Warum ich es hasse, eine Frau in der kommunistischen Bewegung zu sein

Ich liebe es, eine Frau zu sein – und zwar die konstruierte, gesellschaftliche Praxis “Frau-Sein” in ihrer zugespitzten Form; mit all ihren rückständigen Implikationen und Fallstricken und mit der patriarchalen Unterdrückung als ihrer Kehrseite. Ich empfinde große Freude, aber ganz unweigerlich eine noch größere Trauer, wenn ich darüber nachdenke, dass zukünftige Generationen von Frauen nicht wissen werden, wie es war, eine Frau vor der Revolution gewesen zu sein (es hat sehr viel Spaß gemacht!). 

Ich liebe den Kommunismus. Es ist nicht nur eine notwendige, sondern eine tröstliche Einsicht, dass das Vergangene im Gegenwärtigen fortbesteht und dass wiederum im Werden des Gegenwärtigen der Keim seiner Aufhebung liegt. Und dass dann an dem Freudentag der Menschheitsgeschichte auch jedes Vergangene also seinen Anteil haben wird an dieser unserer Zukunft. Ich liebe es, Kommunistin zu sein und in tiefer Verbundenheit zu unserer berühmtesten Genossin nach über hundert Jahren noch immerfort das selbe Glaubensbekenntnis abzulegen: “Die Weltverbrüderung der Arbeiter ist mir das Heiligste und Höchste auf Erden, sie ist mein Leitstern, mein Ideal, mein Vaterland.”

Ich habe zum Glück also genug Hingabe gegenüber meinem Geschlecht und dem Kommunismus, als dass ich weiterhin eine Frau in der kommunistischen Bewegung sein werde. Und dennoch kann ich nicht überbetonen, wie frustrierend ich diesen Umstand finde. 

Der Ausgangspunkt

In den vergangenen Jahren hat sich eine erfreuliche Tendenz innerhalb der linksradikalen Bewegung erkenntlich gemacht. Nämlich, dass es offenkundig für große Teile der Bewegung die gemeinsame Bestrebung gibt, sich von postautonomen Traditionen zu entfernen und hineinzuwachsen in ein gemeinsames Verständnis der kommunistischen Organisation. Eine populäre Rückbesinnung auf den klassischen Marxismus-Leninismus also. 

War der Begriff der Intersektionalität beispielsweise vor Beginn der Corona-Pandemie noch einer, mit dem man sich für die scheinbare Diversitätskundigkeit und Reflektion mit dem eigenen “white privilege” gerne geschmückt hat, ist nun der weltanschauliche Boden, auf dem das Konstrukt der Intersektionalität gediehen ist, gänzlich verworfen. Er ist ersetzt mit der Erkenntnis, dass jede Form der Unterdrückung nur ein Ausdruck der Klassen- und Eigentumsverhältnisse ist. Alles richtig, schön und gut. 

Problematisch ist an dieser Entwicklung, dass dieser erste Schritt der Erkenntnis bereits als ultimativer Erfolg der bisher linksradikalen Bewegung gewertet wird – also, dass der ideologische Prozess der Klassenanlayse eigentlich schon mit der Erkenntnis über die Notwendigkeit der Klassenpolitik abgeschlossen sei – alles andere kläre sich dann irgendwie automatisch in der Partei.

Genau so verhält es sich in der Auseinandersetzung mit der Theorie rund um die Geschlechterfrage. So ist eine Ablehnung des bisher leitenden Queerfeminismus bereits ein Erfolg auf dem Gefilde der politischen Theorie, hat man doch zurückgefunden zu seiner marxistischen Wurzel und den Queerfeminismus verworfen als metaphysisch, idealistisch, statisch, postmodern. Richtig und gut. 

