Old but gold (Folge VI):„Auch Tote können zu uns sprechen. Wir kämpfen weiter!“

Jan Petersen Unsere Straße

Der authentische antifaschistische Erfahrungsbericht „Unsere Straße”, geschrieben von Jan Petersen, KPD-Mitglied, in der roten Charlottenburger Wallstraße im Jahr 1933.

„Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen »wie es denn eigentlich gewesen ist«. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.“

Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, These VI

Die Gefahr die Walter Benjamin beschreibt, war damals – wie auch heute wieder – der Faschismus. Die Erinnerung, derer man sich bemächtigen kann, das ist Jan Petersens Unsere Straße. Bücher über den deutschen Faschismus gibt es viele. Viele, die allein Geschehnisse aufzählen, halbgar einordnen oder dumm und dämlich zurechtschustern. Was es wenig gibt, das sind Erinnerungen derjenigen, die als Verfolgte und Gegner des Faschismus wissen, wovon sie reden. Hier finden wir die Erinnerungen und Gedanken, derer wir uns bemächtigen müssen.

Jan Pertersen
Hans Schwalm alias “Jan Petersen”

Unsere Straße ist ein besonderes unter diesen Dokumenten. Petersen verbindet darin eine spannende romanhafte Erzählung mit ergreifender menschlicher Tiefe. Das ist kein Zufall oder einfach nur schriftstellerisches Genie. Petersen, seines Zeichens aktives Mitglied der KPD in Berlin-Charlottenburg, schreibt seine Erlebnisse kurz vor und während der Machtübergabe an die Faschisten 1933 mehrmals die Woche heimlich auf. Er nutzt dafür wechselweise Wohnungen von sympathisierenden Bürgerlichen. Jederzeit in der Sorge, aufzufliegen und in seinen, zwar verfremdeten Niederschriften, dennoch einen Hinweis zu geben, der eine Genossin oder einen Genossen gefährden könnte. Als der Partei klar wird, wie wichtig diese Aufzeichnungen für die Außenwelt sind, schafft er sie eigenhändig in einen Kuchen eingebacken auf Skiern über die tschechische Grenze, nachdem ein Schmuggelversuch über den Hamburger Hafen scheitert.

Wer sich als Antifaschist:in begreift, findet in diesem Buch seine eigenen Erinnerungen. Nicht, weil man selbst dabei gewesen ist, sondern weil man sich als Teil einer Geschichte begreift, in der andere mit Herz und Seele für das Gleiche standen. In der ihr Leben uns ein Vermächtnis ist und ihre menschliche Aufopferung unser Zukunft bestimmen kann, wenn wir sie als etwas begreifen, das uns gewidmet ist und uns belehren soll. Petersen beschreibt nahbar den Kummer, wenn die Liebe unter den nötigen Sicherheitsvorkehrungen leidet. Die Zuversicht, dass die Häuserschutzstaffeln zur Selbstverteidigung fähig sind. Die Hoffnung, dass das Elend die Massen schon zum Brodeln bringen wird. Die Einsicht, dass man zu naiv an die Sache herangegangen ist.

An einem Abend sitzt er mit Genossen seiner Zelle zusammen und bespricht die antifaschistischen Aufstände im benachbarten Österreich:

