Die Türken: Antiimperialismus auf Umwegen // Teil 1: Der Geburtsfehler

Die Türkei ist ein junges Land mit einer alten Unruhe. Kaum gegründet, schon im Ausnahmezustand. Putsche, Gegenputsche rechtsextremer Paramilitärs, Schattenarmeen, Graue Wölfe, Susurluk-Skandal: Staat, Mafia, Militär – in der Türkei ist irgendwie alles ein und dasselbe. Aber nicht nur die Rechte ist so. Auch die Linke ist völlig unübersichtlich, völlig durchgedreht, schon immer da. 

Und trotzdem gibt es etwas, das sich unabhängig des politischen Lagers durchsetzt. Unsere Autorin hat es während des Genozids in Palästina, während des jüngsten Krieges im Iran und während der Besatzung Südlibanons beobachtet: eine in großen Teilen der türkischen Bevölkerung fast volkstümliche, rohe, aber real existierende Verachtung gegen den Imperialismus, ein ewiger Jähzorn im Angesicht seiner Verbündeten. Kein ausgearbeitetes Bewusstsein; ein körperlicher Reflex. Er ist widersprüchlich, er ist scheinheilig, er ist heuchlerisch. Wo kommt er her? Ist das Kemalismus? Diese ewige Staatsreligion aus „Unabhängigkeit, „Nation, „Souveränität? Oder ist es älter? Vielleicht sogar etwas, das kurz als Traum eines Klassenbewusstseins aufblitzt, aber nie zur Klarheit kommt ?

Denn eins ist klar: Der Kemalismus ist eine ideologische Krankheit, die sich so tief in die politische Wahrnehmung der Türkei und der Türk:innen eingeschrieben hat, dass sie jede ernsthafte Perspektive auf Befreiung systematisch blockiert. Er produziert eine pervertierte Form des Antiimperialismus, die keine ist und damit nicht nur die Türk:innen, sondern die gesamte Region dazu verdammt, in der Ordnung zu verbleiben, die sie zu bekämpfen glaubt. 

Auch heute wird dieser falsche Antiimperialismus von der türkischen Autokratie missbraucht: Figuren wie Recep Tayyip Erdoğan müssen den Antiimperialismus nicht zerstören —  sie haben überhaupt kein Interesse daran. Ein bisschen Rhetorik, ein paar mal „Zionismus“ sagen, und das Gefühl ist gebunden – während die materielle Einbindung in die imperialistische Ordnung vollständig intakt bleibt: 

Die Frage drängt sich auf: Wie konnte es so weit kommen? Kaum ein anderes Land hat — zumindest bis in die jüngere Vergangenheit — eine solche Dichte an revolutionären Massenbewegungen hervorgebracht, von denen weit über die eigenen Grenzen hinaus hätte gelernt werden können. Und doch steht man heute vor einem Trümmerfeld aus verpassten Möglichkeiten. Was ist schiefgelaufen? Und gibt es einen Weg hinaus?

Diese Reihe setzt genau dort an. Sie nimmt sich vor, die Geschichte der türkischen Republik und ihrer revolutionären Bewegungen nachzuzeichnen — im Zusammenhang mit dem Begriff des Antiimperialismus, an dem sich so vieles entscheidet und an dem sich so vieles zu verfehlen nicht aufgehört hat. 

Der Monarchisten-Moment

Anfang des Jahres, noch bevor der Angriffskrieg des US-Imperialismus gegen den Iran ausbrach, „protestierten“ Tausende monarchistische Exil-Iraner:innen „gegen das islamische Regime“. Das war die Oberfläche – aber der Inhalt dieses „politischen Widerstands“ war eigentlich ein anderer: Es war die Vorbereitung der Legitimation für diesen Krieg und es war ein Bittruf an an den Westen die eigenen Landsleute zu töten; die Jahrtausende alten Städte des Iran zu zerstören (die übrigens sonst von ebenjenen Iraner:innen als Urkunde der “hohen arisch-persischen” Zivilisation hochgehalten werden) und die zivile Infrastruktur des Landes für viele Jahrzehnte dem Erdboden gleich zu machen.

