Am 6. Januar 2026 begann die umfangreichste militärische Attacke auf kurdische Gebiete in Syrien seit Jahren. Sie dauert bis heute an und ist kein temporärer Vorstoß. Es geht um nichts weniger als um die Existenz jenes demokratischen Selbstverwaltungsprojekts, das vor nicht allzu langer Zeit auch im Westen weit über linke Kreise hinaus als Pilotprojekt galt. Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute steht der als „Syrische Übergangsregierung“ wieder auferstandene Islamische Staat in der Gunst der westlichen Herren. Der al-Qaida- und IS-Kämpfer Ahmed al-Sharaa hat die Camouflage-Uniform gegen den Präsidentenanzug getauscht. Die EU überweist ihm hunderte Millionen, Israel und die USA hofiert er mit einen scharfen Kurs gegen Hisbollah und Iran. Und ein weiterer Vorteil: Der Islamist und seine Milizen sind vollkommen abhängig von der Türkei und deren Geheimdienst MIT. Washington, daraus macht US-Sondergesandter Tom Barrack keinen Hehl, hat sich entschieden: Die neuen Herren sitzen in Damaskus und die Kurden sollen sich unterwerfen.
Das allerdings wollen die kurdischen Kräfte und ihre verbliebenen Verbündeten nicht. In Metropolen wie Qamislo, Kobane und Heseke hat die Generalmobilmachung begonnen und abertausende Kurd:innen – aus allen vier Teilen Kurdistans – bereiten sich auf die Entscheidungsschlacht vor.
Mitten in diesem Chaos bestehen in Rojava – dem syrischen Teil Kurdistans – immer noch internationalistische Freiwilligenstrukturen, also Menschen aus aller Welt, die sich der Revolution und ihrem Fortbestehen hier verpflichtet sehen.Mit einer von ihnen, Nadja Azad, hat Peter Schaber für Gegenwind gesprochen und sie nach der aktuellen Lage in Syrien gefragt.
Vielleicht beginnen wir mit einer kurzen Vorstellung. Wie bist du hier in Rojava gelandet? Was waren deine Gründe?
Der Name, den ich hier angenommen habe, ist Nadja Azad, wobei Nadja arabisch ist und die Bedeutung Hoffnung trägt. Azad kommt von dem kurdischen Wort für Freiheit, Azadî. Diesen Namen habe ich gewählt in Gedenken an Azad Şergeş, einem deutschen Internationalisten aus der Nähe von Ingolstadt, der 2023 im Kampf gegen den türkischen Faschismus in den freien Bergen Kurdistans gefallen ist.
Ich bin aus Deutschland vor ein paar Monaten nach Rojava gekommen, weil ich die Gesellschaft und ihre Revolution hier kennen und verstehen lernen wollte. (…) Dabei hatte mich anfangs nicht die Ideologie überzeugt sondern die Menschen. Menschen mit tiefer revolutionärer Haltung, Menschen, die wirklich kommunal denken und handeln. Menschen, die lieben; ihre Gesellschaft, ihre Heimat, die Natur, das Leben an sich. Einfach aufrichtige Sozialist:innen.
Ich will mit allen Widersprüchen verstehen: was ist das für eine Gesellschaft, was ist das für ein Volk, was ist das für eine Geschichte, die es schafft, dass Menschen sich so entwickeln, dass Menschen die Zukunft in sich aufbauen, selbst zur Zukunft werden? Was ist das für eine Gesellschaft, die wirklichen revolutionären Volkskrieg lebt? Die nicht nur für Frauen kämpft sondern selbst zur Frauenrevolution geworden ist. Und das im hier und jetzt, unter den widrigsten Umständen. Deshalb bin ich hergekommen. Ich hab immer gesagt, wenn ich groß bin, will ich Revolutionärin werden, deshalb bin ich hergekommen.
Ich will aber auch unterstreichen, dass ich eigentlich hergekommen bin um wieder zurück zu kommen. Denn ich bin überzeugt davon, dass revolutionärer Internationalismus gerade in dieser weltpolitischen Phase bedeuten muss, die Gesellschaft dort zu organisieren wo man ist, wo man herkommt, wo man lebt.
Nun ist Rojava wieder von allen Seiten bedroht. Die Milizen der Damaszener Übergangsregierung greifen trotz eines angeblichen „Waffenstillstands“ unvermindert weiter an. Wie stellt sich die aktuelle Lage für euch dar?
Am 6. Januar starteten die Angriffe auf Aleppo, dann die Angriffe auf den Rest Nord-Ost-Syriens, Deir Hafer wurde eingenomen, es folgte der Kollaps der Front und die Tage, in denen wir einen großen Teil der Gebiete verloren haben. Und auch viele Genossinnen und Genossen.
