Union Busting mit Kool Savas

Betriebsratswahlen bei der Tesla Fabrik in Grünheide

 In der Tesla Fabrik in Grünheide stehen im nächsten Frühjahr Betriebsratswahlen an und die Vorbereitungen laufen bereits auf Hochtouren. Die IG Metall hat bei der letzten Betriebsratswahl im März 2024 insgesamt 16 Sitze erreichen können und bildet damit die größte Einzelfraktion. Auf der Gegenseite haben sich vier Wahllisten zusammengeschlossen, um mit insgesamt 23 Sitzen eine Front gegen die gewerkschaftliche Vertretung zu bilden. Die IG Metall strebt bei den kommenden Wahlen an, die Mehrheit der Sitze zu erhalten, um dem erklärten Ziel eines Tarifvertrags für die Beschäftigten der sogenannten Tesla Giga Factory in Grünheide einen Schritt näher zu kommen.

Dieses Vorhaben steht im Widerspruch zur erklärten Linie von Konzernchef Elon Musk, der sich immer wieder offen gewerkschaftsfeindlich äußert und bereits spezifisch vor dem Einfluss der IG Metall in Grünheide gewarnt hat. Das schlägt sich auch in den Äußerungen des Werksleiters André Thierig nieder, der bereits seit Monaten kräftig Stimmung gegen die gewerkschaftliche Erschließung der Fabrik macht. Die Entlassungswellen bei der Konkurrenz in der Automobilbranche bzw. den Umstand, dass Tesla noch keine weitläufigen Entlassungen veranlasst hat, kommentierte Werksleiter Thierig in einem Schreiben an die etwa 11.000 Beschäftigten wie folgt:

„Warum ist das so? Weil wir anders sind. Weil wir anders sein können. Weil die IG Metall bei uns nicht mitentscheidet […] Ohne Tarifvertrag können wir uns auf uns konzentrieren, ohne einen schlechten Kompromiss mit der gesamten Branche eingehen zu müssen.“

Ob die Arbeitsplätze in der Giga Factory tatsächlich so sicher sind, wie der feine Herr Werksleiter behauptet, darf bezweifelt werden. Tesla erlebt 2025 in den meisten europäischen Märkten starke Einbrüche, in Deutschland taucht Tesla beispielsweise nicht mehr in den Top 10 der Neuzulassungen auf. Doch negative Schlagzeilen kann Werksleiter Thierig im Hinblick auf die anstehenden Betriebsratswahlen nicht gebrauchen: also höchste Zeit für einen ganz besonderen PR-Gag. 

Union Busting mit Kool Savas 

Anfang Dezember wurden alle Mitarbeiter des Standorts zu einem internen Event eingeladen, die Anwesenheit wurde als Arbeitszeit gutgeschrieben und sogar die Fließbänder standen zeitweise still. Für den Abend heuerte Werksleiter Thierig extra die etwas in die Jahre gekommene Deutschrap-Legende Kool Savas an, um Stimmung unter den Mitarbeitenden zu verbreiten. Kool Savas wurde in einem Tesla Cybertruck auf die Bühne gefahren, rappte ein paar Songs und versuchte Sprechchöre mit dem Namen des Konzernchefs Elon Musk anzustimmen. Die Beschäftigten ließen sich von dieser Darbietung offenbar nicht zu Begeisterungsstürmen verleiten, was der Rapper wie folgt kommentierte: „Ihr seid aber auch zäh, Alter. Tesla, was ist los mit euch? Habt ihr einen Stock im Arsch oder was?“.

