Wir leben in düsteren Zeiten. Gelebte Gemeinschaft existiert kaum noch irgendwo in der Gesellschaft. Auch in der linken Bewegung werden Solidarität und Zusammenhalt häufig recht phrasenhaft bemüht, ohne dass dem eine gelebte Praxis entsprechen würde. Es ist verständlich, dass Aufrüstung, Repression, Klimawandel und zunehmende Faschisierung bei vielen Menschen zu Vereinzelung, Rückzug, Aufgabe und Realitätsflucht führen.
Ausgerechnet ein Film über Ultras erinnerte mich aber an etwas, das ich längst zu kennen glaubte. Nicht an Fakten oder Ereignisse, sondern an eine Haltung. Es geht dabei nicht um Fußballromantik, die den Sport als Spiel verklärt und ihn in einen Antagonismus zur Arbeit stellt, sondern um einen materialistischen Blick auf die Gemeinschaft, die im Sport einen Ausdruck findet. Es geht um eine soziale Praxis, die wir Marxist:innen kaum noch kennen, die wir aber wieder lernen können und müssen.
Wächter eines Glaubens
Ich habe von meinen Freunden den Film „A guardia di una fede“ (deutsch: „Wächter eines Glaubens“) zu Weihnachten geschenkt bekommen. Diesen Film wollte ich mir bereits lange ansehen. Leider war ich mit dem Pech gesegnet, stets krank gewesen zu sein, wenn er im Fan-Umfeld meines Fußballvereins gezeigt wurde.
Der Film erfuhr in aktiven Fan- und Ultraskreisen einen absoluten „Hype“. Er erzählt vor allem die Geschichte des Capo der Curva Nord des italienischen Fußballvereins Atalanta Bergamasca Calcio. Sein Name ist Claudio Galimberti, doch er wird von allen nur „Bocia“ genannt und war in den einschlägigen Kreisen schon vor dem Film bekannt. Der Film feierte Ende 2024 in Deutschland Premiere und war in vielen Kinos zu sehen. Er hat aber bis heute nicht an Bedeutung eingebüßt, im Gegenteil: Nach den Kinovorstellungen folgten kostenlose Vorstellungen in den deutschen Fanprojekten und zum Jahresende 2025 erschien er endlich auf DVD.
Doch vor allem inhaltlich ist er im Angesicht der aktuellen innenpolitischen Entwicklungen und jüngsten Repressionsandrohungen im Fußball äußerst relevant. Denn die Geschichte des Protagonisten, einer wahrhaft fußballgöttlichen Gestalt für die Guardia di una fede („Wächter eines Glaubens“), wäre Stoff für eine Tragödie.
Der Protagonist Claudio Galimberti hat das Leben den Menschen in seiner Kurve und denen in seiner Heimat gewidmet. Als es darauf ankam, stand er selbst für rivalisierende Fans ein, die unter dem gemeinsamen Feind, dem Staat, leiden mussten. Unter ihm fanden die Gruppen der Curva Nord, sowie Stadt und Verein zusammen – geeint in dem Glauben an sich selbst, die Kurve, die Stadt, jeden einzelnen Fan, die Mannschaft und den Verein. Der Dank dafür: Lebenslängliches Stadionverbot, Verbannung aus der Heimat, Entzug des Führerscheins, des Reisepasses und ständige Überwachung durch die Staatsmacht. Der Film ist aber mehr als das Biopic eines bergamotischen Ultra, er ist eine Hommage an die Fan-Szene von Atalanta und mehr noch: an eine ganze Bewegung.
Diese Wirkung erzielt der Regisseur Andrea Zambelli nicht etwa zufällig. Er selbst ist jahrelanges Mitglied der Curva Nord, kennt Bocia seit seiner Jugend in der Kurve und wäre für die Sicherheit aller im Film Gezeigten zur drastischen Maßnahme bereit gewesen, die Filmkassetten zu schlucken.
Seine Verfilmung rückt in den Mittelpunkt, wofür die in Galimberti verkörperte Ultra-Kultur stehen kann: Ein Leben in Gemeinschaft, Solidarität, Zusammenhalt, Freundschaft, Liebe, mit Leidenschaft und voller selbst genommener Freiheiten – Ultras stile di vita.
