„Old but gold“ – eine Reihe zu Klassikern der Weltliteratur
Der Kapitalismus hat vorerst gesiegt und für Verlierer, die das Bessere wollten, ist kein Platz mehr in der Geschichtsschreibung. Was der historische Gegner, die geschlagene Arbeiterbewegung, erschuf, muss mit Schlamm beworfen oder der Vergessenheit anheim gegeben werden.
Für abermillionen Buchseiten der Weltliteratur ist kein Platz mehr in den Onlineshops einer dementen kapitalistischen Moderne. Kein Lehrplan empfiehlt sie der Schülerin, keine schmucken Neuauflagen werden im Weihnachtsgeschäft beworben. Man muss sie sich alle antiquarisch besorgen und selbst entstauben. Das aber lohnt sich.
Die vorliegende Reihe hat so auch nur einen Zweck: Grabt die alten Schmöker aus den Hügelgräbern der Nachlässe, Genoss:innen. Bringt wieder ans Licht, was unsere eigene revolutionäre Tradition hervorgebracht hat, denn es ist schön und gut.
Erinnerungen eines Partisanen: G.M. Linkows „Die unsichtbare Front“

Grigorij Matveevič Linkow war kein gelernter Schriftsteller. Sein 1953 erschienenes Werk „Die unsichtbare Front“ kann dementsprechend auch nicht mit den erzählerisch meisterhaft konstruierten Kriegsromanen eines Alexej Tolstoi oder Michail Scholochow mithalten. Sprachgewaltig ist der recht umfangreiche Wälzer auch nicht besonders. Und doch legt man das Buch, hat man es einmal zur Hand genommen, nicht mehr weg.
Denn Linkow hat seine Geschichten in die wirkliche Geschichte eingeschrieben. Unter dem Kampfnamen „Batja“ (Väterchen) sprang er zusammen mit ein paar dutzend Moskauer Genossen nach dem Einmarsch der Hitler-Truppen hinter der Frontlinie in Weißrussland ab. Den Moskauer Falschirmspringern kam die Aufgabe zu, den Aufruf Stalins zum „Vaterländischen Volkskrieg“ vom 3. Juli 1941 gegen die Besatzer auch im Hinterland zu verwirklichen:
„In den vom Feind okkupierten Gebieten müssen Partisanenabteilungen zu Pferd und zu Fuß gebildet und Diversionsgruppen geschaffen werden zum Kampf gegen die Truppenteile der feindlichen Armee, zur Entfachung des Partisanenkriegs überall und allerorts, zur Sprengung von Brücken und Straßen, zur Zerstörung der Telefon- und Telegrafenverbindungen, zur Niederbrennung der Wälder, der Versorgungslager und der Trains. In den okkupierten Gebieten müssen für den Feind und alle seine Helfershelfer unerträgliche Verhältnisse geschaffen werden, sie müssen auf Schritt und Tritt verfolgt und vernichtet und alle ihre Maßnahmen müssen vereitelt werden.“
Diese Vorgaben zu erfüllen, war zu Beginn alles andere als einfach. Denn gerade im Westen der Sowjetunion waren viele vom rasanten Vorrücken der faschistischen Truppen überrascht worden, ganze Einheiten der Roten Armee waren versprengt in den Wäldern untergetaucht und große Teile der Zivilbevölkerung lebten unter dem Terror der Invasoren. Die Hoffnung auf ein Bestehen gegen die Eindringlinge war am Anfang des Partisanenkriegs dementsprechend gering. Wo spontane Partisanengruppen entstanden, mangelte es an Disziplin. Und Verrat war an der Tagesordnung.
So fängt auch Batjas eigene Story nicht eben reibungslos an. Er verpasst den anvisierten Zielort beim Absprung, findet seine Genossen nicht und irrt erst einmal wochenlang durch unbekannte Wälder und Dörfer. In seiner Not knüpft er allerdings auch schon erste Kontakte zu Kolchosvorsitzenden, Bauern und Verbindungsleuten. Er marschiert so lange kreuz und quer durch die Gegend, bis er das Terrain wie seine Westentasche kennt. Zum Gelingen gehört aber auch stets ein bisschen Glück und so findet er irgendwann seine Partisanenkollegen. Nun werden Lager errichtet und das Werk kann beginnen: Zum Abtransport für die Deutschen bestimmte Lebensmittel werden geplündert, Theater voller Nazi-Offiziere gehen in Flammen auf und vor allem werden jede Menge Züge und Bahngleise gesprengt.
Im Verlauf der „unsichtbaren Front“ wird aus den ersten kleinen Aktionen dabei ein ausgewachsener Volkskrieg gegen die deutsche Besatzungsmacht, an dem sich von der Teenagerin bis zur Großmutter breite Teile der Bevölkerung beteiligen. Der Kampf sowjetischer Partisanen im Hinterland des Feindes wurde so zwischen 1942 und 1944 immer mehr zu einem wirklichen militärischen Faktor: Er verlangsamte die Nachschubwege an die Front, er band Kräfte des Gegners im Hinterland und er erschwerte die Verpflegung der Wehrmacht aus geraubten Nahrungsmitteln der besetzten Länder. Die Erinnerungen Grigorij Linkows sind dabei ein Dokument der Eigenschaften, die es vor allem braucht, wenn gegen einen militärisch weit überlegenen Feind gesiegt werden soll: Überzeugung, Zähigkeit und Einfallsreichtum.
Nur zwischen den Zeilen der Erfolgsgeschichte merkt man hinter der Härte des Offiziers das unfassbare Leid, das der faschistische Angriffskrieg auch über diejenigen gebracht hat, die sich im Angesicht der Notwendigkeit zu Härte gegen sich und andere erzogen haben. Linkow schreibt im Nachwort des Buches: „Wie die Panzergräben und Schützenstellungen des Krieges nach und nach überwuchert und eingeebnet werden, so verliert auch die Erinnerung an jene Jahre allmählich ihre Schärfe. Aber den Schmerz um die Freunde und Kampfgefährten, die in heldenhaftem Kampfe fielen, wird auch die Zeit nicht tilgen.“
Linkows „Die unsichtbare Front“ ist nicht unbedingt ein Lesevergnügen, wenngleich es nicht an Action mangelt. Aber: Es ist ein Schulungsroman. Zwar verallgemeinert der „Genosse Oberst“ seine Erfahrungen selbst nicht zu Lehrsätzen, aber wer aufmerksam liest, hat hier durchaus einen Sun Tsu des Partisanenkriegs vor der Nase.

