Mehr, mehr, mehr – Arbeiten bei der Post

Ich arbeite bei der Deutschen Post als Brief- und Paketzusteller – einer von circa 100.000 in Deutschland. Eigentlich möchte ich den Job gar nicht machen, aber bei der „Wahl“ zwischen dieser Arbeit und Bürgergeld war mir ersteres doch etwas sicherer, weil ich ja Miete und alles andere irgendwie zahlen muss. Einen anderen Job habe ich nicht gefunden, sodass ich nun mit der Stelle bei der Post mit Bezahlung knapp über dem Mindestlohn über die Runden kommen muss. Naja, Job ist Job, denke ich mir.

Glücksspiel am Morgen

Jetzt heißt es jeden Tag früh aufstehen, um kurz vor acht Uhr zum Zustellstützpunkt fahren und schauen, auf welcher Tour ich heute bin. Alle Touren haben normalerweise schon Stammzusteller:innen. Das heißt, die Kolleg:innen fahren den selben Zustellbezirk regelmäßig, oftmals schon seit Jahren oder sogar Jahrzehnten. Als neue Zustellkraft ist somit jeder Morgen ein bisschen Lotto spielen. Wenn man Glück hat, ist der Stammzusteller krank oder hat Urlaub, dann kann man mehrere Tage auf der gleichen und schon bekannten Tour fahren. Wenn man Pech hat, wird man auf eine völlig unbekannte Tour gepackt und darf „blind“ fahren. Ein Kollege, der Abrufkraft auf Minijobbasis ist, bekommt jedes Mal eine ganz andere Tour zugewiesen und fährt dann mit Google Maps die Straßen ab. Natürlich dauert das viel länger als eigentlich für den Zustellbezirk vorgesehen ist, weswegen mein Kollege immer länger arbeiten muss.

Zeit ist generell ein kostbares Gut bei der Post. Die Touren sind nämlich so bemessen, dass man sich kaum Verschnaufpausen leisten kann und nur ein paar Sekunden je Brief oder Paket Zeit hat. Dass das nicht möglich ist bei der Anzahl an Briefen, Einschreiben, Postzustellurkunden, Paketen und Werbung, die man jeden Tag mehr als genug hat, ist egal. Also hat man Stress und joggt fast, um irgendwie der Menge an Post und Paketen gerecht zu werden.

Vor ein paar Wochen wurden alle Touren neu bemessen und abgeändert, um „effizienter“ zu werden. Eine Tour, auf der ich schon häufiger war, hat eine Straße mit mehreren Hochhäusern aus dem Nachbarbezirk dazubekommen. Die Tour, die früher vielleicht gerade so machbar war, ist nun viel zu groß und unmöglich zu schaffen für eine Person. Hinzu kommt, dass jetzt fast täglich eine Flexibilisierung gefahren werden muss. Das heißt, ein anderer Zustellbezirk wird auf die umliegenden Nachbarbezirke zusätzlich aufgeteilt, um so Personalkosten zu sparen. Auch wenn mal jemand krank ausfällt, müssen alle anderen neben ihren eigentlichen Touren noch mehr machen und den freien Bezirk auf die anderen aufteilen. Es gibt kaum Tage, wo man nur eine normale Tour ohne zusätzliche Arbeit fährt, wofür ja eigentlich die enge Bemessung stattfindet. Also muss man die Zustellung am Ende des Tages abbrechen und versuchen, den Rest am nächsten Tag irgendwie unter zu bekommen.

In einer aktuellen Umfrage von Verdi sagen fast 90 Prozent der befragten Paketboten und Zusteller, dass sie in dem vergangenen Jahr „in sehr hohem“ oder „hohem“ Maße mehr arbeiten mussten als zuvor. Gehetzt sein, Pausen ausfallen lassen und regelmäßig an die Grenzen der Belastbarkeit kommen sind Regelmäßigkeiten für viele der Befragten. Rund 80 Prozent müssen so Abstriche bei der Qualität machen, um das Pensum zu schaffen. Hinzu kommt die schlechte Bezahlung, die Paketboten bekommen.

Analysen des Arbeitsministeriums in NRW und der AOK Rheinland/Hamburg zeigen, dass Arbeitsschutz-Verstöße sowie deutlich höhere Zahlen an Krankmeldungen im Vergleich zu anderen Branchen zum Alltag bei Paketfirmen gehören. Aufgrund der großen körperlichen Belastung durch schweres Heben und Tragen sowie ständiges Treppensteigen erfolgen drei Viertel der Krankmeldungen aufgrund von Muskel-Skelett-Erkrankungen.

