Drill, baby, drill!

Nach dem Krieg ist vor dem Ausverkauf

„Wo Chevron hingeht, geht auch Amerika hin.“ So kommentierte der US-amerikanische Sonderbeauftrage für Syrien, Tom Barrack, eine am 4. Februar zwischen Syriens staatlicher Ölgesellschaft, dem katarischen Unternehmen Power International Holding und dem nordamerikanischen Öl- und Gasriesen Chevron unterzeichnete Absichtserklärung zur Ausweitung der Zusammenarbeit in der Förderung fossiler Energieträger. Im Verbund mit den beiden mittelöstlichen Partnern will der milliardenschwere Energiekonzern die Möglichkeiten der Öl- und Gasförderung in den bisher noch unerschlossenen Unterseespeichern vor der syrischen Mittelmeerküste prüfen. Doch das US-Unternehmen, das nach Barrack „Amerikas größter Fußabdruck auf er Welt“ sei, ist bei Weitem nicht der einzige Interessent an den reichen Energievorkommen und lukrativen Invenstitionsmöglichkeiten des kriegsgebeutelten Landes. Seit dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 ist ein regelrechter Rush ausländischen Kapitals auf den syrischen Markt losgebrochen. Zahlreiche regionale und internationale Akteure konkurrieren um die besten Anteile beim Ausverkauf der durch jahrelange Sanktionen ausbleibende Investitionen und Kriegszerstörungen mürbe gemachten syrischen Wirtschaft.

Als der neuernannte syrische Außenminister Asaad al-Schaibani im Januar vergangenen Jahres dem alljährlich im beschaulichen Schweizer Alpenidyll Davos stattfindenden World Economic Forum seinen Besuch abstattete, machte der ehemalige Dschihadist kein Geheimnis aus der zukünftigen Wirtschaftspolitik seiner Regierung. Al-Schaibani, seines Zeichens Gründungsmitglied des syrischen Al-Qaida Ablegers der Al-Nusra Front, welche heute unter dem Namen Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) die Regierungsgewalt in Damaskus an sich gerissen hat, versprach bei dem Stelldichein der Reichen und Mächtigen dieser Welt lukrative Investitionsmöglichkeiten. Der Topdiplomat, der bereits 2017 Kampfmontur gegen Anzug und Krawatte getauscht hatte, warb für die „vielfältig[en] wirtschaftlichen Ressourcen“ seines Landes und versprach „den Weg für ausländische Investitionen zu ebnen”. Das Wirtschaftsmagazin Financial Times zitierte den syrischen Außenminister, dass es nun darum ginge „den Sozialismus der Assad-Ära abzuschaffen“. Die noch unter staatlicher Kontrolle verbliebenen Wirtschaftszweige sollen privatisiert, die vorher abgeschottete Wirtschaft für ausländisches Kapital geöffnet werden. Auch im Bereich der Infrastruktur solle geprüft werden, wie durch öffentlich-private Joint-Ventures und Partnerschaften Investitionen in Flughäfen, Eisenbahnen und Straßen gefördert werden können. Die größte Herausforderung bestünde aber darin, Käufer für die vielen im Verfall begriffenen Unternehmen des Landes zu finden. 

Der syrische Bürgerkrieg als Verteilungskampf

Was oft in der Berichterstattung über den syrischen Konflikt in den Hintergrund tritt, ist, dass dieser Krieg vom ersten Tag auch ein Verteilungskampf zwischen verschiedenen regionalen und globalen Kapitalfraktionen, undurchsichtigen mafiösen Familienstrukturen, Milizen, privaten Söldnerfirmen, Nachrichtendiensten und anderen Akteuren war. Dabei trat in den vergangenen Jahren vor allem die Frage der fossilen Energieträger in den Vordergrund. Die Ölförderung spielte schon vor dem syrischen Bürgerkrieg eine bedeutende Rolle für die Wirtschaft des Landes. So produzierte Syrien vor 2011 Berichten zufolge 400 000 Barrel Öl pro Tag. Öl machte den Großteil der Exporte des Landes aus und erwirtschaftete mehr als ein Fünftel des syrischen BIP. Doch der Krieg führte zu einem fast vollständigen Stillstand der Produktion. Im Jahr 2023 wurde das Volumen der landesweiten Produktion auf lediglich 40 000 Barrel pro Tag geschätzt. Nachdem das mehrheitlich kurdisch-arabische Militärbündnis der Demokratischen Kräfte Syriens, kurz SDF, im Jahr 2018 und 2019 die ölreichen Regionen im Osten Syriens von der Herrschaft des Islamisischen Staates befreite, wurde das schwarze Gold nicht nur zum ständigen Zankapfel zwischen dem Assad-Regime und der Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens, sondern auch zum internationalen Politikum. 