Kobane ist eingeschlossen. Es gibt keinen Strom, kein Wasser kein Brot, keine medizinische Versorgung, die möglich ist. Die Stadt wird belagert von allen Seiten. Tatsächlich geht es darum, diese Stadt auszuhungern und zur Kapitulation zu zwingen. Es gibt zwar Verhandlungen, aber im Hintergrund dieser Verhandlungen geht es immer um die Kapitulation der Selbstverwaltung, weswegen der Krieg auch unterbrochen fortgesetzt wird.
Gleichzeitig wird der militärische Widerstand nicht nur fortgeführt sondern auch verschärft. Jeden Tag schließen sich Menschen aus der Gesellschaft, aber auch aus den verschiedenen Teilen Kurdistans, dem bewaffneten Kampf an.

Es ist ja offenkundig, dass die USA nun auf Damaskus setzen und die kurdische Bewegung, mit denen sie ein fragiles und wechselhaftes Bündnis seit der Anti-IS-Koalition hatten, verraten haben. Wie bewertet ihr die Rolle Washingtons bei den aktuellen Angriffen?
Jemand, mit dem du nicht befreundet bist, kann dich nicht verraten! Die USA haben die Selbstverwaltung immer als ihr Werkzeug gesehen, dass sie benutzen wollten. Sie haben die demokratischen Kräfte Syriens, die Selbstverwaltung 2014 und 2015 unterstützt, weil es keine andere Kraft auf dem Boden gegen den Islamischen Staat gab. Trumps Mann für Syrien, Tom Barrack, hat das ganz klar so benannt, als er auf Twitter die Aufkündigung dieses Bündnisses bestätigte. Weil die syrische Zentralregierung unter Assad kein verlässlicher Partner war, aufgrund ihrer Beziehung zum Iran und zu Russland, hat man damals auf die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) gesetzt, um gegen den Islamischen Staat zu kämpfen, weil es keine andere Kraft gab. In Ermangelung einer Alternative.
Aber nun, da jetzt eine neue Regierung in Syrien da ist, die international anerkannt ist und auf die man sich vermeintlich auch verlassen kann, braucht man die SDF nicht mehr. Ihre Funktion ist tatsächlich „abgelaufen”, wie es Tom Barrack formuliert hat. Den USA ging es mit Unterstützung der SDF darum, eine Kraft zu haben, die zum einen den Islamischen Staat schlagen kann, zum anderen aber verhindern kann, dass die iranische Achse des Widerstands sich in der Region ausbreitet. Deswegen haben sie mit der Selbstverwaltung zusammengearbeitet. Da gab es eine temporäre Interessenüberschneidung, deswegen hat die Selbstverwaltung dieses Bündnis immer als ein taktisches bezeichnet.
Dass die USA jetzt in dieser Hinsicht umschwenken, hängt natürlich mit ihren Interessen zusammen, aber man kann es nur immer wieder wiederholen: Der Imperialismus kennt keine Freunde. Der Imperialismus kennt nur Interessen. Daher ist das Verhalten der USA nicht verwunderlich.
Und die Türkei? Welche Rolle spielt sie aktuell?
Seit 2012 versucht die Türkei, die Errungenschaften im Norden Syriens zu zerschlagen, die Revolution zu liquidieren und die kurdische Selbstverwaltung zu bekämpfen. Auch das Bündnis der Völker im Norden und Osten Syriens war der Türkei ein Dorn im Auge, weil es auf die andere Seite der Grenze übergreifen könnte. Deshalb arbeitete sie seit 2013 aktiv mit der Al-Nusra-Front, also dem syrischen Ableger von Al-Qaida, zusammen. Aus denen gingen die heutigen Machthaber in Syrien hervor. Die Türkei nutzte sie schon immer, um die Selbstverwaltung anzugreifen. Zeitweise versuchte sie das gleiche mit dem IS. Auch während des sogenannten Friedensprozesses änderte sich die Haltung der Türkei in keinster Art und Weise.
Die Türkei versuchte immer, diplomatische Mittel zu nutzen, um den Handlungsspielraum der SDF zu begrenzen. Sie hat al-Sharaa und seiner Regierung die Kontakte nach Russland und den USA vermittelt. Und sie hat sich dafür eingesetzt, dass sie international anerkannt werden. Ziel war es, die Rolle der SDF langsam zu schwächen, um eine Situation zu erreichen, in der jetzt auch Tom Barrack getrost sagen kann: Wir setzen im Kampf gegen den IS auf die sogenannte Syrische Übergangsregierung.
