Krieg dem Kriege – Hundert Jahre Anti-Kriegs-Museum

1924 veröffentlichte der Antimilitarist Ernst Friedrich das Buch “Krieg dem Kriege”. Darin zeigte er die Schrecken und Folgen des Ersten Weltkriegs. Ein Jahr später eröffnete er das erste Anti-Kriegs-Museum der Welt. Heute, ein Jahrhundert später, leben seine antimilitaristischen Ideen im Brüsseler Kiez im Wedding weiter.

Schon oft bin ich an der Statue vorbeigelaufen, die auf dem Weg zwischen Seestraße und Luxemburger Straße ein Gewehr über ihrem Kopf in zwei Teile zerbricht. Das Symbol von Frieden und Ablehnung von Krieg und Militär. Die Figur aus Metall befindet sich auf dem Grünstreifen im Brüsseler Kiez, der inoffiziell auch Ernst-Friedrich-Promenade genannt wird. Gegenüber prangt in großen Lettern “Anti-Kriegs-Museum” an dem sonst unscheinbar wirkenden Wohnhaus. Wenn man durch die großen Scheiben schaut, sieht man den Hauptraum des Museums und die Peace Gallery. Heute besuche ich das Museum zum ersten Mal.

Zwischen “Make Love Not War”-Ansteckern, Gasmasken und Bildern von türkischen und kurdischen Kriegsdienstverweigerern führt uns Robin durch das kleine Museum in der Brüsseler Straße. Das Museum hat sieben Tage die Woche von 16 bis 20 Uhr geöffnet. Gestemmt wird das von einer Gruppe von 20 Ehrenamtlichen. Robin ist einer von ihnen. Er hat mal Geschichtswissenschaften studiert, heute arbeitet er im Betriebsrat eines privaten Postunternehmens. Sein Interesse an Geschichte und auch die Verantwortung, die mit geschichtlicher Aufarbeitung und Gedenken einhergeht, sind für ihn Gründe, warum er jeden Montag das Museum betreut. “Unsere Arbeit hier ist in der jetzigen Zeit noch relevanter geworden”, erzählt Robin. Die beispiellose Aufrüstung in Deutschland und die Angst vor einem großen Krieg scheinen die Notwendigkeit eines Anti-Kriegs-Museums zu unterstreichen. Die Besucherzahlen seien in den vergangenen Monaten gestiegen, sagt Robin.

Am 01. Oktober hat das Museum sein 100-jähriges Bestehen gefeiert. Dafür wurden 70 Gäste, die das Museum seit seiner Wiedereröffnung begleitet haben, geladen. Außerdem ist die Ausstellung in der Peace Gallery des Museums dieses Jahr der Geschichte von Ernst Friedrich und seinem Kampf für den Frieden gewidmet. Sonst stellen hier Künstler*innen pazifistische und antimilitaristische Kunst aus.

Die Führung durch das Museum, die einzelne Besucher*innen oder Gruppen machen können, beginnt mit einem kurzen Film: Der Antimilitarist Ernst Friedrich wuchs in Breslau auf. Als er für den Ersten Weltkrieg einberufen wurde, um für das Deutsche Kaiserreich sein Leben auf dem Schlachtfeld aufs Spiel zu setzen, verweigerte er aus Gewissensgründen. Sein Pazifismus bescherte ihm zuerst einen Platz in einer psychiatrischen Beobachtungsstation und später eine Gefängnisstrafe, die er in Potsdam absaß. Im Zuge der Novemberrevolution 1918, bei der die deutsche Monarchie gestürzt wurde, kam er frei und schloss sich dem Spartakusaufstand und der Freien sozialistischen Jugend von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht an.

Ernst Friedrich arbeitete dann als Verleger für anarchistische und antimilitaristische Literatur, schrieb selbst Bücher wie “Krieg dem Kriege” und gründete 1925 das erste Anti-Kriegs-Museum in der Nähe des Alexanderplatzes. Dort ging es um die Folgen und Schrecken des Krieges im Gegensatz zu den vielen Kriegsmuseen, die sich mit Militär und Technik beschäftigten. Von diesen Museen gibt es in Deutschland übrigens noch immer etliche.