Solidarität in der Subkultur
Das alles sind keine allein den italienischen Ultras eigene Merkmale. Sie lassen sich auch in der deutschen Bewegung beobachten. So zeigt beispielsweise das Verhalten der Leverkusener Fanszene am 13.12.2025 bei ihrem Heimderby gegen den 1. FC Köln, dass Solidarität in dieser Subkultur auch für den größten Rivalen gilt, lebt dieser doch das gleiche Leben. Im Vorfeld des Spiels war es zu repressiven Polizeimaßnahmen (u.a. Nacktkontrollen) gekommen, die auf beiden Seiten für den Boykott des Spiels durch die aktiven Fans sorgten.
Dabei wäre es verkürzt, Ultras allein aufgrund dieser Repressionen als bewusste politische Gegner des Staates zu begreifen. Die Ultras-Bewegung ist keine politische Organisation, sie verfügt über kein geschlossenes Programm und keine einheitliche Ideologie. Ihre Konflikte mit Polizei, Verbänden und Staat entstehen weniger aus expliziten politischen Forderungen als aus ihrer Autonomie, ihrer kollektiven Stärke und ihrer Weigerung, sich vollständig kontrollieren und vereinnahmen zu lassen. Gerade diese Unkontrollierbarkeit macht sie verdächtig. Der Protest gegen die Totalisierung der Verwertung im Fußball ist nicht zu unterschätzen. Repression richtet sich dort nicht in erster Linie gegen das ideelle Selbstverständnis dieser Subkultur, sondern entwickelt sich aufgrund der materiellen Grundlagen ihres Kampfes.
Was Zambellis Film über die Ultras so eindrücklich macht, ist nicht die Größe der Gesten, sondern ihre Konsequenz. Solidarität erscheint nicht als wohlklingender Begriff, sondern als etwas, das gelebt wird und das kostet: Zeit, Kraft, manchmal Sicherheit. Claudio Galimberti wird nicht als Held dargestellt, sondern als jemand, der sich entschieden hat, sein Leben nicht losgelöst von den Menschen um ihn herum zu führen. Und genau diese Haltung wirkt heute so fremd. Wir leben in einer Gesellschaft, die echte Verantwortung füreinander als Belastung identifiziert; in der Rückzug zum Selbstschutz stilisiert wird. Gemeinschaft ist aber keine Einbahnstraße. Menschen müssen bleiben, auch wenn es mal wehtut: Verantwortung entflammt durch Vertrauen und das Wissen darum, dass es ohne einander nicht geht.
Gemeinschaft und Zusammenhalt
„Wenn wir an Götter glauben, dann tragen sie Trikots“, singen die Toten Hosen in ihrem Song Ballast der Republik. Sie meinen damit Fußballer, doch das muss falsch sein. Die modernen Fußballgötter stehen nicht etwa auf dem Platz und verdienen Millionen Euro, sie stehen in der Kurve, messen sich in Ackerkämpfen, malen Transparente, organisieren Feste, betreiben Jugendeinrichtungen, sammeln Spenden für krebskranke Fans, kämpfen für mehr Mitbestimmung, gegen eine weitere Kapitalisierung des Fußballs, unterstützen sich gegenseitig und schließen sich bundesweit zusammen, sofern erforderlich.
Dass diese Form von Zusammenhalt, Organisierung und Leidenschaft gerade in der Kurve entsteht, ist kein Zufall. Die meisten Ultras kommen nicht aus privilegierten Verhältnissen. Sie sind Arbeiter:innen, Auszubildende, Student:innen, prekär Beschäftigte, Arbeitslose – Menschen, deren Alltag von Fremdbestimmung geprägt ist. Die Kurve wird so zu einem der wenigen Orte, an dem kollektive Selbstwirksamkeit erfahrbar bleibt. In einer Gesellschaft, in der selbst Freizeit durchkommerzialisiert ist, behaupten Ultras einen Raum, den sie sich aneignen, den sie organisieren und verteidigen. Was hier entsteht, ist kein politisches Programm, aber eine soziale Praxis. Weil sie aus den konkreten materiellen Lebensverhältnissen hervorgeht, entfaltet sie ihre Bindungskraft. Ultras stile di vita könnte man als eine Art fortschrittlichen Lebensstil benennen.