Auch Israel spielt hier übrigens eine zentrale Rolle. Israel hält den Süden Syriens besetzt, positioniert sich als Schutzmacht der Drusen und toleriert keine starke türkische Präsenz. Nach langen Vermittlungsversuchen, unter anderem durch den türkischen Außenminister, wurde ein Abkommen erzielt, das die Grundlage für den derzeitigen Angriffskrieg gegen die Selbstverwaltung bildet. Israel, die USA und die Türkei gaben der Operation grünes Licht – besiegelt wurde das mit dem Paris-Abkommen vom 6. Januar. Der NATO-Staat Türkei greift nun auch aktiv in die Gefechte ein: Luftangriffe, Waffenlieferungen, Panzerfahrzeuge, Feldaufklärung. Auch militärische Beratung für die islamistischen Truppen findet statt.
Eigentlich lief in der Türkei ja so etwas wie ein „Friedensprozess“ mit der kurdischen Bewegung. Ist der damit jetzt Geschichte?
Man sollte auf diese Frage nicht einfach mit „ja oder nein“ antworten. Vielmehr muss man die Interessen der Türkei, der kurdischen Bewegung und von Abdullah Öcalan berücksichtigen. Die Bewegung wollte durch den Friedensprozess den Menschen Luft zum Atmen geben, nach zehn Jahren Krieg. Sie konnte erste Freiräume schaffen und die Bevölkerung organisieren.
Die Türkei dagegen betrachtete den Prozess nie als echten Friedens- oder Transformationsprozess, sondern als Mittel, die Selbstverwaltung zu zerschlagen und ihre Kapitulation zu erzwingen. Die Bewegung versuchte, die Freiräume innerhalb dieses Spannungsfeldes zu nutzen. Zugeständnisse wie Waffenstillstände waren dabei wichtig, um der Bevölkerung etwas Erholung zu ermöglichen. Die Türkei ist den Prozess jedoch nur aus Zwang eingegangen, ihre Absicht, die Bewegung zu liquidieren, blieb unverändert. Militärische Mittel wurden jetzt durch politische Mittel ersetzt und das Ziel der Türkei blieb, die Errungenschaften der Bewegung zu dezimieren und den Verhandlungstisch zu kontrollieren.
Ob der Friedensprozess weitergeführt wird, hängt vom Verlauf des Kampfes ab. Wenn es der Bewegung gelingt, sich militärisch durchzusetzen, dann wird der Gegner einen als Verhandlungspartner akzeptieren müssen. Wenn nicht, wird der Gegner versuchen, die Kapitulation zu diktieren. Aber ich denke, zu all dem wird die Bewegung sich noch melden. Jetzt gerade akut sollte unser Fokus nicht auf Spekulationen liegen, sondern auf der Verteidigung von Rojava.
Die kurdische Bewegung hat ihr Volk in allen Teilen Kurdistans zum Widerstand aufgerufen. Wie läuft die Mobilisierung? Wie ist die Stimmung im Volk?
Die kurdische Bevölkerung kämpft um ihre Existenz, Muttersprache und nationale Errungenschaften. Die Mobilisierung der Bevölkerung läuft gut. Hunderte aus Bakur und Bashur haben sich angeschlossen. Jeden Tag sind Tausende Menschen in allen Teilen Kurdistans auf der Straße und weitere Hunderte machen sich täglich auf den Weg zur Grenze. Vor ein paar Tagen wurden Menschen an der Grenze zu Nordkurdistan von türkischen Soldaten erschossen, als sie diese Richtung Rojava eingerissen hatten, um sie zu überqueren. In der Nacht vorher wurde die Grenze auch abgefackelt und jeden Tag gibt es ähnliche Bilder und Ereignisse. Ich weiß auch von vielen Kurd:innen aus anderen Teilen, die sich auf dem Weg hierher machen, um sich dem Widerstand anzuschließen. Sie alle machen klar, dass sie keinen weiteren Genozid an ihrem Volk zulassen werden.
Allgemein ist die Stimmung hier in Rojava trotz der Ereignisse seit dem 6. Januar auch weiterhin beeindruckend entschlossen. Jede Nacht gehen wir Internationalist:innen raus, um mit den Menschen hier Nobet, Wache, zu schieben. Alle 50 Meter gibt es selbst errichtete “Check-Points” der Gesellschaft. Vor allem die Jugend stellt sich hier die ganze Nacht mit ihren Kalaschnikows hin und zündet alles an, was sie finden kann, um Feuer zu machen. Gestern Nacht hat es durchgehend geschneit, aber wir haben uns gemeinsam warm getanzt und gesungen. Auch die älteren Frauen und Männer waren am Start und die Kids natürlich auch. Da kannst du machen was du willst, die bestehen drauf, dass du mitmachst. Eigentlich finde ich kaum Worte dafür, wie sehr mich die Gesellschaft hier gerade berührt. Die Moral ist bei 1000!
