Die Türken: Antiimperialismus auf Umwegen // Teil 2: Das Verderben

Der letzte Teil dieser Reihe verblieb mit dem Versprechen, die in den sechziger Jahren von Mihri Belli federführend entwickelte Strategie der „Milli Demokratie Devrim“ (deutsch: nationaldemokratische Revolution) zu untersuchen. Denn was der MDD-Kreis fordert, ist auf den ersten Blick nicht dumm. Es ist sogar, in seiner inneren Logik, fast kohärent. Mihri Belli, der Cheftheoretiker der Milli Demokratik Devrim, argumentiert Anfang der 1960er Jahre ungefähr so: Die Türkei ist kein vollständig entwickelter kapitalistischer Staat. Sie ist halbkolonial, ökonomisch rückständig, feudale Strukturen sind noch nicht vollständig aufgebrochen, das einheimische Kapital ist schwach und komprador – also dem Imperialismus untergeordnet. In dieser Konstellation ist eine unmittelbare sozialistische Revolution nicht möglich, weil die objektiven Bedingungen dafür noch nicht bestehen. Was fehlt, ist eine vollständige national-demokratische Revolution: die Vollendung dessen, was Atatürk angefangen hatte, aber nicht zu Ende brachte: die Befreiung von imperialistischer Abhängigkeit, die Industrialisierung unter nationalem Kapital, die Vollendung der bürgerlich-demokratischen Republik.

Und wer, fragt Belli daraufhin, hat in der Türkei das Potential, diese Aufgabe zu übernehmen?

Belli schaut sich die türkische Gesellschaft der frühen 1960er Jahre an und fragt: Wer hat ein objektives Interesse an nationaler Unabhängigkeit, an Industrialisierung, an der Brechung des kompradoren Kapitals? Die nationale Bourgeoisie scheidet aus: Sie ist zu schwach, zu eng mit dem internationalen Kapital verflochten. Die Bauernschaft ist noch nicht politisch organisiert, zerstreut, von Stammes- und religiösen Loyalitäten durchzogen. Das Proletariat existiert, ist aber klein; die türkische Industrie ist unterentwickelt, die Arbeiterklasse in ihrer Formierung noch nicht weit genug.

Was bleibt? Das Militär. Und hinter dem Militär: Das progressive, kemalistisch geprägte Kleinbürgertum – Offiziere, Staatsbeamte, Universitätsintelligenz – als die Klasse, die in der türkischen Entwicklungsgeschichte als Modernisierer aufgetreten ist, die eine Tradition des auf die türkische Nation bezogenen Antiimperialismus als  Staatsräson trägt, die  dem feudal-religiösen Establishment feindselig gestimmt ist, und die, so Belli, noch nicht endgültig auf die Seite des kompradoren Kapitals übergegangen ist. In dieser Schicht sieht Belli das Subjekt der nationalen demokratischen Revolution: nicht die Arbeiterklasse, nicht die Bauern, sondern eine aufgeklärte, staatstragende Intelligenz in Uniform und ohne.

Das ist, man muss es so sagen, kein marxistischer Gedanke. Es ist ein jakobinischer. Es ist die Theorie der Revolution von oben, des erleuchteten Vanguards, der die Geschichte vorantreibt, weil die Massen noch nicht bereit sind. Und es ist genau die Theorie, die im Nahen Osten um 1960 ähnlich zirkuliert: bei Nasser in Ägypten, bei der Baath-Partei in Syrien und im Irak, in der Bewegung der Blockfreien.

Und das Militär bietet für diese Theorie eine institutionelle Einladung. Die Verfassung von 1961 – geboren aus dem Putsch von 1960 – zementiert die Sonderstellung des türkischen Militärs als Verfassungsorgan. Der Milli Güvenlik Kurulu, der Nationale Sicherheitsrat, ist kein beratendes Gremium: Seine Beschlüsse hat die Regierung „vorrangig zu berücksichtigen”. Der Generalstab ist dem Ministerpräsidenten direkt unterstellt, nicht dem Verteidigungsminister. Der YAŞ, der Hohe Militärrat, entscheidet autonom über Beförderungen und Entlassungen, kein Zivilgericht hat Jurisdiktion. Das Offizierskorps reproduziert sich selbst, jahrzehntelang, als ideologisch homogene Kaste, mit dem Kemalismus als Staatsdoktrin und Selbstbeschreibung zugleich.

