Strawberry Fields Forever?

Keine Pause, kein Wasser und das bei 40 Grad – So schlimm sind die Arbeitsbedingungen bei „Karls Markt“

Es ist ein früher Morgen im August und die Sommersonne heizt die Berliner Straßenkreuzung auf, an der einer der Verkaufsstände des Erdbeerimperiums „Karls Markt“ steht. Die massive Plastikfrucht liegt hier von Mai bis Oktober. Bald wird es in ihr über 40 Grad Celsius sein. Eine Verkäuferin füllt Erdbeeren in 500-Gramm Schalen, die bald für 8,90€ das Kilo verkauft werden. Einige Früchte sind matschig, die Saison neigt sich dem Ende zu. Ich habe ein Treffen mit der Saisonarbeiterin Jutta*, die dieses Jahr für „Karls“, ehemalig bekannt als „Karls Erdbeer-Hof“, als Verkäuferin arbeitete. In ihren 20 Stunden die Woche hat sie einiges erlebt und erzählt mir davon.

Sie sind ein bekanntes Bild an deutschen Straßenrändern. In 480 Erdbeerständen erwirtschaftet Karls Gewinn. Was nach unschuldiger Bauernfamilie aussieht, ist ein Großunternehmen mit 5000 Beschäftigten während der Saison und über 200 Millionen Euro Jahresumsatz. Dabei macht der Erdbeerverkauf für Chef Robert Dahl mittlerweile nur noch einen Viertel seines Gewinns aus. Heute gehören Freizeitparks, Hotels, Gastronomie und eine Reihe von Produkten für Erdbeerliebhaber zu seiner Kette.

Eine typisch deutsche Unternehmens- und Erfolgsgeschichte. 1921 gründete Karl Dahl das Unternehmen — und besaß neben NSDAP-Parteibuch auch drei Zwangsarbeiter. Journalisten wiesen Anfang des Jahres auf seine Nazi-Akte hin. Enkel Robert Dahl erfuhr angeblich erst dadurch von dem Hintergrund von „Opa Karl“, wie er ihn liebevoll weiterhin nennt. Er wolle das Erbe aufarbeiten, erklärte er öffentlich. In einem Podcast sagte er kürzlich, die Info habe ihn ähnlich stark getroffen wie 9/11 und ihm Angst gemacht, was es für sein Unternehmen bedeutet. Danach habe er mit dem Sohn des einen Zwangsarbeiters aus Polen telefoniert, was seine Haltung wieder verfestigt habe, dass Karls als liberales Unternehmen auf einem guten Weg sei.

Digital work, Künstliche Intelligenz und humanoide Roboter

Zurück zu Jutta und ihrer Erdbeere. Von einer Kollegin eingearbeitet wurde Jutta nicht. Vor der ersten Schicht schaute sie ein ungefähr halbstündiges Einführungsvideo an (natürlich unbezahlt), dann ging es los. Ausgestattet mit Privathandy und einer App des Unternehmens sowie einem kleinen Handbuch eröffnete sie ihren ersten Stand. Sie beschreibt die erste Zeit nach ihrer Anstellung bei Karls als „totales Chaos“.

Organisiert ist ihr Arbeitstag über die Karls-Erdbeer-App. Zum Schichtbeginn scannt sie einen QR-Code, so wird ihre Arbeitszeit erfasst. Dann baut sie den Stand auf, hängt einen Luftballon auf und aktualisiert die Preisschilder. Alle Schritte dokumentiert sie mit der App. Eine Künstliche Intelligenz nimmt ihre Fotos an oder lehnt sie ab. “Leider funktioniert die KI oft nicht so gut, und ich muss mehrere Fotos machen, bis es klappt.“

Andere Mitarbeiter sieht sie nur bei Schichtwechseln. Das ist kein Zufall: vielmehr ist es ein nützliches Mittel, um gemeinsame Organisierung, Betriebsratsgründung und Austausch über Probleme zu verhindern. Der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen ist in der Saisonarbeit ohnehin ein schwieriges Thema, da viele Personen nur kurzzeitig angestellt sind. Bei Karls Markt wäre es leider bitter nötig: Die vertraglich festgeschriebene Kündigungsfrist beträgt für die auf 6 Monate befristeten Jobs lediglich einen Tag. Gleichzeitig arbeiten hier viele Menschen, die auf das Geld angewiesen sind und sich wahrscheinlich mehr gefallen lassen – perfekte Voraussetzungen für Arbeitgeber, die gerne mehr aus ihren Angestellten rausholen wollen.

