Stadien unter Beschuss – Zehntausende Fußballfans demonstrieren gegen Repression und Überwachung

Wenn sich 20.000 aktive Fussballfans und Ultra-Gruppen unterschiedlicher – teils stark rivalisierender – Fanlager versammeln, um gemeinsam für eine Sache zu demonstrieren, dann ist es nicht vermessen, von einem historischen Moment für die Fussballkultur in Deutschland zu sprechen. Und in der Tat ist eben diese in Gefahr, stark verändert, gar zerstört zu werden. Dabei geht es um Überwachung, Repression und Einschränkung elementarer Freiheitsrechte.

Eigentlich geht es aber noch um mehr: Die vom 3. bis zum 5. Dezember in Bremen stattfindende Innenministerkonferenz (IMK) schlägt Maßnahmen zur „Stärkung der Sicherheit in Stadien“ vor, meint damit aber gleichsam mit der stattfindenden Aufrüstung nach außen auch die Aufrüstung nach innen. Doch Fans aus ganz Deutschland wollen das nicht einfach über sich ergehen lassen und stellen klar: Die Stadien sind sicher.

Innenminister auf Konfrontationskurs

Am 6. Dezember 2024 wurden im Rahmen der 222. Innenministerkonferenz in Rheinberg die Umsetzung von weitreichenden Maßnahmen gegen Fussballfans beschlossen. Dazu gründete man die Bund-Länder-offene-Arbeitsgruppe (BLoAG), die ein Jahr später konkrete Maßnahmen zur Diskussion und zum Beschluss vorbereiten sollte. Diese blieben geheim, bis es dem Dachverband der Fanhilfen gelang, die entsprechende Präsentation auf dem Sozialen Netzwerk Bluesky zu leaken.

Aus dieser Präsentation geht hervor, dass unter dem Vorwand eines Sicherheitsproblems eine Zentrale Kommission für Stadionverbote eingerichtet werden soll, die solche Verbote bereits bei eingeleiteten Ermittlungen aussprechen muss. Außerdem sollen KI-Technik zur Gesichtserkennung eingesetzt und Tickets personalisiert werden. Das alles, obwohl im Fussball schlicht kein Sicherheitsproblem existiert. Die Statistiken verzeichnen einen Rückgang von eingeleiteten Verfahren, Verletzten und Verletzten durch Pyrotechnik bei gleichzeitig steigenden Zuschauer:innenzahlen.

Es drängt sich unweigerlich die Frage auf, warum die Politik dennoch die Drohkulisse Stadion und Fankultur aufrechterhält? Fankurven sind schwache Formen von Gegenmacht, wie es der Marxist Raphael Molter beschreibt. Kontrolle über sie zu erlangen bedeutet auch, die Absolutheit des Systems und des Staates durchzusetzen und bleibt somit wichtige Aufgabe der Staatsmacht – Gegenmacht kann gefährlich werden. Gleichzeitig sind Fankurven Orte, an denen sich staatliche Gewalt „testen“ lässt. So kam es in der Vergangenheit immer wieder vor, dass zuvor in Stadien geprobte repressive Maßnahmen als nächstes auf fortschrittliche Proteste und dann auf die Gesamtbevölkerung ausgeweitet wurden. So geschehen mit der Videoüberwachung, mit Chatkontrollen und mit der zentralen Datenspeicherung. Auch Veränderungen der Polizeigesetze (wie bspw. 2023 in Berlin zur EM 2025), die unmittelbar die Gesamtbevölkerung betreffen oder die fortschreitende Militarisierung des Apparats wurden häufig mit angeblichen gewaltvollen Entwicklungen in der Fankultur gerechtfertigt.

„Warum jetzt? Warum sollen solche Maßnahmen in einer Zeit diskutiert werden, in der immer mehr Zuschauer in die Stadien kommen und es im Gegenzug immer weniger Verletzte gibt?“, fragt „Kreisel“, der Capo des Berliner Vereins Hertha BSC. Die Pläne der Innenministerkonferenz reihen sich ein in eine allgemeine Tendenz der Aufrüstung. Spätestens seitdem sich die Regierungskoalition auf einen neuen Wehrdienst einigen konnte, dürfte mittlerweile klar sein, dass die Bundesrepublik Deutschland zum Krieg rüstet. Aufrüstung der Bundeswehr, „Stadtbilddebatte“, neue Überwachungstechnologien und Einschränkungen der Versammlungsfreiheit (wie sie unter dem Deckmantel von Corona-Maßnahmen vorgenommen wurden), nun auch noch die Aufhebung der Unschuldsvermutung durch die Zentrale Stadionverbotskommission und die weitere Überwachung durch Gesichtserkennung gehören zusammen und führen in eine Richtung: Nach rechts.

