Der Kälte ausgesetzt

Dies ist der erste Artikel der neuen Gegenwind-Sparte “Rasende Reporter:innen”.

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Brandanschläge auf den Kältebus, die Zahl der wohnungslosen Personen wächst, soziale Unterstützung ist ausgelastet: Und welche staatlichen Maßnahmen werden unternommen? Das statistisches Bundesamt macht eine Zählung.

In Berlin, sowie deutschlandweit, steigt die Anzahl der wohnungslosen Menschen von Jahr zu Jahr und die jährliche, Berliner Erfassung genau dieser Daten steht kurz bevor. Menschen erfrieren auf der Straße und der Staat zählt durch.

Die Anzahl der ,,untergebrachten wohnungslosen‘‘ Personen, also jene die etwa in Wohnheimen oder Notübernachtungen schlafen, verdoppelte sich von 25.975 (2022) auf 53.610 (2025). Nun ist es bald wieder Zeit für eine große Zählung, was bedeutet das?

Die Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung (…) und das Statistische Bundesamt erheben jährlich die Daten der ,,untergebrachten Wohnungslosen‘‘. Blickt man auf den Gesamt-Trend, kann man mit hoher Sicherheit sagen, dass all diese Zahlen noch steigen werden. Auch dieses Jahr sind bereits Menschen auf Berlins Straßen gestorben und bei den kalten Temperaturen drohen es mehr zu werden. Und was bringen diese Zahlen nun? Vielleicht können sich Merz oder Wegner darüber beschweren, dass zu wenig gearbeitet wird und Menschen in Not noch weniger materiell geholfen werden solle. Oder sich vielleicht sozialchauvinistisch über das verwahrloste Berlin beschweren.

Blickt man jedoch genauer hin, wird deutlich, dass Wohnungslosigkeit und das damit verbundene Elend eines der sichtbarsten Symptome eines tiefgreifenden, strukturellen Versagens in Berlin und in Deutschland sind. Den Wohnsitz zu verlieren, geht bei stiegenden Mietpreisen und der kapital-fixierten Wohungslobby in Berlin schnell. Jetzt noch nicht arbeiten (können) und schon ist das Schicksal besiegelt. Wer keine Arbeitskraft auf dem kapitalisitischen Markt bietet ist ,,unnütz’’ und rasselt durch das System.

Und jetzt wissen wir dank dem statistischem Bundesamt wie viele Menschen genau es ,,nicht geschafft haben‘‘. Wohnungslosigkeit ist letzendlich das Produkt einer individualistischen Leistungsgesellschaft. Mit Blick auf  den steigenden Trend zeigt sich, dass sich dieses System nur verhärtet.

Auch ohne genaue Zahlen, bemerkt man in Berlin eine massive Verarmung und Verdrängung in die Obdachlosigkeit. Die Angebote zur Unterstützung sind in Berlin sowohl überlaufen als auch unterfinanziert. Viele von ihnen, wie der Kältebus, sind spendenfinanziert oder laufen über kirchliche Träger. Wie auch in vielen anderen (sozialen) Bereichen, würden ohne Ehrenamt die Hilfsangebote kollabieren. Der deutsche Staat selbst stellt keine nenneswerten Strukturen und Ressourcen zum Umgang mit Obdachlosigkeit. Ehrenamt vermittelt somit systemische Prekarisierung.

Doch nicht nur offensichtliche materielle Not ist ein Problem für Personen, welche wohnungslos sind. Es herrscht ebenfalls eine starke Stigmatisierung, besonders durch die ,,jeder ist seines Glückes Schmied’’-Mentalität, welche das kapitalisitische System und seine Herrschftsstrukturen ummantelt. Wohnungslose Menschen werden nicht geschützt und unterstützt, sonder kontrolliert. Dabei geht die Gefahr über abfällige Blicke hinaus.

Dass Schutz statt bloßer Erfassung in Berlin ein akutes Thema ist, verdeutlichen die Ende 2025 bzw. Anfang 2026 verübten Angriffe auf drei Berliner Kältebusse. Das erinnert an die gewaltätigen Angriffe gegen Wohnunglose der letzten Jahre. Diese jüngsten Angriffe stehen also nicht isoliert, sondern fügen sich in eine lange Geschichte systematischer Gewalt und Stigmatisierung von Wohnungslosen ein.

Die Gewalt gegen Wohnunglose hat in Deutschland einen Peak in der Nazi-Zeit gefunden. Sogennante ,,Arbeitsscheue’’ und ,,Asoziale’’ wurden ab 1933 verfolgt und in Konzentrationslager verschleppt. Doch auch die letzten Jahre haben gezeigt, dass es immer wieder zu Übergriffen von Neo-Nazis gegenüber Wohnunglosen kam. Faschistische Entmenschlichung ist natürlich auch im Berliner Landtag zu finden. Die AfD fordert auf ihrer Website ,,eine spezialisierte Taskforce zur schnellen Räumung illegaler Obdachlosencamps, sowie eine Null-Duldungspolitik bei neuen Camps.“ Wohnungslosigkeit führe  „zu einem Gefühl der Unsicherheit und Verwahrlosung im öffentlichen Raum.‘’ Anstatt strukturelle Ursachen zu benennen oder Lösungen anzubieten, setzt die AfD auf Kriminalisierung und bedient gezielt die Angst vor sozialem Abstieg, ein klassisches „Nach-unten-Treten“, das gesellschaftliche Unsicherheiten politisch instrumentalisiert.

Und was nun?

Bald werden uns die neuen Zahlen vorgesetzt. Letztendlich bietet der Staat jedoch keine ernsthafte Perspektive, eine Lösung statt Verwaltung für Wohnungslosigkeit zu finden – weil es eben in seinem Interesse ist, dass es diese Obdachlosigkeit gibt. Das Zelt im Park ist ein Mahnmal, dass man selbst abrutschen könnte. Damit werden nicht nur wohungslose Berliner:innen kontrolliert. Letzendlich können nur Veränderungen der Besitzverhältnisse allen Menschen ein Leben in Würde und Sicherheit ermöglichen.

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