Die k(l)eine Kneipe in unserer Straße

1976 huldigt der österreichische Sänger Peter Alexander der Kneipe als einem Ort, „wo das Leben noch lebenswert ist“. 2024 muss der Hamburger Rapper Motuz feststellen, dass die „Kneipe weg“ ist und „würd so gerne wiederkomm’“. Der Berliner Indie-Band Von Wegen Lisbeth ist egal, was du machst, aber „bring nie wieder deine neuen Freunde in meine Kneipe“. Der Hamburger Singer-Songwriter MC Windhund besingt eine tragische Liebesgeschichte ohne Happy End. Das Setting: Uschis Kneipe. Wenn „you hear a distant calling and you know it′s meant for you“ bist du, noch bevor du es weißt, laut der irischen Folk-Band The High Kings in einer besonderen Art der Kneipe, einem Irish Pub. Das Stammpublikum einer typischen Kneipe charakterisiert die Rockband Böhse Onkelz aus Frankfurt am Main als „schwerstens tätowiert“, „immer einen sitzen, ganz egal was auch passiert“. Kneipen, das wird klar, sind Orte des alltäglichen Lebens und der Kultur in Deutschland und vielen anderen Ländern.

Doch erleben wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten ein Kneipensterben, das mittlerweile zu einem geflügelten Wort geworden ist. Warum ist das so und gibt es noch lebensrettende Maßnahmen?

Dritte, Zweite und Erste Orte und Kneipen

1989 stellte der Soziologe Ray Oldenburg in seinem Buch The Great Good Place das Konzept der sogenannten Dritten Orte vor. Das Familienleben teilte er dabei in einen Ersten und das Arbeitsleben in einen Zweiten Ort ein. Dritte Orte lägen auf neutralem Grund, stehen allen Bevölkerungsschichten offen, soziale Unterschiede würden abgeschwächt, Konversationen seien erwünscht und es gäbe Stammgäste. Das Konzept ist nicht unstrittig, doch weitgehend anerkannt in der Soziologie.

In der Tat lässt sich damit gut die Bedeutung der Kneipe für viele Menschen erklären. Richtige Eckkneipen erfüllen die oben genannten Charakteristika. Dritte Orte waren auch stets Orte mit besonderen sozialen Regeln und somit Orte besonderer Freiheiten. So war es in den Kaffeehäusern des alten Konstantinopel eine Besonderheit, dass Muslime, Juden und Christen gemeinsam diskutierten, aus den Kneipen Bayerns erwuchs 1844 der volkszörnige Bieraufstand und der Geist der Französischen Revolution wurden in den Pariser Cafés geboren. Dritte Orte entstehen aus der Gesellschaft und in der Gesellschaft. Sie sind dadurch auch Orte einer bestimmten Klasse – der Werktätigen. Und für sie sind sie ganz essentiell, denn sie sind Orte des Soziallebens und dienen der Ablenkung – von der Arbeit, vom „Privatleben“ und vor allem von der globalen Lage. Da verwundert es nicht, dass vor allem seit der Corona-Krise immer mehr junge Menschen in die Kneipen der Republik strömen – sofern sie noch da sind. Denn nie zuvor war die Jugend mehr unter Beschuss: Kahlschlag des Sozialstaates, Aufrüstung und Wehrpflicht, Medienzensur und Genozid legen einen Schatten über die unbeschwerten Jahre der jugendlichen Rebellion.

Kneipen entstanden aus den konkreten Bedürfnissen der Arbeiter:innen im 19. Jahrhundert nach Ablenkung und Sozialleben. Die Lokomotive des Fortschritts riss über Nacht ganze Generationen von den Feldern und schleuderte sie in die düsteren Städte der Moderne. Harte Arbeit zu schlechten Bedingungen, wenig Freizeit, miserable Wohnverhältnisse, schlechte Gesundheitsversorgung und Krankheiten bestimmten die kurzen Leben der Arbeiter:innen. Die seltenen Orte der Erholung und spätere Keimzellen der Arbeiterbewegung: Kneipen.

No Time to Die

Doch was, wenn die „Kneipe weg“ ist? Unzählige Beispiele der letzten Jahre lassen sich hier nennen. Mehr als 3.000 Eckkneipen verlor Berlin seit 1994, ein Viertel der Kneipen der Republik schlossen allein wegen der Corona-Krise.