Wer als Pflücker:in für Karls arbeitet hat oft 40 harte Stunden auf dem Feld für Mindestlohn vor sich. Die Felder von „Karls Markt“ liegen zum größten Teil bei Rostock. Der Lohn blieb stets beim Minimum, sodass 2017 der Preis für 3 Gläser Erdbeermarmelade mit 10,50€ höher lag, als der damalige Mindestlohn von 8,84€. Die Saisonarbeit auf dem Feld verrichten laut Angaben von Robert Dahl aktuell vor allem Rumäninnen und Rumänen. Ihre Motivation sei einzig der hohe deutsche Mindestlohn. Wenn in Rumänien mehr Lohn gezahlt würde, gäbe es auch keine Arbeiter:innen mehr, so Dahl. Doch für den zukünftigen Ausfall dieser Arbeitsplätze hat er bereits eine Lösung: Gemeinsam mit der Fraunhofer-Gesellschaft startete Dahl Versuche, die Pflücker durch humanoide Roboter zu ersetzen.

Bei Karls Markt dreht sich alles um die Erdbeere. Foto: pixabay.com, Kathas_Fotos

Jutta erzählt im beiläufigen Ton erstmal von Problemen mit der Support-Hotline: „Bei vielen Dingen mussten wir betteln, bis sich was verändert hat. Ich habe an einem Stand gearbeitet, wo die Waage kaputt war. Wir haben da jeden Tag angerufen und es hat eine Woche gedauert, bis die das repariert haben. Einmal ging die Kasse bei mir nicht. Ich musste fünf Mal anrufen, bis eine Person mir geglaubt hat. Und einmal haben sie den Stand falsch aufgestellt und mir gesagt, ich solle den richtig schieben. Da habe ich mich sehr allein gefühlt.“

Sie beschreibt, dass sie in der ganzen Zeit nur wenige weitere, digitalen Kontakte hat: Personalmanager, Standbetreuer und die Personalabteilung. Außerdem könne man Robert Dahl direkt eine Nachricht schreiben. Sie lacht ironisch auf, als sie davon erzählt. Geschrieben hat sie ihm nie. Für die Standbetreuung muss sie jederzeit während der Arbeit für Videoanrufe über ihr privates Whatsapp zur Verfügung stehen und genügend Datenvolumen kaufen.

13 Euro bei 40 Grad

Bei Karls gibt es viele Regeln für die Verkäufer:innen. Der Basislohn liegt bei 13€ die Stunde. Bei Erfüllung einiger Voraussetzungen lockt ein 1€-Bonus[Unbekannt1] . Die KI-Überprüfung des Standes und die Erreichbarkeit übers Smartphone sind ein Kriterium. Besonders wichtig ist außerdem, dass mehr als die Hälfte der Kund:innen mit Karte zahlen. Regelmäßige Videos ermuntern die Mitarbeiter:innen, Kunden zur Kartenzahlung aufzufordern und versorgen sie mit Handlungsanweisungen. Jutta zeigt mir ein paar Videos, in der Chefschwester Ulrike Dahl in kumpelhafter Art ein paar Worte zur Kartenzahlung verliert: „Ihr spart euch eine ganze Menge Ärger und ihr sichert euch die 14€“.

Manchmal meldet sich Chef Robert Dahl bei seinen Mitarbeitern höchstpersönlich. In einem Video schwimmt er gerade im Plauer See. Schnaufend bittet er sie, heute das schönste Preisschild der Saison zu schreiben, „voller Liebe und richtig leuchtend, bunt, schön und ein bisschen verrückt“. Jeder Kunde solle vom neuen Angebot überzeugt werden. Das soll wohl die „augenzwinkernde“ Geschäftsphilosophie sein, die Karls Markt auf ihrer Webseite beschreiben. Ob die kühlen Seetemperaturen auch in die hochtemperierten Erdbeerhäuschen herüber geschwappt sind?

