Depressionen im Ghetto

Psychische Gesundheit zwischen Lifestyle, Kontrolle und Produktivmachung

Der Sommer kam und Berlin war der schönste Platz auf Erden. Endlich wieder Frühling in der Hauptstadt, das Ende der Winterdepressionsphase naht.

Die Hochglanz-Regale der Kulturkaufhäuser dieser Stadt füllen sich mit den Spiegel-Bestsellern der Saison: Wehe du gibst auf (Ein Buch über Denkwandel); Feel to Heal (Wege aus der mentalen Überlastung durch Emotionen); Kopf hoch (Mentale Stärke in schwierigen Zeiten); Das High Energy Prinzip (Ein Besteller mit Fokus auf Energie und Leistungsfähigkeit). Besser als jeder Therapieplatz: Nach einer 40 Stunden Woche im Schichtdienst, inklusive Haus- und Sorgearbeit, mal zum Sport oder Freund:innen treffen und dann endlich eine freie Stunde. Die Mentale Belastung ist deutlich spürbar, deshalb jetzt endlich versinken im neuen must-read Das High Energy Prinzip. Problem gelöst?

In Deutschland sind mehr als ein Viertel der Erwachsenen – also knapp 18 Millionen Menschen – von einer psychischen Erkrankung betroffen.1 Unter diesen sind es insbesondere Angststörungen, Depressionen oder Störungen durch Alkohol- oder Medikamentenkonsum, die am häufigsten auftreten. Von den vielen Betroffenen nimmt weniger als eine von vier Personen Kontakt zu medizinischen Anlaufstellen auf. Nur wenige erhalten zeitnah professionelle Hilfe, die anstelle der Lifestyle-Ratgeber notwendig wäre. Die Nachfrage an psychotherapeutischen Angeboten steigt – und trifft auf lange Wartezeiten durch knappe Therapieplätze. Nicht zu Unrecht sprechen Psycholog:innen und Gesundheitsverbände von einer Epidemie der psychischen Erkrankungen.

Zum 1. April kürzten die gesetzlichen Krankenkassen zusätzlich die Honorare für Psychotherapeut:innen in der ambulanten Therapie um 4,5 Prozent. Daraus folgt mit hoher Wahrscheinlichkeit ein noch stärkerer Mangel an Kassensitzen – die Psychotherapie wird immer mehr zum Luxusgut für Privatversicherte und Selbstzahler.

Mentale Gesundheit wird heute häufig als individuelles Problem verstanden und behandelt. Dass heute aber so viele Menschen wie nie zuvor unter psychischen Krankheiten leiden, hat nichts mit zu wenig Self-Care zu tun. Vielmehr lohnt es sich, psychische Gesundheit als politische Kategorie zu verstehen, die sich unter ihren jeweiligen historischen Bedingungen ausformt.

Das Phänomen psychischer Gesundheit

Heute überwiegen biologische Erklärungen in der Betrachtung mentaler Gesundheit. Dabei geht es dann um die chemische Dysbalance des Gehirns, die Ausschüttung von Neurotransmittern wie Serotonin und Dopamin.  Auch wenn die biochemische Komponente einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Entstehung  psychischer Erkrankungen leistet, entwickeln sich diese nicht isoliert von den gesellschaftlichen Verhältnissen, die sie umgeben. Denn mit Biochemie alleine lässt sich Folgendes nicht erklären:

Wieso übersetzen sich Gehirnströme bei einigen in pathologische Krankheitszustände – und bei anderen nicht? Wieso leiden immer mehr Menschen unter psychischen Erkrankungen?

Studien zeigen, dass sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern und Jugendlichen Armut im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen steht. Ähnlich verhält es sich auch mit Unterdrückungserfahrungen wie Rassismus und Sexismus.
Nicht umsonst heißt es Depressionen im Ghetto (Haftbefehl, 2015) und nicht Depressionen im Apartmentkomplex.
Wenn Körper ausgebeutet und geknechtet werden, und die Psyche als Teil unseres Körpers verstanden wird, so wird sie gleichermaßen in Mitleidenschaft gezogen wie ein kaputter Rücken (vom Ackern) oder die gebrochene Nase (vom Bullen).

Noch grundsätzlicher ist es so, dass mentaler Stress im Zusammenhang mit dem neoliberalen Akkumulationsregime steht: Das ökonomische und politische System, das uns umgibt, beeinflusst maßgeblich unser individuelles Wohlbefinden. Psychische Gesundheit ergibt sich aus dem Zusammenspiel biologischer Faktoren und den gesellschaftlichen Bedingungen, aus der Verortung des Individuums in den umgebenden Verhältnissen.

Die Organisation der kapitalistischen Gesellschaft steht jedoch ganz grundsätzlich im Widerspruch zur Erfüllung der grundlegenden Bedürfnisse aller Menschen. Der Kapitalismus, dem Entfremdung, Ausbeutung, Rassismus, das Patriarchat und Queerfeindlichkeit inhärent eingeschrieben sind, bedingt, dass eine Milliarde Menschen weltweit – das ist fast jeder siebte Mensch auf dieser Welt – an einer psychischen Erkrankung leiden.2

Unzufriedenheit auf der Arbeit, aber auch Traumata, Stress, (Zukunfts-)Angst und Depressionen durchsetzen die Arbeiter:innenklasse. Entfremdung charakterisiert soziale Beziehungen und das Verhältnis des Menschen zu sich und seiner Umwelt. Konsumkultur strukturiert die wenige bleibende Freizeit. Dabei ist letztere aber unfähig, irgendetwas anderes als oberflächliche, flüchtige Zufriedenheit zu produzieren.3

Zwischen Hedonismus und Prekarisierung

So beobachtet auch der britische Philosoph und Kulturwissenschaftler Mark Fisher, beim Unterrichten an einem College im Vereinigten Königreich, bei vielen der Studierenden Anzeichen von starkem Stress. Diese beschreibt er als einen Zustand des depressiven Hedonismus. Während Depressionen üblicherweise als ein Zustand der Apathie und der Unmöglichkeit Freude zu empfinden beschrieben werden, wird dieser Zustand im depressiven Hedonismus umgekehrt: In die Unfähigkeit irgendetwas anderes zu tun, als der Freude nachzujagen. Die Apathie formt sich um: In Hedonismus als Alltagsflucht.