Demonstration vom Iranern gegen das iranische Regime, mit Plakaten von Prinz Reza Pahlavi, Berlin, 07.03.2026

Es war nicht nur die von den Monarchist:innen in Kauf genommene menschliche Katastrophe, die ein wirklich beachtliches Maß an Verachtung in mir auslöste, sondern die Würdelosigkeit – der Mangel an Stolz, mit dem sie sich dem Westen anbiederten, bettelnd nach der Eroberung des eigenen Landes. 

Als ich im Februar Aufnahmen von den „Protesten” in München sah, bei denen sich Hunderttausende Exil-Iraner:innen am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz versammelten, um der deutschen Polizei mit Blumen zu danken, oder Bilder von Reza Pahlavi hochzuhalten, dachte ich im Angesicht dieses unbändigen Chauvinismus selbstgefällig (aber nicht weniger chauvinistisch): „Nicht ein einziger Türke – nicht der westlichste Erdoğan-Hasser, nicht der laizistischste Atatürk-Anhänger, nicht der selbsterkoren „weißeste“ Türke würde jemals die Imperialisten dieser Welt anbetteln, die Türkei zu unterwerfen. Wir sind schlimm – aber so schlimm ist keiner von uns.

Warum das Bedürfnis nach Vergleich? Er liegt nahe. Kemalistische Türk:innen und monarchistische Iraner:innen haben eine Gemeinsamkeit; die Mythen der jeweiligen nationalen Abgrenzungen lauten ungefähr wie folgt: „Die einzige Zivilisation auf dieser Welt ist das Gebilde Europa, deshalb sind wir Europäer:innen. Wir sind westlich, wir sind der Westen, wir sind weiß. Wir sind nicht unbedingt Muslime, aber wir sind ganz sicher keine Araber!“ Und wo liegt der Unterschied? Da, wo monarchistische Iraner:innen den Imperialismus billigen, ja geradezu willkommen heißen, denken Atatürk-Fanatiker:innen noch immer, dass die Tradition des Kemalismus, also auch die des Türkischseins, eine antiimperialistische ist – eine, die die Unabhängigkeit der Türkei bedeutet. Während besagte Iraner:innen also zumindest konsequent sind in ihrer Niedertracht, ist unsereiner noch beschäftigt mit einem kolossalen, aber identitätsstiftenden Selbstbetrug. 

Das ist ein Selbstbetrug, den ich sonst entschieden von mir zurückweise. Die türkische Identität ist ein Fantasiegebilde im Dienst einer liberal-nationalistischen Agenda, die Türkei ist historischer Exekutivstaat imperialistischer und anti-kommunistischer Interessen, sie ist eine unterdrückende, gewalttätige Nation, die die Arbeiter und Bauern Anatoliens spaltet,  nieder mit dem türkischen Faschismus, Freiheit für Kurdistan.

Aber dann sehe ich nach Ausbruch des Krieges einen Clip von Hasan Pikers Stream, in dem er ähnlich über die Exil-Iraner:innen schimpft. Und auch er hat den gleichen Instinkt – er vergleicht sie mit uns: „There has never been a moment in my life, where I have felt the indignity of saying ‚Turkey would be better off with an American puppet installed in its leadership.‘ It is the most disgusting, worm-like behavior I have ever seen.“ 

Couldn’t have said it better myself, Hasan. 

Warum tun wir das? Warum reicht es nicht bei der Analyse zu bleiben? Warum müssen wir unsere antiimperialistische Haltung, die keiner Nation bedarf, mit einer spezifisch türkischen Zuckung untermauern? Warum kommt sie überhaupt auf? Wenn selbst in mir, die sich vom türkischen Nationalismus komplett zu entfernt haben glaubt, dieses Gefühl aufkommt, diese körperliche Unruhe, dann vielleicht nicht, weil ich ihm heimlich anhänge, sondern weil er tiefer sitzt, als ich zugeben will.