Für Dahl läuft es aktuell gut: Er expandiert seine Freizeitparks in die USA. Immerhin sei Trump „eine Momentaufnahme“, sagte er im Interview. Vergangene Woche äußerten gleich zwei Hedgefonds Interesse, sein Unternehmen zu kaufen. Das schlug der der 54-Jährige Unternehmer, der sich gern in grüner Collegejacke fotografieren lässt, gönnerhaft aus. Er versprach seinen Mitarbeitern, der Verkauf stehe nicht zur Diskussion. 

Karls Chef ist es wichtig, gerade am Gehalt zu sparen. Foto: www.freepik.com, rawpixel.com

Beim Schichtwechsel lernt Jutta einen Kollegen kennen, der die Temperaturen in der Erdbeere täglich mit dem Thermometer misst. Oft überschreiten die Temperaturen 40 Grad. „Wasser haben wir kein einziges Mal bekommen. Auch letzten Sommer gab es das nicht, das weiß ich von älteren Kolleginnen. In den Videos haben sie uns nur Tipps gegeben, was wir uns auf eigene Kosten mitnehmen können, um die heißen Tage zu überstehen und ‚auf uns zu achten‘.“

Dann ist da noch die Sache mit dem Bargeld: „50€ Wechselgeld in Kleingeld musste ich jeden Tag selbst mitbringen. Am Ende nimmt man es sich dann auch wieder raus, aber zuerst muss man es mitbringen. Hat jetzt auch nicht jeder parat. Am Ende der Schicht zahlt man das restliche Bargeld dann im Supermarkt ein. Da durften wir nur 10 Münzen mitnehmen, aber das wussten wir am Anfang der Saison nicht. Da gab es oft richtig krasse Konflikte an der Supermarktkasse, weil die keine Lust hatten, die Münzen zu nehmen. Das war ein paar Mal für mich richtig schlimm. Erst nach ein paar Wochen kam die Info, dass wir maximal 10 Münzen mitnehmen dürfen.“

Und auch andere Rechte schienen Jutta weniger klar geregelt. Ein großes Thema ist die Pause. Das Handbuch verweist zwar auf eine Pause, die man eigenständig machen solle, jedoch sei in der Realität eine große Unklarheit gewesen. „Ganz lange wurde diese Pause einfach ignoriert“, sagt Jutta. „Niemand erklärt, was wir machen dürfen oder welche Regeln es dafür gibt. Selbst als Leute gefragt haben. In der App ist nicht möglich, auszuwählen, dass ich gerade Pause mache. Wir müssen ja permanent für die Standbetreuer erreichbar sein und jeden Kunden bedienen. Da gab es keine Möglichkeit zu sagen, dass ich jetzt mal nichts verkaufe, weil ich gerade nur Pause habe. Also das wurde schon immer ohne Spielraum vermittelt: Wenn ein Kunde kommt, musst du ihn bedienen.“

Jutta erzählt, dass es später auch dazu Videos gegeben hätte, die im Nachhinein gelöscht worden seien. Die meisten Leute, die sie kenne, hätten keine Pause gemacht. Sie meint: „Ich finde nicht, dass es eine Pause ist, nur weil gerade weniger Kunden da sind. Es gibt in jedem Job mal Phasen wo weniger zu tun ist, und das ist dann noch keine Pause. Also in der Logik könnte man auch sagen, dass es gar keine Pausen braucht.“