Wenn ich an meine Ultras-Freunde denke, so muss ich zugeben, dass dort häufig mehr Organisierung, mehr Zusammenhalt und mehr Leidenschaft in der Sache steckt als vielerorts in der deutschen linken Bewegung. Diese Organisierung gelingt, da sie praktische Ziele verfolgt: Wenn ich wochenlang eine Choreographie male und diese am Ende so schön wird, dass sie auf allen Kanälen geteilt wird, dann erfahre ich Selbstwirksamkeit. Wenn ich staatliche Angriffe, wie die diskutierten sicherheitspolitischen Maßnahmen, gemeinschaftlich zurückschlagen kann, dann besiege ich das allgemeine Ohnmachtsgefühl der neoliberalen Gesellschaftszersetzung und entwickle eine Liebe zum Kollektiv. Wenn es einen Ort gibt, an dem ich mich nicht über meine Lohnarbeit definieren muss, sondern die Wertschätzung der Person durch die Hingabe zu einer geteilten Sache erreicht wird, dann entwickle ich eine Leidenschaft, die viele Krisen überstehen kann, Mut und Hoffnung spendet.
Nun werden manche argumentieren, dass das ja ganz unterschiedliche Dinge sind, die ich hier miteinander vergleichen möchte. Aber ist das wirklich so? Oder erscheint dieser Vergleich nur deshalb so fremd, weil wir verlernt haben, politische Praxis als Teil des alltäglichen Lebens zu begreifen? Ultra ist keine perfekte Bewegung, kein fertiges Projekt, keine geschlossene Ideologie. Es sind Menschen, die füreinander und die Menschen um sie herum einstehen, die Verantwortung übernehmen, die Konflikte aushalten und Repression nicht als individuelles Schicksal, sondern als kollektive Erfahrung begreifen. Genau darin liegt die Kraft dieser Lebensweise. Nicht im Pathos, sondern in der Selbstverständlichkeit, mit der Solidarität gelebt wird. Vielleicht ist es genau das, was heute so fremd erscheint und gleichzeitig so sehr fehlt.
Als Marxist:innen wissen wir, dass die Leute sich dort zusammenschließen müssen, wo ihr Leben stattfindet: Im Betrieb und in der Nachbarschaft, doch auch im Stadion und im Verein. „Das Industrieproletariat nimmt weiterhin eine objektiv zentrale Stellung im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess ein, doch Klassenkonflikte entzünden sich heute vielfach außerhalb der Betriebe. Wenn marxistische Politik sich darauf beschränkt, auf bessere Zeiten für den Betriebskampf zu warten, verfehlt sie diese Realität“, erklärt Raphael Molter, Marxist und Fußballfan.
Es ist nichts Verkehrtes daran zu finden, dass sich aktive Fans zu Ultragruppen zusammenfinden. Es wird gerne belächelt; dann gibt es von Zeit zu Zeit den Kommentar, dass es doch schön wäre, würden sich die Menschen ebenso leidenschaftlich für den Sozialismus einsetzen wie für ihren Verein. Schön wäre das, dem stimme ich zu. Doch zeigt dieser Kommentar das Problem der linken Bewegung sehr gut: Man kritisiert, dass die Menschen um einen herum jeglichen Zusammenschluss attraktiver finden als linke Gruppen, während eben jene doch gar keine Alternative zu bieten haben.
Von Ultras lernen
Statt also mit erhobenem Zeigefinger durch die Welt zu rennen und den Menschen ihre Leidenschaft schlecht reden zu versuchen, wäre es da nicht angebrachter, eben von jenen Gruppen Leidenschaft und Zusammenhalt lernen zu wollen? Noch weiter: Es gilt auch, sich die konkreten Kämpfe solcher Bewegungen anzuschauen. Denkt man allein an die letzten Jahre, so muss ein ehrlicher Blick zugeben, dass die Kämpfe im Fußball zu den wenigen Abwehrkämpfen gehören, die in Teilen gewonnen werden konnten. Diesen fehlt es an materialistischer Analyse und revolutionärer Perspektive, doch muss eine Linke auch hier anerkennen, dass eine ernsthafte Beschäftigung mit diesem Teilbereich der Gesellschaft ebenso zu einer Gesamtstrategie ganzheitlicher Umwälzung gehört wie Jugend-, Nachbarschafts und Betriebsarbeit. Dieses Verständnis fehlt bisher.
