Am 19. Februar jährt sich der rechtsterroristische Anschlag von Hanau zum sechsten Mal. Vor fast sechs Jahren wurden in der hessischen Stadt Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov von einem Faschisten erschossen. Der Überlebende Ibrahim Akkuş verstarb am 10. Januar diesen Jahres im Alter von 70 Jahren an den Folgen der Verletzungen, die ihm der Täter bei dem Anschlag zufügte. In Berlin ruft die Gruppe Migrantifa anlässlich des Jahrestages daher zum antirassistischen Kampftag auf. Gegenwind hat sich mit Yara Houriya und Tuya Dorj zum Interview getroffen: Wofür steht migrantischer Antifaschismus heute?
Mina Teske (Gegenwind): Der Anschlag in Hanau ist jetzt fast sechs Jahre her. An dem System, das ihn hervorgebracht hat, hat sich nicht viel geändert. Der Ton ist aber um einiges rauer geworden. Gegen was kämpft ihr als Migrantifa heute genau? Und wofür?
Yara Houriya (Migrantifa): Der Täter von Hanau ist ja nicht morgens aufgewacht und dachte sich „Hey, heute möchte ich mal Menschen erschießen“, sondern das hat ja viel Vorfeld. Durch Medien, durch die Art, wie unsere Politik gestaltet ist. Gegen dieses rassistische System, diese rassistischen Normen, also diesen Normalzustand kämpfen wir. Wir kämpfen dafür, dass so etwas nicht mehr passieren kann. Und der Tag ist natürlich auch ein Moment, in dem wir sagen, wir wollen uns zusammenfinden, organisieren, zusammen auf die Straße gehen und Widerstand leisten. Aus der Vereinzelung rauskommen.
Tuya Dorj (Migrantifa): Unser Motto dieses Jahr beim antirassistischen Kampftag ist „Solange wir atmen, kämpfen wir“. Und ich würde sagen, für was kämpfen wir? Auf jeden Fall eine gerechtere Welt. Dafür, dass es eine Bewegung von unten gibt, aus der Arbeiterklasse heraus. Wir sehen auch, dass der Staat und das System uns nicht schützen. Dieser Nährboden wird nach wie vor geschaffen und auch weiter aufrechterhalten. Das führt dazu, dass sich eben nichts ändern kann. Und das ist auch genauso vom Staat gewollt. Deswegen brauchen wir diese Bewegung von unten, bei der wir uns auf keine der Parteien im Parlament verlassen können.
Ihr habt von Beginn an das Hanau Gedenken organisiert. Und jetzt seid ihr dazu übergegangen, am Tag des Gedenkens den antirassistischen Kampftag auszurichten. Wie kam es dazu?
YH: Hanau war natürlich unser Gründungsmoment, deswegen beziehen wir uns auch so stark darauf. Für viele von uns war das wie so ein Aufweckmoment des Schockes. Es gibt ein vor und ein nach Hanau in unserem Leben. Da haben wir gemerkt: der Staat schützt uns nicht. Wir müssen antirassistische Arbeit machen und wir wollen trauern. Aber dann war da auch ein zwischen zwei Stühlen stehen. Einerseits war Rassismus in der deutschen Linken eher ein Nebenthema. Es haben zum Beispiel migrantische Analysen von Ausbeutung gefehlt. Andererseits der liberale Antirassismus, der dann ganz krass rausgekommen ist mit Diversitätsworkshops und weiß ich nicht was. Nach dem Motto „Wir müssen alle nur so ein bisschen unsere Denke ändern“. Und da haben wir gesagt nein, das sind materielle Verhältnisse.
TD: Klar sagen wir zwar okay, uns war die Antifa in Deutschland 2020 in Richtung Antirassismus nicht stark genug aufgestellt. Wir wollten auch keine Diaspora-Politgruppe sein. Und gleichzeitig sehen wir aber unsere Wurzeln in diesen Bewegungen verankert. Heute arbeiten wir daran für migrantische Menschen einen Raum zu schaffen in dem sie sich politisch organisieren können.
Nach Hanau gab es einen relativ großen Aufschwung in Sachen Antirassismus, auch von liberalen Kräften. Das ändert sich aktuell wieder – ist Antirassismus als gesamtgesellschaftlicher politischer Trend vorbei?