Lange Jahre hielt sich auch in deutschsprachigen antiimperialistischen Kreisen der zähe Mythos, dass „die Kurden“ im Auftrag der amerikanischen Besatzungsmacht, Syriens Öl „klauen“ und an US-amerikanische Firmen verscherbeln würden. Ein Vorwurf der von Seiten der Selbstverwaltung stets abgestritten wurde. Manche Beobachter des politischen Zeitgeschehens gingen sogar soweit, den SDF zu unterstellen, sie hätten den Kampf gegen die islamistischen Halsabschneiderbanden, welche mehrfach die Existenz des basisdemokratischen Projektes im Norden des Landes bedrohten, nur geführt, um die Kassen ihrer US-amerikanischen Auftraggeber zu füllen. Die SDF seien nichts weiter als eine Proxy-Kraft des US-amerikanischen Imperialismus, die fünfte Kolonne der westlichen Intervention; in Bewegung gesetzt, um Assads Öl zu rauben – so der Tenor, mancher Berichte aus den vergangenen Jahren.

Ölfeld in Syrien

Verstärkt wurden diese Behauptungen, welche in den meisten Fällen jeglicher lokaler Quelle mangelten, durch die Aussagen des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump im Spätherbst 2019. Nachdem Trump im Oktober 2019, durch den Rückzug der US-Armee den Weg für eine türkische Invasion im syrisch-türkischen Grenzgebiet geebnet hatte, beschloss er nur wenige Wochen danach, dass es doch sinnvoll wäre, eine begrenzte militärische Präsenz in Syrien aufrecht zu erhalten. „Wir behalten das Öl. Wir haben das Öl. Das Öl ist sicher. Wir haben nur wegen des Öls Truppen zurückgelassen,“ rechtfertigte der US-amerikanische Multimilliardär den erneuten Militäreinsatz vor der amerikanischen Öffentlichkeit. Tatsächlich „hatten“ die USA, das Öl in Nordsyrien nie. Auch wenn man in den vergangenen Jahren immer wieder verirrt wirkende amerikanische Panzerwägen zwischen den Ölpumpen in den weiten Ebenen Nordsyriens erspähen konnte, lag die Kontrolle über die Förderung und den Verkauf des Öls bis zuletzt in der Hand der Selbstverwaltung. Die 2012 im Zuge des syrischen Bürgerkriegs zuerst in den mehrheitlich kurdischen Gebieten errichtete de facto Autonomieregierung nutze die Erträge des Ölverkaufs um die Beamten ihrer öffentlichen Verwaltung zu bezahlen, das Bildungs- und Gesundheitssystem der am Höhepunkt bis zu fünf Millionen Menschen umfassenden Region zu finanzieren und zur Besoldung ihrer zehntausenden Soldatinnen und Soldaten sowie Sicherheitskräfte, welche in den Reihen der Demokratischen Kräfte Syriens und der lokalen städtischen Polizeieinheiten ihren Dienst verrichteten. Unter enormen Schwierigkeiten versuchte die Selbstverwaltung in den vergangenen Jahren ihrem Anspruch einer am Gemeinwohl orientieren Wirtschaftsweise zumindest in Teilen gerecht zu werden, monopolisierte die natürlichen Ressourcen, sowie die Energieversorgung der Region und nutzte die Einkünfte, um Grundbedürfnisse wie Brot, Heizmittel, sowie Kochgas zu subventionieren und konnte damit in den widrigen Umständen von Krieg und Embargo die Grundversorgung der Bevölkerung sicherstellen. Von dem Verkauf des Öls dürfte sich also kein US-amerikanischer Ölmagnat eine goldene Nase verdient haben. Das scheinen sie nun nachzuholen wollen. 

