistisch erklärt werden kann.

Wenn wir uns die postkoloniale Welt anschauen, sehen wir die Willkür von Grenzen und Nationen noch drastischer. Es spielt keine Rolle, ob das Königreich Jordanien tatsächlich mit einem Bleistiftstrich von Churchill und einem Schluckauf in seiner Grenze geschaffen wurde. Eines ist sicher: Wie viele Kolonialgrenzen, waren auch diese Linien im Sand das Ergebnis geopolitischer Interessen der imperialistischen Mächte. Das wirft die Frage auf: Was war der Zweck der Gründung Jordaniens? Was ist sein Zweck und seine Funktion heute?

Ich werde als Antwort auf diese Frage vorab eine sehr kühne Behauptung aufstellen und sie dann näher erläutern: Jordanien diente ab der Staatsgründung Israels 1948 und bis heute als kleinbürgerliches Gefängnis für Millionen von Palästinenser:innen; ein Raum der kapitalistischen Integration für diese entwurzelte indigene Bevölkerung. Denn ohne diesen würden sie eine Bedrohung für das andere koloniale Gebilde auf der anderen Seite des Flusses darstellen, den Staat Israel. Es entstand als ein Gemeinschaftsprojekt des britischen Imperialismus und der arabischen Comprador-Elite – also lokale Eliten, die eng mit imperialistischen Interessen verflochten sind – verkörpert durch die Familie der Haschemiten, die ehemals mit weit größeren Ambitionen ihre Rolle als Bündnispartner einnahmen.

Israel ist ein besonderer Fall unter den kolonialen Siedlerunternehmungen, die die Welt gesehen hat. Die zionistische Bewegung ist mit der Verwirklichung ihres Projekts verspätet auf die Bühne der Geschichte getreten. Relativ bald nach der Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel 1948 erlebte die Welt den “Wind of Change” und die Ära der antikolonialen Bewegungen und Kämpfe, die beachtliche Erfolge erzielte. Bekanntlich gelang es der antikolonialen Bewegung jedoch nicht, den Kolonialismus endgültig zu überwinden. Vielmehr erwies sich das globale kapitalistische System als erstaunlich flexibel und brachte neue Formen der imperialistischen Unterwerfung hervor.

Die neuen Umstände der imperialistischen Ordnung ließen die junge Nation Israel wie eine anachronistische Kuriosität erscheinen. Weiße europäische Siedler auszusenden, um das Land zu erobern und “die Wüste zum Blühen zu bringen” und all das mit einem religiös verbrämten Mythos und einem Sendungsbewusstsein zu legitimieren. Die Großmächte des globalen Nordens sind in den 50er und 60er Jahren abgerückt von diesem Vorgehen, haben die meisten ihrer Kolonien in die formelle Unabhängigkeit entlassen und ihnen eigene bunten Flaggen und bunte Briefmarken zugestanden. Zu den Werkzeugen des modernen Kolonialismus gehören heute Kapitalexport und “Entwicklungshilfe”, verklärt als Beziehung zwischen gleichermaßen “souveränen” Staaten. Der altmodische Siedlerkolonialismus hatte seinen Höhepunkt überschritten und ausgedient, so schien es.

Die Geschichte hat gezeigt, dass sich Siedlerkolonien unterschiedlich entwickeln können. Algerien wurde durch eine bewaffnete indigene Massenbewegung unter großen Verlusten befreit. In den meisten anderen Fällen, die auf die Anfänge der Kolonialzeit zurückgehen, wie in den USA, Kanada, Australien und Brasilien, gelang es den Siedlerkolonien, sich dauerhaft auf dem geraubten Land niederzulassen und die letzten Reste der indigenen Bevölkerung in ihr politisches und wirtschaftliches System zu integrieren, meist auf den unteren Stufen der Klassengesellschaften. Dabei haben die Kolonisatoren ihre Unternehmungen oft vollständig oder beinahe bis zur völligen Ausrottung vorangetrieben. Diese Gesellschaften sind heute relativ und scheinbar “in Frieden” mit sich selbst und “stabil”, weil die Siedler gewonnen hatten. Obwohl in all diesen Kolonien natürlich die bis heute unablässig reproduzierte Gewalt durch die Herrschenden eine spezifisch rassistischen Charakter trägt. Und natürlich gibt es den sehr ambivalenten Fall Südafrika, wo das siedlerkoloniale System und sein rassistischer Staat formell aufgelöst wurden, während viele Bedingungen der Apartheid-Ära bis heute fortbestehen.

Heute ist die Situation in Palästina in dieser Hinsicht eine ungeklärte. Israel ist ein unvollendetes Siedlerkolonialprojekt, obwohl es die Macht über das gesamte Gebiet zwischen Fluss und Meer bereits ausübt und über Leben und Tod entscheidet: Sei es in Form einer “zivilen” Verwaltung oder einer militärischen Besatzung, in Form einer Marionettenstruktur wie der Palästinensischen “Autonomiebehörde” oder durch eine groß angelegte Blockade und Genozid wie in Gaza.