Erinnere dich, Geliebter

Als ich ein Kind war, es muss 2006 gewesen sein, lief im türkischen Fernsehen eine Serie, die Hatırla Sevgili hieß – „Erinnere dich, Geliebte:r“ zu deutsch. Mein Vater, der sonst kein großer Freund der türkischen Seifenoper war, verpasste keine Folge. Ich durfte dabei sein, wenn er Freitag abends einschaltete. 

Ich erinnere mich nur noch schemenhaft an die Handlung; irgendwo war eine Liebesgeschichte, ein Flugzeugabsturz, verfeindete Familien. Aber die Väter der verfeindeten Familien hatten Positionen in konkurrierenden parlamentarischen Parteien inne – der DP (Demokratik Parti, deutsch: Demokratische Partei) und der CHP (Cumhuriyet Halk Partisi, deutsch: Republikanische Volkspartei) – man kann, wenn man die türkische Geschichte kennt, erahnen worum es ging: die zahlreichen Putsche in der Geschichte der türkischen Republik, um die sich gründenden islamischen und ultra-nationalistischen Studentenvereinigungen, die Proteste gegen die NATO, aber vor allem um junge türkische Kommunist:innen; allen voran: um Deniz Gezmiş (Gründer der THKO, Türkiye Halk Kurtuluş Ordusu, deutsch: Volksbefreiungsarmee der Türkei).

Woran ich mich gut erinnere ist, dass ich nie verstanden habe, warum er verfolgt wurde, warum Bücher verbrannt wurden, wer mit diesem Mann ein Problem haben könnte? Denn er war ein junger, intelligenter, stolzer, edler Mann („wie mein Vater“, dachte ich). Die politischen Machhaber an der Universität, die Gegner der rechten Studentenverbindung und der Bauer vom Dorf, in dem er sich vor der Polizei versteckte – niemand konnte seinem Charme, seiner Wortgewandtheit, seinem Heldentum widerstehen. 

Ich bat meinen Vater nach jeder Folge, mir zu erklären, was passiert war. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was er sagte. Aber ich weiß noch, dass er lang und breit erzählte und dann Kassetten einlegte: Fikret Kızılok, Selda Bağcan, Bülent Ortaçgil – die ich seitdem alle noch regelmäßig höre. „Das waren Kommunisten – Helden!“ 

Still aus Hatırla Sevgili (ATV, 2006). Kommunistische Student:innen protestieren gegen die NATO. Sie tragen die besagten grünen Parkas.

Fortan war auch ich Kommunistin und wünschte mir jeden Winter einen grünen Parka, wie ihn Deniz Gezmiş in der Serie trug – was der Inhalt dieser Ideologie war, wusste ich nicht – aber nichts was mein Vater so ergreifend fand, hätte so falsch sein können, dass ich ihm nicht anhängen würde. Wenn man eine Selbstbezeichnung so lange nutzt, wächst man in sie hinein. Ich bin zwanzig Jahre später immer noch Kommunistin und kenne nun den Inhalt der Ideologie gut genug, um sagen zu können: Mein Vater hatte Recht. Es ist eine ergreifende Sache. 

Hier ist der eigentliche Knick. Der Kommunismus war für mich nicht schon immer eine Weltanschauung, sondern zuerst ein türkischer Klang im Wohnzimmer meines Vaters – er war etwas Familiäres, etwas Selbstverständliches. Auf Deutsch habe ich das Wort erst Jahre später gehört und es mussten nochmal viele weitere Jahre verstreichen, bis ich auf eine:n andere:n Kommunist:in in Deutschland stieß. Und genau deshalb ist diese Zuckung, zumindest in ihrer biographischen Dimension, die Fortsetzung dieser frühen Gleichsetzung. Dass Kommunismus, dass Antiimperialismus sich für mich an der einen oder anderen Stelle national färbt, ist eine Art gespeicherte Grammatik, in der ich diese Begriffe überhaupt erst gelernt habe. Aber die „nationalistische Zuckung“ ist eben nicht nur ein persönliches Phänomen, dass vor dem Hintergrund meiner Sentimentalität entsteht, sondern hat noch  mindestens zwei weitere Dimensionen. 

