Das US-Justizministerium hat Millionen Dateien zum Fall des Serienvergewaltigers und Multimillionärs Jeffrey Epstein veröffentlicht. Die Dokumente sind eine Sozialstudie über die Monstrosität der herrschenden Klasse des Kapitalismus.
3,5 Millionen Datensätze sollen es sein, die von der Regierung der Vereinigten Staaten bis Ende Januar veröffentlicht wurden. Das sind wohl bei weitem nicht alle Epstein-Files, etwa sechs Millionen soll es geben. Auch in den veröffentlichten Datensätzen ist vieles geschwärzt und die Datenbank selbst ist beinahe unbewältigbar. Abertausende Dubletten und eine sehr eingeschränkte Suchfunktion machen es Journalist:innen oder Bürger:innen nicht leicht, in dem Berg von Material irgendetwas zu finden. Und dennoch: Allein das, was bisher bekannt ist und vorher schon bekannt war, zeichnet das Bild einer verrotteten Schicht aus Milliardären, Politkern und Prominenten, die sich weit jenseits der ethischen und juristischen Regeln von Normalsterblichen bewegt.
Wir haben uns in die Literatur zum Fall eingearbeitet und die zur Verfügung stehenden Daten durchforstet. In einer mehrteiligen Serie veröffentlichen wir einen kleinen Ausschnitt aus dem, was man in den Files über die Herrschenden dieser Welt erfahren kann. Der vorliegende 1. Teil soll noch nicht mit dem Fall vertrauten Leser:innen einen Überblick geben, worum es hier eigentlich geht – bevor es dann in den kommenden Wochen um die Geschichten über einzelne Personen oder Themenfelder geht. Allen Teilen wollen wir eine KLARE TRIGGERWARNUNG voranstellen. Es wird u.a. um sexualisierte Gewalt, Mord und Suizid gehen.
Wo fängt man eine Geschichte an, in der es – unter sehr viel anderem – um einen weltumspannenden Menschenhandelsring geht; und um die Frage, ob US-Präsident Donald Trump von der Ermordung von Vergewaltigungsopfern wusste; und um die versuchte Aneignung von libyschen Staatsvermögen mithilfe von Ex-Mossad-Agenten; und um diverse im Bereich des Transhumanismus forschende Start-Ups; und um eine Reihe sehr dubioser „Selbstmorde“; und um Scheichs, rechte wie links-liberale Intellektuelle, Hollywood-Regisseure, britische Adlige, Tech-Milliardäre, Finanzoligarchen, Hedge-Fonds-Manager und mehrere US-Präsidenten?
Versuchen wir es mit einigen Basics.
Ein Schulabbrecher aus einer jüdischen Mittelstandsfamilie wird Lehrer, heuert dann über den Vater einer Schülerin kurz bei der Investmentbank Bear Stearns an und ist kaum ein Jahrzehnt später ein international in der Welt der High Society vernetzter Jetsetter mit mehrstelligem Millionen und später (beinah) Milliardenvermögen.
Über die Jahre wird der Mann mit dem Namen Jeffrey Epstein gelegentlich Ziel von Ermittlungen mehr oder minder schwerer Verbrechen, aber jede ernsthafte Strafverfolgung perlt an ihm ab. Mit seinem Komplizen Steven Hoffenberg zum Beispiel – den er über den Waffenhändler Douglas Leese kennenlernt – zieht er eine der größten Ponzi-Betrügereien der damaligen Finanzgeschichte auf. Hoffenberg wandert 18 Jahre ein, Epstein wird nicht einmal angeklagt.
Epstein bleibt im Finanzgeschäft, er wird Vermögensberater für Milliardäre wie Les Wexner und Leon Black, die ihm, dem Selfmade-Man ohne Vorbildung in Steuerrecht oder Betriebswirtschaft, horrende Summen für nicht näher rekonstruierbare Leistungen bezahlen. Schon in den 1990er-Jahren ist der Aufsteiger bekannt mit Adligen, der Finanzelite, Präsidenten und hochrangingen Politikern aller möglichen Länder. Sieht man sich an, welche Gestalten da zum Teil vorkommen, kommt man nicht umhin zu denken, dass da auch jenseits der Sexualstraftaten hauptsächlich Dinge gedreht werden, die für uns Normalsterblichen als „illegal“ gelten, aber in der Welt der Reichen und Mächtigen normal sind: Steuerhinterziehung, Waffenhandel, gelegentlich – mutmaßlich – der ein oder andere Mord.
