Warum wir am 19. Februar in ganz Deutschland zum Antirassistischen Kampftag aufrufen
Die Demonstration zum Antirassistischen Kampftag am 19.02. wird deutschlandweit von migrantischen Menschen organisiert, für die der mörderische Alltagsrassismus zum Normalzustand geworden ist. Menschen, die verstanden haben, dass jeglicher Appel an Olaf-„Wir müssen im großen Stil abschieben“-Scholz und Friedrich-„Kleine Paschas“-Merz vergebens ist. In einem Land, in dem Proteste aus Solidarität mit Palästina brutal von der Polizei niedergeprügelt werden und gleichzeitig die Neugründung der AfD-Jugendorganisation in Gießen mit Polizeischutz begleitet wird, wollen wir uns nicht integrieren.
Wir lassen uns nicht für eine Diversitätsquote instrumentalisieren und halten auch nicht her für zu Tränen rührende Aufstiegsmärchen. Wir verstehen, woher der Rassismus, die Armut und Ungerechtigkeit herrühren und sehen unsere Biografien auch nicht isoliert voneinander. Unsere Biografien sind mehr als Geschichten. Sie sind Zeugnisse dieses rassistischen Normalzustandes, der Hanau möglich gemacht hat. Sie erzählen von Kriminalisierung und Verdrängung, aber auch von Durchhaltevermögen und Widerstand, der sich über Generationen hinweg zieht.
Selma und Samira sind beide Teil der Strukturen, die die Demonstrationen am 19. Februar seit Jahren organisieren und teilen hier persönliche Erinnerungen, und warum auch sie am Antirassistischen Kampftag 2026 auf die Straße gehen werden. In diesem Jahr führt die Route der Demonstration erstmals durch den Berliner Stadtteil Wedding.
Die Namen wurden zum Schutz der Personen geändert.
Vor sechs Jahren hat ein Faschist aus rassistischen Vernichtungsfantasien neun Menschen in Hanau erschossen. Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Kalojan Velkov. Am 16. Januar 2026 verstarb Ibrahim Akkuş an den Folgen des Attentats. Der Täter drückte ab – doch geladen wurde die Waffe von der deutschen Gesellschaft, rassistischer Medienhetze und der menschenverachtenden Politik der letzten Jahrzehnte. Auch nach Hanau haben sie nicht aufgehört, den Nährboden für rassistische Morde zu schaffen.
Trotzdem begegnet uns tagtäglich ein Narrativ, bei dem jemand anderes auf der Täterseite steht: In der Zeitung, im Bundestag und auf Social-Media wird behauptet der Störfaktor, die Quelle der Gefahr, seien wir Migranten. Die Großfamilie wird zum Clan, das Schwimmbad zum Schauplatz für Massenprügeleien und unsere gemeinschaftliche Nachbarschaft zur Parallelgesellschaft. An jeder Stelle wird klar gemacht: Unsere Viertel sollen herhalten für ihre rassistische Hetze, für ihre feindseligen Auslöschungsfantasien und Migrationspropaganda. Unsere Leute sollen herhalten, um, wie immer, still zu bleiben, dankbar zu sein, gehorsam zu sein. Und die Arbeit zu übernehmen, die ihnen zu schmutzig, zu hart und schlecht bezahlt ist.

SELMA
Meine Mama ist Weddingerin in der dritten Generation, mein Babo kommt aus dem ehemaligen Jugoslawien und war lange als „staatenlos“ in Berlin, viel Reisen konnten wir deshalb nicht: Das Ausländeramt hat Probleme gemacht, aber in den Sommerferien haben wir immer versucht, dass mein Babo ein Visum bekommt, damit wir unsere Familie besuchen können. Ich wollte die Welt auch außerhalb vom Wedding kennenlernen, aber es war für uns kaum möglich, weil das Geld kaum gereicht hat und wir das Land nicht verlassen konnten.
Im Wedding bin ich in einer Platte groß geworden und habe sehr viel draußen auf dem Hof gespielt, bis meine Mama mich, wenn es dunkel wurde, aus dem Fenster rein gerufen hat. Ich habe mich dort immer zuhause gefühlt, der etwas gröbere Ton und die ein oder andere Raufereien mit Jungs auf dem Hof gehörte für mich in der Kindheit dazu, auch wenn ich genervt davon war. Wir kannten alle Nachbar:innen und die Familien sehr gut. Niemand hat bei Problemen die Polizei gerufen, alles wurde untereinander geklärt. Meine Kindheit war geprägt von Gemeinschaft. Das erste Mal „Anders“ habe ich mich gefühlt, als ich in Pankow aufs Gymnasium gewechselt bin. Obwohl ich nur zur Hälfte migrantisch bin, bin ich aufgefallen. Ich war „die Weddingerin“, die, die Geld vom Jobcenter bekam, die mit dem komischen Namen, die aus dem Ghetto. Meine Deutschlehrerin meinte zu mir, ich schreibe zu sehr wie von der Straße und meine Klassenkameraden wollten nie nach der Schule zu mir nachhause kommen, weil es zu gefährlich wäre. Dabei dachte ich mir damals: „Aber ich kenn die doch alle hier, ich bin mit denen groß geworden, warum sollte es gefährlich sein?“
Was in den Nachrichten nie gezeigt wird ist, woher das „Elend“ und die „Kriminalität“ kommen. Ja, ich habe die Jungs aus dem Block ticken sehen. Ich habe aber auch gesehen, dass ihre Mutter Krebs hat und sie am Existenzminimum waren. Dass der Vater seine Familie geschlagen hat und sie alle vom Krieg aus ihrer Heimat traumatisiert sind. Ich habe gesehen, dass der Junge es nebenbei nach der Schule gemacht hat und er keine andere Wahl gesehen hat.