“Der Kampf geht weiter”

Doch muss ja nicht jede repressive Maßnahme, die vom Staat oder den Verbänden beschlossen wird, ohne Gegenwehr bleiben. Seit Bekanntwerden der Maßnahmen kommt es in vielen Fankurven der Republik vor allem durch Spruchbänder immer wieder zu Kritik.

Am 16. November 2025 ging man dann noch einen Schritt weiter: Um 12:42 Uhr startete die erste Fandemo seit 15 Jahren, bei der es gelungen war, Fans unterschiedlicher, teilweise stark rivalisierender Vereine zusammen für eine Thematik auf die Straße zu bringen. Unter dem Motto „Der Fußball ist sicher! Schluss mit Populismus – Ja zur Fankultur!“ lief die Demonstration einmal um den Innenstadtring in Leipzig. Der Demonstrationszug war dabei wohl knapp einen Kilometer lang und am Ende gaben die Veranstalter stolz 20.000 Teilnehmer:innen bekannt.

An der Spitze trugen Vertreter verschiedener Fankurven ein Transparent mit demselben Slogan, um die einheitliche Unterstützung deutlich zu machen. Auf Schildern, Schwenk- und Doppelhalterfahnen, Hochtransparenten und Spruchbändern waren Slogans wie “Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, verliert am Ende beides” oder “Von denen war doch noch nie jemand außerhalb des VIP-Bereichs” und „Freiräume schützen, Sicherheitswahn stoppen!!“ zu lesen.

Zu kuriosen Szenen kam es, als sich die sonst gegenseitig verhassten Fans der Dresdner Sportgemeinschaft Dynamo und die Fans des FC Hansa Rostock begegneten und friedlich blieben. Auch die Berliner Fanszenen des 1. FC Union Berlin, von Hertha BSC und dem BFC Dynamo liefen friedlich miteinander die Demo zu Ende – in den Farben getrennt, in der Sache vereint. Diese Besonderheit hob der Jenaer Ultra Tony Schley in seiner Abschlussrede noch einmal hervor. Er betonte, dass man „darauf vertrauen [könne], dass es noch größere Widersacher gibt als den […] Erzrivalen: Polizei, Politik und nicht selten auch die Verbände“.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur, dass es tatsächlich friedlich blieb, sondern dass es dem Netzwerk „Fanszenen Deutschlands“ gelungen war, in nur einer Woche eine solche Masse an Menschen zu mobilisieren. Insgesamt waren 53 Fanszenen sowie Einzelpersonen anderer Vereine vertreten, die ihr Demonstrationsrecht am kalten Novembersonntag in Leipzig wahrnahmen. Viele von ihnen waren dafür den ganzen Tag unterwegs.

Bezeichnend war dagegen das Fernbleiben der Fans der lokal ansässigen BSG Chemie Leipzig, die bereits im Vorhinein angekündigt hatten „ihren eigenen Weg“ gehen zu wollen. Die vermehrt durch sogenannte Israel-Solidarität aufgefallene Fanszene wird gemeinhin als „links“ wahrgenommen. Ebenso die Fans des FC St. Pauli und von Werder Bremen, beide ebenfalls vakant.

Nichtsdestotrotz wurde an diesem Sonntag in Leipzig ein Stück Geschichte geschrieben. Die Fanszenen machten deutlich, dass sie nicht bereit sind, sich nun zurückzulehnen. „Der Kampf geht weiter“, sagte Stefan Schell, Capo des 1. FC Köln. Dass sie bereit sind für ihr Ultra-Leben, für die Freiheit und für den Erhalt der Fankultur in Deutschland bis zum Äußersten zu gehen, hatten sie bereits 2024 bewiesen, als durch den anhaltenden kreativen und penetranten Protest der Einstieg eines Investors in die DFL verhindert wurde. Was nun aber die Innenminister und die Verbände daraus mitnehmen, das bleibt abzuwarten.

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