Und ich muss einräumen, hier machen wir nicht Halt. Auch wenn der Marxismus in den letzten einhundert Jahren akademisch so marginalisiert war, dass er auf dem Gebiet der Geschlechterfrage nicht viel hervorbringen konnte, besinnen wir uns auf die Klassiker zurück: Wir lesen Engels Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats und im besten Fall noch Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie und Gerda Lerner und Silvia Federici und lernen, dass Frauenunterdrückung ökonomisch bedingt ist und die Reproduktion durch die Frau der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Eigentums- und Produktionsverhältnisse dient. Und wir lernen, dass es die Natur tatsächlich gibt! Aber, dass sie nicht statisch ist und uns als lediglicher Beobachter ihrerselbst geistig und materiell verwehrt bleibt, sondern dialektisch ist, wie alle Dinge. Dass sie in einem widersprüchlichen Verhältnis zur gesellschaftlichen Praxis existiert und dass sich der Begriff der Natur aus dem Rückgriff zu dieser gesellschaftlichen Praxis konstituiert, die ja schöpferisch und zerstörend auf diese Natur eingreift. Dass es sich ebenso verhält mit Frauen, die es gibt! Aber die nicht als biologisches Faktum existieren, sondern geformt und verformt sind von der Art und Weise, wie wir unsere Gesellschaft organisieren. 

Dann machen wir aber Halt. Und ich glaube ehrlich, dass diese Quellenlage für’s eigentlich reicht. Aber wir ziehen die falschen Schlüsse. Wir lesen natürlich als erstes und als liebstes, dass der Queerfeminismus falsch ist und dass die von uns wahrgenommene Geschlechterbinarität erstmal ihren Platz in unserem Denken haben darf, hat sie doch eine natürliche Voraussetzung und eine historisch-materialistisch gewachsene Wirklichkeit, die in der Analyse der Geschlechter nicht außer Acht gelassen werden darf. Worüber wir weniger nachdenken und leidenschaftlich gerne diskutieren ist, warum wir nicht in der Lage dazu sind, diesen Diskurs weiterzuführen.

Die Genies

Ich habe den Eindruck, dass ich von männlichen Kommunisten nicht als Kommunistin auf Augenhöhe gewürdigt werde und dabei halte ich eigentlich sehr viel von mir. Diese Diskrepanz ist der ursprüngliche Funke, der zu diesem sehr langen Essay führt, aber das Aussprechen dieses Eindrucks ist noch keine Anklage – also ganz ruhig, Genosse. 

Ich habe den Eindruck, dass eine Frau in der kommunistischen Bewegung brillieren kann, aber nur im Vergleich zu anderen Frauen – nicht gänzlich. Dass sie sich hervortut: durch ihre Härte, ihre Fortschrittlichkeit, am wichtigsten allerdings dadurch, dass sie sich nicht beschwert; ihre Aufgaben unbeirrt der alltäglichen Demütigungen erledigt und dabei die Miene nicht verzieht. Das tun meine Genossinnen und ich meistens. Gelegentlich habe ich das Gefühl, dass irgendwo eine Akte über mich abgelegt sein muss und eine administrative Notiz vorne auf dem Hefter klebt, hastig beschriftet. Darauf steht “nützlich”.

Nicht falsch verstehen: nützlich zu sein, das ist das beste, was man sein kann. Nützlich dem Fortgang der Menschengeschichte, nützlich dem Klassenkampf. Etwas nützliches beigetragen haben zum Abschluss der Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft. So gesehen, müsste das Wort tzlich der Ritterschlag aller Kommunist:innen sein.

Aber das ist nicht, was die Genossen vordergründig meinen, wenn sie sagen, ich und andere Genossinnen seien nützlich. Sie meinen: nützlich, weil sie das Alltägliche erledigen, das Unscheinbare, die Kleinstaufgaben, die Verwaltung, die Vermittlung, die Pädagogik, das Therapeutische. Alles das, wozu sich einige Genossen nicht herablassen können – denn sie sind “genial”. Danke, liebe Genossinnen, dass ihr den notwendigen Freiraum schafft, in dem wir diskutieren und schreiben und die nun wirklich wichtigen Entscheidungen treffen. Wir können genial nur sein, weil ihr nützlich seid. Ohne euch wäre das alles nicht möglich gewesen! 