Erstens: Ich bin mittlerweile älter, als es Deniz Gezmiş je werden durfte (denn er wurde im Alter von 25 Jahren erhängt). Und mit dem Alter kommt eben die Einsicht darüber, dass auch sentimentale Erinnerungen an eine Sache hinterfragt werden müssen. Heute weiß ich, dass der türkische Privatsender ATV 2006 sicher nicht die Absicht hatte Millionen türkischer und deutschtürkischer Kinder im Kampf gegen den US-Imperialismus zu radikalisieren. ATV wurde von Medienmogul und Milliardär Dinç Bilgin, dem auch die türkischen Tageszeitungen Sabah und Takvim gehörten, gegründet und später verkauft an Bau-Milliardär Korkmaz Yiğit, der den Sender später selber wieder weiterverkaufen musste, als seine Verbindungen zum faschistischen Mafiosi Alaattin Çakıcı bekannt wurden (Çakıcı wird in dieser Geschichte noch an anderer Stelle auftauchen). Die Absicht von ATV war eine andere: das Erbe der revolutionären türkischen Linken zu „nationalisieren“ und zu  entkernen von seinem tatsächlich revolutionären Gehalt. Natürlich lag es da näher für diese Erzählung Deniz Gezmiş ins Zentrum des dargestellten Milieus zu rücken, als den ideologisch konsequenteren Mahir Çayan, der deutlich prägender für die türkische Linke zu dieser Zeit war.

Hatırla Sevgili war Propaganda. Ein bisschen hat sie vielleicht funktioniert. 

Zweitens und viel schwieriger zu dekonstruieren: Der Antiimperialismus, wie er in der türkischen linken Tradition existiert und den ich in mir wiederkenne, war nie frei von seiner historischen Form. Er kommt nicht neutral daher. Er trägt schon immer eine Sprache mit sich, die aus der türkischen Staatsbildung stammt. Der Antiimperialismus, wie er in den türkischen linken Traditionen auftaucht, ist nie ganz aus diesem nationalen Ursprung herausgekommen – selbst in seinen radikalsten Erscheinungen nicht. Und heute, da wo der Großteil der türkischen Linken noch immer vehement darauf besteht, dieses Erbe falsch zu verstehen, da führt er in einen unbändigen Chauvinismus, von dem sich das Land vielleicht nie befreien wird, wenn es so weitergeht, wie es angefangen hat. 

Hoch lebe die völlig unabhängige Türkei! 

Das ist die große Losung der türkischen Linken: Yaşasın tam bağımsız Türkiye! Und sie gehört konkret in die zweite Hälfte der 1960er Jahre. Sie fällt in einer sehr bestimmten historischen Lage: nach zwei Jahrzehnten fester Einbindung der Türkei in den westlichen Block.

Nach 1945 wird die Türkei systematisch in die US-geführte Ordnung integriert. 1947 die Truman-Doktrin, 1952 der NATO-Beitritt, massive Militärhilfe, Aufbau von Stützpunkten wie İncirlik; enge Verzahnung von Militär, Geheimdiensten und US-Strukturen. Gleichzeitig wird die kommunistische Bewegung zerschlagen oder in die Illegalität gedrängt. Die Türkei wird von den Linken zu dieser Zeit deshalb richtigerweise als „halbkolonial“ definiert; als geographischer Transmissionsriemen zwischen Europa und der Sowjetunion. Gerade im Kampf gegen den Sozialismus wird die Türkei deshalb geopolitisch, ideologisch, wirtschaftlich und militärisch in den westlichen Block eingehegt. 