Womit Epstein sich seinen üppigen Reichtum konkret erwirtschaftet hat, blieb immer ein wenig im Dunkeln. Die Firmen, die er gründet und in Steueroasen ansiedelt, betrieben irgendeine Art von „Finanzberatung“. Die brachte ihm über die Jahre zwei Flugzeuge, einen Hubschrauber, eine eigene Insel, eine Ranch und mehrere weitere hochpreisige Immobilien ein. Zu seinen Hochzeiten soll er über 600 Millionen US-Dollar schwer gewesen sein.
Im März 2005 meldet sich zum (soweit man weiß) ersten Mal ein 14-jähriges Mädchen bei den Behörden und bezichtigt Epstein des Missbrauchs. Es brechen mehr und mehr Schülerinnen das Schweigen, denen ähnliches widerfahren ist. Eigentlich hätte Epstein schon da für lange Zeit einfahren müssen, aber er handelt einen – extrem ungewöhnlichen und für Epstein sehr vorteilhaften – Deal aus. Der damals zuständige Staatsanwalt, Alexander Acosta, wird später Arbeitsminister unter Donald Trump. Anwalt Epsteins war der berüchtigte Hardcore-Zionist Alan Dershowitz.
2009 reicht Virginia Roberts Giuffre mit weiteren Frauen eine Klage gegen Epstein und seine Komplizin Ghislain Maxwell ein. Wie viele Überlebende des Menschenhandelsrings es gibt, ist unklar, die Zahl soll in die Hunderte gehen, manche Quellen gehen von über 1000 Mädchen und Frauen aus.
Erst zehn Jahre später, im Jahr 2019, wird Epstein verhaftet. Er stirbt kurz vor Prozessbeginn in Haft. Die offizielle Version „Selbstmord“ ist mäßig glaubwürdig. Selbstmorde allerdings sind im Umfeld des Falles durchaus keine Seltenheit. Virginia Giuffre soll Suizid begangen haben. Neben Epstein soll auch sein Komplize Jean-Luc Brunel sich im Knast selbst umgebracht haben. Dem französischen „Model-Agenten“ wurden Menschenhandel, Vergewaltigung und Zwangsprostitution zur Last gelegt. Der Clinton-Bürochef Mark Middleton, ebenfalls in Kontakt mit Epstein, zeigte sich in Sachen Suizid besonders kreativ: Er wurde erhangen auf einer Ranch gefunden mit einer Schusswunde in der Brust. Die Behörden stuften den Tod als Selbstmord ein.
Verschwörung oder Verschwörungstheorie?
Schon das bisherige klingt für jeden halbwegs normalen Menschen sicher ziemlich wild, aber es ist nicht einmal ein Bruchteil der Geschichte, die hier zu erzählen ist. Weil die Szene aus Milliardären, Prominenten, hochrangigen Politikern und Geheimdienstlern ja nicht endlos groß, dafür aber extrem mobil und vernetzt ist, fasert die Epstein-Saga in alle Richtungen aus. Wenn man will, kann man die Großbritannien-Linie nachverfolgen, man landet dann beim Vater von Epstein-Gefährtin Ghislain Maxwell, Robert Maxwell: Einflussreicher Milliardär, Pensionskassenbetrüger und mit recht hoher Wahrscheinlichkeit im Dienst des Mossad. Maxwell kannte Gott und die Welt und man kann hier weit in jedes beliebige Rabbit-Hole abtauchen.
Oder die Linie zurück in der Geschichte zu vergleichbaren Praktiken in den USA, zum Beispiel bis zu Roy Cohn – „the worst human being I’ve ever profiled“, wie The-New-Yorker Journalist Ken Auletta einmal sagte. Cohn, der „Bluthund“ in den antikommunistischen Tribunalen McCarthys, der eng mit der Mafia und dem Großkapital verflochten war und seinerseits schon in Erpressungsgeschäfte mit sexualisierten Inhalten involviert gewesen sein soll. Er wurde später einer der Mentoren von Donald Trump.