Als Frau – ob die mitlesenden Genossen das glauben mögen oder nicht – bemisst sich der eigene Wert in der Bewegung oft noch immer am Blick der Genossen. Wir haben, weil wir marginalisiert sind als Kommunistinnen in der Bewegung und als Frauen in der Gesellschaft, einen internalisierten männlichen Blick, eine durchgängig vermittelte Selbstwahrnehmung, in der wir uns (auch gegenseitig!) über den Maßstab der Männer bewerten und dadurch in einer Logik bleiben, die uns kategorisch aus dieser ausschließt. Der Maßstab der Männer ist dabei geprägt von einem gesellschaftlich gewachsenen Konkurrenzkampf um Anerkennung oder um „Wirkungsmacht” – und der sogenannten Genialität darin als unstreitbarer, unübertreffbarer Weihe der kommunistischen Tradition. 

Für viele Frauen aber, die wir uns durch diesen Blick hindurch selbst betrachten, bleibt dieser ersehnte Horizont unerreichbar, weil er uns von vornherein nicht als Möglichkeit dieser Kategorie mitdenkt.

Ich möchte einmal illustrieren, was ich meine: Wenn ich eine aus meiner Sicht wirklich gute Diskussion mit einem Genossen führe, wenn ich alles anstrenge, was ich weiß, und gespannt zuhöre und vorbereitet bin, dann verliert sich für mich ihr Glanz, wenn er sich für die “leidenschaftliche” Diskussion bedankt. Es komme selten vor, sagt er, dass man sich noch traue, so aufgeheizt zu diskutieren. Er bedankt sich nicht für die produktive Diskussion – sie war für ihn keine. Er hat schließlich nichts von mir lernen können; sein Wissen hat sich nicht aufgehoben in ein höheres Stadium der Erkenntnis usw. Ich denke dann: darum ist es ihm nie gegangen. Aber es wäre gleichzeitig vermessen, zu denken, ich hätte auf alle Fälle etwas beigetragen, das den Namen der Produktivität verdiente. Vielleicht liegt das also nicht daran, dass ich eine Frau bin und er ein Mann, sondern ich nicht argumentativ scharf genug. Dann aber würde ich wenigstens irgendwann erwarten, eine Kritik zu hören – eine, die mir vorhält, mein Wissen oder meine Argumente seien noch nicht nützlich genug für die gemeinsame Sache. Die erhalte ich nicht, weil es egal ist. Es ist egal, ob ich die eine oder andere Sache besser weiß, weil sie ein Mann zur Not immer besser wissen wird. Eine Diskussion zwischen Männern ist auch (und informell vielleicht vor allem) ein Wettstreit. In diesem Wettstreit existiere ich nicht. Ich bin darin keine Gegnerin, keine Konkurrentin, kein Teil. Er ist nicht der Diskussion wegen interessiert am Ausgang der Diskussion. Er trainiert seine Argumentationslinie mit mir nur für den Ernstfall – der Diskussion mit einem anderen Mann. 

Ich plädiere an dieser Stelle nicht dafür, dass Frauen ebenfalls mit dem Trugschluss der “Genialität” behaftet werden oder danach streben sollen, sondern, dass wir einen Begriff des Nützlichen nutzen, nach dem wir alle streben; als Maßstab unseres Handelns und als Kriterium unserer Kritik: Denn das Handeln hat sich an seiner Wirkung auf die Welt zu prüfen, und nur die Nützlichkeit für die Veränderung der Verhältnisse taugt als Maß, nicht die zufälligen Regungen unserer Moral oder gar unserer Selbstgerechtigkeit.

Aber das kann nicht der Fall sein, solange Männer die politische Arbeit als ständigen Schauprozess um die eigene Anerkennung nutzen und solange Frauen diese Ordnung in ihren Ansprüchen an sich selbst reproduzieren. Solange bleibt “genial” übergeordnet und aus nützlich wird unterstützend.