Auf der anderen Seite steht die Verrohung im Umgang mit psychischen Erkrankungen, bei der sie als politische Kategorie am deutlichsten werden. Unter den Bedingungen von Prekarisierung, einem Leben unter dem absoluten Minimum und dem Verlust der Menschlichkeit, wie sie in der Obdachlosigkeit am stärksten hervortreten, zeigt sich, wie psychische Erkrankungen in ein Kontrollregime eingegliedert und Menschen von Teilhabe an der Gesellschaft disqualifiziert werden.

Psychische Gesundheit wird also unterschiedlich sozialisiert und normiert. Daher stellt sich nun noch eine zweite zentrale Frage: Warum werden psychische Erkrankungen im Kapitalismus auf unterschiedliche Weise (nicht) behandelt?

Ein Cocktail aus Kontrolle und Sorge

Das öffentliche Gesundheitswesen hat sich im Laufe der Geschichte entlang seiner ökonomischen Basis entwickelt, um Abweichungen zu normieren. Verhalten, das als chaotisch, störend oder ineffizient markiert wurde und sich nicht in die Lohnarbeit eingliedern ließ, wurde eingehegt. Ein Cocktail aus Sorge und Kontrolle sollte diese Eingliederung herstellen. Heute befindet sich  diese Versorgung mitten in einer Entwicklung zunehmender Privatisierung. 4

Die sich ab dem 17. Jahrhundert herausbildenden Institutionen im Bereich der psychischen Gesundheit, insbesondere Psychiatrien, erfüllen bis heute schließlich die Funktion, Wert aus psychischen Erkrankungen zu schöpfen. Im 17. und 18. Jahrhundert ähnelten sogenannte „Zuchthäuser“ zur Verwahrung von Menschen mit psychischen Erkrankungen sowie den Armen, Sexarbeiter:innen und Straftätern eher Gefängnissen als Krankenhäusern. Schließlich diente die Schaffung von „Irrenanstalten“ im 19. Jahrhundert dazu, Menschen, die sich nicht in den mit der Industrialisierung entstehenden Lohnarbeitsmarkt integrieren ließen, zu kontrollieren.

Auch heute bilden Arbeiter:innen mit psychischen Erkrankungen eine Komponente der Überschussbevölkerung, ihre Verwaltung und Kontrolle dient der Profitabilitätsmachung für das Kapital. Diese Wertschöpfung und Verwaltung geschieht auf zweierlei Weise. Zum einen werden die Sorge, Kontrolle und Untersuchung erkrankter Menschen, solange sie selbst nicht in der Wertschöpfung integriert sind, monetarisiert. Die zu diesem Zwecke bestehenden Institutionen werden in das ökonomische System integriert. Zum anderen dienen sie der – nach Bedarf – Rückführung in das Lohnarbeitsverhältnis. 5

Die psychiatrische Klinik ist dafür das deutlichste Beispiel. Aber auch die Psychotherapie dient bis heute schlussendlich der Reintegration in den Arbeitsmarkt. Diese Feststellung ist keine Entwertung der Psychotherapie als Teil essenzieller Gesundheitsversorgung. Denn an allen Ecken und Enden fehlt es in der Gesundheitsversorgung für die arbeitenden Teile der Bevölkerung – Psychotherapie darf kein Luxusgut für Privatversicherte und Selbstzahler sein. Die nachhaltige, gesamtgesellschaftliche Linderung psychischer Belastungen ist aber schlussendlich und grundsätzlich nur in einer Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung möglich.

Um mit einem etwas positiveren Ausblick zu enden: Auch wenn unsere Körper und Köpfe mürbe gemacht werden, wir in einem System leben, das uns widrig gegenüber steht, gibt es doch etwas, worauf wir uns stützen können: Wer grundsätzlich nicht dem Zwang unterliegen möchte, sich in Konkurrenz zu den Menschen zu sehen, die einem nahe stehen; wer grundsätzlich in einer besseren Welt leben und sich dafür mit anderen zusammenschließen möchte – der schafft die Voraussetzungen dafür, dass es irgendwann mal allen gut gehen kann. Und vielleicht auch, dass es uns schon heute ein wenig besser gehen kann.

Im Hier und Jetzt bedeutet das konkret, sich selbst in den anderen sehen zu können – und zwar mit all ihren Schwächen, Stärken und Leiden. Das heißt, für andere da zu sein und sich nicht abzugrenzen, wenn es anderen schlecht geht. Und das heißt auch, zu lernen, andere für sich da sein zu lassen.

In der Hoffnung und dem Bewusstsein, dass es eine Welt zu gewinnen gibt.


  1. https://www.dgppn.de/schwerpunkte/zahlenundfakten.html ↩︎
  2. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/mental-disorders ↩︎
  3. https://monthlyreview.org/articles/a-theory-of-mental-health-and-monopoly-capitalism/ ↩︎
  4. https://www.frontiersin.org/journals/sociology/articles/10.3389/fsoc.2021.771875/full ↩︎
  5. https://www.psychiatrymargins.com/p/health-communism-turn-illness-into ↩︎

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