1960 kommt der erste Militärputsch. Das türkische Militär stürzt Adnan Menderes, richtet ihn 1961 hin und installiert eine neue Verfassung. Dieser Putsch wird von Teilen der späteren Linken als „fortschrittlich“ gelesen, weil er die autoritäre Entwicklung der Menderes-Regierung beendet und gewisse Freiräume schafft (Gewerkschaften, Universitäten, begrenzte Pressefreiheit). Genau hier setzt eine erste Illusion ein: Das Militär erscheint für die Linke nicht nur als Repressionsapparat, sondern als mögliches Korrektiv innerhalb des Systems. Dazu später mehr.

Zeitungsausschnitt vom Blutigen Sonntag: “Die Mullahs, mit Knüppeln in der Hand, auf Kommunisten-Jagd…”

In den folgenden Jahren radikalisiert sich die politische Situation. Ab Mitte der 1960er entstehen Massenorganisationen der Linken, Streiks nehmen zu, Universitäten werden zu politischen Zentren. Gleichzeitig wird die Abhängigkeit vom US-Block sichtbarer: Die Präsenz der US-6. Flotte im Mittelmeer, deren Schiffe regelmäßig in Istanbul anlegen, wird zu einem Symbol dieser Abhängigkeit.

Dagegen richten sich die großen Proteste 1968/69; am 16. Februar 1969 („Kanlı Pazar; deutsch: blutiger Sonntag) werden linke Demonstrant:innen von rechten, staatlich mindestens geduldeten, aber wahrscheinlich eher aktiv genutzten paramilitärischen Gruppen angegriffen. Es sind ebenjene rechte Gruppen (allen voran die sogenannten „Grauen Wölfe“ und ihre Mutterpartei die MHP), die in den sechziger Jahren im Rahmen der Operation Gladio von der CIA und ehemaligen SS-Funktionären ideologisch geschult, mit Waffen ausgestattet und finanziert werden – im Dienste der NATO und explizit im Kampf gegen den Kommunismus.

In genau diesem Moment zirkuliert die Parole „Yaşasın tam bağımsız Türkiye”. Sie benennt 1968 reale Verhältnisse: militärische Unterordnung, ökonomische Abhängigkeit, politische Repression.

Und sie wird ideologisch unterfüttert: mit einem Rückgriff auf die 1920er.

Ist Lenin Kemalist?

Die kemalistische Bewegung hatte im Unabhängigkeitskrieg (1919–1922) tatsächlich gegen die Aufteilung Anatoliens durch die Siegermächte gekämpft. Der Vertrag von Sèvres (1920) sah eine faktische Zerschlagung vor. In dieser Situation unterstützte die Sowjetregierung die Bewegung materiell und diplomatisch.

Lenin formuliert 1920 auf dem II. Komintern-Kongress die bekannte Linie zu nationalen Bewegungen: Kommunisten können Bewegungen in kolonialen und halbkolonialen Ländern unterstützen, wenn diese objektiv gegen den Imperialismus wirken. Gleichzeitig betont er, dass die politische Selbstständigkeit der Arbeiterbewegung dabei nicht aufgegeben werden darf. Es ginge um taktische Bündnisse, nicht um eine Aufwertung der nationalen Bourgeoisie als Klasse.

Nach 1917 befindet sich die junge Sowjetmacht in einer extrem prekären Lage: Bürgerkrieg, Interventionen westlicher Staaten, wirtschaftlicher Kollaps. Die strategische Grundfrage ist nicht abstrakt „Weltrevolution“, sondern ganz konkret das Überleben des ersten sozialistischen Staates in der Geschichte der Menschheit. In diesem Kontext wird die Kommunistische Internationale (Komintern, gegründet 1919) faktisch zu einem hybriden Instrument: Einerseits als Organisation der Weltrevolution gedacht, andererseits zunehmend auch als außenpolitisches Werkzeug der Sowjetstaatlichkeit. Ein isolierter sowjetischer Staat kann sich eine rein „ideologische“ Außenpolitik nicht leisten. Deshalb wird die Komintern in den frühen 1920ern auch genutzt, um antiimperialistische Bewegungen zu unterstützen, wenn sie objektiv die imperialistischen Hauptmächte schwächen. Der britische Imperialismus ist dabei der zentrale globale Gegner. Für die Sowjetunion bedeutet britische Expansion im Nahen Osten und im Kaukasus eine direkte militärische Bedrohung. Deshalb ist jede Bewegung, die die britische Kontrolle in Randzonen schwächt, potentiell nützlich,  unabhängig davon, ob diese Bewegung sozialistisch ist.