Der Ausverkauf beginnt

In Anbetracht der Tatsache, dass Schaibani bereits im Januar 2025, in einer „Alles-muss-raus“-Manier, die Wirtschaft seines Landes zum Verkauf feil geboten hat, scheint der Tag nun gekommen zu sein, an dem die tatsächliche Plünderung gerade erst anfängt. Dabei sitzen neben US-amerikanischen vor allem das türkische Kapital, sowie Konzerne aus den Golfmonarchien in erster Reihe am Tisch. Bereits im Mai 2025 wurde ein sieben Milliarden schwerer Deal zwischen der katarischen UCC Holding, einer Tochtergesellschaft von Power International Holding, der türkischen Energiekonzerne Cengiz Energy und Kalyon Energy und der US-amerikanischen Investmentfirma Power International USA unterzeichnet. Nach dem Deal, bei dem es um unterschiedliche Investitionen im Energiesektor geht, sicherte sich dann im August ein Konsortium aus türkischen, amerikanischen und katarischen Firmen die Konzessionen für den Ausbau des Damaszener Flughafens. Das vier Milliarden schwere Investmentprojekt soll dem Flughafen zu einer jährlichen Kapazität von 31 Millionen Passagieren verhelfen. Den Zuschlag für das zwei Milliarden Dollar schwere Bauprojekt einer U-Bahn für die syrische Hauptstadt konnte die nationale Investmentgesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate ergattern. Der Sonderbeauftragte für Syrien und US-amerikanischer Botschafter in der Türkei, Tom Barrack, gratulierte den syrischen Behörden zum Abschluss der Riesendeals und prognostizierte, das Land würde bald zu einem „neuen Zentrum […] für Handel und Wohlstand“ erhoben werden.

Der kahle US-Diplomat war nicht nur bei jeder feierlichen Unterzeichnungszeremonie als Ehrengast zugegen, er dürfte auch federführend an der Vermittlung und Ausarbeitung der strategischen Kooperationsabkommen beteiligt gewesen sein. Barrack der von sich selbst behauptet, er sei „kein Politiker“, sondern vielmehr „ein ereignisorientierter Söldnerdiplomat“, ist seit langen Jahren für seine äußerst warmen Beziehungen zu den Herrscherhäusern der Golfmonarchien bekannt. Der Botschafter, der seine privatwirtschaftliche Karriere in einer Rechtsanwaltskanzlei begann, gilt als alter Freund und Handelspartner Donald Trumps. Er ist Gründer, ehemaliger Vorsitzender und CEO der Investmentgesellschaft Colony Capital, welche seit 2021 unter dem Namen Digital Bridge firmiert. 

Das Unternehmen zählt zu den weltweit größten Investoren im Bereich digitaler Infrastruktur und verwaltet mit Niederlassungen in 19 Ländern ein Vermögen von rund 80 Milliarden US-Dollar. Die Beschreibung seiner Vita auf der Website der US-Botschaft in Ankara rühmt den umtriebigen Geschäftsmann als „Visionär, Querdenker und Vorreiter“, der ein “globales Netzwerk von Beziehungen“ zu “den weltweit renommiertesten (…) mittelöstlichen Investoren und Regierungen“ unterhalte.