YH: Es gab nach Hanau und in der Zeit dann ja auch der Black Lives Matter Bewegung nach der Ermordung von George Floyd, glaube ich, schon ein breiteres gesellschaftliches Interesse an dem Thema Rassismus. Mehr Menschen haben angefangen, sich auf verschiedenste Arten mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Und natürlich hatten wir da auch die Chance, mehr Menschen zu erreichen, die vorher nicht so politisiert waren. Heute sehen wir schon, dass dieses gesellschaftliche Interesse an Antirassismus auf jeden Fall zurückgegangen ist. Und natürlich gibt es da auch einfach Bewegungen dagegen, wenn zum Beispiel über Migrations- und Abschottungspolitik geredet wird.
Was ist denn eure Einschätzung zu den Brandmauer-Protesten?
YH: Für uns ist das Problem ja nicht nur die AfD. Diese Politik wird von fast allen Parteien durchgedrückt. Da ist es wichtig von diesem Parlamentarismus wegzukommen. Es geht darum zu erkennen: Wir müssen zusammen kämpfen, denn wir sind nicht frei, solange wir nicht alle frei sind. Wir sind nicht erst betroffen, wenn irgendwelche kranken AfD-Gesetze rauskommen. Es sind jetzt schon die Repressionen von der Polizei, die Aufrüstung, die neue Waffenfirmen in Arbeiter:innenvierteln. Dieses Bewusstsein zu schaffen ist einfach eine konstante Aufgabe.
TD: Letztes Jahr im Sommer wurde ja auch zum Beispiel sehr viel versucht, dieses Stadtbild wieder so positiv aufzuladen. Und das reicht eben nicht. Also man muss halt gucken: Okay, die Politiker, die diese Aussagen droppen, sind ja genau die Personen, die die migrantischen Menschen in Deutschland erst in diese Lage gebracht haben, überhaupt unter prekären Bedingungen zu leben. Und dann zu sagen „Nee, Stadtbild ist total bunt und divers und das ist total hip und cool“ bekämpft eben nicht die Ursache. Deshalb geht es uns auch darum unsere eigenen Kräfte zu mobilisieren.
Stichwort eigene Kräfte mobilisieren: Jetzt läuft die Demonstration zum antirassistischen Kampftag diesen Monat ja erstmalig durch den Wedding und nicht mehr durch Neukölln. Wieso?
TD: Wir sehen momentan in Deutschland wird an jeder Ecke aufgerüstet. Im Wedding wird zum Beispiel eine Rheinmetall Fabrik umgerüstet. In einem Kiez, der von vielen migrantischen Menschen bewohnt wird. Genau in unseren Kiezen, wie zum Beispiel auch in Köln Kalk, findet die Aufrüstung statt. Migrantische Menschen haben wenn es um Krieg geht und man dann an der Front sterben soll, anscheinend doch wieder Nutzen für Deutschland. Gleichzeitig haben wir da einfach gesagt: Okay, wir würden da gerne auch den Kiez und die Menschen vor Ort mitnehmen und eben anhand dieser aktuellen Situation mit der Rheinmetallfabrik auch die Menschen einladen, sich der Demonstration anzuschließen. Nicht nur Neukölln ist ein Kiez, wo viele migrantische Menschen leben und viel Repression wie auf den Palästinademos stattfindet. Auch im Wedding gibt es das genauso.
Die Klassenfrage ist natürlich zentral bei der Umrüstung von der Fabrik im Wedding. Welche Rolle spielen klassenkämpferische Positionen für eure Arbeit aktuell und wie trägt das zur Organisierung der Klasse an sich bei?
YH: Klassenkampf ist zentral bei uns. Wir verstehen Rassismus als Notwendigkeit dieses kapitalistischen Ausbeutungssystems. Wir begreifen uns als Klasse, die ausgebeutet wird. Migrantische Menschen werden darin noch mal anders ausgebeutet, es spielen andere Dynamiken mit. Wir wollen aber eben nicht einfach nur mehr migrantische Menschen in hohen Positionen, wir wollen keine Polizeichefin, die einen arabischen Namen hat oder so. Migrantifa heißt Klassenkampf, und deshalb geht es auch darum, migrantische Positionen, Geschichten und Besonderheiten der Ausbeutung sichtbarer zu machen. Und das trägt natürlich zur Organisierung der Klasse an sich bei.