Die Sekretärinnen

Jetzt schreibe ich etwas, was ich hasse zu wissen und hasse zu schreiben: Meistens gibt es einen Mann, der etwas tatsächlich besser weiß. Und das liegt nicht daran, dass Männer intellektuelle Naturgewalten sind, sondern daran, dass Frauen häufig nicht den Anspruch – und viel wichtiger – die Liebe dazu entwickeln, zu lernen und viel zu lernen und die Dinge so schön zu sagen, wie sie sind. 

Aus Resignation oder aus Demut oder gelernter Feigheit oder echter Bescheidenheit oder weil man sich nicht wiederfindet in dem Anspruch der “Genialität”; weil man sich zu sehr gewöhnt hat, Genialität zu unterstützen, steigen Frauen nicht ein in die notwendigen Diskurse und versperren sich und dem Kollektiv ihre intellektuelle Teilhabe. Und dann sagen sie nichts Polemisches und sie sind nicht laut und sie schreiben auch keine Broschüre. Vielleicht könnten sie es auch nicht so gut, nicht aus Unvermögen, sondern weil sie es noch nie haben gut können müssen.

Wir entwickeln eine defensive Haltung zur intellektuellen Arbeit, wenn wir den verletzenden Eindruck haben, dass wir nicht ebenso belesen sind, wie die Männer. Wir sagen dann laut, dass auch die Handarbeit gewürdigt werden muss, dass die Praxis genau so wichtig ist, wie die Theorie, ob die Männer denn wüssten, wie schwierig das eigentlich ist den Überblick über die ganzen Kleinstaufgben zu behalten, die eben gemacht werden müssen. Dass wenn wir den Mund aufmachen, das doch sowieso nicht ernst genommen wird. “Der Genosse meldet sich jetzt zum fünften Mal – man soll auch die Frauen sprechen lassen!” – aber es meldet sich keine Frau. 

Viele Wahrheiten schlummern in dieser defensiven Haltung, aber sie drücken auch ein Geheimnis aus, das wir uns untereinander nicht trauen, auszusprechen: dass die intellektuelle Arbeit Teil der Praxis ist und wir uns nicht dazu ermächtigen, diese Arbeit auszuführen. Ich schreibe explizit nicht “ermächtigt fühlen”, sondern “ermächtigen”. Das Gefühl folgt der Tat; es wird einem ebensowenig eingeboren, wie unsere Genossen Die achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte mit der Muttermilch aufsaugen. Sie haben sie gelesen, sie haben es gelernt. Ich behaupte nicht, dass sie das aus den fortschrittlichsten Intentionen tun, ich behaupte sogar, dass Männer sich gerne reden hören, dass sie es aus niederen Beweggründen tun, aber sie tun es. Sie fühlen sich fortan dazu ermächtigt. Sie liegt in unserer Verantwortung, diese intellektuelle Arbeit, die ebenso stetig und mit der gleichen Bescheidenheit ausgeübt werden muss, wie die Handarbeit und der wir ebenso nützlich sein müssen. Um dann Polemisches zu behaupten, zu streiten, eine viel zu lange Broschüre zu schreiben, die ein Mann auf Rechtschreibfehler überprüfen muss, weil sie allzu hastig geschrieben ist. Es ist unsere Aufgabe, eine feine Sache, die dem Kommunismus ja innewohnt, in ihrer zugänglichsten Seite zu erfassen und sie am schönsten zu sagen. 

Frauen üben momentan eine Praxis, in der sie ihre eigene Bedeutungslosigkeit reproduzieren. Diese Bedeutungslosigkeit der Frauen produziert auch die Erhabenheit der Männer und so weiter und so fort. Dieser Widerspruch ist gesättigt voneinander und scheint, wenn er nicht in dieser Widersprüchlichkeit begriffen wird, als das natürliche Los der Geschlechter. Und so ergibt sich die Arbeitsteilung, die einteilt in genial und unterstützend – “nützlich” gerät für die gesamte Praxis der Bewegung in den Hintergrund, der eigentliche Zweck der Arbeit gerät in Vergessenheit, verliert sich in der Performance der Reproduktion der Geschlechterverhältnisse. Daran könnte man erkennen, dass eine Auseinandersetzung mit der Geschlechterfrage kein Randthema sein darf, sondern dass sie, da wo sie den Fortschritt der Bewegung und ihrer Mitglieder (aller Mitglieder, nicht nur der Frauen!) hindert, in das Zentrum der Debatte rücken muss. Aber sie muss unter den gegeben Umständen geführt werden und unter diesen, ist sie aktuell unmöglich zu führen. 

