Im Dezember 2025 begannen die Proteste im Iran am Teheraner Bazar. Binnen weniger Tage griff die Bewegung auf zahlreiche Städte über. Der Staat reagierte mit brutaler Gewalt: Hunderte wurden getötet, Tausende inhaftiert, das Internet landesweit abgeschaltet. Zugleich verlegt die US-Marine Tanker in die Golfregion, was die strategische Dimension der Krise verdeutlichte: Ein klarer Vorstoß imperialistischer Machtprojektion.
Sofort solidarisierten sich westliche politische Eliten und Medien mit den Protesten, ohne die wirtschaftliche Not der iranischen Bevölkerung zu benennen, die ihnen vorausging. Das mediale und politische Narrativ des Westens zielte unverzüglich auf die moralische Verurteilung und die Aufhebung des islamischen Regimes, ohne eine vertretbare Alternative für die Zukunft des Iran aufzeigen zu können. Systematisch wird dabei unterlassen zu nennen, wer die ökonomische Krise ausgelöst hat, und wer unmittelbar von der Krise des Landes profitieren würde: der US-Imperialismus und seine Verbündeten.
Keine hausgemachte Krise
Lange vor Ausbruch der jüngsten Proteste befand sich der Iran in einer akuten ökonomischen Krise. Die iranische Wirtschaft, ohnehin geprägt von starker Abhängigkeit zu Öl- und Gasexporten, geringer industrieller Diversifikation und begrenzter Integration in den Weltmarkt, geriet 2018 nach dem Bruch des Atomabkommens (JCPOA) durch die US-amerikanische Trump-Regierung in eine neue, drastischere Krisenphase. Die erneuten und verschärften Sanktionen wirkten nicht bloß als externer Schock, sondern nutzten gezielt die strukturellen Widersprüche des iranischen Kapitalismus aus, um seine ökonomische Basis systematisch zu blockieren und staatliche Handlungsfähigkeit gänzlich zu zerstören.
Die Sanktionen führten zu einem drastischen Rückgang der Ölexporte, zur faktischen Abkopplung des Iran vom internationalen Finanzsystem und zu einem massiven Einbruch ausländischer Investitionen. Daraus resultierte eine chronische Devisenknappheit, die den Wert des iranischen Rial kontinuierlich untergrub und eine anhaltend hohe Inflation auslöste, die in den Jahren vor den Protesten stabil oberhalb von 30 Prozent lag; im vergangenen Dezember überschritt sie sogar die 40 Prozent-Marke.
Gleichzeitig geriet der Staat fiskalisch unter massiven Druck. Sinkende Einnahmen bei zugleich steigenden Ausgaben, unter anderem im sicherheitspolitischen Bereich angesichts der zunehmenden militärischen und politischen Konfrontation mit den USA, führten zu hohen Haushaltsdefiziten. Diese wurden zunehmend durch die Zentralbank finanziert, was den inflationsgetriebenen Wertverfall des Rial weiter beschleunigte.
Der Staat konnte seine Defizite, Importabhängigkeit und die sozialen Aufgaben nicht mehr ausgleichen – er war schlicht und ergreifend dazu nicht in der Lage. Will man im nächsten Schritt über die Zukunftsperspektiven für einen iranischen Staat sprechen, darf nicht unterbetont werden, was der Ursprung der akuten Not der iranischen Bevölkerung ist: Die Krise ist nicht primär Ergebnis einer defizitären Haushaltsführung seitens des iranischen Staates, einer Misswirtschaft auf Grundlage zu hoher Sicherheitsausgaben oder das Ergebnis der Korruption und Vetternwirtschaft zugunsten staatsnaher Eliten, sondern Ausdruck einer gezielt verschärften strukturellen Blockade durch den westlichen Imperialismus, allen voran der USA.
Was aber bedeutete das aber für die iranische Bevölkerung? Die reale Kaufkraft der Bevölkerung brach ein, Reallöhne sanken, während prekäre und informelle Beschäftigung zunahm. Die Verteuerung von Importen ließ insbesondere die Preise für Nahrungsmittel, Medikamente und Grundbedarfsgüter explodieren. Subventionen wurden gekürzt oder wirkungslos umgestaltet, öffentliche Dienstleistungen verschlechterten sich und breite Teile der städtischen Mittelschichten gerieten in materielle Unsicherheit; vor allem getroffen waren Lohnabhängige, Rentner:innen und junge Menschen ohne gesicherte Erwerbsverhältnisse.