Oder die Linie zu den Clintons oder den Trumps, Familien, die an realen und ihnen zugeschriebenen Vergehen und Verbrechen so reich sind, dass man sich auch hier endlos verlieren kann. Oder die nach Israel, zum engen Freund Epsteins, Ehud Barak, dem ehemaligen Premier der Siedlerkolonie, der quasi ein Dauergast im Manhattener Stadthaus des Kinderschänders war und in unzähligen Chats und Mails vorkommt.
Oder die Verbindungen zu Tech-Milliardären wie Elon Musk, dessen Vater nicht nur eine Smaragdmine in Afrika besaß, sondern auch zwei Kinder mit seiner eigenen Schwiegertochter zeugte. Oder Bill Gates, der Epstein in den neuen Veröffentlichungen vorwirft, seiner Frau Melinda ohne deren Konsens Medikamente gegen sexuell übertragbare Krankheiten einflößen zu wollen, die sich der Philantrop bei russischen Prostituierten eingefangen habe.
Die Epstein-Saga ist wie ein Horror-Kabinett. Egal, wohin man den Kopf wendet, die hässliche Fratze der verwahrlosten Herrscherkaste des Kapitalismus starrt mit blutunterlaufenen Augen zurück.
Es ist offenkundig, dass eine solche Geschichte als Anknüpfungspunkt aller möglichen Verschwörungstheorien taugt. Da ist – gerade auch weil derlei Anschuldigungen auch in den neu veröffentlichten Dateien zumindest per Hörensagen dokumentiert sind – von satanistischen Ritualen und Infantizid die Rede, vom Bluttrinken und anderem Irrsinn. Es gibt Video-Blogger, die behaupten, Epstein sei ein Klon früherer US-Präsidenten, andere sehen in ihm einen „Reptiloid“ oder einen „gefallenen Engel“. Und für die ganz traditionellen Antisemiten steht ohnehin fest, wer hier die Fäden zieht, schließlich kommen ganz prominent auch Rothschilds im Bekanntenkreis Epsteins vor. Der Wahnsinn wird noch verstärkt durch die AI-isierung des Internets.
Umgekehrt aber findet sich im Medien-Mainstream eine immense Non-Chalance gegenüber den hier begangenen Verbrechen. Berichtet wird häufig nur über einzelne Aspekte und mit einer immensen Ausweitung einer „Unschuldsvermutung“ gegenüber jedem, der nicht rechtskräftig verurteilt ist. Weiterreichende Arbeitsthesen wie die, dass Epstein möglicherweise kompromittierende Videos und Bilder für Geheimdienste oder andere Interessengruppen angefertigt haben könnte, werden trotz doch einiger Indizien entweder ignoriert oder vorschnell ins Reich der Mythen verwiesen. Ähnliches gilt für die Polit-Clowns aller Nationen. Der Umstand, dass man etwa von Donald Trump doch mit einiger Sicherheit sagen kann, dass der Typ auch hinsichtlich Konsens und Alter nicht ganz sauber ist, spielt in der Debatte keine Rolle. Dutzende von engen Epstein-Freunden – man nehme nur den jüngst in Syrien den IS wieder an die Macht hievenden US-Sonderbeauftragten Tom Barrack – leben unbehelligt von jeder juristischen oder auch nur gröberen medialen Behelligung.
Irgendwo zwischen den wilden Verschwörungen, die nur von dem ablenken, was real schon schlimm genug ist und der Abgeklärtheit und Gleichgültigkeit, die mit den Schultern zuckt und wegsieht, muss man sich einen Weg durch diesen ekelhaften Fiebertraum bahnen.
