„Old but gold“ – eine Reihe zu Klassikern der Weltliteratur
Der Kapitalismus hat vorerst gesiegt und für Verlierer, die das Bessere wollten, ist kein Platz mehr in der Geschichtsschreibung. Was der historische Gegner, die geschlagene Arbeiterbewegung, erschuf, muss mit Schlamm beworfen oder der Vergessenheit anheim gegeben werden.
Für abermillionen Buchseiten der Weltliteratur ist kein Platz mehr in den Onlineshops einer dementen kapitalistischen Moderne. Kein Lehrplan empfiehlt sie der Schülerin, keine schmucken Neuauflagen werden im Weihnachtsgeschäft beworben. Man muss sie sich alle antiquarisch besorgen und selbst entstauben. Das aber lohnt sich.
Die vorliegende Reihe hat so auch nur einen Zweck: Grabt die alten Schmöker aus den Hügelgräbern der Nachlässe, Genoss:innen. Bringt wieder ans Licht, was unsere eigene revolutionäre Tradition hervorgebracht hat, denn es ist schön und gut.
Maxim Gorkis „Die Mutter“ ist ein faszinierendes und wuchtiges Werk, das schonungslos in den Existenzialismus der proletarischen Welt eintaucht und den Leser mit der düsteren Fabrik-Dystopie konfrontiert. Der rote Faden des Buches ist die Entwicklung einer zentralen Figur: Pelageja Nilowna. Sie wird von einer unterwürfigen und unterworfenen Frau, die für das Alte steht, zu einer furchtlosen Revolutionärin und Kämpferin für das Neue. In dieser Veränderung findet sie ein zweites Leben und Erlösung.
Liebe als Schlüssel zum Sozialismus
Grundlage für Nilownas Entwicklung ist eine Art Aura des Sozialismus; es ist für sie zunächst nur der Hauch einer Idee, für die sie dankbar ist, auch wenn sie sie noch nicht ganz begriffen hat. Diese Aura wird ihr näher gebracht durch ihren Sohn Pawel, der nach dem Tod des Patriarchen der Familie anfängt, sich mit Sozialismus zu beschäftigen und sich des Lesens ermächtigt, als Schlüssel heraus aus der kapitalistischen Dystopie. Nach und nach lädt er immer wieder Genoss:innen zu sich und seiner Mutter nach Hause ein, mit denen er nächtelang diskutiert und plant – und Sozialismus für Nilowna erstmals fassbar macht. Diese findet die Atmosphäre unter den Genoss:innen ihres Sohnes eigenartig, aber gemütlich, ist begeistert von der internationalen Solidarität und fühlt in der revolutionären Bewegung Freude und Liebe.
Dabei beschreibt Gorki ihren Weg als einen sehr langsamen Prozess, bei dem sie sich zu Beginn des Buches mit naiven Fragen vorantastet. „Ist das wirklich so? Seid ihr Sozialisten? Ist das gefährlich?“ Trotz dieser großen Unsicherheiten ist sie vom Herzen her aber immer dabei und hat Respekt und Stolz für die Sache. Genauer genommen hat sie anfangs vor allem Respekt und Stolz für ihren Sohn Pawel, der ihr den Sozialismus im wahrsten Sinne des Wortes ins Haus bringt. Die Mutter beginnt als liebende Mutter, als Wirtin, die auch die Genoss:innen Pawels ins Herz schließt und schließlich wie eigene Kinder liebt. Sie wird auch zur Mutterfigur für andere Genoss:innen wie dem besten Gefährten ihres Sohnes, Andrei, der keine eigene Mutter hat und sie als Mutter und Genossin lieben lernt. Nikolaj, ein Protagonist aus Teil zwei, bei dem Nilowna wohnt, nachdem Pawel ins Gefängnis geht, sagt sogar, dass er sie mehr als seine leibliche Mutter liebe, weil sie an die Menschen glaubt. Diese Liebe ist nicht Nebenschauplatz, das augelagerte Private in einem politischen Roman; Gorki verbindet das Private und das Politische, denn die Liebe Nilownas – einer als gläubigen Christin sozialisierten Frau im Zarenrussland – ist ihr persönlicher Schlüssel zum Sozialismus: Die wunderbaren, liebenswerten und jungen Leute haben Recht, mit dem, was sie sagen.