So betrauerte die aktive Fanszene des Bundesligavereins 1. FC Union Berlin in ihrem Infoblatt „Wald-Seite“ vom 28.09.2025 das Village in Karlshorst, das erst vor wenigen Monaten aus wirtschaftlichen Gründen schließen musste. Das Höher’s Eck war eine Kneipe mit über hundertjähriger Tradition, die in Prenzlauer Berg von zugezogenen Anwohner:innen weggentrifiziert wurde, die über Lärmbeschwerden eine Kündigung herbeiführten.

Häufig wird als Begründung für das Kneipensterben die schwindende Besucherzahl angeführt. Das stimmt zum Teil. Die individualistische und digitale Gesellschaft strebt nach neuen Orten des Rückzugs, der Ablenkung und des Soziallebens. Kneipen weichen Bars oder Clubs, Cafés oder Vintage Stores (wie es Motuz besingt).

Viel relevanter jedoch: Die Mieten steigen auch für die Kneipen und alte Mietverträge werden vielerorts aufgekündigt. Die Konkurrenz zu modernen Franchise-Unternehmen, die Café-Ketten, Burgerläden und Imbisse betreiben und die Konkurrenz zur digitalen Welt treiben Kneipen in den Ruin. Eine Kneipe, das ist kein Goldesel, das ist ein Herzensprojekt und im schlimmsten Fall: Ein Krötenschlucker.

Beispielhaft lässt sich diese Entwicklung am Berliner Osten nachvollziehen. Hier waren in allen Vierteln einst viele Kneipen ansässig, in der DDR wurden sie sogar staatlich gefördert. Doch spätestens mit dem Herausbilden der gentrifizierten Szenebezirke Prenzlauer Berg und Friedrichshain hat das Kneipensterben in den weiter östlicheren Bezirken richtig an Fahrt aufgenommen. Denn: Wer fährt schon nach Biesdorf in die Kneipe, wenn sich in Friedrichshain Club an Club reiht – und gleichermaßen: Wer bleibt in Karlshorst, wenn in Prenzlauer Berg die Stimmung überkocht?

Schlimmer noch trifft diese Entwicklung die ländlichen Regionen, wo das Sterben der Dorfkneipe in stärkerem Maße noch das Sterben des Dorflebens bedeutet. Hier reiht sich eben nicht Kneipe an Kneipe und schließt die eine, geht man zur nächsten. Wenn hier die Rollläden für immer auf’s Trottoir knallen, stirbt die Kultur. Doch jene Notlage macht erfinderisch und schreibt in Falkensee, Brandenburg, ihre ganz eigene Geschichte. Hier kam ausgerechnet ein CDU-Mann auf die Idee eine Genossenschaft zu gründen, um den Ort wieder mit einer Kneipe zu versorgen. „Der große Vorteil ist, wir müssen keinen Gewinn erwirtschaften“, sagt der Stadtverordnete Sven Steller. In Oranienburg entscheidet sich der Brandenburger Adrian Wittstock in kurzer Zeit für die Übernahme der Altstadtklause, die kurz vor der dauerhaften Schließung stand und organisiert das nötige Geld über Crowdfunding – mit Erfolg.

Diese Episoden machen ebenso Hoffnung, wie die Neueröffnung des Höher’s Eck an anderer Stelle nur ein Jahr später 2024, oder die Übernahme der Eckkneipe Willy Bresch durch den 23-jährigen Tim Brandenburger 2025.

Es bleibt aber ungewiss, ob das Kneipensterben eine unaufhaltsame Tendenz ist, die benannten Maßnahmen nur lebensverlängernde, keine lebensrettenden darstellen, oder ob die kleine Kneipe in unserer Straße einmal wieder zum sozialen Treffpunkt der Nachbarschaft wird. Eine gefährliche Tendenz ist das Verschwinden von Dritten Orten allemal. Denn wenn Dritte Orte verschwinden, verschwinden Orte der Begegnung, der Freiheit und der Gesellschaft.

Kommentare

Falls ihr uns einen Leserbrief schreiben wollt, könnt ihr das gerne per E-Mail tun. Wir veröffentlichen Leserbriefe nach redaktioneller Prüfung an dieser Stelle. Unsere E-Mail-Adresse samt zugehörigem PGP-Schlüssel findet ihr hier.