Morgens finden oft Beerdigungen von den Gefallenen der Front statt. Erst trifft man sich am Militärkrankenhaus, um den Leichnam zu betrauern. Dann gehts mit einem riesigen Autokorso zum Friedhof der Gefallenen und dort wird der Leichnam begraben. Da ist auch immer die ganze Stadt am Start, die Läden sind dafür geschlossen etc. und das, obwohl so viele die ganze Nacht davor wach waren, um für die Sicherheit aller zu sorgen. Dieses Volk ist schon ein besonderes. Das muss ich sagen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier auch nur ein bewaffneter Islamist die Straße überqueren kann.
So entschlossen gerade die kurdischen Bevölkerungsteile wirken, so brüchig hat sich in den vergangenen Tagen das Bündnis mit dem arabischen Teil der Gesellschaft erwiesen. Es war offenkundig, dass ganze Stammesverbände direkt desertiert sind und die Seiten gewechselt haben. Was ist übrig von dem „multiethnischen“ Projekt Rojava?
Nicht alle Araber sind übergelaufen. Tausende kämpfen weiterhin in den demokratischen Kräften Syriens, oft als professionelle Revolutionäre. Auch in den Städten im Norden Syriens stehen viele Araber hinter der Revolution. Der Konflikt ist nicht primär ethnisch, sondern ideologisch. Es geht um die Frage: Islamischer Staat oder demokratische Selbstverwaltung.
Die Selbstverwaltung wurde auf ihre mehrheitlich kurdischen Kerngebiete zurückgedrängt, aber der Konflikt ist nicht zu einem rein nationalen Konflikt geworden. Es geht um die Verteidigung demokratischer Strukturen gegen islamistische Gruppen.
Es gibt dabei arabische Stämme, die opportunistisch handeln und sich je nach Machtlage anpassen. Einzelne bleiben jedoch loyal zur Selbstverwaltung. Der Konflikt ist wie gesagt ideologisch, nicht ethnisch. Menschen positionieren sich nach ihren Visionen für Syrien: demokratisch oder islamistisch. Nationalität spielt eine Rolle, ist aber nicht ausschlaggebend. Die kurdische Bevölkerung kämpft um Existenz, Rechte und Muttersprache, während Teile der arabischen Bevölkerung die Selbstverwaltung unterstützen. Die Revolution muss in diesem Kontext verteidigt werden und Verhandlungskanäle offen zu halten, bleibt strategisch sinnvoll. Aber die Resultate aus Gesprächen können nur so stark sein wie die militärische und diplomatische Position ist.

Abschließend vielleicht die Frage: Was können Menschen, die Solidarität mit Rojava empfinden, jetzt tun?
Normalerweise würde ich sagen: “Der Hauptfeind steht im eigenen Land”. Und natürlich ist das auch eine richtige Antwort. Ich muss das gar nicht groß ausführen, die Genoss:innen in Deutschland wissen Bescheid, das zeigt die Praxis der letzten Tage; Besetzung der SPD Zentrale in München, Besetzung von RTL in Köln, jeden Tag selbstbestimmte und kämpferische Demonstrationen in Stuttgart und anderen Städten, gestern Nacht Angriffe auf ein faschistisches türkisches Zentrum in Hamburg und weitere militante Aktionen gegen Kriegsprofiteure in Leipzig und das türkische Konsulat in Berlin.
Grüße gehen raus an alle und ich sag mal so, keine Aktion ist zu klein. Und keine zu groß. Außerdem kommen gerade überall Menschen zusammen mit der kurdischen Diaspora und diskutieren. Planen, organisieren, handeln. Das ist natürlich das, was es jetzt braucht; Druck auf der Straße. Wir kennen das. Wichtig ist uns, immer wieder bewusst zu machen, dass es auch wirksam ist! Dass es jetzt in dieser Situation einen Unterschied machen kann.
Ich sag aber auch ganz ehrlich: Es geht gerade um nicht weniger als die Existenz. Es geht um Leben und Tod der Rojava-Revolution. Wir müssen uns fragen, was das für uns bedeuten würde, wenn es diesen Ort hier nicht mehr gäbe. Rojava zeigt uns allen schließlich, dass eine andere Welt möglich ist. Dass revolutionärer Volkskrieg und Frauenrevolution keine fernen Utopien sind, sondern hier direkt gelebt werden. Hier wird ein lebenswertes Leben für alle Menschen aufgebaut und verteidigt. Dementsprechend rufe ich auch ganz klar dazu auf, jetzt herzukommen. Damit wir gemeinsam das Leben verteidigen können!

