Epstein-Files, Teil 2: Waffendeals, Orgien und ein bisschen Mossad – Die frühen Jahre des ganz normalen Herrn Epstein

3,5 Millionen Datensätze sollen es sein, die von der Regierung der Vereinigten Staaten bis Ende Januar veröffentlicht wurden. Das sind wohl bei weitem nicht alle Epstein-Files, etwa sechs Millionen soll es geben. Auch in den veröffentlichten Datensätzen ist vieles geschwärzt und die Datenbank selbst ist beinahe unbewältigbar. Abertausende Dubletten und eine sehr eingeschränkte Suchfunktion machen es Journalisten oder Bürgern nicht leicht, in dem Berg von Material irgendetwas zu finden. Und dennoch: Allein das, was bisher bekannt ist und vorher schon bekannt war, zeichnet das Bild einer verrotteten Schicht aus Milliardären, Politkern und Prominenten, die sich weit jenseits der ethischen und juristischen Regeln von Normalsterblichen bewegt.

Wir haben uns in die Literatur zum Fall eingearbeitet und die zur Verfügung stehenden Daten durchforstet. In einer mehrteiligen Serie veröffentlichen wir einen kleinen Ausschnitt aus dem, was man in den Files über die Herrschenden dieser Welt erfahren kann. Der 1. Teil solltenoch nicht mit dem Fall vertrautenLeser:innen einen Überblick geben, worum es hier eigentlich geht. Der vorliegende 2. Teil erkundet das Milieu, in dem Jeffrey Epstein groß wurde – und arbeitet allgemeine Züge dieser Mischpoke heraus.

Allen Teilen wollen wir eine KLARE TRIGGERWARNUNG voranstellen. Es wird u.a. um sexualisierte Gewalt, Mord und Suizid gehen.

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Die Geschichte der Aufarbeitung des Menschenhandelsrings um Jeffrey Epstein ist eine der Cover Ups, der systematischen Verschleierung. Verschiedene US-Regierungen, unabhängig davon, ob es sich um Demokraten oder Republikaner handelte, zeigten wenig Interesse an Strafverfolgung und noch weniger Interesse daran, dass die Öffentlichkeit sich die Frage stellt, ob es sich hier um mehr handelt, als um einen einzelnen Kinderschänder, der im Geheimen agierte.

Nun kann man sich die Frage stellen: Was gibt es denn hier zu sehen, von dem die Mächtigen und Reichen so sehr wollen, dass es ungesehen bleibt? Die Antwort ist vielleicht weniger spektakulär, als man erwarten würde. Es ist nicht die eine, aufzudeckende Weltverschwörung. Es ist vielmehr die ganz alltägliche Normalität der Existenzweise einer zutiefst verrotteten Schicht von Milliardären, Politikern, Geheimdiensten und Weltstars, die im Regelfall unter einem Schleier von Geheimnistuerei und Glamour verborgen bleibt.

Das, was Epstein „auszeichnet“ – die Verfügungsgewalt über Frauen und Mädchen, dubiose und illegale Finanzgeschäfte, absolute Straf- und Rechenschaftslosigkeit, Kontakte zu Geheimdiensten, eine abscheuliche Überheblichkeit gegenüber den normalen Menschen -, hat seinen Grund nicht in der Verdorbenheit eines einzelnen Perversen. Es sind die Eigenschaften einer ganzen Klasse von Leuten, die im Bewusstsein leben, dass wir anderen Non Player Characters in einer Welt sind, die von ihnen regiert und gestaltet wird.

Waffendeals und Orgien

Um diese Oberschicht geht es in diesem zweiten Teil unserer Serie. Jeffrey Epstein erscheint nämlich, wenn wir uns sein Umfeld ansehen, keineswegs als Ausnahme, sondern als der Regelfall. Wie beim ersten Teil fangen wir auch hier wieder ganz vorne an. Bevor Jeffrey Epstein Experte für zwielichtige Finanztransaktionen und Kopf eines internationalen Menschenhandelsrings wurde, war er Lehrer an einer New Yorker Privatschule, der Dalton School. Wieso die doch recht renommierte Schule ihn eingestellt hat, bleibt rätselhaft. Ein schräger Zufall der Geschichte dagegen ist, wer ihn dort eingestellt hat: Donald Barr. Barr war nicht nur ehemaliger Geheimdienst-Offizier beim CIA-Vorgänger OSS, sondern auch Science-Fiction-Porno-Autor und zwar eines Machwerks, das die Vergewaltigung Minderjähriger, nebst anderer Dinge wie Folter, Versklavung und Mord ästhetisiert. Mehr noch: Er war der Vater des späteren Generalbundesanwalts William Barr, der unter Trump im Amt war, als Epstein verhaftet wurde und dann im Gefängnis unter ungeklärten Umständen starb.