Aber zurück, ich habe eine gute Tour erwischt, die ich kenne, und fange an die ganzen Briefe und Magazine in den Schrank mit den Straßen und Hausnummern einzufächern. Auf meinem Tisch liegen mal wieder zwei Reklamationen von Kunden, denen irgendwas nicht gepasst hat. Wahrscheinlich ist der Spiegel einen Tag später bei ihnen angekommen – mir egal, ich habe genug zu tun. Ich bekomme mit, wie ein Kollege heute erkältet ist und ich also auch noch einen Teil von seiner Tour mitmachen muss. Klasse. Danach geht es weiter mit der Paketverteilung. Heute sind es 15 Rollbehälter voll mit Paketen, die auf die verschiedenen Zustellbezirke verteilt werden müssen. Da ich heute im Auto („Verbund“) bin, sind die Pakete oft riesig und über 20 kg schwer. Wie das meine etwas ältere, kleinere Kollegin tagtäglich schafft, weiß ich nicht. Ich habe auf meiner Tour nur 140 Stück, die ich jetzt mit meinen fünf Kisten Post ins Auto lade. Jetzt kommen die rund 20 Pakete von der Tour meines Kollegen dazu. Bald ist Weihnachtszeit, dann wird es noch mehr.

Zwei Definitionen von Team

Bevor ich losfahre, werden wir zu einem Teammeeting zusammen gerufen. Heute haben wir Besuch von ein paar „hohen Tieren“ aus unserer Niederlassung, die sich ein Bild von unserer Arbeit machen und uns Updates über den Betrieb geben wollen. Ob sie jemals im strömenden Regen den ganzen Tag draußen Briefe ausgeteilt haben, frage ich mich.
Die Führungskräfte tragen alle Kleidung mit dem Post-Slogan „#1 Team“ – so weit entfernt von angeblichen Teamkolleg:innen habe ich mich noch nie gefühlt.  Eine ältere Zustellerin möchte wissen, wann es denn endlich Entlastung geben wird, da alle nur noch „auf den Knochen laufen“. Als Antwort bekommt sie von den Leuten aus dem Büro, dass man ja sehr dankbar sei, für die letzten Monate, die uns viel abverlangt haben, aber man natürlich auch die gestiegenen Kosten berücksichtigen muss und es deshalb nicht so leicht ist, neue Arbeitskräfte einzustellen. Die 8.000 gestrichenen Arbeitsplätze von diesem Jahr waren also anscheinend zu teuer. Was mit den 3,3 Milliarden Euro Gewinn ist, die die Deutsche Post DHL Group 2024 erzielt hat, erfährt man dagegen nicht.

Immer wieder kommt das Problem der Personalkosten als Thema auf. Die Deutsche Post zahlt branchenweit im Durchschnitt die höchsten Gehälter, doch sind die Tarifvereinbarungen und die noch zahlreichen langjährigen verbeamteten Mitarbeitenden ein Dorn im Auge des Konzerns, denn das schmälert ja alles die Gewinne. Man will also nur das nötigste an Personalkosten ausgeben. Gleichzeitig nimmt durch die fortlaufende Digitalisierung auch die Menge an Briefe deutlich ab, die Menge an Paketen dagegen aber enorm zu. Die Folgen (und Last) dieser Entwicklung treffen vor allem die Zusteller:innen. Weniger Personal, dafür mehr zu tun für den Rest durch größere Zustellbezirke und Fokus auf die zahlreichen und oft schweren Pakete, schlechtere Bezahlung.
Im Post Tower in Bonn knallen dafür die Korken.

Strafe für wen?

Zwar kommen trotzdem manchmal neue Bewerber:innen für einen Schnuppertag zu uns, um sich den Berufsalltag anzusehen, aber kaum jemand hat noch Interesse an dem Job am Ende vom Tag. Verständlich. Zusätzlich bekommen wir heute die Ansage, dass ab jetzt Briefe wichtiger sind als alles andere. Letztes Mal hieß es noch: Kümmert euch erst um Pakete und dann den Rest. Davor waren es die Hefte von Kaufland, die ganz oben auf der Prioritätenliste standen. Anscheinend drohen der Post wegen dem neuen Postgesetz hohe Strafen, wenn nicht alles im vorgesehenen Zeitrahmen zugestellt wird. Es hört sich so an, als ob es unsere Schuld als Zusteller sei. Gleichzeitig werden wir auch durch die Blume darauf hingewiesen, dass durch die möglichen hohen Strafen natürlich auch weniger Geld für Personalkosten übrig bleiben würde. Noch mehr Druck auf uns Zusteller also. Jeden von uns nervt es mittlerweile nur noch, immer eine neue Ansage von verschiedenen Leuten aus dem Büro zu bekommen.

