#Boycottusa: Der Angriff auf Venezuela und die WM 2026

Fast genau einen Monat ist es her, dass der FIFA-Chef Gianni Infantino dem US-Präsidenten Donald Trump feierlich den ersten Friedenspreis der FIFA überreichte. Eine dem höchstumstrittenen Infantino ähnlich sehende Anbiederung an den mächtigsten Mann der Welt. Letzterer hatte sich in der Vergangenheit immer wieder selbst für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Schade, dass dieser im Jahr 2025 an die rechte venezuelanische Politikerin María Corina Machado ging.

Vorgestern sollte jedoch allen klar geworden sein, dass sich beide kein bisschen für Frieden interessieren. Nach dem völkerrechtswidrigen Angriff auf Venezuela am Morgen des 3. Januar 2026 bejubelte Machado auf der Social Media Plattform x den amerikanischen Coup und nannte die Verhaftung des Staatsoberhaupts Nicolás Maduro „die Stunde der Freiheit“. Fussballfans auf der ganzen Welt sollten mit besonders geschärftem Blick auf diesen Tag schauen, denn die USA tragen dieses Jahr die Fussball-Weltmeisterschaft, die wohl wichtigste Sportmeisterschaft auf nationaler Ebene, aus.

Ich sah in den letzten Tagen in Social Media Beiträgen häufig das Marxsche Zitat, dass sich die Geschichte eben immer zweimal abspiele: Einmal als Tragödie und einmal als Farce. Daneben die Bilder des US-amerikanischen Angriffskriegs auf den Irak im März 2003 und die aus der Nacht vom 2. auf den 3. Januar. In der Tat ist es so, als hätte man diese Bilder schon tausendmal gesehen. Seit dem Jahrtausendwechsel haben die USA zahlreiche offizielle Militäroperationen durchgeführt. Dazu kommen unzählige Kriege mit indirekter US-Beteiligung und Unterstützung. Vor allem Israel ist großer Profiteur der amerikanischen Militärmaschinerie.

Eine Farce ist, wie geneigten Theatergänger:innen wohl ein Begriff, für gewöhnlich eine Komödie. Nun ist es überhaupt nicht witzig, dass die USA einen souveränen Staat angegriffen haben. Vielleicht mag den ein oder anderen ein eigenartiger Zynismus packen, aber vor allem räumt diese Sicht Handlungsmöglichkeiten ein: Es muss ja nicht wie damals laufen, wir können es besser machen – wir können die Farce herbei führen.

Nun scheinen die USA übermächtig und unantastbar und das stimmt. Niemand sollte sich die Illusion machen, allein mit der richtigen Analyse, dem richtigen Statement an diesem Angriff rütteln und ein Ende des Krieges herbeiführen zu können. 2003 waren Millionen Menschen weltweit gegen den Irakkrieg auf der Straße und doch wurde die Besetzung des Irak erst 2011 beendet.

Das soll nicht lähmen und nicht den Protest als unsinnig deklarieren. Im Gegenteil: Es ist mehr als moralisch richtig, gegen die USA auf die Straße zu gehen. Vor allem die letzten Monate und Jahre haben gezeigt, dass anhaltender Protest auch Wirkung entfalten kann. So sorgten die unermüdlichen, wenn auch immer brutaler verfolgten Proteste gegen den Völkermord in Gaza für eine Verzögerung im brutalen Vorgehen Israels.

Es waren auch internationale Fussballfans, die seit dem 7. Oktober stetig für das palästinensische Volk einstanden und den Genozid immer wieder auf großer Bühne anprangerten (wie bspw. die Ultras des letzten Champions League Siegers Paris Saint-Germain). So rief die Gruppe Green Brigade des irisch-schottischen Vereins Celtic FC die globale Kampagne „Show ‚Israel‘ the Red Card“ ins Leben, der sich mehrere hundert Gruppen von Vereinen aus der ganzen Welt, vor allem aber im globalen Süden, anschlossen.

Während die USA nach der Irakbesetzung 2005 den CONCACAF Gold Cup (die EM des Nord- und Mittelamerikanischen Verbands CONCACAF) gewinnen konnten, sollte es dieses Jahr doch eher wie bei der WM 2022 in Katar laufen. Bei dieser riefen unter anderem die Fans der Berliner Vereine Hertha BSC und des 1. FC Union Berlin zum Boykott auf: Die Nationalmannschaft, aber vor allem auch die Fans. Die Konsequenz waren von vielen Fanszenen organisierte Alternativangebote und deutlich niedrigere Einschaltquoten als bei der WM 2018 in Russland.

Die Liste an katarischen Vergehen die zu den Boykottaufrufen führten ist lang. Dazu gehörten vor allem Menschenrechtsverletzungen, lebensgefährliche Arbeitsbedingungen, die Verfolgung von LGBTQ-Personen und die Unterstützung von Milizen. Schon in dieser – sehr verkürzten Aufzählung – zeigen sich sehr viele Ähnlichkeiten mit Blick auf die USA.

Die Parallele ist auch, dass eben diese kriegtreibende Nation 2026 ebenfalls eine WM ausrichtet. Wurde 2022 die russische Nationalmannschaft in Folge der Invasion in der Ukraine von der WM disqualifiziert und 2026 gänzlich ausgeschlossen, folgte die FIFA bereits in Folge des andauernden Genozids in Gaza ihren eigenen Regeln nicht und verhängte keine Sanktionen gegenüber Israel. Es wäre irrwitzig zu glauben, dass die FIFA in Bezug auf die USA nach dem Angriff auf Venezuela anders handeln würde.

Doch ist es an den Fans weltweit, das Turnier 2026 zu boykottieren. Gründe gab es auch vor der Invasion am 3. Januar genug, nun liegen sie auf der Hand. Vielleicht ereignet sich ja wieder die ein oder andere Vereins-WM der hiesigen Fanszenen, Filmabende, Kneipenquize und Buchvorstellungen, die der WM 2026 Konkurrenz machen und ein schönes Alternativprogramm ergeben. Für 2030 mag vielleicht von einer Gegen-WM geträumt werden, wie es Anfang der 1920er Jahre die Arbeiter-Olympiaden gab. Bis dahin gibt es für Fussballfans aber eine wichtige Botschaft: Boycott USA und Hände weg von Venezuela!

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