Über den Vater einer Schülerin lernt Epstein dann Ace Greenberg kennen, der bei der US-Investmentbank Bear Sterns tätig ist. Epstein fälscht Zeugnisse und heuert dort an. Die Schummelei wird zwar später irgendwann bemerkt, bleibt aber ohne Konsequenzen. Er hat eine Anzahl von Affären und eine davon, Paula Heil, stellt ihm Anfang der 1980er Nick Leese vor. Der ist unwichtig. Aber sein Vater, Douglas Leese, genauer: Sir Douglas Leese, ist ein umtriebiger Waffenhändler. Leese nimmt Epstein unter seine Fittiche und so lernt er einen zweiten Waffenhändler kennen, der ebenfalls zu seinem Mentor wird: Den saudischen Milliardär Adnan Khashoggi.

Khashoggi war damals eine große Nummer im Geschäft mit dem Tod. US-Firmen wie Raython, Northrop, Boeing und Lockheed wickelten über ihn Deals mit Saudi-Arabien ab. Khashoggi war, wie es sich für einen aus dieser Branche gehört, in allerlei illegale Angelegenheiten verstrickt. Zu den Geschäftspraktiken des zeitweise reichsten Mann der Welt gehörten auch Frauen. Er selbst unterhielt sich einen Harem von „pleasure wifes“, die er teilweise Mode-Agenturen abkaufte. So zahlte er der Mode-Agentur des Vergewaltigers Gerard Marie bis zu 50 000 US-Dollar um einem Modell, Jill Dodd, vorgestellt zu werden, die dann Teil seiner Entourage wurde. Khashoggis Vorliebe für die Objektifizierung von Frauen erschöpfte sich aber nicht in der Befriedigung seiner eigenen Triebe. Er verwendete sie auch zur Anbahnung von Geschäften, sie verleihen dem Geschäftsumfeld „Schönheit und Aroma“, erklärte er einst dem TIME-Magazine. Bisweilen nutzte der Epstein-Mentor sie auch zur Informationsgewinnung: Er rekrutierte Prostituierte des iranischen Schahs zur Informationsgewinnung über Militärgeheimnisse.

Beide, Douglas Leese wie Adnan Kashoggi, waren im wesentlichen dafür da, dass Gelder an der Öffentlichkeit vorbei zur Finalisierung von Waffengeschäften geschleust wurden. Leese wurde schon im Rahmen des „Al-Yamamah-Deals“ im Zusammenhang mit Geheimzahlungen über Offshore-Konten genannt. Kashoggi wurde von westlichen Firmen dazu eingesetzt, Bestechungszahlungen an saudische Entscheidungsträger zu übermitteln – was er manchmal tat, manchmal aber auch unterließ, und sich die Kohle einfach einsteckte.

Beide Mentoren Epsteins operierten in einer Welt, in der „Legalität“ oder „Moralität“ schlichtweg keine Kriterien sind. Was zählt, ist Profit. Die Mittel zu dessen Erzielung – ob es sich um einen Harem, Erpressung durch Kompromat oder eine Offshore-Bank auf den Bermudas handelt – sind variabel. Dass Epstein in diesem Umfeld auch den Wert von Orgien und komprommitierendem Material lernte, ist durchaus wahrscheinlich. Kashoggis modus operandi war „seine Klienten mit seinem opulenten Lifestyle zu ködern“, erklärt der Biograph des saudischen Waffenhändlers. „Er gab ihnen alles, was sie wollten: Mädchen, Essen, Bargeld. Er hatte auf seinem Boot viele Veranstaltungen. Einige waren sehr formell, andere waren Orgien.“

Dubiose Finanzgeschäfte und Teenage-Girls

Kashoggi und Leese tauchen am Rande vieler der größten und zugleich schmutzigsten Waffendeals des 20. Jahrhunderts auf. Dazu gehörte natürlich die passende Finanzinfrastruktur. Man musste hohe Summen an Kontrollorganen (und Finanzämtern) vorbei schleusen können. Offshore-Banken und verschachtelte Kontenkonstruktionen sind in dieser Welt Standard.