Seit Januar 2025 gilt das neue Postgesetz, welches unter anderem die Laufzeiten für normale Briefe auf drei bis vier Werktage verlängert und die Kosten für Briefsendungen erhöht. Das Wichtige an dieser neuen Regelung sind aber die damit verbundenen festgeschriebenen rechtlichen Konsequenzen für die Post bei Nichteinhaltung der neuen Anforderungen. Die Folgen der drohenden Strafgelder von bis zu 10 Millionen Euro spüren (mal wieder) vor allem die Zusteller. Denn wenn aufgrund der enormen Menge an Post und Pakete mal ein Brief oder zwei liegen bleiben, wird einem gleich erzählt, dass die 10 Millionen Euro ja dann die Personalkosten betreffen werden und so noch weniger Mitarbeitende angestellt werden können. Da man als Zusteller bei nichterfülltem Soll des öfteren auch Stellungnahmen schreiben muss und Abmahnungen riskieren kann, trägt dies zu noch mehr Stress und Kontrollangst bei.

Für mich heißt das jetzt, dass ich auch noch die Post aus dem Bezirk meines kranken Kollegen mitnehmen muss und somit dort an jedem Haus noch extra halten muss, auch für nur einen Brief. Da ich den Bezirk nicht kenne, kann ich schon mal mit mehr Zeit für die Aufteilung rechnen, um alle Straßen auf Google Maps zu finden. Als hätte ich nicht schon genug zu tun auf meiner Tour.

Ich erinnere mich an meine erste Woche. Mehrere Kolleg:innen meinten zu mir, dass ich mir doch so bald wie möglich einen anderen Job suchen sollte und ich mich schon mal darauf einstellen kann, kurz vor Ende meiner Probezeit gekündigt zu werden. Tolle Aussichten. Ich bekam nur die absolute Grundausstattung an Arbeitskleidung: 2 T-Shirts, Sicherheitsschuhe, Regenjacke/-hose und einen Kugelschreiber.  Bei einer 38,5h-Woche reicht das natürlich nicht ansatzweise aus und ich muss in meinen eigenen Klamotten zur Arbeit. Nach ein paar Wochen fangen meine Hosen an, zu reißen und ich muss mir neue kaufen. Das alles, weil schon davon ausgegangen wird, dass man nach einer Woche oder zwei eh nicht mehr kommen wird und es sich nicht lohnen würde, eine ordentliche Ausstattung auszugeben.

Verbesserungen? Schön wär’s!

Im Gespräch mit einem älteren Kollegen nach der Teambesprechung erzählt er mir, wie schön der Job als Postbote vor 20, 30 Jahren war und er sich gerne mit seiner Arbeit identifiziert hat. „Jetzt wird es von Jahr zu Jahr schlimmer“, sagt mein Kollege.

Seitdem die Deutsche Post 1995 privatisiert wurde und der Staat nun nur noch einen Anteil von ca. 16% der Aktien besitzt,  hat sich einiges in der Unternehmensstruktur verändert: Eingliederung der Deutschen Post in die DHL Group, Schließung von Postfilialen, schlechtere Arbeitsbedingungen, Anstieg der Beschwerden, Fokus auf Rentabilität – kurzum Neoliberalisierung. Die Konzernchefs freuen sich – sie verdienen das 232-fache von einem Mitarbeitenden.

Die jahrelange körperliche Arbeit hat Spuren bei vielen Kolleg:innen hinterlassen, der Krankenstand an Langzeitverletzten soll noch nie so hoch gewesen sein. Ich frage, ob der Betriebsrat und die Gewerkschaft etwas dagegen tun, aber bekomme nur ein seufzendes, lächelndes Abwinken. Letzte Woche habe ich ein Video auf Instagram gesehen, wie Berlins Bürgermeister Kai Wegner in einer ver.di-Weste durch ein Postzentrum läuft und in seiner bekannten Manier gute Miene zum bösen Spiel macht. Noch so ein Schwätzer im Anzug, der schauläuft bei uns. Jedes Jahr kommt so mal jemand von der Führungsetage, zeigt sein Gesicht und verspricht, zu schauen, ob man nicht irgendwie bessere Bedingungen für uns Zusteller schaffen kann. Jedes Jahr das gleiche Lied, verbessert hat sich aber noch nie etwas, so mein Kollege.