Das ist die institutionelle Gestalt, auf die Belli zeigt und sagt: Hier ist der Hebel. Das Militär hat Verfassungsrang. Es hat Autonomie. Es hat eine antiimperialistische Tradition. Es hat ein Interesse an nationaler Entwicklung. Es ist, in seiner sozialen Zusammensetzung, progressives Kleinbürgertum. Man muss es nur aktivieren, in die richtige Richtung lenken, mit der richtigen Politik bündeln.

Die Praxis: Keine bewaffneten Kämpfe, sondern Bündnisse. Mit kemalistischen Offizieren, mit dem fortschrittlichen Flügel der CHP. Yaşasın tam bağımsız Türkiye (hoch lebe die vollständig unabhängige Türkei!)– aber erst, wenn die nationale Etappe vollständig ist. Erst dann, in einer unbestimmten Zukunft, der Sozialismus.

Es ist Mahir Çayan, der als Erster versteht, warum das eine Falle ist.

Kesintisiz Devrim oder: die Weigerung zu warten

Mahir Çayan bricht Anfang der 1970er mit der MDD-Linie. Seinen Bruch formuliert er in einer Reihe von Texten, die er unter dem Titel Kesintisiz Devrim (deutsch: ununterbrochene Revolution) zusammenfasst. Der Kern seiner Kritik beginnt dort, wo Belli aufgehört hat zu denken: Bei der Frage, was das türkische Militär und das progressive Kleinbürgertum materiell sind, nicht was sie von sich behaupten, nicht welche Tradition sie pflegen, sondern welche Klassenlage sie objektiv einnehmen.

Çayan antwortet: Die nationale Bourgeoisie in einem halbkolonialen Land wie der Türkei kann nicht antiimperialistisch sein, weil ihre Existenz auf der Einbindung in das imperialistische System beruht. Sie ist nicht unabhängig – sie ist komprador. Das Kapital, das sie akkumuliert, ist internationales Kapital; die Märkte, auf denen sie operiert, sind imperialistische Märkte; die Institutionen, die sie schützen, sind imperialistische Institutionen. Wer glaubt, diese Bourgeoisie oder ihren staatlichen Ausdruck – das Militär – gegen den Imperialismus mobilisieren zu können, versteht nicht, was Imperialismus ist: keine Außenpolitik, kein bloßes Übergewicht einer fremden Macht, sondern eine Produktionsweise, die das abhängige Land von innen durchdringt und seine herrschenden Klassen dann in ihre eigenen Struktur integriert.

Das bedeutet für Çayan: Das kemalistisch geprägte Kleinbürgertum, auf das Belli setzt, ist nicht außerhalb dieser Struktur positioniert. Es ist ihr Verwaltungspersonal. Die Offiziere, die Belli als fortschrittlich liest, sind nicht Gegner des kompradoren Kapitals, sie sind sein Schutzschild, sein Repressionsinstrument. Und die Verfassung von 1961, die Belli als Ermöglichungsstruktur liest, ist nicht das Versprechen eines progressiven Militärs, sie ist die rechtliche Selbstermächtigung einer ganz bestimmten Kapitalfraktion, die sich gegen jede Kontrolle durch die Klassen immunisiert hat, die sie zu vertreten vorgibt.

Was das Militär wirklich ist, zeigt sich am deutlichsten in seiner Ökonomie. Der OYAK – Ordu Yardımlaşma Kurumu, der Pensionsfonds des Militärs wird 1961 gegründet, im selben Jahr wie die Verfassung. Was in den folgenden Jahrzehnten aus ihm wird, ist die härteste aller Widerlegungen der MDD-These: Ein Konglomerat, das zu den größten Unternehmensgruppen der Türkei gehört. OYAK-Renault ist der größte Autohersteller des Landes. Dazu Zement, Stahl, Energie, Petrochemie, Banken, Lebensmittel. Der Pensionsfonds ist steuerprivilegiert, extern unkontrollierbar, staatsgeschützt. Das türkische Militär ist keine fortschrittliche Kleinbourgeoisie gegen das Kapital. Das türkische Militär *ist* Kapital. Es ist zu diesem Zeitpunkt eine eigenständige Kapitalfraktion, mit eigenen materiellen Interessen, eigenem Akkumulationsapparat, eigenem institutionellen Schutzschild. Wer mit ihm ein Bündnis gegen den Imperialismus eingehen wollte, wollte ein Bündnis mit einer Bourgeoisie in Uniform. 