Alleine – außer wenn jemand zur Überwachung vorbeischaut

Auch die Möglichkeit, zur Toilette zu gehen, sei wenig genutzt worden, weil man dann den gesamten Stand hätte ab- und aufbauen müssen. Dass sie allein in der Erdbeere arbeiten, sei aus mehreren Gründen schwierig gewesen. Einmal verschaffte sich eine Kundin Zugriff zu Juttas Erdbeere und beschwerte sich beim Unternehmen, dass nicht alle Schalen in der Theke standen. „Statt mir zu glauben, dass das absolut übergriffig von der Kundin war, habe ich richtig viel Ärger bekommen, dass ich falsch verkauft habe. Und auch sonst: Wir sind ja komplett alleine in dieser Erdbeere und niemand ist da. Wenn ein Kunde Gewalt ausübt oder ich einen Arbeitsunfall habe, hätte ich nicht gewusst, an wen ich mich wenden soll und wer mir hilft.“

Die Erbeeren von Karls werden in Rostock gepflückt. Foto: www.freepik.com, KamranAydinov

Ein Erlebnis blieb Jutta besonders negativ in Erinnerung: „An einem Tag begrüßte mich eine schwarz gekleidete Person und meinte, er schaue sich jetzt den Stand an. Ich war im ersten Moment komplett verwirrt, weil ich nicht wusste, dass so etwas passiert. Die Person ist dann in den Stand, hat irgendwelche Fotos gemacht, die Erdbeeren umsortiert und mir Aufgaben gegeben. Es war ganz unangenehm und komisch, weil ich nicht wusste, dass solche Kontrollen gemacht werden. Es hätte ein Fremder sein können, es gab keinen Ausweis. Ich habe der Person dann einfach geglaubt. Danach hat mein Standbetreuer im Telefonat erst so getan, als wäre das nicht normal. Aber nach einer Weile hat er doch zugegeben, dass sie das manchmal machen“.

Harte Kritik hagelte es, wenn sie ein Erdbeerschälchen mit einer, statt mit zwei Händen hochhebt — selbst, wenn sie in der anderen Hand das Handy für den Videocall hält. Oder wenn ein Plüschtier auf der Schulter getragen werden soll, und dieses absolut nicht hält: „Es waren wirklich kleine Sachen, aber Leute wurden teilweise richtig fertig gemacht“.

Solidarische Erbeeren?

Unternehmer Robert Dahl hat nicht nur ein erfolgreiches Wohlfühl-Image für sein Unternehmen aufgebaut, sondern gibt auch selbst gerne lässige Interviews. Oft wählt er darin einen erreichbaren und scheinbar solidarischen Ton. So klagte er vor Kurzem gegenüber dem Handelsblatt: „Die Preise sind bereits sehr hoch. Erdbeeren dürfen kein Luxusgut werden. Zumal sie sehr gesund sind.“ Danke Karl Marx – Äh, nein, leider doch noch Karls Markt. Denn im gleichen Interview gibt er eine spannende Meinung zur Bezahlung seiner Mitarbeiter zum Besten: „Deutsche Erdbeerbauern leiden sehr unter dem Mindestlohn.“ Kurz danach kommt sein politischer Vorschlag, dass etablierte Parteien den Aufstieg der AfD einfach „durch gezielte Grenzkontrollen“ bekämpfen sollten. Sehr solidarisch.

Ich frage Jutta, was sie den Leuten sagen möchte, die bei ihrem Stand Erdbeeren kaufen. Die Antwort kommt schnell. „Ich hab das Gefühl, da kaufen so liberale Eltern aus der Mittelschicht ein. Solche mit Lastenrad. Die Erdbeeren sind ja auch mit 8,90€ das Kilo teuer, das leistet sich nicht jeder“, sie lacht bitter. „Und denen ist es egal, wie es den Leuten geht, wo sie einkaufen. Und das tut echt weh. Hauptsache sie bekommen das Gefühl, einen moralischen Vorteil zu haben, weil sie Erdbeeren bei Karls holen. Weil es sich irgendwie ethisch oder bio anfühlt und nach kleinem Erdbeerstand. Aber es ist ein Konzern, der kleine Erdbeerbauern sogar kaputt macht. Und die Bedingungen sind nicht besser als im Supermarkt. Da bekommen die Verkäufer:innen teilweise sogar besseren Lohn. Also, die Leute sollten wissen, dass sie damit keinen Unterschied machen.“

*der Name ist redaktionell geändert.

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