Mit einem mulmigen Gefühl beginne ich die Auslieferung und fahre mit dem Auto in den Zustellbezirk meines kranken Kollegen und danach in meinen. Die Zeit drängt, ich will heute die ganze Post und alle Pakete loswerden, denn morgen bin ich wohl auf der selben Tour und möchte nicht noch mehr Arbeit. Gleichzeitig will ich nicht, dass mein Chef denken kann, dass ich vielleicht nicht schnell genug, nicht gut genug bin, denn gekündigt werden und wieder Angst haben, die Miete und Essen nicht zahlen zu können, möchte ich vermeiden. Also habe ich Stress und haste. Da die Teambesprechung und das Beladen mit den zusätzlichen Paketen deutlich mehr Zeit in Anspruch genommen haben als sonst, bin ich sowieso schon später als normal losgefahren. Ich fahre schneller als erlaubt und muss mich zwingen, eine Pause zwischendrin zu machen, denn das kostet alles Zeit. Aus der 30 Minuten Pause werden so gerade mal 10. Länger kann ich es mir nicht leisten, nicht weiterzumachen. Ich habe mittlerweile unbewusst 7 Kilo abgenommen. Ein Kollege hat Probleme mit Nierensteinen, weil er auf der Arbeit nicht oft genug auf die Toilette geht wegen dem ganzen Stress. Eine Toilette zu finden ist generell immer schwierig. Man muss Glück haben, dass vielleicht ein Ärztehaus oder Supermarkt auf dem Weg ein Klo hat. Kunden zu fragen ist immer unangenehm, deshalb läuft es oft auf einen Busch am Ende der Straße hinaus.

Lauf auf Zehenspitzen, sonst läufst du nach Hause

Auf meiner Strecke kenne ich schon einige Kund:innen, die häufig Pakete bestellen. Ein paar warten schon sehnsüchtig an der Haustür auf mich. Durch meinen Handscanner wird meine aktuelle Position live getracked und für alle Kund:innen sichtbar gemacht. Ich bin gläsern, jeder kann sehen, wo ich bin, wie lange ich an einem Haus stehe oder ob ich heute spät dran bin. Das Gefühl, beobachtet zu werden, hilft meinem Stresslevel nicht gerade. Mein Arbeitgeber darf das Live-Tracking zwar nicht benutzen, das bedeutet aber nicht, dass keine Überwachung stattfindet. Kontrolleure fahren in Zivil durch die Zustellbezirke und beobachten die Zusteller. An jedem Haus muss das Auto so abgestellt werden: Motor aus, Fenster zu, Handbremse an, Schlüssel gezogen, abgeschlossen – egal ob der Briefkasten 2 oder 15 Meter entfernt ist. Falls eins davon nicht zutrifft, kassiert man eine Abmahnung. Dass das völlig irrsinnig ist, jedes Mal für auch nur einen Brief zu beachten und kostbare Zeit zu verschwenden, tut nichts zur Sache. 

Falls man mal früher fertig sein sollte, ist man angehalten, zur Zustellbasis zurück zu fahren und Post von anderen Touren zu fahren, ansonsten wird das Nichtbeachten als Postunterdrückung gewertet und man bekommt wieder eine Abmahnung. Auch im Zustellstützpunkt wird oft überwacht, dass man ja alles richtig macht. Vorsortierte Kurzbriefe einfächern – Abmahnung. Sich gegen Waffenlieferungen nach Israel aussprechen und sich für ein freies Palästina einsetzen wie ein DHL-Kollege am Flughafen Leipzig – fristlose Kündigung.

Täglich auf Zehenspitzen laufen ist die einzige Option, um nicht dauernd seinen Job zu riskieren. Meine dienstälteren Kolleg:innen haben ein paar Tricks für sich gefunden, um dem Ganzen bestmöglich aus dem Weg zu gehen. In der Probezeit möchte ich aber nichts drauf ankommen lassen und beuge mich den Vorgaben, so weit es für mich Sinn macht. Wie das Ganze bei anderen, kleineren Lieferdiensten und deren Subunternehmen läuft, möchte ich mir nicht ausmalen.