Zugleich ist die Unterstützung der republikanischen, türkischen Bewegung, geführt von Mustafa Kemal, nicht nur bloßes geopolitisches Kalkül im engen Sinn. Sie hat auch eine klare theoretische Grundlage im bolschewistischen Verständnis von Entwicklung und Revolution. Die nationalen Befreiungsbewegungen in kolonialen und halbkolonialen Ländern werden nicht nur als „nützlich gegen den Imperialismus“ betrachtet, sondern auch als historisch notwendiger Bruch mit vorkapitalistischen bzw. halbfeudalen Strukturen.

In dieser Perspektive ist der Zerfall des imperialen Osmanischen Reiches selbst Teil eines – im wahrsten Sinne des Wortes – fortschrittlichen historischen Prozesses: Feudale Reststrukturen werden aufgebrochen, die nationale Form setzt sich gegen dynastische und imperiale Herrschaft durch, und damit werden überhaupt erst Bedingungen für Kapitalakkumulation, Proletarisierung und politische Massenorganisation geschaffen. Das Selbstbestimmungsrecht der Nationen ist in diesem Sinn nicht nur ein politisches Prinzip, sondern Grundlage für die sozialistische Revolution.

Die nationale Bewegung der Türkei nach dem ersten Weltkrieg erscheint damit als doppelt ausgerichtet: einerseits als Antiimperialismus gegen die dominierenden kapitalistischen Mächte, andererseits als objektiver Schritt in Richtung kapitalistischer Modernisierung und damit auch als Vorstufe der Klassenpolarisierung, die für eine spätere sozialistische Revolution notwendig ist.

Das heißt: Die Unterstützung für Mustafa Kemal ist kein Modell für „fortschrittlichen Nationalismus“, sondern eine konkrete geopolitische Konstellation in einer Phase, in der der Sowjetstaat selbst militärisch unter Druck steht.

Daraus folgt: Natürlich hat man diese Bewegung in dieser historischen Konstellation unterstützt – aber eben, wie Wladimir Iljitsch es im Rahmen der Komintern-Debatten klar macht: nicht als dauerhafte politische Bewertung, sondern im Moment der historischen Konstellation selbst. Unterstützung dort, wo eine nationale Bewegung objektiv gegen den Imperialismus wirkt, nicht als Übertragung auf ihre innere Struktur oder als allgemeines Modell. 

1923: Aus Mustafa Kemal wird Atatürk – die türkische Republik gründet sich. Der türkische Staatsapparat allerdings, der von den Bolschewiki in ihrer historischen Einbettung als fortschrittlich gedeutet wird, versteht nichts von Geschichte. Es ist Atatürk selbst, der in keinem Moment seines restlichen Lebens den Versuch unterlässt aus der Geschichte „des Türken“ eine vollständig imaginierte, falsche Erzählung zu konstruieren, die notwendigerweise im Schlag der Befreiung „des Türken“ von den Imperialisten und von den feudalen, „arabisierten“ Islamisten 1923 endet. Atatürk – Vater der Türken. Erfundener Nachname, erfundener Vater, erfundene Nation.

Und wie entstehen diese Türken? Die Geschichtspolitik Atatürks, die türk tarih tezi (deutsch: Thesen über die türkische Geschichte), stellt die These auf, dass die Türken als „Urvolk“ maßgeblich an der Entstehung früher Hochkulturen beteiligt gewesen seien – einschließlich der Behauptung, dass Zivilisationen wie die Hethiter oder Sumerer auf türkische Ursprünge zurückgeführt werden könnten. In der offiziellen Argumentation dieser Zeit werden historische Migrationen aus Zentralasien genutzt, um eine direkte Kontinuität zwischen antiken Zivilisationen und der modernen türkischen Nation zu konstruieren. Das ist keine marginale Spekulation, sondern das etablierte Fundament der türkischen Identität. Es ist wohl ein Albtraum, Archäolog:in in der Türkei zu sein. 