„Heldenhaft kämpfen die Proleten”, fängt Ernst Schwiebus wieder an, „aber macht’s nur der Mut, die Maschinengewehre? Generalstreik gehört dazu, stillstehen muß alles. Hast ja gelesen: in den Betrieben arbeiten sie weiter, du!”
Ede wischt wütend die Zeitungen vom Tisch. „Hast jelesen! Hast jelesen! Die wehr’n sich wenichstens! Wie war’t denn bei uns, als Adolf kam?! Nischt hat sich jerührt – janischt. Und wenn sie nich durchkomm’! Jekämpft ham se! Jekämpft!”
„Ede hat recht. Besser eine militärische Niederlage, als die Faschisten ohne Widerstand die Macht an sich reißen lassen. Das deprimiert immer, haben wir bei uns gesehen. Die österreichischen Genossen spüren die Kraft der Arbeiterklasse, sie werden aus ihren Fehlern lernen, sie werden in späteren Kämpfen…“
„Spätre Kämpfe?! Se kämpf’n noch! Watt heißt spätre Kämpfe!”
[…] „Wie es ausgeht, Ede. Eins bleibt: sie geben ein heldenhaftes Beispiel. Auch den deutschen Proleten. Du hast recht, bei uns ist es nicht mal so weit gekommen. Wir hatten die Mehrheit der Arbeiterschaft nicht hinter uns. Wir haben…“ – „Ick wer dir sag’n, wat wir ham! Wir ham unsre Sozialdemokrat’n oft vor’n Kopf jestoßen!” – „Klar, wir haben auch Fehler gemacht -“, wirft Schwiebus ein. „Auch wir lernen aus unsern Fehlern, Ede. Doch daran ändert sich nichts: wir wollten verhindern, daß Hitler kam! Wir konnten es nicht, allein nicht. Jetzt entsteht erst die Einheitsfront. Wir werden schwere Einzelkämpfe haben. Bei uns …”
„Schluß jetzt. Ihr fangt wieder von vorn an – ist schon nach elf!” unterbricht der Konfektionär. Wir verlassen einzeln das Haus. Unsere Straße ist menschenleer. Die Maschinen im Umformerwerk brummen.

Was nicht aufkommt, ist Trauer. Dabei sollte man meinen, dass die Gewaltexzesse der deutschen Faschisten dafür in kürzester Zeit genug Anlass liefern. Genossen wandern ins KZ. Viele werden ermordet, darunter Richard Hüttig, ein enger Freund und wichtiger Genosse des Autoren. Er ist ein Verlust. Für die Menschen, die ihn lieben und die Sache der Befreiung. In ihrem Gedächtnis bleibt er aber laut Petersens Berichten vor allem eine Bestärkung des kämpferischen Geistes. Petersen selbst klebt über die von der NSDAP verhängte, zynische Todesanzeige Richard Hüttigs einen Aufkleber mit den Worten:

Der Sarg des Genossen Richard Hüttigs fährt auf seinen Wunsch – aber auch als Machtbeweis der SA – noch einmal durch die Charlottenburger Wallstraße. Sie ist damals fest in der Hand der Kommunisten. „Unsere Straße“, wie der Buchtitel sagt, das ist die Wallstraße. Heute kennt man sie als Zillestraße, nahe dem Ernst-Reuter-Platz. Die Bewohner:innen der roten Wallstraße wurden durch den Nazi-Terror stark eingeschüchtert. Als aber der Totenwagen ihres Genossen durch ihre Straße fährt, bricht das schlagartig auf:

Da fliegt ein roter Blumenstrauß durch die Luft, prallt gegen den Totenwagen, fällt auf den Asphalt. Ich reiße den Kopf herum. Aus den Fenstern über uns – da – noch einer!
„Du bist für uns gestorben, Genosse Hüttig! Wir werden dich rächen!” ruft eine Frau mit gellender Stimme aus einem Fenster. Auf einmal sind wir alle nicht mehr einzeln hier. Auf einmal sind wir alle ein Körper, ein Mund. Hundertstimmig schreit es in der engen Straße:
„Rache! Rache! Rot Front“

Rache ist ein Bedürfnis, das aus Leid und Verlust entsteht. Wenn man über sich selbst hinausgeht, lässt es sich verwandeln in das Bedürfnis, Gerechtigkeit herzustellen. Wie Walter Benjamin richtig herausgestellt hat, ist Befreiung etwas, das man nicht einfach als Erlöser unserer Enkel, sondern im Namen von Generationen Geschlagener erkämpfen sollte. Beim Lesen von Jan Petersens Unsere Straße begegnen wir unzähligen Menschen sehr persönlich. Wir kommen den Geschlagenen persönlich nahe. Es stellt sich keine Frage mehr, dass sie nachträgliche Gerechtigkeit verdienen.

Andersherum: Im Angesicht der heutigen bedrohlichen Großwetterlage nicht alleine zu stehen, sondern sich in der Tradition früherer Genoss:innen wiederzufinden, kann bestärkend sein. Jan Petersen stellt sie uns persönlich vor.

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