Hier geht es nicht darum, eine in Facetten kritisch zu betrachtende Ultras-Bewegung in den Himmel zu loben und auch nicht darum, zu behaupten, wir Marxist:innen würden uns auf dem Holzweg befinden. Natürlich ersetzt eine Ultragruppe keine politische Organisation. Solidarität in der Kurve ist nicht automatisch Klassenpolitik und Gemeinschaft allein schafft noch keine gesellschaftliche Veränderung. Politische Organisation muss über Szenegrenzen hinausweisen, strategisch handeln und verallgemeinerbar sein – diese Punkte fehlen der Ultras-Bewegung. Zwar ist bei Teilen der aktiven Fans ein unterentwickelter Klasseninstinkt erkennbar, der jedoch zu einem kämpferischen Klassenbewusstsein ausgebaut werden muss. Das ist die Aufgabe der Kommunist:innen, die in diesem Teilbereich ohnehin leben und agieren.
Doch bevor Menschen bereit sind, sich politisch zu organisieren, müssen sie überhaupt erfahren haben, was es heißt, Teil eines Kollektivs zu sein. Verantwortung füreinander zu übernehmen und Konflikte gemeinsam auszutragen sind Fragen einer gemeinschaftlichen Kultur. In dieser Hinsicht leisten Ultras etwas, woran viele linke Strukturen heute scheitern: Sie schaffen reale Bindung im Alltag der Menschen.
Eben wie es die Fanszene Bergamos vormacht, der es gelingt, alljährlich ein Fest für die ganze Region zu organisieren. Auf diesem Fest sind nicht nur Ultras zu Gast, sondern auch der örtliche Pfarrer, die Mannschaft und der Trainer, Familien mit Kindern und all jene, die sich wohl schwerlich nur als Fan, auf keinen Fall als Ultra betiteln würden.
Auch in der BRD finden sich etliche Beispiele. So hat die Fanszene des 1. FC Union Berlin in Köpenick die Jugendfreizeiteinrichtung Horn aufgebaut. Hier geht es nicht allein um Fußball. Selbst Yogakurse bieten die Unioner ihren jungen (und auch willkommenen älteren) Nachbar:innen an. Denkt man dann an Gelsenkirchen, so steht Schalke 04 wie sonst nichts für diese wirtschaftlich abgehängte und von Arbeitslosigkeit geprägte Region – und das nicht ohne Grund. Gleich verhält es sich in Ostdeutschland mit Vereinen wie Dynamo Dresden oder dem Hansa Rostock. Die Giesinger Initative „Candidplatz für alle“ steht im Austausch mit Fans des 1860 München und 2020 riefen aktive Fans von Werder Bremen die Initative „Vereint für Bremen“ ins Leben, durch die in der Vergangenheit immer wieder soziale Projekte zumindest finanziell unterstützt werden konnten.
Diese Auflistung soll die Ultra-Bewegung nicht von ihren Widersprüchen befreien. Auch in den Kurven existieren problematische Männlichkeits- und vor allem Frauenbilder, gelegentlich Nationalismus und politische Unschärfe. All das darf und muss kritisiert werden. Doch diese Kritik wird nicht dadurch wirksam, dass man sich abwendet oder von außen belehrt, sondern indem man anerkennt, dass hier reale soziale Kräfte wirken. Politische Kraft erwächst eben nicht zuerst aus Parolen. Revolutionäre Gegenmacht entsteht nicht allein aus der „Einsicht in die Notwendigkeit“. Sie keimt dort, wo die materiellen Verhältnisse objektiv keine andere Möglichkeit lassen, doch sie erwächst aus der Erfahrung, Teil von etwas zu sein, das größer ist als man selbst.