Aus meiner Kindheit erinnere ich mich an eine Brandanschlagsserie bei uns in der Platte, bei der die Täter nie gefunden wurden. Aber hinter hervorgehaltener Hand haben die Nachbar:innen gemunkelt, dass es dieser eine zurückgezogene deutsche Nachbar gewesen ist. Nach fünf Jahren dann gab es einen großen SEK-Einsatz bei dem Nachbarn und es kam raus, dass er Teil von einem rechten Netzwerk war und Waffen in der Wohnung gelagert hat. Das war 1 Jahr vor Hanau.
Mit dem Antirassistischen Kampftag verbinde ich Kampf und Widerstand gegen die Gewalt an unseren Körpern. Der Antirassistische Kampftag bedeutet für mich Widerstand zu leisten, wenn meine kleine Schwester für die Bundeswehr eingezogen wird. Widerstand gegen einen Staat, der einen Scheiß auf uns und unser Leben gibt und der nur die Interessen des Profits vertritt.
Selma I., 21

SAMIRA
Ich bin Samira, eins von 12 Kindern einer libanesischen Großfamilie und – nein, wir sind kein Clan. Ich bin mit drei Jahren nach Berlin Moabit gezogen, damals haben wir zu dreizehnt in einer 3-Zimmer-Wohnung gelebt, bis wir dann sieben Jahre später nach Neukölln gezogen sind. Für uns war der Umzug eine Möglichkeit, bezahlbaren Wohnraum mit genug Platz für alle zu beziehen.
In Neukölln lebe ich nun 26 Jahre und in diesen 26 Jahren hat sich sehr viel getan. Die Gentrifizierung hat ihren Job gemacht. Die Nachbarschaft hat sich in den letzten Jahren extrem verändert. Aus einem vertrauten, bezahlbaren Ort wurde ein Ort, der heute leider nur noch sehr schwer ertragbar ist. Aus den kleinen Supermärkten mit Seele, dem sehr guten Restaurant um die Ecke und vielen anderen Läden im Kiez wurden seelenlose Hipstercafés. Die Community, die wir einst hatten, wurde immer fremder, die Freunde, mit denen ich zur Grundschule gegangen bin, sind nun weit an den Rand des Bezirks gedrängt und darüber hinaus.
Ich habe gestern noch mit einem Freund darüber gesprochen, wie wir früher auf dem Parkplatz von den Neuköllner Arcaden unsere Nachmittage verbracht haben, einem Ort der uns genug Raum gab, nicht im Strudel der Stadt zu versinken. Heute findet man da eine Hipster-Rooftop-Bar, in der man sich fremd und fehl am Platz fühlt. Neukölln, das immer als Parallelgesellschaft beschimpft wurde, war für uns alle Heimat, ein Ort, an dem man die Nachbarschaft kennt, einander hilft, gleiche Erfahrungen teilt mit einem System, dass uns alleine gelassen hat. Marode Schulen, kaputte Spielplätze, schlechte Luft und kaputte Straßen, für uns trotzden ein Zuhause. Heute ist diese Nachbarschaft seelenlos, Wohnraum nicht mehr bezahlbar, ständig Werbung von der AFD und der Bundeswehr im Briefkasten, Häuser marode und kaum noch bewohnbar und trotzdem zahlt man 1300 Euro für eine kleine 3- Zimmer Wohnung, in der der Schimmel mehr Lebensqualität hat als man selbst.
Mit „Wir atmen, also kämpfen wir“ verbinde ich so viel. Ich weiß, nur wir selbst können uns befreien aus einem System, das uns unterdrückt. Nur wir selbst können gegen die Vereinnahmung unser Selbst aufstehen und aktiv werden. Solange wir atmen, müssen wir kämpfen: Das sind wir unseren Geschwistern die hier in Deutschland, in Gaza, in Kurdistan und überall sonst auf der Welt schuldig. Weil wir alle leben in diesem System, das gegen uns hetzt und uns ausbeutet um die Gier der Mächtigen zu stillen. Wir können es, andere nicht mehr, weil sie getötet wurden.
Für mich ist der Antirassistische Kampftag eine Möglichkeit, meine Wut, meine Trauer, meinen Schmerz und Frust gebündelt auf die Straße zu bringen und einmal mehr zu zeigen, wir sind Viele und wir wollen so nicht weiter machen.
Samira R., 36
Am 19. Februar rufen wir als Bündnis zum Antirassistischen Kampftag zur Demonstration auf, um den Ermordeten zu gedenken. Denn Widerstand leisten bedeutet, gemeinsam zu trauern und aus unserer Trauer die Kraft zu bündeln, weiterzukämpfen.
Den Toten gedenken heißt, für die Lebenden zu kämpfen.
Demonstration zum Antirassistischen Kampftag in Berlin
19. Februar 2026, 18:00 Uhr, Leopoldplatz