Wer Ordnung in dieses Netzwerk an Personen, Firmen, Behörden und Kriminellen Vereinigungen bringen will, kann sich unter anderem Whitney Webbs hervorragendes 2-bändige Werk zum Thema „Blackmail – Eine Nation unter Erpressung“ durchlesen. Die Autorin argumentiert, dass Epsteins Ring einer der Auswüchse einer über viele Jahrzehnte entstandenen Liaison aus Finanzkapital, westlichen Geheimdiensten, Mafia- wie Kartell-Strukturen und der High Society insgesamt ist. Die – oft, aber nicht ausschließlich – minderjährigen Frauen, die hier Opfer von Menschenhandel und den verdorbenen Gelüsten derer, die schon alles haben, wurden, waren in diesem Kontext eines der Machtmittel, die Epstein und mit ihm seine Auftraggeber, nutzten, um „Hebel“ zu haben über Freund und Feind. Und ein Accessoir, das zur Anbahnung und Festigung von Beziehungen diente.
Die Nützlichkeit der Files und ihre Grenzen
Das Interessante an den Daten zum Epstein-Fall – nicht nur den jüngst erschienen, sondern auch den bereits davor bekannten – ist, dass sich anhand von ihnen Verflechtungen und Machtpraktiken von denen ganz oben bis zu einem gewissen Grad darstellen lassen. „Bis zu einem gewissen Grad“ – denn einerseits ist auch denen geläufig, dass sie nicht alles, was sie tun, als nachverfolgbare Mail verschicken können.
Fast genauso aufschlussreich wie die Causa selbst ist zudem die Geschichte ihrer (ausgebliebenen) Aufarbeitung. Über Jahre war die Kabale einer der zentralen Talking Points der US-amerikanischen Rechten. Als Beispiel für einen stets verdeckten, im Hintergrund die Fäden ziehenden „Deep State“ gehörte sie quasi zur DNA der MAGA-Bewegung, die Trump an die Macht verhalf. Je mehr nun über den Fall zu Tage tritt, zeigt sich: Viele der wichtigsten Figuren der Rechten – Musk, Bannon, Trump – stecken selbst knietief im Epstein-Sumpf. An der äußersten Rechten beginnt entlang dieser Frage bis zu einem gewissen Grad bereits eine Absetzbewegung von Trump&Co.
Denn auch die aktuelle Veröffentlichungspraxis lässt darauf schließen, dass hier nur sehr eingeschränkt Einblick gewährt wird. Einerseits sind hier ganz klar Absendernamen geschwärzt, bei denen es sich – potentiell – um Täter handelt. Der Gesprächspartner auf den sich Epsteins Mail „I loved the torture video“ bezieht, ist geschwärzt. Genauso derjenige, der Epstein schrieb: „Thank you for a fun night … your littlest girl was a bit naughty last night“. Dazu kommt: Niemand kann überprüfen, was wirklich an Daten vorliegt und was veröffentlicht wurde. Ob die Schwärzungen der Namen der Täter noch aufgehoben werden, wie das Opfer-Sprecherinnen fordern, ist unklar.
Die Trump-Regierung verfolgt in ihrer Kommunikation derzeit die Strategie: Da habt ihr einen Haufen Dateien, das ist alles, hier gibt’s – zumindest, was uns betrifft – nichts zu sehen, es ist lange her, jetzt reicht’s auch mal. Dass das der eigenen Basis reicht, scheint zumindest derzeit zweifelhaft.
Die Epstein-Dateien sind also durchaus nützlich. Aber sie sind auch gefährlich. Man sollte sich angesichts der weit gespannten Netzwerken dieser Oberschicht nicht dazu hinreißen lassen, den Herrschenden eine Fähigkeit zuzuschreiben, die sie nicht haben: nämlich die willentliche Kontrolle der Welt im Rahmen einer globalen geheimen Regierung. Das hat Jörg Kronauer schon in der jungen Welt betont: „In den Epstein-Files erfährt man einiges über die Netzwerke der Mächtigen. Anders sieht es mit Struktur und Funktion bürgerlicher Staaten oder gar des Kapitalismus aus: Die – und auf sie kommt es ja eigentlich an – haben auch die Mächtigen nicht wirklich im Griff. Letztlich reduzieren sich die Erkenntnisse also auf allerlei operative Details und vor allem auf einen satten Beitrag zur Sozialgeschichte des verrottenden Kapitalismus. Dass dessen Hauptmacht sich einen Präsidenten leistet, dem Epstein einst eines seiner Opfer, eine junge Frau, in Mar-a-Lago mit den Worten übergab: »Das ist ‘ne Gute, oder?« – das spricht für sich