Daraus folgt: Es gibt keine nationale demokratische Etappe, auf die der Sozialismus folgt wie der zweite Gang auf den ersten. Diese Etappe setzt voraus, dass eine Klasse existiert, die sie trägt. Diese Klasse existiert nicht. Die nationale Bourgeoisie ist komprador. Das Militär ist Kapital. Das progressive Kleinbürgertum ist Verwaltungspersonal des Systems. Wer auf die Vollendung der kemalistischen Revolution wartet, wartet auf nichts – denn die kemalistische Revolution ist längst vollständig: Sie hat den türkischen Staat als antikommunistisches und im Kern antidemokratisches Projekt errichtet.

Was folgt daraus als Strategie? Hier liegt Çayans eigentliches Problem. Massenpolitik setzt voraus, dass Massen sich legal organisieren können. Die Türkei der frühen 1970er ist ein Land, in dem kommunistische Organisationen verboten sind, in dem Studierende auf der Straße von staatlich bewaffneten Faschisten erschossen werden, in dem das Militär bereits 1971 Ultimaten stellt und Regierungen stürzt. Wer sich also von der MDD-Illusion verabschiedet hat – wer also nicht mehr auf das Militär als Bündnispartner setzt –, steht einem Staatsapparat gegenüber, der keine legalen Räume lässt.

Çayan greift deshalb zur Strategie der bewaffneten Propaganda. Der Begriff stammt aus der lateinamerikanischen Guerilla-Tradition, aus Marighella und der OLAS-Konferenz von 1967, an der auch türkische Linke teilnehmen. Die Idee: Der bewaffnete Akt soll die Bevölkerung politisieren, soll zeigen, dass das Regime verwundbar ist, soll die schlafende Masse aus der Passivität reißen. Die THKP-C – Türkiye Halk Kurtuluş Partisi-Cephesi, (deutsch: Partei-Front der Volksbefreiung der Türkei), die Çayan gründet, ist das Instrument dafür.

Doch hier liegt ein Fehler und er muss benannt werden. Die Strategie der bewaffneten Propaganda überschätzt die Wirkung des Aktes und unterschätzt die Kapazität des Staates, auf ihn zu reagieren. Sie setzt die Avantgarde an die Stelle der Masse. Sie ist, in leninistischen Begriffen, eine Variante des Blanquismus – des Glaubens, dass eine kleine, entschlossene Gruppe den revolutionären Prozess ersetzen kann, der nur aus einer organisierten Massenbewegung entstehen kann.

Aber man muss auch fragen: Was war die Alternative? 

Putsche als Klassenpolitik – eine Architektur der Verhinderung

1960, wir erinnern uns an Teil 1 dieser Reihe: Das Militär stürzt Adnan Menderes. Menderes repräsentierte eine ländlich-populistische, religiös-konservative Kapitalfraktion, die die kemalistisch-bürokratische Hegemonie stört. Er wird hingerichtet. Für Teile der entstehenden Linken liest sich dieser Putsch als fortschrittlich: Menderes war autoritär, hatte die Presse gegängelt, Gewerkschaften beschränkt. Die neue Verfassung von 1961 schafft tatsächlich gewisse Freiräume: Gewerkschaftsrecht, Universitätsautonomie, begrenzte Pressefreiheit.

In den folgenden Jahren radikalisiert sich die politische Situation schnell. Ab Mitte der 1960er entstehen Massenorganisationen, Streiks nehmen zu, die TİP zieht erstmals als sozialistische Partei ins Parlament ein, Universitäten werden zu politischen Zentren. Die Präsenz der US-6. Flotte im Mittelmeer, deren Schiffe regelmäßig in Istanbul anlegen, wird zum Symbol imperialistischer Abhängigkeit und zum Auslöser der großen Proteste 1968/69. Am 16. Februar 1969 – Kanlı Pazar, blutiger Sonntag – werden linke Demonstrant:innen von rechten, staatlich mindestens geduldeten, wahrscheinlich aber aktiv eingesetzten Paramilitärs angegriffen. Diese rechten Gruppen – die Grauen Wölfe, ihre Mutterpartei die MHP – werden in den 1960ern im Rahmen der Operation Gladio von der CIA und ehemaligen SS-Funktionären ideologisch geschult, mit Waffen ausgestattet und finanziert. Explizit im Kampf gegen den Kommunismus und den Einfluss der Sowjetunion. Im Dienste der NATO und des westlichen Imperialismus.