Das Problem der Debatte

Der erste Umstand: die Geschlechterverhältnisse, die wir in der kommunistischen Bewegung vorfinden, sind Spiegelungen, Mikrokosmen der bürgerlichen Geschlechterverhältnisse, in denen wir uns selber kennenlernen und definieren. Es ist unser ausgesprochener Anspruch, aus den bürgerlichen Verhältnissen auszubrechen. Man kann aus den bürgerlichen Verhältnissen aber nicht “ausbrechen”. Man kann in ihnen und durch sie das innere Wesen eines anderen, wahreren, besseren Verhältnisses offenlegen und dieses Instrument der Abhängigkeit zum Zwecke der Revolution nutzen – es gibt nichts, was sich unabhängig der bürgerlichen Ordnung zu etwas Revolutionärem transformieren kann. Man muss also auch in stetiger Vermittlung den Widerspruch des Geschlechterverhältnisses in der Bewegung aufheben, damit man sich tatsächlich befreien kann von den Ketten der bürgerlichen Ordnung. Man muss mit ihnen arbeiten und durch sie, um sie loszuwerden. Das wird uns in diesem Leben nicht gänzlich gelingen, weil es uns in diesem Leben nicht gänzlich gelingen wird, den Kommunismus herzustellen. Zu behaupten, dass das doch ginge, durch einen besonders potenten Zauber der “Kollektivität”, der “sozialistischen Kultur”, oder der “Genossenschaftlichkeit” würde den real gegebenen Umstand verschleiern – es wäre unproduktiv im Sinne der Methode. 

Wir müssen uns entfernen von dem Idealismus (!) und dem Lippenbekenntnis des Ausbrechens aus den Geschlechterverhältnissen und ebenso strategisch in dieser Frage und unter den gegeben Umständen vorgehen, wie wenn wir über Klassenbewusstsein oder Betriebskampf oder Bündnisse sprechen. 

Der nächste Umstand ist einer, den ich deutlich schlechter aushalten kann, weil er nicht so viel Spaß macht, wie eine Frau zu sein und langfristig eine Frau zu bleiben: die Entfremdung von den Genossinnen, wenn man darüber zu sprechen versucht. Viele Genossinnen sprechen über ähnliche Erfahrungen mit den Genossen; sie fühlen sich ähnlich ungewürdigt, nicht respektiert, belanglos, verunsichert, gedemütigt. Sie bemängeln richtigerweise den kollektiven Umgang miteinander. Sie nehmen sich allzu häufig aber auch aus der Verantwortung, dieses Geschlechterverhältnis in ihrem Zuständigkeitsbereich (also der Reproduktion der Belanglosigkeit) zu bearbeiten. Ich erhebe mich hier nicht über euch, liebe Genossinnen, ich mache das ebenso; meine Kritik gilt uns allen und zu den Männern komme ich gleich noch. 