Der junge Epstein nun, gerade erst von Bear Stearns in die Selbständigkeit entlassen, gründete eine Firma mit dem Namen „Intercontinental Assets Group (IAG)“. Was die genau tat, ist unklar, aber man kann es mit dem Journalisten Dylan Evans so zusammenfassen: „IAG scheint kein Vermögensverwaltungsunternehmen im herkömmlichen Sinne gewesen zu sein. Vielmehr deuten Einblicke in Epsteins Aktivitäten in dieser Zeit auf ein völlig anderes Milieu hin: internationale Schifffahrtsstreitigkeiten, Flugzeughandel, Passangelegenheiten und undurchsichtige Wiederbeschaffungen von „verlorenen“ oder „gestohlenen“ Vermögenswerten.“

Was konkret Epstein da gemacht hat, wird sich wohl nicht aufklären lassen. Aber Adnan Kashoggi wurde jedenfalls Anfang der 1980er-Jahre formell Kunde bei Epstein, wie die Journalistin Vicky Ward herausarbeitete. Kashoggi war übrigens auch Kunde bei jener berühmt-berüchtigten Bank, die als „Schattenbank der Schattenwelt“ in die Geschichte einging, der Bank of Credit and Commerce International (BCCI). Die diente Drogenkartellen, der CIA, Verbrechersyndikaten, korrupten Staatschefs und den nikaraguanischen Contras als Finanzinstitut des Vertrauens und gilt mit einigem Recht als kriminellste Bank des 20. Jahrhunderts, wobei sich dieser Ehrentitel bei Banken ja nie so leicht ausmachen lässt.

In einem US-Untersuchungsbericht zur BCCI findet sich auch folgendes Detail: „Neben dem Erbauen von Palästen und Urlaubsdomizilen kümmerte sich die BCCI auch um die privaten Angelegenheiten der Al-Nahayans“ – einer der Herrscherfamilien der Vereinigten Arabischen Emirate – „inklusive der Beschaffung von pakistanischen Prostituierten für die männlichen Familienmitglieder. Diese waren typischerweise Teenagerinnen, bekannt als ‚singende und tanzende Mädchen‘, die von einer Frau namens Begim Hashari Rahim ausgewählt und trainiert wurden, die später zur offiziellen Innendekorateurin der Königsfamilie Abu Dhabis befördert wurde.“ Ermittlern zufolge waren einige dieser Mädchen sehr jung und noch vor der Pubertät. Sie trugen Verletzungen durch ihre Misshandlung davon. Homosexuellen Mitgliedern der Herrscherfamilie wurden Jungen zugeführt.

In den aktuellen Veröffentlichungen der Epstein-Files befindet sich übrigens eine Email, in der ein zunächst nicht genannter Adressat von Epstein die Nachricht erhält: „Where are you? are you ok I loved the torture video.” Wie sich herausstellte, war der Empfänger ein Mitglied einer Herrscherfamilie der Emirate Sultan Ahmed bin Sulayem. Der pflegte eine enge Freundschaft mit Epstein, die den Austausch über explizit sexuelle Themen einschloss.

Mossad- und CIA-Connections

Ebenfalls in den 1980er-Jahren begann Jefrrey Epstein seine geschäftlichen Beziehungen zu Leslie Wexner, dem Multimilliardär und Eigentümer der Unterwäsche-Marke Victorias Secrets. Epstein hatte eine Generalvollmacht zur Verfügung über Wexners Vermögen. Was genau er damit machte, bleibt – jenseits von ein paar Selbstbereichungsdeals – auch schleierhaft. Die neuen Dokumente nennen Wexner als möglichen Mitverschwörer im Kinderhandelsring, angeklagt wurde er aber nie.

Wexner steht allerdings nicht nur für Unterwäsche. Er zählt zu einer Cllique von Milliardären, die ein besonders enges Verhältnis zu Israel hegen. Das hat er mit den bisherigen Bekanntschaften Epsteins gemein. Ghislain Maxwells Vater pflegte enge Verbindungen zum Mossad und erhielt nach seinem mysteriösen Ableben ein hochrangig besuchtes Ehrenbegräbnis auf dem Ölberg in Jerusalem. Adnan Kashoggi arbeitete immer wieder mit dem Mossad zusammen und war ein strategischer Kontakt Israels in die arabische Welt.