Es waren diese weitreichenden „Beziehungen“ die dem langjährigen Verbündeten Donald Trumps und guten Bekannten Jeffrey Epsteins, 2022 sogar eine Anklage wegen Verschwörung, Behinderung der Justiz und Falschaussage gegenüber der amerikanischen Bundespolizei FBI einbrachte. Barrack soll laut Anklage der Staatsanwaltschaft als „nichtregistrierter ausländischer Agent“ während der ersten Amtszeit des amtierenden US-Präsidenten seinen Zugang zu Trump im Interesse der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) genutzt haben, um sich selbst zu bereichern. Der Unternehmer unterhält seit langem lukrative wirtschaftliche Kontakte in die VAE. In der Zeit um Trumps Amtsantritt 2017 füllten sich die Kassen seiner Investmentfirma mit großen Summen aus dem Staatsfonds der Emirate. 2022 wurde er aber in allen Anklagepunkten freigesprochen. Barrack kommentierte damals die Entscheidung der Jury mit den Worten „Gott segne Amerika. Das System funktioniert“. Doch auch in die anderen Regionen der arabischen Welt unterhält Barrack glänzende Kontakte. So verkaufte er unter anderem 2012 das bekannte Pariser Fußballteam St.Germain an die katarische Investmentfirma Qatar Sports Investment.

Auch bei der Vermittlung der jüngsten Deals zeigte sich der US-amerikanische Händlerdiplomat, der der Meinung ist, dass die „Demokratie“ nichts für den Mittleren Osten sei und sich „in dieser Region […] eine wohlwollende Monarchie am besten bewährt“ hätte, mehr als umtriebig.

Es geht ums Öl

Die jüngsten Abkommen im Bereich der Energieförderung haben sich dabei schon seit geraumer Zeit abgezeichnet. So hatten die US-Ölfirmen Chevron, die UCC Holding aus Katar und die staatliche Syrian Petroleum Company (SPC) bereits im Dezember Vorverhandlungen mit Präsident Ahmed Al-Scharaa über die Nutzung der nun eroberten Ölfelder im Osten Syriens geführt. Schon am Tag nach der Eroberung des Ölfelds Al-Omar in der Region Deir a Zor verkündete der Chef der SPC bei einer Pressekonferenz, dass der US-Konzern Conoco Phillips wieder in syrische Gasfelder investieren werde, und auch andere US-Unternehmen, darunter Chevron, planten, in den syrischen Markt einzusteigen. Das am 4. Februar unter dem zufriedenen Blicken von Tom Barrack unterzeichnete Abkommen zur Offshore-Exploration im Ostmittelmeer, stellt aber in sofern eine Neuerung dar, als dass es das erste Mal in der Geschichte Syriens wäre, dass unter dem Meer liegende Gasvorkommen abgeschöpft werden würden. 

Dabei hat Chevron damit auch final einen vormaligen Konkurrenten verdrängt. Denn bereits im Jahr 2013 unterzeichnete das russische Unternehmen Soyuzneftegaz einen Vetrag mit der damaligen Assad-Regierung über Erkundungsarbeiten in den syrischen Gewässern. Auf Grund des eskalierenden Bürgerkriegs musste das Projekt nur zwei Jahre später weitgehend unverrichtet zu den Akten gelegt werden. Die USA haben neben den umittelbaren Profiten der Konzerne, auch ein weiteres eher strategisches Interesse, an einer Stärkung der Zusammenarbeit im Bereich der Energieversorgung. So könnte der Schlüssel zu einer weiteren Schwächung der russischen Position in Syrien und damit im Ostmittelmeer in der Wiederherstellung der Selbstsuffizienz Syriens im Bereich des Öls liegen.

Auch wenn Annalena Baerbock schon kurz nach dem Sturz des Assad Regimes, das finale Ende der russischen Präsenz in Syrien verkündet hatte, unterhält die Russische Föderation nach wie vor Militärpräsenz und vor allem eine strategisch wichtige Marinebasis am Mittelmeer. Vor allem die Russische Luftwaffe hat während des syrischen Bürgerkriegs die Truppen des damaligen Machthabers Assad unterstützt und die Rückzugsgebiete der verschiedenen Dschihadistenmilizen, allen voran der HTS, ohne Rücksicht auf zivile Verluste, über Jahre hinweg massiv bombardiert. 