Wenn wir diese Dinge ändern wollen, können wir nicht an die Moral unserer Genossen appellieren, die ja selber verformt sind von der bürgerlichen Ordnung und der Illusion, dass sie diese despektierlichen, rückständigen Rollenbilder ohnehin verworfen hätten. Wenn Frauen in der Bewegung aus Zurückhaltung, Sensibilität oder vermeintlicher Schwäche argumentieren, provozieren sie bei den männlichen Genossen nicht Gleichberechtigung, sondern eine paternalistische Simulation der Emanzipation. Sie inszenieren die Überwindung der Geschlechterhierarchien, ohne dass sich die materiellen und organisatorischen Verhältnisse tatsächlich verschieben. Veränderung entsteht nicht durch Appelle an das moralische Bewusstsein anderer, sondern nur durch das aktive Eingreifen in die Organisationsverhältnisse der Praxis. Das wissen wir; wir sind doch Kommunistinnen! Veränderung entsteht nicht, wenn wir ganz leise sind, wenn es um andere Dinge geht, aber ganz laut, wenn wir schreien dürfen: “Wir sind schwach! Wir sind schwach! Wir sind schwach!”. Wer hat uns glauben lassen, gerade das würde uns stärken? Wir müssen die Bedingungen selbst transformieren, bevor wir erwarten, dass die Genossen ihr Verhalten anpassen – ihre Zustimmung ist kein Hebel für die strukturelle Umgestaltung unseres Selbstverständnisses. Es ist schwierig, das im Alltag zu sagen, weil es impliziert: ich finde uns in einigen Teilbereichen schwach und ich finde, wir müssen in diesen Teilbereichen stärker werden. Es impliziert: Wir müssen härter auftreten, selbstbewusster sein, charismatischer führen, mehr lernen, uns trauen, Fehler zu machen, uns unsere Schwächen eingestehen und aktiv an ihnen arbeiten. Es impliziert: Frauen tragen die Hälfte des Himmels, aber Frauen graben zur Hälfte auch ihr eigenes Grab. 

Ich erlebe häufig genug, dass einige Frauen das tun, also eine Autorität ausüben, die sonst nur Männern zuteil wird. Ich spüre aufrichtig, dass sie das tun, um Räume zu öffnen, in denen anderen Frauen überhaupt erst Handeln und Mitwirken möglich wird; um Korridore der weiblichen Autorität zu schaffen, die zu einer allgemeinen Autorität werden können.

Und trotzdem trägt diese Initiative eine doppelte Belastung: Die Männer erkennen sie nicht als gleichwertige Teilhabe an – in ihrer Logik der „Genialität“ bleibt der Beitrag unsichtbar. Gleichzeitig wird sie von Frauen kritisch beäugt: Es scheint, als biederen sie sich den Männern an, als verraten sie die sensible Fraulichkeit, als streben sie nach Status, als ginge es um persönliche Profilierung. Eigentlich offenbart sie nur unsere eigene klaffende Wunde, die wir sonst vehement ignorieren. Der Unterschied zwischen kollektiver Initiative und individueller Positionierung ist unter Frauen schwer zu trennen, schwer zu erfühlen, weil wir uns weigern, dieses Gespräch zu führen, in dem auch offenbart werden würde, dass eine tatsächliche Konkurrenz zwischen uns Frauen existiert. Ich sehe, wie manche Frauen das männlich konstruierte Bild von Stärke, Genialität und Dominanz unverändert übernehmen, um zumindest unter den Frauen als „die Beste“ oder “die Stärkste” zu gelten – als Trostpreis.

Die eingangs beschriebene Haltung der “Entfremdung” entsteht, weil das eine politische Position ist, die nicht alle Frauen teilen, weil wir bisher nicht die Gelegenheit dazu hatten, eine zu formen. Ich lese selber über die letzten Absätze und denke, dass man meinen könnte, ich würde mich auf die Seite der Männer schlagen. Ich habe Angst, mit meinen Genossinnen eine Diskussion darüber zu führen, dass es keine Seiten in dieser Debatte gibt, aber dass sie von allen spezifisch bearbeitet werden muss. Ich möchte nicht unbeachtet sein von den Männern und gleichzeitig ungeliebt von den Frauen – deshalb führe ich diese Debatte nicht: Alles was ich habe, seid ihr; ich möchte mich nicht von euch entfremden. 

Zur Unmöglichkeit der Debatte trägt zu einem großen Teil bei, dass wir auf der Ablehnung der postmodernen Geschlechtertheorien beharren, auf dem sogenannten Queerfeminismus, der plötzlich alles beinhaltet, was wir schlecht finden. Ich halte nicht die postmodernen Geschlechtertheorien für richtig, sondern die starre Ablehnung für den Ausdruck, erstens des politischen Unvermögens und zweitens der Absicherung der männlichen, politischen Dominanz. Ich erläutere. 