Parallel dazu wird Europa als einziger Bezugspunkt von „Zivilisation“ gesetzt. Die Reformen der Sprache (Alphabetreform 1928, Reinigung des Wortschatzes von arabischen Wörtern, Institutionalisierung durch die Türk Dil Kurumu) und die Umbenennungs- und Namensgesetze von 1934 sind Teil dieser gleichen Logik: eine radikale Neucodierung der gesellschaftlichen Realität des ehemaligen islamischen Vielvölkerimperiums. 

Diese kulturelle Transformation geht mit einem klaren politischen Projekt einher: Zentralisierung, Einparteienherrschaft unter der CHP und die Ausschaltung aller oppositioneller Kräfte. Kommunistische Organisationen werden verboten und verfolgt, während kurdische Aufstände in den 1920er und 1930er Jahren militärisch auf brutalste Weise niedergeschlagen werden. Außer dem Türken, geschaffen im Antlitz Atatürks, gibt es nichts.  

Und was macht die türkische Linke Anfang der 1960er Jahre mit diesem, sagen wir: komplizierten Erbe? Sie dreht es rückwärts um. Aus einer sowjetischen Überlebensstrategie wird eine generelle Theorie: Die türkische Unabhängigkeit, sowie die spezifische Staatsform, die durch den Kemalismus entsteht, wird als progressiv und als Kontinuum der leninistischen Türkei-Analyse verstanden. 

Die These wird aufgestellt, dass der Imperialismus so leichtfertig in die Türkei einziehen kann, dass es sich um einen in den 1960er Jahren noch immer halbkolonialen Staat handelt, liegt nicht daran, dass der Kemalismus die Gleise für diese Einhegung legt; nein, es liegt daran, dass die kemalistische Revolution selbst noch nicht abgeschlossen ist.

Aber welche:r ernsthafte Kommunist:in glaubt denn daran?

In den frühen 1960er Jahren erlebt die Türkei eine kommunistische Renaissance und erhält eine große Öffentlichkeit, da die TİP (Türkiye İşci Partisi; deutsch: Arbeiterpartei der Türkei) nach dem Putsch von 1960 erstmals als sozialistische Partei ins Parlament einzieht. An den Universitäten entstehen große sozialistische Clubs, zunächst Debattierclubs, die sich 1965 zu einer Föderation zusammenschließen: Fikir Kulüpleri Federasyonu, FKF (deutsch: Föderation der Debattierclubs). Der Debattierclub der Universität Istanbul ist besonders radikal in seinen Forderungen. Ein junger Student der Rechtsabteilung dieser Universität ist 1968 federführend daran beteiligt, die politische Haltung der Debattierclubs zu vereinheitlichen und in einer einzigen Organisation zu zentralisieren – derDEV-GENÇ. Dieser Student heißt Mahir Çayan. Es muss wohl in diesen Jahren sein, in denen er Mihri Belli, langjähriges TKP-Mitglied (Türk Komünist Partisi, deutsch: Kommunistische Partei der Türkei; gegründet 1920) und Verfasser der Mili Demokratik Devrim (National-Demokratische Revolution, kurz MDD) These trifft. Mahir schreibt häufig für die Zeitschrift Aydınlık, (deutsch: Erleuchtung), deren Herausgeber Mihri Belli ist – genau wie es auch Deniz Gezmiş tut. Diese ernsthaften Kommunisten glauben daran – kurz. Aber verherenderweise. 

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Was der MDD-Kreis fordert, warum sie das türkische Militär für fortschrittlich halten, warum sie ganz großartig falsch liegen, warum schon wieder ein Putsch passiert und was aus Mahir Çayan & co wird, könnt ihr in Teil 2 der Reihe „Die Türken: Antiimperialismus auf Umwegen“ nachlesen. 

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