Wenn man sich fragt, wie es kommt, dass das neue syrische Regime unter Al-Scharaa nach wie vor den ehemaligen Kontrahenten, im eigenen Land duldet, lohnt es sich einen Blick auf die wirtschaftlichen Abhängigkeiten Syriens zu werfen: Während den Kriegsjahren konnte sich Syrien, nur durch Rohöllieferungen aus dem Iran über Wasser halten. Mit dem Zusammenbruch des Assad-Regimes Ende 2024, stellte die Islamische Republik allerdings sämtliche Lieferungen nach Syrien ein. Russland kompensierte das entstandene Vakuum und lieferte, nach Stand Januar 2026, täglich 115 000 Barrel Rohöl und weiterverarbeitete Produkte nach Syrien. Solange Syrien seine eigene Ölindustrie nicht auf Vordermann bringt und auf Gedeih und Verderb von russischen Importen abhängig ist, würde sich ein vollständiger Bruch mit, und Rauswurf Russlands aus Syrien nur sehr schwierig gestalten. Es bleibt zu mutmaßen, ob das US-amerikanische Drängen auf ein Abkommen zwischen der Selbstverwaltung und dem Regime von Al-Scharaa und der nahezu unbeschränkten Unterstützung für den Feldzug der Regierung, mit welchem im ersten Schritt die Öl- und Gasvorkommen im Osten Syriens genommen wurden, auch solche langfristigen geopolitischen Überlegungen eine Rolle gespielt haben könnten.

Die Türkei als Drehkreuz der fossilen Energie

Auch die Türkei hat nicht lange auf sich warten lassen und versucht die Gelegenheit beim Schopf zu packen. So wurde bereits am 2. August vergangenen Jahres, eine 93 Kilometer lange Pipeline, von der in der Türkei gelegenen Stadt Kilis in die syrische Industriemetropole Aleppo, eingeweiht. Die von katarischen Finanziers ermöglichte Pipeline soll jährlich rund zwei Milliarden Kubikmeter aserbaidschanisches Gas, welches über die Transanatolische Pipleine (TANAP) in die Türkei fließt, nach Syrien transportieren. Mit dem Gas sollen vor allem Stromkraftwerk in Aleppo gespeist und damit die Stromversorgung der Region verbessert werden. 

Auch arbeitet die Türkei daran, das syrische Stromnetz mit dem der Türkei zu verbinden. Auf der Website der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu Ajansı analysierte Dr. İsmail Sarı, Dozent an der Hacı Bayram Veli Universität in Ankara, dass die „multilateralen Kooperationen“ auch die „geopolitische Vision der Türkei im östlichen Mittelmeerraum“ prägen würde. Es gehe um mehr als kurzfristige Deals, sondern um das Potenzial einen „neuen Korridor zu eröffnen, der in bestehende Linien wie TANAP integriert werden [könne].“ Geht es aktuell nur um die Lieferung von Energie und dem damit verbundenen Ausbau der Abhängigkeitsverhältnisse Syriens gegenüber der Türkei, könnte in Zukunft auch die Gewinnung von Energieträgern in Syrien und ihr Transport über die Türkei auf die Tagesordnung kommen.

Die Türkei versucht bereits seit geraumer Zeit, aus ihrer geografischen Position Kapital zu schlagen. Vor allem der so genannte „südliche Gaskorridor“ besitzt eine fundamentale Bedeutung in der türkischen Geopolitik. Dabei handelt es sich um ein Pipelinenetz, welches die aserbaidschanischen Gasfelder am Kaspischen Meer und das türkische Staatsgebiet mit den europäischen Netzen verbindet. Schon bei der Eröffnung des türkisch- russischen Projekts Turkstream im Januar 2020 erklärte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, dass seine Regierung darauf abziele, die Türkei „zu einem globalen Energie-Hub zu machen.“ Die Ambitionen der Türkei, sich zu einem Drehkreuz für Energie zu mausern, überschneiden sich dabei mit den Interessen der Mehrheit der europäischen Staaten. Das Rückgrat des „südlichen Gaskorridors“, den Erdoğan in einer Rede anlässlich der Baku Energy Week im Juni 2022, als „Europas vierte Erdgasarterie in dieser kritischen Phase“ bezeichnete, bildet die Transanatolische Erdgaspipeline TANAP. 