Erstens wissen wir nicht weiter. Es ist schwierig eine Debatte zu entwickeln, wenn man glaubt, die Ablehnung einer Sache, wäre der Höhepunkt der politischen Debatte. Jenseits der klassisch-marxistischen Plattitüden (sie sind keine, wir lassen sie nur zu solchen verkommen) und der Frage nach der Frau als Proletarierin, der Frau im Betrieb, der Frau im Streik usw. sind wir nicht in der Lage dazu, eine feministische Theorie innerhalb der marxistischen Methode festzumachen. Wie wir das in Zukunft tun werden, weiß ich auch nicht, ich strenge hier lediglich einen Anstoß an. 

Zweitens haben Männer ein subjektives Interesse daran eine solche feministische Theorie zu vermeiden, weil es den Konkurrenzkampf in den eigenen Reihen um die Frauen erweitern würde, würde man sie anwenden. Oder sie würde dieses Verhältnis der Konkurrenz obsolet machen. Das muss doch nicht sein. Einfacher ist es, die tatsächlich existierenden Hierarchien zwischen Männern und Frauen abzutun, indem man das Fordern von Frauen nach feministischer Praxis als liberal abtut. Man wird verdächtigt politisch rückschrittlich zu sein, wenn man einmal zu viel über die Geschlechterfrage spricht. “Ist sie etwa…Queerfeministin?! Sieht sie denn nicht, dass sich die materielle Grundlage noch nicht verändert hat?” Einfacher ist es, Politik weiterhin als Tribüne der Selbstaufwertung zu nutzen; einfacher ist es, den Kampf auf dieser Tribüne zu gewinnen, wenn Frauen nicht dabei sein dürfen; einfacher ist es, so zu tun, als hätte man eine besonders gute Bemerkung einer Frau nicht gehört, oder so zu tun, als wäre es die eigene Idee gewesen; einfacher ist es, sich selber aufzuwerten, wenn es ein unbeteiligtes Publikum gibt, das hier und da für den einen oder den anderen Genossen Beifall klatscht: die Frauen. 

Es ist einfach, sich mit den schönen Dingen zu beschäftigen. Es ist einfach, sich aus den kleinlichen Dingen rauszuhalten. Und deshalb hat man ein Interesse daran, dass die Dinge so bleiben. Selbst wenn man ein absolut utilitaristisches Verständnis vom Marxismus hat und glaubt: “Naja, wenn die Männer schon gute Theoretiker sind, dann ist es doch der Sache nützlich, wenn die Frauen die restliche Arbeit machen. Die Arbeit wird ja schließlich gemacht”, tut man sich mit dieser einfachen Haltung keinen Gefallen. Man tut der Sache keinen Gefallen. Viele Genossinnen haben sich zurückgezogen in das bürgerliche Leben, viel Potential ist verloren gegangen, viele Frauen haben wir nicht vom Sozialismus begeistern können; viele Männer, die dieses Spiel nicht mitspielen wollten, oder wahrscheinlich eher, weil sie es verloren haben, sind den Genossinnnen ins bürgerliche Leben gefolgt. Viel Theorie konnte nicht geschaffen werden, eine einheitliche Position nicht gebildet, weil man zuviel Angst davor hatte, den ultimativen Stempel der bürgerlichen Verwahrlosung aufgedrückt zu bekommen: “Queerfeministin”, oder für die, die sich an diesem Wort stören, jedwede andere Bezeichnung: “liberal”, “Essentialistin”, “postmarxistisch”…

Wir müssen also miteinander reden, mindestens über alle diese Punkte und über ihr Verhältnis zueinander. Die Dinge werden sich ändern, aber so lange, bis sie sich ändern, müssen wir sie aushalten – wenn auch in einem immer geringeren Grad. “Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren”, wird Gramsci zugeschrieben. Das ist der Moment, in dem wir uns befinden: leiden an der Stelle, an der man steht, wissend, dass sich da ein ganz neuer Horizont auftut und eigentlich müsste man nur den Sprung wagen… 

Bis dahin und aus all den genannten Gründen, hasse ich es eine Frau in der kommunistischen Bewegung zu sein. 

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