TD: In der aktuellen Praxis bedeutet es für uns besonders in die Kieze reinzugehen. Kiezspaziergänge zu machen zum Beispiel, das haben wir im Wedding jetzt viel gemacht. Und auch im Neuköllner Stadtteilladen Rote Lilly, wo wir versuchen, explizit Veranstaltungen zu schaffen, die eben nicht nur für Menschen sind, die irgendwie schon politisiert und links sind. Und auch nicht nur für junge Menschen. Da geht es darum, eben wirklich in die Klasse und auch besonders in die migrantischen Teile der Klasse hineinzuwirken. Das Angebot zu schaffen, an politischen Aktionen teilzunehmen. Eben eine sehr niedrigschwellige Art, sich politisch zu informieren und auch zu organisieren.
Bewegungsgeschichtlich bezieht ihr euch ja auch auf die Antifa Gençlik. Das war vor der Jahrtausendwende eine der wichtigsten migrantischen antifaschistischen Gruppen in Berlin. Damals zu heute, was hat sich getan?
YH: Wir können natürlich sagen, dass wir uns auch in der Tradition von Antifa Gençlik sehen. Und natürlich sind wir nicht die ersten, die migrantischen Klassenkampf anführen. Es gab schon immer migrantische Arbeitskämpfe, wie zum Beispiel die Fordstreiks. Was wir in der linken Bewegung in den letzten Jahren sehr viel gemacht haben, ist internationalistische Perspektiven stark zu machen. Und da haben wir berlinweit auch viel geschafft. Den 1. Mai zum Beispiel, der früher sehr autonom geprägt war, sehen wir mittlerweile sehr internationalistisch auftreten.
Internationalistische Fragen sind aktuell auch Militarisierung, Faschisierung und Aufrüstung: Die Verhältnisse spitzen sich ziemlich zu. Worauf kommt es jetzt in der nächsten Zeit an?
TD: Im Zuge der Aufrüstung ist beispielsweise das neue Wehrdienstgesetz besonders auch ein Angriff auf migrantische Menschen. Diese Wehrpflicht trifft besonders diejenigen, die sich Verweigerung oder Ausweichmöglichkeiten nicht leisten können. Und das dann eben Standorte der Rüstungsindustrie wie im Wedding genau in diese migrantischen Viertel und Kieze gesetzt wird, bedeutet ja auch, dass im Kriegsfall diese Orte auch zu legitimen Zielen werden. Das ist nicht nur so, dass wir an die Front sollen, sondern unsere Kieze auch die sind, die es dann im Zweifelsfall als Erstes treffen würde. Die Sozialkürzungen bezahlen jetzt schon den Krieg und die Aufrüstung. Migrantisches Leben wird in Deutschland nicht geschützt und auch auf eine andere Art und Weise stärker vernachlässigt. Es kommt von allen Seiten und es ist alles miteinander verbunden. Die Bedrohungslage für migrantische Menschen wird einfach immer größer. Letztes Jahr wurden offiziell 16 Polizeimorde in Deutschland registriert, unter anderem auch aus rassistischen Motiven. Zum Beispiel wurden Lorenz und Qabel ermordet. Es geht wirklich auch um das Leben der Menschen. Es kann einfach nicht länger auf sich warten lassen, in Bewegung zu treten.
YH: Es gibt so viele Krisen grade, von Venezuela bis Iran, egal wohin wir schauen. Es wird sowohl nach außen als auch nach innen militarisiert. Dagegen zu halten, wie die Genossin schon sagte, Bewusstsein zu schaffen und sich dagegen zu organisieren ist die Aufgabe der nächsten Zeit. Wir gehen da mit Hoffnung rein. Also ich meine, wir sind organisiert, weil wir Hoffnung haben – und andersrum.
Demonstration zum Antirassistischen Kampftag in Berlin
19. Februar 2026, 18:00 Uhr, Leopoldplatz