Die TANAP verbindet als zentrales Mittelstück die Südkaukasische Pipeline SCPX mit der Transadriatischen TAP, die über Griechenland und Albanien bis nach Italien führt. Sie sichert damit die Einspeisung von aserbaidschanischem Gas in die europäischen Netze. Das Megaprojekt wurde von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE), mit einem Kredit von 500 Millionen US-Dollar unterstützt.

Das Pipelinenetz liefert seit 2020 durchschnittlich 8,15 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr in die Europäische Union. Es bildet damit auch die Voraussetzung für den, im August 2022 zwischen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Aserbaidschans autokratischem Regierungschef Ilham Alijew, unterzeichneten Gasdeal. Im Rahmen der unterzeichneten Vereinbarungen soll der Gasimport in die EU bis zum Jahr 2027 auf 20 Milliarden Kubikmeter jährlich anwachsen. Doch die Türkei ist stets bemüht darum, den Zufluss in das Pipelinenetz durch weitere neue Quellen zu diversifizieren. So ist besonders interessant, dass der türkische Energieminister Alparslan Bayraktar am 29. Dezember vergangenen Jahres verkündete, dass die Türkei beabsichtige, 2026 ein Energieexplorationsabkommen mit Syrien zu schließen, um mögliche Offshore-Energiequellen entlang der syrischen Küste zu untersuchen. Auch wenn über das Abkommen bisher keine weiteren Details bekannt sind, ist klar, dass wohl auch die Türkei es auf die Erdgasvorkommen im Ostmittelmeer abgesehen haben dürfte. Bayraktar erklärte gegenüber der türkischen digitalen Nachrichtenplattform GDH, dass man „seismische Untersuchungen durchführen“ werde „um zu sehen, was das Gebiet uns bietet.“ Spannend dürfte werden, was die regionalen Konkurrenten der Türkei im Ostmittelmeer – Griechenland und vor allem Israel – zu den ambitionierten Plänen zu sagen haben.

Wo immer man auch hinblickt: Das Geschäft in Syrien blüht. So verwundert es auch nicht, wenn Donald Trump am 28. Januar, während die Angriffe der syrischen Regierungstruppen auf die kurdischen Kerngebiete Syriens andauerten, nach einem Telefonat mit Al-Scharaa verkündete, dass es „sehr gut“ laufe und man „sehr zufrieden“ sei. Für Trump, der aus seiner Zuneigung zum syrischen Präsidenten bisher kein Geheimnis gemacht hat und diesen auch gerne als „jungen, attraktiven und harten Typ“ lobt, scheint tatsächlich vieles nach Plan zu laufen. So berichtete die Nachrichtenagentur Reuters am 10. Februar, dass der Investitionsboom nicht abreiße. Die beiden saudischen Unternehmen ACWA Power und TAQA hätten zusammen mit den drei US-Unternehmen Baker Hughes, Hunt Energy und Argent LNG geplant, ein Konsortium für die Öl- und Gasförderung in den kürzlich eroberten Gebieten Nord- und Ostsyriens zu bilden. Jonathan Bass, der CEO von Argent LNG, bestätigte gegenüber Reuters, dass die Absichtserklärung in den kommenden Wochen unterzeichnet werden würde und erklärte sehr zufrieden, dass man sich „freue […] die Visionen von US-Präsident Donald Trump und dem syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa zu verwirklichen und das Land aus der Dunkelheit ins Licht zu führen.“

Kommentare

Falls ihr uns einen Leserbrief schreiben wollt, könnt ihr das gerne per E-Mail tun. Wir veröffentlichen Leserbriefe nach redaktioneller Prüfung an dieser Stelle. Unsere E-Mail-Adresse samt zugehörigem PGP-Schlüssel findet ihr hier.