Schon vor der Machtübernahme Hitlers wurde Ernst Friedrich von den Nazis terrorisiert und das Anti-Kriegsmuseum mehrfach angegriffen. 1933 wurde Friedrich dann verhaftet, das Museum von Faschisten zerstört und zu einem SA-”Sturmlokal” umfunktioniert, in dem Menschen gefangen gehalten und gefoltert wurden. An der Hausfassade wurde das „Anti-“ aus dem Schriftzug entfernt.

Ernst Friedrich musste durch Europa fliehen und konnte 1936 in Belgien ein zweites Museum eröffnen, das nach dem Einmarsch der Nazis 1940 erneut zerstört wurde. Von dort aus flüchtete er nach Frankreich, wo er sich der “Résistance” gegen die Nationalsozialisten anschloss. Der überzeugte Pazifist sah sich im Angesicht des Faschismus gezwungen, selbst zu kämpfen, wurde bei der Befreiung zweier französischer Städte zweimal verletzt und rettete mehrere jüdische Kinder vor der Deportation. Bis zu seinem Tod 1967 setzte sich Ernst Friedrich für den Kampf gegen den Krieg ein. Das Anti-Kriegs-Museum wurde von seinem Enkel Tommy Spree 1982 in Berlin wiedereröffnet. Er leitet es heute noch. Seit 1998 befindet es sich in der Brüsseler Straße im Wedding.

Der Hauptraum dieses neuen Museums orientiert sich am ursprünglichen Museum von Ernst Friedrich und konzentriert sich deshalb vor allem auf die Schrecken des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Auch technisch ist der Besuch eine kleine Zeitreise. Auf sogenannten Stereografien kann man in großen Metallkästen die ersten 3-dimensionalen Fotografien von Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs erkennen. Nach einer kurzen Tour durch den Hinterraum, in dem zu Kunst verarbeitete Waffen zu sehen sind und Pazifist*innen der Geschichte vorgestellt werden, führt uns Robin in den Keller des Museums.

Hier erwartet uns ein kleiner Raum, der der Zerstörung durch die Atombomben gewidmet ist, die die USA über Japan abgeworfen haben. Samt Karte von Berlin, auf der eingezeichnet ist, was so eine Bombe mit der deutschen Hauptstadt machen würde. Es gebe viel Austausch mit dem Friedensmuseum in Hiroshima, erzählt uns Robin. “Die koordinieren viel von der internationalen Vernetzung der Friedens- und Anti-Kriegs-Museen”.

Im zweiten, größeren Raum des Kellers befindet sich die Nachbildung eines Luftschutzkellers aus dem Zweiten Weltkrieg. “Weil Berlin viel unterkellert war, hatte quasi jedes Wohnhaus so einen Schutzraum”, erklärt uns Robin. Es stehen ein paar Stühle, ein Bett und Koffer in dem Raum, der kaum größer als 15 Quadratmeter sein muss. Die Wände sind weiß gestrichen, damit es ein bisschen heller wirkt. Platzangst ergreift uns dennoch. Vor allem wenn man bedenkt, dass hier bis zu zwanzig Menschen stundenlang ausharren mussten, während über ihnen die Bomben fielen.

Als wir wieder hochgehen, bleibt ein Gefühl der Beklemmung, aber auch Bewunderung für den Kampf gegen den Krieg, der seit 100 Jahren von Ernst Friedrich, seinem Enkel und allen anderen Freiwilligen hier geführt wird. Viele Schulklassen kommen vorbei, um sich über den Horror des Krieges zu informieren und sogar Bundeswehrsoldat*innen wurden von ihrem Oberst hierhergeschickt. Warum genau, das wusste Robin nicht und es werde im Zuge der Militarisierung Deutschlands wahrscheinlich weniger, vermutet er. Auch der erstarkende Faschismus bereitet den Ehrenamtlichen hier Sorgen. Da sich das Museum aber unabhängig und über Spenden finanziert, ist Robin davon überzeugt, dass der Kampf gegen den Krieg hier im Wedding noch lange weitergehen kann.

Anti-Kriegs-Museum
Brüsseler Str. 21, 13353 Berlin
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 16 bis 20 Uhr
Gruppenbesuche planen: 030 45490110
www.anti-kriegs-museum.de

Dieser Artikel erschien erstmals in der Weddinger Stadtteilzeitung „Plumpe“ (Ausgabe Juli 2025).

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