Die Sackgasse des Regimes ist die Sackgasse des Protests
Das ist der Hintergrund, vor dem die jüngsten Proteste entstanden. Der Staat kann auf diese Krise nicht mit ökonomischer Entlastung reagieren – strukturell ist er dazu nicht in der Lage. Die einzige Antwort, die ihm in dieser Krise bleibt, ist Repression. Die Gewalt gegen die Protestierenden ist daher nicht primär Ausdruck politischer oder ideologischer Willkür, sondern Folge einer durch US-amerikanische und westliche Sanktionen erzwungenen ökonomischen Unfähigkeit, die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu stabilisieren. Welche – noch so despotische – Regierung hat ein aktives Interesse daran, seine Bürger:innen nicht an der einen oder der anderen Stelle durch populistische Versprechungen zu mäßigen und die eigene Existenz zu legitimieren? Welche Obrigkeit kann existieren, wenn sie ihre Herrschaft nur noch durch den repressiven Staatsapparat durchsetzen kann? Welche Klassenherrschaft, die sich nicht mehr materiell vermitteln lässt, ist auf Dauer tragfähig? Keine – auch nicht die iranische.
Diese Konstellation der Handlungsunfähigkeit spiegelt sich ebenso in der iranischen Protestbewegung wider. Die Proteste können a priori nicht zur Erzwingung reformistischen Forderungen genutzt werden, die die Krise der Bevölkerung mildern könnten, denn es besteht keine Möglichkeit zu ihrer Befriedung.
Dass die iranische Bevölkerung unter diesen Bedingungen protestiert, ist weder überraschend noch irrational. Die Proteste sind die naheliegende Reaktion auf eine anhaltende Krise der sozialen Reproduktion, in der große Teile der Gesellschaft ihre materielle Existenz nicht mehr absichern können. International wird diese Bewegung überwiegend mit Sympathie begleitet, die gewaltsame Niederschlagung zu Recht verurteilt, unter progressiven Kräften richtet sich die Hoffnung vorsichtig auf eine langfristige Organisierung oder das Entstehen einer oppositionellen Führung, die aus diesen Protesten hervorgehen könnte. Aber es traut sich kaum jemand bei nüchterner Betrachtung auf einen produktiven Ausgang der Proteste in naher Zukunft zu hoffen.
Eine Protestbewegung ohne durchsetzbare Forderungen, ohne politische Organisation und ohne ideologischen Zusammenhalt kann weder eine nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen erzwingen noch eine alternative staatliche Souveränität erkämpfen. Dass sich die Proteste zu einer umfassenden politischen Konfrontation mit dem Staat zuspitzen, lässt sich deshalb nicht allein auf äußere Einflüsse zurückführen, etwa auf die monarchistische Exilopposition. Sie ergibt sich ebenso aus der inneren Logik der Bewegung selbst. Wo ökonomische Forderungen nicht eingelöst werden können und Reformen objektiv ausgeschlossen sind, bleibt den Protesten zwangsläufig nur die radikale Negation der bestehenden Ordnung. In einer solchen Sackgasse ist politischer Widerstand nicht mehr Mittel zur Verbesserung, sondern Ausdruck von Wut, Ohnmacht, Perspektivlosigkeit und Vergeltung. Die Forderung nach dem vollständigen Sturz der herrschenden Ordnung entsteht weniger aus einer klaren Vorstellung dessen, was folgen könnte, als aus der Erfahrung, dass innerhalb der bestehenden Verhältnisse keine Lösung mehr existiert.
Wer soll kommen. Und: zu welchem Preis?
Der Iran verfügt heute über keine organisierte oppositionelle Kraft, die in der Lage wäre, spontane Mobilisierung in eine kohärente politische Strategie zu überführen. Dieses Fehlen von Führung und Ideologie ist nicht zufällig, sondern das Resultat jahrzehntelanger systematischer Zerschlagung linker Politik. Seit der Konsolidierung der Islamischen Republik wurden sozialistische und kommunistische Organisationen eliminiert, ihre Kader ermordet, inhaftiert oder ins Exil gezwungen.
In dieses politische Vakuum drängen vor allem Akteure, deren Existenz selbst Produkt westlicher Machtprojektion ist. Reza Pahlavi ist kein organisch gewachsener Oppositionsführer, sondern eine vom Westen historisch produzierte und heute erneut politisch aufgewertete Figur, die als Projektionsfläche für ein mögliches Regime-Change-Szenario dient. Pahlavis Opposition erschöpft sich dabei weitgehend im digitalen Raum. Sie ist eine Twitter-geführte Politik ohne jede materielle Verankerung im Land selbst. Dass er weder bereit noch in der Lage ist, in den Iran zurückzukehren und sich den realen Risiken eines politischen Kampfes auszusetzen, ist nicht nur ein persönlicher Makel, sondern auch ein Ausdruck des Charakters dieser Opposition: Sie ist für westliche Öffentlichkeiten gemacht, nicht für eine gesellschaftliche Transformation vor Ort.