Die Linke antwortet mit Radikalisierung. 1971 kommt das Memorandum. Das Militär stellt der Regierung Demirel ein Ultimatum, erzwingt seinen Rücktritt. Hintergrund: die wachsende Linke, die Guerillaaktivitäten der THKP-C und THKO, die Unruhe an den Universitäten. Eine Technokratenregierung unter Militäraufsicht übernimmt. Am 30. März 1972 werden Mahir Çayan und neun Genoss:innen bei Kızıldere, einer kleinen Ortschaft in der Provinz Tokat, bei einer Militäroperation umgebracht. Er ist 27. Wenige Tage später, am 6. Mai 1972, werden Deniz Gezmiş, Yusuf Aslan und Hüseyin İnan erhängt. Deniz ist 25, Yusuf ist 25, Hüseyin ist 25.İbrahim Kaypakkaya (zu dem wir gleich noch kommen, liebe Kaypakkaya-Fans) wird 1973 unter Folter im Gefängnis von Diyarbakır ermordet. Er ist 24.

Der türkische Staat formuliert seine Botschaft deutlich: Es gibt keine Gnade.

Die zweite Hälfte der 1970er ist eine Periode eskalierender Gewalt. Die Grauen Wölfe morden systematisch. Das Massaker von Maraş 1978: über hundert Menschen, überwiegend Alevit:innen, getötet von rechten Paramilitärs. Die Linke versucht, sich zu organisieren, zu verteidigen, neue Formen zu finden. In diesem Klima entsteht Devrimci Yol.

Nach der Zerschlagung der Guerillabewegungen Anfang der 1970er und der Hinrichtung ihrer zentralen Kader zieht ein Teil der revolutionären Linken Konsequenzen aus der Niederlage der  Strategien dieser Phase. Mit den Amnestien unter Bülent Ecevit gelangen zahlreiche ehemalige Kader aus Dev-Genç und den revolutionären Organisationen wieder aus den Gefängnissen – und beginnen, den Schwerpunkt von der bewaffneten Avantgarde hin zur gesellschaftlichen Verankerung zu verschieben. Devrimci Yol, Revolutionärer Weg, entsteht aus der Dev-Genç-Tradition, aber mit einem anderen Ansatz als Çayan: keine bewaffnete Propaganda im Zentrum, sondern der Aufbau von Massenbewegungen. Stadtteile, Gewerkschaften, Universitäten. Dev-Yol versucht zu organisieren, was die Guerillagruppen nicht konnten: eine breite, verankerte Bewegung.

Das klarste Beispiel dafür ist Fatsa. Die Küstenstadt an der Schwarzmeerküste wird ab 1979 unter dem Bürgermeister Fikri Sönmez zu einem Laboratorium kommunaler Selbstorganisation. Basiskomitees übernehmen Aufgaben der Stadtverwaltung, organisieren Müllabfuhr und Sicherheit, demokratisieren Entscheidungsprozesse. Dev-Yol bildet den organisatorischen Rückhalt.

Parallel zur Aufbauarbeit entwickelt Devrimci Yol in den späten 1970er Jahren insbesondere in der Schwarzmeerregion eine erfolgreiche antifaschistische Praxis gegen jene rechten Strukturen, die seit den 1960ern im Rahmen des antikommunistischen Staatsprojekts aufgebaut worden waren. Die Grauen Wölfe und ihr Umfeld treten dort nicht als randständige Schlägertrupps auf, sondern als bewaffnete politische Infrastruktur gegen Gewerkschaften, Linke, Alevit:innen und oppositionelle Stadtteile.

Die Stärke von Dev-Yol besteht dabei gerade darin, antifaschistische Arbeit nicht von gesellschaftlicher Organisierung zu trennen. In Orten wie Fatsa entstehen kollektive Strukturen der Selbstverwaltung und Selbstverteidigung zugleich: Nachbarschaftskomitees, lokale Versammlungen und organisierte Schutzmechanismen gegen rechte Angriffe. Dass die extreme Rechte in Fatsa zeitweise faktisch zurückgedrängt wird, ist kein Zufall, sondern Ergebnis dieser breiten sozialen Verankerung.

Im Juli 1980 rückt deshalb das Militär in Fatsa ein. Bürgermeister Sönmez wird verhaftet. Die Komitees werden aufgelöst. Die Selbstverwaltung endet unter Stiefeln.