Kool Savas, der mit bürgerlichen Namen Savaş Yurderi heißt, kommt aus einer zutiefst politischen Familie. Sein Vater Fazli wurde als Teil der kommunistischen Bewegung in der Türkei inhaftiert und gefoltert, weswegen die Familie überhaupt erst nach Deutschland floh. Savas jüngerer Bruder Sinan versuchte sich in jungen Jahren mit seinem Album „Sohn seiner Klasse“ aus dem Jahr 2009 daran, die politische Überzeugung des Vaters mit der eigenen Liebe zu Hip-Hop zu vereinen. Solche Ansätze suchte man bei Kool Savas leider schon immer vergeblich, eher witzelte er in Interviews darüber, dass sein Vater sich aus Prinzip weigere in seinen Porsche einzusteigen. Dennoch ließ Savas in seinen Interviews noch nie Zweifel daran aufkommen, dass das politische und moralische Rückgrat seines Vaters ihn tief prägte:

„Mein Vater ist mein Vorbild […] Ich kenne niemanden, der sich seinen moralischen Werten so sehr verpflichtet fühlt wie er. Jeder respektiert ihn, weil er auch für 100 Millionen nichts tun würde, an das er nicht selbst glaubt“. Es lässt sich nur spekulieren, was der Vater wohl davon hält, wenn der Sohnemann für etwas Gage bei Firmenevents von Megakonzernen wie Tesla auftritt und dort Sprechchöre für den reichsten Mann der Welt anstimmt, welcher obendrein auch offen mit faschistischer Ideologie liebäugelt.  Als wäre das nicht genug, stellte sich im Anschluss an den doch eher peinlich anmutenden Auftritt von Kool Savas schnell heraus, dass der eigentliche Zweck der Veranstaltung war, im Hinblick auf die anstehenden Betriebsratswahlen Stimmung gegen die gewerkschaftliche Vertretung bei Tesla zu machen.

Hetze gegen Gewerkschaften

Im Anschluss an den Rapstar übernahm Werksleiter Thierig die Bühne. Der Abend war mit der bezahlten Teilnahme des Publikums, dem musikalischen Stargast und den grellen Lichtinstallationen auf einen von Jubelarien begleiteten großen Auftritt wie aus einem Hollywood Film ausgerichtet. Stattdessen erntete Werksleiter Thierig verhaltenen Applaus und viel Verwirrung der anwesenden Kolleg:innen. In seiner Rede verkündete der Werksleiter eine Gehaltserhöhung von 4%, jedoch nicht ohne noch im gleichen Atemzug gegen die Gewerkschaften zu schießen:

„In Grünheide hat es bisher jedes Jahr eine Gehaltserhöhung gegeben und die gab es nicht, weil hier gestreikt wurde. Die gab es auch nicht, weil es hier einen Arbeitskampf gab […] Wenn wir mit der IG Metall verhandelt hätten, gäbe es zwei Prozent“

Doch Werksleiter Thierig beließ es nicht bei den offensichtlichen Lügen, dass eine gewerkschaftliche Vertretung der Belegschaft die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze gefährden und die Lohnergebnisse verschlechtern würde. Laut Informationen von Rote Fahne News wurde über die Großleinwand der Bühne ein Video gezeigt, auf dem eine kleine Gruppe an Menschen mit IG-Metall Fahnen zu sehen war, die von einer animierten Explosion getroffen und dann in Luft aufgelöst wurden. 

Die IG Metall ging in ihrer Pressemitteilung auf diesen Gipfel der Geschmacklosigkeit nicht weiter ein und begrüßte die Lohnerhöhung um 4% in einer Pressemitteilung als gute Nachricht für die Kollegen und Kolleginnen in dem Werk. Die Gewerkschaft ließ es sich dennoch nicht nehmen, die 4% Lohnsteigerung und den Umstand, dass es in Grünheide bisher jedes Jahr eine Gehaltserhöhung gab, vergleichend einzuordnen. So stellte die IG Metall weiter fest, dass unter Berücksichtigung der vergleichsweise längeren Arbeitszeiten im Tesla Werk der Abstand zu den Tarifverträgen in anderen Automobilwerken bei 30 bis 35 % läge. Im Angesicht dieser Zahlen ist es wenig verwunderlich, dass die Tesla Geschäftsführung keine Kosten, Mühen oder Peinlichkeiten scheut, um sich gegen die gewerkschaftliche Organisierung und die Einführung eines Flächentarifvertrages zu wehren.  

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