Ähnlich gelagert ist die Position anderer oppositioneller Akteure im Exil, etwa der Demokratischen Partei des iranischen Kurdistan. Deren Vorsitzender Mustafa Hijri formulierte gegenüber CBS News offen seine Hoffnung auf eine US‑amerikanische Intervention. Er sprach sich explizit für militärische Schläge gegen den Iran aus, die „die Zentren der Unterdrückung treffen sollen, die Menschen auf den Straßen erschießen, ebenso wie die sogenannten Justizinstitutionen, die dem Regime dienen“. Diese Institutionen, so Hijri, müssten verschwinden. Die politische Konsequenz dieser Aussage ist eindeutig: Wo keine eigene gesellschaftliche Durchsetzungsfähigkeit existiert, wird politische Handlungsfähigkeit an den US‑Imperialismus delegiert.
Diese Externalisierung von Politik ist das strukturelle Merkmal der gegenwärtigen Opposition. Forderungen nach technischer Unterstützung, nach Sanktionen, nach militärischem Eingreifen oder „humanitären“ Schlägen ersetzen eine eigenständige politische Strategie. Sie entspringen nicht politischer Stärke, sondern dem Fehlen einer realen Machtbasis im Inneren. Der Westen erscheint hier nicht als Akteur mit eigenen Interessen, sondern als vermeintlich neutraler Vollstrecker eines moralisch aufgeladenen Umsturzes. Dass genau dieser Westen die ökonomischen Bedingungen der Krise geschaffen und verschärft hat, wird dabei systematisch ausgeblendet.
Auch jegliche noch so wohlwollende Opposition vollführt hier eine Selbsttäuschung über die Funktionsweise imperialer Macht. Die USA intervenieren nicht, um lokalen Oppositionsakteuren die Staatsmacht zu überlassen, sondern um eigene Interessen durchzusetzen. Wer ernsthaft glaubt, Washington würde nach einer militärischen Intervention freiwillig die Souveränität an eine kurdische Partei übergeben, verwechselt geopolitische Instrumentalisierung mit Solidarität. In dieser Illusion zeigt sich exemplarisch das Elend der gegenwärtigen Opposition: Sie erkennt die Gewalt des Imperialismus, will sie nutzen, glaubt aber, ihr entkommen zu können.
Der große Teufel
Wenn ein Regime‑Change‑Szenario im Iran durchgesetzt würde, wäre das eine geopolitische Zäsur mit verheerenden Folgen für die gesamte Region. In einer Phase zunehmender globaler Eskalation, in der sich imperialistische Blockkonfrontationen zuspitzen und ein großer Krieg nicht mehr abstrakt erscheint, würde der Sturz des iranischen Staates unter US‑amerikanischer Regie die ohnehin fragile regionale Ordnung weiter destabilisieren. Die unmittelbaren Gewinner wären nicht die iranische Bevölkerung, sondern die USA und Israel, deren Interessen sich ohne einen regionalen Gegenspieler deutlich aggressiver durchsetzen ließen. Wer stünde einem Groß‑Israel‑Projekt, einer weiteren Militarisierung des Nahen Ostens und der Durchsetzung westlicher Sicherheitsarchitekturen dann noch im Weg?
Der Iran ist selbstverständlich kein progressiver Akteur, sondern ein Staat, der die Interessen seiner herrschenden Klasse mit allen Mitteln durchsetzt, aber er fungiert als strukturelles Gegengewicht gegen die expansive Ordnungspolitik der USA im Nahen Osten. Sein Wegfall würde die ohnehin asymmetrischen Kräfteverhältnisse weiter zugunsten eines aggressiven US‑amerikanischen und israelischen Regionalprojekts verschieben, mit absehbaren Folgen für Palästina, den Libanon, Syrien, Türkei und den Irak. Wer diese Dimension ausblendet, reduziert die iranische Krise auf eine moralische Erzählung und verweigert sich ihrer materiellen Realität.
Dass westliche Medien und politische Eliten parallel dazu zunehmend ein Regime‑Change‑Narrativ vorbereiten, ist Ausdruck genau dieser geopolitischen Interessen. Die moralische Empörung über Repression dient dabei als Legitimationsfolie für eine Politik, die ganz sicher nicht an demokratischer Selbstbestimmung interessiert ist. Besonders zynisch agieren in diesem Zusammenhang monarchistische Exilgruppen, die offen militärische Interventionen befürworten. Wer fordert, dass das eigene Land bombardiert wird, um politische Ziele durchzusetzen, stellt sich außerhalb jeder solidarischen Beziehung zur eigenen Gesellschaft. Das ist Kollaboration.
Niemand verteidigt das islamische Regime. Die Proteste machen deutlich, dass diese Ordnung an ihr Ende gekommen ist; dass Iraner:innen Selbstbestimmung, Frieden und Freiheit fordern und verdienen. Aber nicht jede Form des Endes ist Fortschritt. Nicht jeder Sturz ist Befreiung. Nicht jede Opposition verdient Unterstützung. In der gegenwärtigen Konstellation bleibt nur eine bittere Erkenntnis: Man traut sich nicht zu hoffen. Was oft als ein lachendes und ein weinendes Auge beschrieben wird, kennt hier keine Balance. In dieser Lage weinen beide.