Wieder Putsch. Am 12. September 1980 übernimmt General Kenan Evren. 650.000 Verhaftungen. Systematische Folter, 50 Hinrichtungen, DİSK, die große linke Gewerkschaft, wird verboten. Alle Parteien werden aufgelöst. Gefängnisse wie Mamak werden zu Zentren des Terrors gegen linke Jugendliche, Gewerkschafter:innen und Kader der revolutionären Organisationen. Die Gewalt dient nicht nur der Bestrafung, sondern der physischen und psychischen Zerschlagung einer gesamten politischen Generation. Und dann – das ist die Pointe, die die MDD-Etappentheorie endgültig ad absurdum führt – öffnet das Militär unmittelbar danach die türkische Wirtschaft für den Neoliberalismus.

Ich kritisiere vielfach die türkische Linke. Zurecht, wie ich finde. Aber ihre Niederlage ist nicht nur verschuldet durch ihren eigenen Chauvinismus. Das ist der Punkt, der festgehalten werden muss: Das Scheitern von Dev-Yol und Fatsa ist nicht primär das Scheitern wegen einer falschen Strategie und einer zum Nationalismus neigenden Analyse. Dev-Yol hatte die richtige Strategie und Dev-Yol war nicht nationalistisch. Sie hatte Massenbasis, antifaschistische Praxis, demokratische Strukturen. Sie scheitert nicht trotz ihrer Stärke, sondern gerade wegen ihr. Weil der türkische Staat in seiner Architektur, in seiner Ideologie, in seiner gesamten historischen Entwicklung ein antikommunistisches Projekt ist, das sich von seinen Anfängen an freiwillig hat instrumentalisieren lassen für die Interessen des westlichen Kapitals. Der Staat hätte einen anderen Weg einschlagen können. Stattdessen bewaffnet er Rechtsradikale, bevor die Linke stark wird. Er putschiert, wenn sie es trotzdem wird. Er schreibt eine Verfassung, die das Militär gegen jede demokratische Kontrolle immunisiert. Er foltert, ermordet, verbannt. 

Kaypakkaya

Inmitten dieser Geschichte gibt es einen jungen Mann, der fast alle richtigen Schlüsse zieht. Nicht strategisch – strategisch kann man anderer Meinung sein. Aber analytisch: İbrahim Kaypakkaya, Gründer der TKP-ML im Jahr 1972, formuliert eine Analyse der türkischen politischen Wirklichkeit, die der übrigen Linken seiner Zeit so weit voraus ist, dass man fragen muss, warum sie ihn nicht mehrheitlich aufgegriffen hat. Die Antwort auf diese Frage ist selbst ein Teil des Problems, das sich durch die gesamte Geschichte der türkischen Linken zieht. 

Kaypakkaya analysiert den Kemalismus nicht als unvollendete Revolution, sondern als Faschismus. Er nennt Atatürks Politik beim Namen: als Repräsentanten einer Großbourgeoisie und Grundbesitzerklasse, die in Bündnis mit dem imperialistischen Kapital die Arbeiterbewegung und die nationalen Minderheiten des Landes niederhält.

Das ist in der türkischen Linken seiner Zeit eine Aussage, die fast niemand so formuliert. Çayan kritisiert die MDD-Linie, aber er bricht nicht mit dem kemalistischen Nationalbegriff. Die TİP bewegt sich innerhalb des parlamentarischen Rahmens, den der Kemalismus gezogen hat. Mihri Belli verehrt das Kemal-Erbe als Rohstoff der nationalen Befreiung. Kaypakkaya sagt: Dieser Rohstoff ist vergiftet, er taugt nicht als Fundament.

Was folgt daraus? Die nationale Frage.

Marx schrieb über Irland: Ein Volk, das ein anderes Volk unterdrückt, schmiedet seine eigenen Ketten. Er sagt: Die Unterdrückung einer nationalen Minderheit spaltet nicht nur die Unterdrückten. Sie spaltet auch die Arbeiterklasse der herrschenden Nation. Sie schreibt in die eigenen Reihen die Hierarchie ein, die man zu bekämpfen vorgibt. Eine Arbeiterbewegung, die das Selbstbestimmungsrecht der Nationen nicht anerkennt, hat den Internationalismus nicht verstanden, sondern praktiziert nur einen anderen Nationalismus. Die türkische Arbeiterklasse, die auf dem Rücken der kurdischen Bevölkerung ihre nationale Würde definiert, ist keine freie Klasse. Sie ist eine instrumentalisierte, die die Herrschaft, gegen die sie kämpft, in sich selbst reproduziert.