Wexner nun gründete zusammen mit Samuel Bronfman die MEGA-Group, eine pro-israelische Lobbyorganisation. Bronfman ist der Ahnherr einer zionistischen Milliardärsdynastie, die ihren Reichtum dem Alkoholhandel während der Prohibition verdankt. Als skurriler Randfakt sei vermerkt, dass auch eine der Bronfman-Erbinnen, Clare Bronfman, im Umfeld eines Falles von Menschenhandel und sexueller Versklavung von Frauen verurteilt wurde – allerdings in einem mit Epstein, soweit man weiß, nicht verbundenen Fall. Die Bronfmans nun sind über viele Jahrzehnte Geldgeber Israels gewesen, vor der Staatsgründung spielten sie eine Rolle beim Waffenschmuggel an die paramilitärische Haganah. Mit den Bronfmans hielt Epstein den neuen Veröffentlichungen zufolge auch noch lange nach seiner Verurteilung wegen Prostitution Minderjähriger Kontakt.

Eine kleine Side-story zu den Bronfmans sei erwähnt: Der Ex-Frau Matthew Bronfmans – Lisa Belzberg – wurde einmal eine Affäre mit Bill Clinton – ebenfalls tief im Epstein-Sumpf verankert – nachgesagt. Daraufhin schrieb Ghislain Maxwell an eine mit Clinton assoziierte Mail-Adresse, dass sie „sorry about the Belzberg stuff“ sei und scherzte, wenn die Presse mal bei ihr nachfrage, würde sie zu Protokoll geben, dass der Empfänger der Nachricht „ein super Hengst“ und „behangen wie ein Pferd“ sei. Clinton betont, nie in sexuelle Angelegenheiten mit Epstein oder seiner Komplizin involviert gewesen zu sein.

Zurück zum Wichtigen: Wexners und Bronfmans MEGA-Group fungierten nicht nur als Spender- und Lobbyorganisationen für Israel, sondern übernahmen – wie die Journalistin Whitney Webb rekonstruierte – wahrscheinlich auch geheimdienstliche Aufgaben für den Mossad.

Ob Epstein selbst mit dem Mossad zu tun hatte, ist eigentlich keine Frage, die verneint werden kann. Man kann sicher bezweifeln, dass er da formell angestellt war, aber er übernahm Dienste in einem Netzwerk, dass an den Mossad (und gelegentlich die CIA) angebunden war. Dokumentiert ist zudem, wie er für seinen engen Freund Ehud Barak, ehemaliger Ministerpräsident Israels, Fixer-Aufgaben übernahm. Dokumentiert ist auch, dass mindestens ein hochrangiger israelischer Spion zeitweise in Epsteins Immobilien unterkam. Und es gibt die Aussage des ehemaligen Mossad-Agenten Ari Ben-Menashe, der zu Protokoll gab: „Epstein gehörte zum Geheimdienst. Er betrieb eine klassische Honeytrap-Operation. Und ja, der Mossad war dabei.“

Wie auch immer man diese Aussagen bewertet, klar dürfte sein: Epstein war Teil eines Milieus, in dem sich Großkapital, Politik, organisierte Kriminalität und Geheimdienst die Klinke in die Hand geben. Und klar ist auch: Epsteins Menschenhandelsring war keine von diesem Milieu zu trennende Privatschrulle.

Follow the Flugzeug: Iran-Contra

Zwischen Herbst 1985 und Ende 1986 wurden 2.515 TOW-Systeme sowie 258 HAWK-Systeme illegal von den USA in den Iran verkauft – teilweise über Israel. Das Geld aus dem Erlös verwendete die USA zur ebenfalls illegalen Finanzierung rechter Paramilitärs in Nicaragua, den sogenannten Contras. Diese kämpften gegen die legitime, linke Regierung Nicaraguas – die Sandinisten – und begangen dabei zahllose Menschenrechtsverbrechen. Zugleich finanzierten sie diesen konterrevolutionären Kampf mit dem Kokainhandel in die USA, abgewickelt über die Bank of Commerce and Credit International, BCII, die wir oben bereits kennengelernt hatten. Mittendrin in der Geschichte: Adnan Kashoggi. Und: Ehud Barak, während der Planungsphase des Verbrechens Chef des israelischen Militärgeheimdienstes AMAN. Und zumindest wenn man der 1992 erschienenen Autobiographie eben jenes Ari Ben-Menashe, der Epstein als Mossad-Asset identifizierte und selbst in die Iran-Contra-Affäre verwickelt war, Glauben schenken will, war auch Robert Maxwell, Ghislain Maxwells Vater, Teil der verwickelten Finanztransaktionen rund um den Waffendeal. Stanley Pottinger übrigens, zeitweise Business-Partner und Mitbewohner Epsteins in New York, geriet im Umfeld der Iran-Contra-Affäre selbst ins Visier des FBI, weil er seinen Klienten, den iranischen Waffenhändler Cyrus Hashemi, in abgehörten Gesprächen über die Möglichkeit der illegalen Beschaffung militärischer Güter beraten hat.