Die Verwaltung des palästinensischen Exils in Zeiten von Genozid und Widerstand

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die Funktion Jordaniens neu lesen. Diese hängt zusammen mit der alten Frage nach der revolutionären Situation. Nur ein wirklich revolutionärer Massenaufstand kann der kolonialen Unterwerfung ein Ende bereiten. Aber man darf sich in dieser Frage keinen Illusionen hingeben: Eine revolutionäre Bewegung entsteht nur aus einer objektiv revolutionären Situation heraus. Eine solche Situation ist definiert als der Punkt, an dem die Beherrschten nicht mehr akzeptieren, beherrscht zu werden, und die Herrschenden nicht mehr in der Lage sind, zu herrschen. Jordanien mit seiner Bevölkerung von über 6 Millionen Palästinenser:innen hat historisch und bis heute eine Schlüsselrolle bei der Verhinderung dieser Situation gespielt. Sicher, die Palästinenser:innen in Jordanien werden nicht von der israelischen Besatzung beherrscht und etwa die Hälfte von ihnen hat auch keinen Flüchtlingsstatus, sondern nur die einfach jordanische Staatsbürgerschaft.

Sie behalten aber eine enge Verbindung zu ihrem Land und eine starke Identität als Palästinenser:innen von der anderen Seite des Flusses. Gelegentlich spricht man von “Rückkehr”, aber im Laufe der Generationen ist das zu einer bloßen Phrase geworden. Jordanien ist der Ort, an dem wir Palästinenser:innen regiert werden und umhegt sind. Es ist uns erlaubt, folkloristische Ausdrucksformen unserer Kultur und unsere Erinnerung zu pflegen. Wir können auf Berge steigen und nach Westen schauen, wo Palästina liegt. Oft ist die Landschaft der Westbank tatsächlich am Horizont zu sehen. Oder eine Skyline, die sich am anderen Ufer des Toten Meeres abzeichnet. Wir können das für einen Moment oder zwei genießen, ein bisschen nostalgisch werden und etwas vermissen, das wir nie wirklich hatten.

Aber irgendwann müssen wir immer wieder hinuntersteigen. Wir müssen am nächsten Tag zur Arbeit gehen. Wir sind als Arbeiter:innen in die jordanische Wirtschaft integriert und das hält uns auf Trab. Menschen, die mit der Aufrechterhaltung ihrer täglichen Existenz beschäftigt sind, haben kaum Zeit und kaum Ressourcen, sich mit gefährlichen politischen Ideen zu befassen, geschweige denn, um sich tatsächlich politisch zu organisieren. Das kolonisierte Subjekt birgt, auch wenn es entwurzelt ist, ein bedrohliches revolutionäres Potenzial, das eingedämmt werden muss. Eine der wichtigsten Aufgaben, die das jordanische Staatsgebilde in der imperialistischen Architektur der Levante erfüllt ist genau diese Eindämmung.

Um mit einer Haltung von revolutionärem Optimismus zu schließen, wenden wir uns noch einmal Palästina und der Situation vor Ort zu. Ein tiefes Misstrauen gegenüber Episoden der Ruhe und des “Friedens” ist angebracht, wenn sie in einem Umfeld tiefgreifender Ungerechtigkeit aufrechterhalten werden. Palästina erlebt derzeit wieder einmal einen Wechsel der Gezeiten. Wir sehen, wie die offen faschistische Fraktion des Zionismus in der Siedlerkolonie ihre Macht festigt, entschlossen, das koloniale Unternehmen zu seinem vernichtenden Abschluss zu bringen. Wir sehen, wie sich der palästinensische Widerstand ab den 2020ern in verschiedenen Formen neu aufgestellt hat.

Was sich aber jetzt vor unseren Augen entfaltet, ist der ungelöste Charakter der kolonialen Situation in Palästina und der damit verbundene “indigenen Frage”. Wohin diese Bewegung aber geht, bleibt offen.


  1. Das Sykes–Picot Abkommen war ein geheimes Abkommen zwischen Großbritannien und Frankreich von 1916, in dem die beiden Kolonialmächte während des Ersten Weltkriegs die arabischen Gebiete des zerfallenden Ottoman Empire unter sich aufteilten. Frankreich sollte dabei Einfluss über Syrien und den Libanon erhalten, Großbritannien über Irak, Jordanien und Palästina. Das Abkommen gilt als Symbol imperialistischer Grenzziehung im Nahen Osten, weil es den arabischen Unabhängigkeitsversprechen widersprach und die spätere politische Ordnung der Region stark prägte. Das Existenz des geheimen Abkommens wurde nach der Oktoberrevolution in Russland bekannt, als die Bolsheviki die Archive des zaristischen Staates – im Krieg ein Verbündeter England und Frankreichs – öffneten. ↩︎

Salim Nasereddeen ist freischaffender Journalist und Aktivist aus Berlin mit palästinensischen Wurzeln.

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