İbrahim Kaypakkaya ist fast der Einzige in der türkischen Linken seiner Zeit, der das konsequent versteht. Er erkennt, dass der türkische Staat gegen die kurdische Bevölkerung keinen bloßen Assimilationsdruck ausübt, sondern seit seiner Gründung einen imperialistischen Krieg führt. Die kurdischen Gebiete funktionieren in seiner Analyse als innere imperialistische Peripherie: militärisch kontrolliert und ökonomisch ausgebeutet. Die Massaker an Kurd:innen benennt er entsprechend als das, was sie sind: als Genozid. Allein in Dersim werden 1937/38 zehntausende Menschen getötet. Gleichzeitig wird die Existenz der Kurd:innen selbst aus dem offiziellen Diskurs gelöscht: Es gibt keine Kurden, nur „Bergtürken“. Dieser Staat ist der Staat, den die MDD-Kreise als fortschrittlich lesen wollten, dieser Staat ist der Staat, mit dem sie Bündnisse eingehen wollten.

Kaypakkaya’s Strategie betont die enorme Relevanz eines langwierigen Volkskriegs der bäuerlichen Bevölkerung, abgeguckt vom Maoismus. Ich halte das für falsch: Diese Strategie tendiert zum Voluntarismus, zur Substitution der breiten Massenbewegung durch militärische Avantgarde und so weiter. Aber das ist nicht der Grund, warum sich die türkische Linke seiner Analyse nicht annimmt: Sie nehmen sie nicht an, weil seine Analyse verlangt, nicht nur den türkischen Staat zu verwerfen, sondern auch den türkischen Nationalismus als Bestandteil des eigenen Selbstverständnisses. Das war eine Zumutung, der sich die meisten entzogen haben und noch immer entziehen. 

Die Konsequenz dieser Entzugsreaktion ist sichtbar in dem, was dreißig Jahre lang mit der kurdischen Bevölkerung geschieht, während die türkische Linke mit sich selbst beschäftigt ist. Die PKK, die 1978 von Abdullah Öcalan und anderen gegründet wird, ist auch eine Antwort auf dieses vehemente Schweigen der sogenannten türkischen Linken. JİTEM – die Geheimeinheit der Jandarma, deren Existenz der türkische Staat jahrelang bestritt – ist in dieser Zeit für Hunderte von extrajudiziellen Tötungen verantwortlich. Journalist:innen, Politiker:innen, Aktivist:innen. Faili meçhul cinayetler: Morde mit unbekanntem Täter. Aber die Täter sind bekannt, der Staat weiß, wer das macht. Er schützt sie. Es sind die Auftragsmörder des Dorfschützersystems – köy korucuları – dieses bewaffnet pro-staatliche Kurden gegen PKK-nahe Stämme, die einen Bürgerkrieg im Bürgerkrieg erzwingen. Drei Millionen Menschen werden in den 1990ern aus ihren Dörfern vertrieben. Diyarbakır wird zur Geisterstadt. Dieser Staatsterror trägt einen Namen: türkische Republik. Nicht die AKP, nicht der scheinbar besonders böse, islamistische Erdoğan. Die so fortschrittliche, die so demokratische, die so laizistische kemalistisch-militärische Republik.

Wer also über türkischen Antiimperialismus redet, ohne Kurdistan zu nennen, redet über einen Antiimperialismus, der aufhört, einer zu sein, sobald das Opfer ein Kurde ist. Eine türkische Linke, die in Izmir sitzt, oder in Ankara oder in Istanbul und nicht in der Lage dazu ist, diesen staatsterroristischen Umstand, der nur wenige hundert Kilometer von den eigenen Universitäten entfernt passiert, als den grundlegenden Charakter seines Staates und die Negation der kurdischen Identität als Legitmationsgrundlade der eigenen nationalen Identität zu begreifen, kann keine richtigen Schlüsse ziehen. Das ist kein Antiimperialismus türkischer Art, das ist keine besonders raffinierte geopolitische Analyse, sondern schlicht und ergreifend türkischer Nationalismus. Zu viele hängen ihm noch immer an, als wäre er nicht ihr eigenes Verderben.

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Was der Begriff der türkisch-islamischen Synthese meint, wer die Ziehväter Erdogans sind, warum ihm so viele Menschen anhängen und in welche unbekannte Zukunft die Türkei sich begibt, lest ihr in Teil 3 der Reihe: „Die Türken: Antiimperialismus auf Umwegen“. 

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