Die Waffentransporte von den USA nach Israel und zurück mit Waffen für die Contras nach Nikaragua wurden von einer Cargo-Airline namens Southern Air Transport (SAT) ausgeführt. Die gehörte zeitweise direkt der CIA. Am 5. Oktober 1986 wurde eine dieser Maschinen von den Sandinisten abgeschossen und der einzige Überlebende, Eugene Hasenfus, brachte die Affäre an die Öffentlichkeit.

Southern Air Transport wechselte nach der ganzen Geschichte das Tätigkeitsfeld. Das Unternehmen wurde umgesiedelt und flog jetzt Warentransporte. Für wen? Für Leslie Wexner. SAT transportierte nun Unterwäsche aus asiatischen Fabriken für das Imperium des zionistischen Milliardärs. Und das Mastermind hinter der ganzen Abwicklung war Jeffrey Epstein als Generalbevollmächtigter Wexners.

Straflosigkeit garantiert

Wir können jetzt zur Eingangsfrage zurückkommen: Warum machen sich verschiedene US-Regierungen eine derartig große Mühe, alles rund um den Kinderschänder Epstein zu vertuschen? Die Antwort ist ganz einfach: Diese Netzwerke erstrecken sich über weite Teile der herrschenden Klasse. Man kann nur schwer einen Teil davon zum Einsturz bringen, ohne dass das ganze Kartenhaus wackelt. Sieht man sich die Biographien der Kashoggis, der Bronfmans, der Leese und Wexners an, so fällt vor allem auf: nie muss jemand ernsthafte Konsequenzen fürchten.

Wenn mal einer über die Stränge schlägt und es gar nicht mehr zu vermeiden ist, treten symbolische Strafen ein. Adnan Kashoggi zum Beispiel saß einmal kurz in der Schweiz ein. Dort, in Haft, verfügte er über einen Diener und ließ sich seine Mahlzeiten aus dem Schweizerhof anliefern. Nach seiner Auslieferung in die USA – es ging um Unterschlagungen des philippinischen Diktators Ferdinand Marcos – wurde er freigesprochen.

In der gesamten Iran-Contra-Affäre, einem über Jahrzehnte breit diskutierten Skandal, gab es keine nennenswerte Haftstrafe. Der im Zentrum der Affäre stehende – ohnehin schon nur mittelranginge – Beamte Oliver North vernichtete zwar nachweislich Beweise, wurde aber wegen eines „Verfahrensfehlers“ freigesprochen und später zum Präsidenten der einflussreichen National Rifle Association (NRA) gemacht. Es wurden zwar auch noch andere Beteiligte rechtskräftigt verurteilt, aber sie erhielten Bewährungsstrafen oder präsidentielle Begnadigungen.

Epsteins eigener Deal, den ihm Alexander Acosta – später Minister unter Trump – 2008 schenkte, als er das erste Mal wegen Prostitution Minderjähriger und Menschenhandel ins Visier der Behörden geriet, geht in dieselbe Richtung. Und Ghislain Maxwell sitzt heute in einem Wohlfühl-“Gefängnis“, dem Federal Prison Camp in Bryan, Texas, für das sie eigentlich als Sexualstraftäterin gar nicht in Frage kommen sollte. Yoga und Softball-Kurs inklusive.

Diese Straflosigkeit muss nicht immer mit Kompromat aus Kinderschänderei zu tun haben. Sie ist die Normalität in einer herrschenden Klasse, in der jeder von den Verbrechen des anderen weiß. Kriegsverbrechen, Finanzverbrechen oder eben auch sexualisierte Gewalt. Nur im Ausnahmefall verspielt sich ein Mitglied dieses Clubs das Recht auf Straflosigkeit. Die Normalität ist dagegen, alles geht – für den Profit. Die Justiz und ihre Gesetze, die braucht man für das Fußvolk. Oben gelten andere Regeln.

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