Danke für nichts

Mittlerweile werde ich von einem Kunden angeschnauzt – ein Kollege von mir hat sein Paket an die Postfiliale geschickt, jetzt muss er selbst da hin und es abholen, wofür er natürlich gar keine Zeit hat. „Das war bestimmt ein Ausländer, der kein Deutsch versteht“, meint er erbost. Auf meinen Versuch sachlich bei ihm Verständnis für die stressige Arbeit von Zustellern zu finden, wird er nur noch mehr wütend und sagt, dass man entweder seinen Job lieben und richtig tun muss oder gar nicht erst arbeiten soll. Zeit für sinnlose Diskussionen habe ich eh nicht, also gehe ich weiter.

38 Prozent der Beschäftigen in Post-, Kurier- und Expressdiensten sind migrantisch und/oder haben einen ausländischen Pass. Sie machen somit einen großen Anteil an Mitarbeitenden in der Branche aus. Mit einem deutlichen höheren Anteil als bei anderen Paketdiensten, besitzen 93% der Mitarbeitenden in der DPDHL Group die deutsche Staatsbürgerschaft. Deutlich anders ist das Verhältnis bei Subunternehmen (24%), welche bei der Post oft z.B. die Briefkastenleerung übernehmen. Im Vergleich zu deutschen Beschäftigen, sind die Arbeitsbedingungen häufig sehr prekär. Das liegt vor allem an den sehr unterschiedlichen Beschäftigungsbedingungen (befristete Verträge, Einkommens- und Rentenunsicherheit). Als nicht direkt bei der Deutschen Post DHL Group angestellte Person hat man nicht tarifgebundene und deshalb niedrigere Löhne, hat evtl. keine Gewerkschaft oder Betriebsrat und kann leichter gekündigt werden. Stress und Leistungsdruck sind somit noch einmal größer bei den Subunternehmen. Vielleicht war der Zusteller also ein Ausländer, der den ganzen Tag unter miesen Bedingungen schuftet, damit der Kunde sich am Ende nicht über die Arbeitsbedingungen, sondern den Kollegen beschwert.

Er war heute erst die zweite Person, die ein Problem mit mir und meinem Job hat. Die erste schimpfte mit mir, weil ich für 2 Minuten auf der Straße parken musste, um ein Paket zuzustellen. Für einen anderen Kunden hatte ich heute neun 20kg-Pakete, der mich mit einem kritischen Auge beobachtet, als ich ein Paket nach dem anderen aus dem Auto, auf die Sackkarre und vor die Haustür hieve. Anstatt einem Danke bekomme ich ein müdes „Okay“. Zum Glück sind nicht alle so und ich bekomme von einem lieben älteren Ehepaar neben unzähligen Lächeln auch 2€ Trinkgeld, dafür dass ich ihnen ihr schweres Paket mit Hundefutter gebracht habe. Immerhin etwas Dankbarkeit von jemandem heute.

Langsam leert sich mein Auto und ich empfinde ein bisschen das Gefühl von Stolz, wenn ich zurückdenke, wie voll es heute morgen war und ich die Tour trotzdem sauber gefahren bin. Der letzte Stopp und dann fahre ich zurück zur Basis.

Feierabend? Was habe ich zu feiern?

Dort angekommen, kommt mein Chef plötzlich zu mir und bittet mich, noch einen anderen Kollegen zu unterstützen, dessen Auto noch halb voll ist. Super, denke ich mir, so kurz vor Feierabend. Also fahre ich wieder los  und bin damit im dritten Zustellbezirk heute unterwegs. Ich muss drei 20kg-Pakete von einem Kunden abholen. Angekommen sehe ich, dass die drei Pakete so groß sind, dass sie kaum in mein leeres Auto passen, aber irgendwie klappt es dann doch. Jetzt wieder rein fahren und noch die unzustellbaren Pakete an die Paketfiliale übergeben und die falsch adressierten Briefe stempeln und zurückschicken. Es ist schon nach dem eigentlichen Dienstende und es sind nicht mehr alle da. Endlich sehe ich trotzdem auch ein paar meiner Kolleg:innen wieder, die von ihrer Tour zurückkommen, und kann mich über den Zustelltag austauschen. Ein paar kotzen sich aus, weil sie die Zustellung abbrechen mussten, andere sind im Kopf schon im Feierabend. Ich überhöre beiläufig ein Gespräch zweier meiner Kollegen, die abwertend über ein Teil der Stadt reden, wo viele Migrant:innen leben: „Boah, wie es da stinkt im Flur“, „Da leben nur Flüchtlinge, die eh nicht arbeiten und nur Sozialleistungen schnorren“, usw. Das ist nicht das erste Mal, dass Kolleg:innen sich persönlich abgrenzen wollen, von aus ihrer Sicht “faulen” Menschen. Wenn man schon schlechte Arbeitsbedingungen in einem so anstrengenden Job wie unserem hat und nur Peanuts dafür bekommt, kann man sich immer noch einreden, dass man scheinbar besser ist als andere, die noch weniger haben, denke ich mir.

Nicht nur die Arbeitsbedingungen der migrantischen Kolleg:innen sind vergleichweise prekär, auch auf die Lebensbedingungen an sich kommt es an. Da man mit dem wenigen Lohn von seinem ausbeuterischen Job kaum Möglichkeiten hat, sich auszusuchen, wo man wohnen kann, bleiben oft nur die Orte in der Stadt übrig, die günstigere, oft schlechter ausgestattete und instandgehaltene Wohnungen haben. Das bewusste Todsparen von diesen Stadtteilen steht oben auf der Tagesordnung der Politik. Kürzungen von Jugendclubs, Sozialdiensten, Obdachlosenhilfe und Schulprojekten sind gewollt, nicht weil kein Geld da wäre, sondern weil die dadurch verursachte Existenzunsicherheit einen in die schlechtesten, schlimmsten Jobs zwingt. Ansonsten ist man unbrauchbar und hoffentlich nicht im Stadtbild zu sehen. Rassistische Narrative sollen dies rechtfertigen und die Arbeiter sich deshalb gegenseitig bekämpfen. Dass meine Kollegen mehr mit den Menschen in den ja ach so stinkenden Stadtteilen gemein haben, als mit dem Konzernchef, der das x-fache von einem selbst verdient, daran denken sie heute nicht.

Das Empfinden, festzustecken im immer schwieriger und anstrengender werdenden Job, habe ich bei den meisten wahrgenommen. Dabei ist eigentlich allen klar, wer Schuld daran ist – die Führungsebene im #1 Team-Shirt. Jeder versteht seine Rolle als Arbeiter:in ganz unten in der Hierarchie des Unternehmen. Man bekommt das Gefühl, dass man den ganzen, quasi täglichen Verschlimmerungen nichts entgegen zu setzen hat und man diese nur hinnehmen kann. Aber wie will man sich auch wehren, wenn man von Gewerkschaft und Betriebsrat allein gelassen wird? Viel Zeit gemeinsam über solchen Fragen zu reden haben wir natürlich nicht während der Arbeit. Nach Dienstende geht jeder seinen eigenen Weg.

Die letzten Tarifverhandlungen Anfang diesen Jahres zeigen ein klares Bild. Zwar wurden durch mehrere Warnstreiks eine Lohnerhöhung von 2 % und ein zusätzlicher Urlaubstag erkämpft, an den Arbeitsbedingungen hat sich dabei aber nichts grundsätzlich verändert. Dass sogar die Mehrheit der Verdi-Mitglieder dieses Verhandlungsergebnis ablehnte und es trotzdem so angenommen wurde, verdeutlicht, dass auch die Gewerkschaft sich lieber den Konzerninteressen beugt, als konsequent für die Mitarbeitenden zu kämpfen.

In Gedanken versunken melde ich mich ab und gehe in den wohl verdienten Feierabend. Nur eine halbe Stunde länger gearbeitet, nicht schlecht. Daheim angekommen merke ich erst richtig, wie fertig ich bin von der Arbeit. Kaum auf der Couch gesessen schlafe ich wie so oft direkt ein und wache erst 2 Stunden später wieder auf. Kraft und Lust, etwas zu kochen oder meine Freizeit irgendwie zu nutzen, habe ich keine mehr. Selbst nachts lässt mich die Arbeit nicht allein und ich träume von endlosen Massen an Briefen und Paketen am nächsten Tag. Alles dreht sich nur noch um diesen Job. In der Zeitung lese ich, wie die Regierung jetzt auch die Höchstarbeitszeit „flexibilisieren“ möchte. Vielleicht darf ich mich dann bald 12 Stunden lang täglich stressen und so meinen Körper noch schneller kaputt machen. Was ein schönes Leben. Hauptsache die Post ist heute angekommen.

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