Das spiegelt die These des Bauernführers Rybin wider, der den oft etwas kühlen und sehr rationalen Pawel ermahnt: der Sozialismus beginnt im Herzen, nicht im Kopf. Die Mutter selbst drückt dies in dem Satz aus: „Ihr glaubt, aber ich liebe, was mir nahe steht“. Ihre Wandlung geschieht aus diesem tiefen Gefühl der Liebe heraus. Die Begeisterung für die Sache ist eng mit ihrer Liebe zu Pawel verbunden. Sie vergleicht ihn sogar mit Christus, was ihre Prägung und Sozialisierung veranschaulicht. Die Liebe zu ihm zeigt sich auch, als sie traurig und wütend wird, wenn er sie in seiner Planung als lästig empfindet. Und später, als er sie als Genossin genug respektiert, um ihr zu vertrauen, dass sie seine taktische Entscheidung gegen eine Flucht aus dem Gefängnis versteht.
Die stille Heldin
Diese von Liebe und Stolz getriebene Motivation macht sie von einer passiven Beobachterin zu einer aktiven Mitstreiterin und zur eigentlichen Hauptfigur. Während Pawel im Gefängnis sitzt – immerhin über die Hälfte der gesamten Geschichte – schmuggelt sie Flugblätter in die Fabrik und empfängt ständig Genoss:innen, mit denen sie kritisch diskutiert. Sie wird zur „guten Mutter“, die den jungen Revolutionär:innen Liebe schenkt und auch von ihnen mit Zuneigung aufgenommen wird. Sie wird gebraucht – was ihrem Leben einen neuen Sinn gibt. Aber sie gestaltet auch.
Obwohl sie zunächst daran zweifelt, genug Arbeiter:innen mobilisieren zu können, marschiert sie später entschlossen beim 1. Mai mit. Nach Pawels Verhaftung hält sie sogar selbst eine mitreißende Rede vor der demotivierten Menge. Hier ist sie das erste Mal die stille Heldin; zwar ist Pawel der Fahnenträger und offiziell der Held der Arbeiterbewegung, aber die Rede einer niedergeschlagenen Nilowna nach dem Polizeiangriff ist das eigentliche Highlight des ersten Teils, der damit auch endet.
Das Ende des zweiten Teils und somit des Buches knüpft an die Erster-Mai-Rede Nilownas an und ist spektakulär wie tragisch. Die Mutter, die sich am Bahnhof den Spionen des Zaren entgegenstellt, um Pawels Plädoyer aus dem Gerichtsverfahren kurz vorher zu verteilen, wird zur Märtyrerin. Ihre letzte, meisterhafte Rede spricht die Sprache der einfachen Menschen und fasst die gesamte Botschaft des Buches zusammen: Die Arbeiter:innen leben in Furcht und Dunkelheit, aber die Wahrheit der Revolution ist unbesiegbar. Hier vereint sich ihr persönlicher und ideologischer Weg, indem sie den Sozialismus und ihren Glauben zusammenbringt: “Das ist, als wenn den Menschen ein neuer Gott geboren wird! Alles – für alle, alle – für alles. So verstehe ich euch alle! In Wahrheit seid ihr alle Genossen, alle Verwandte, denn alle seid ihr Kinder einer Mutter – der Wahrheit. […] Gestern [nach dem Urteil gegen Pawel] habe ich erfahren, dass diese Wahrheit unbesiegbar ist … Niemand kann mit ihr streiten, niemand!” Nilowna vermischt Christentum, Mutterliebe und den Wunsch nach Gerechtigkeit miteinander. Sie bringt, im Vergleich zu ihrem Sohn Pawel eher aus der zweiten Reihe, das Alte und das Neue zusammen und steht damit als Figur beispielhaft für den Erfolg der sozialistischen Bewegung Russlands.
Ein absurder Gerichtsprozess zum Finale
Stilistisch ist das Buch in zwei markante Teile gegliedert. Während der erste Teil direkt in die Handlung einsteigt und die Entwicklung des sozialistischen Kreises Pawels (und die Entwicklung der Mutter) intensiv beschreibt, fühlt sich der zweite Teil zunächst langsamer und weniger fesselnd an. Die Handlung stagniert, da neue Charaktere nur kurz auftauchen. Es ist mitunter schwer, den Überblick zu behalten. Im zweiten Teil geht Nilowna vom Vorort in die Stadt, es gibt einen Szeneriewechsel. Hier nimmt uns Gorki mit in die Unterschiede innerhalb der Bewegung zwischen Land, Vorort und Stadt. Die Handlung ist nicht arm an „Action“ – der Tod des Genossen Jegor, die Niederschlagung seiner Beerdigung und Rybins Befreiung durch die Massen zeigen die schmerzhafte Brutalität des Zarenreiches sowie die Solidarität der Bewegung. Dennoch ist der erste Teil intensiver, er weckt mehr Emotionen.
Die Gerichtsverhandlung im zweiten Teil ist ein weiterer starker Moment. Der Prozess wird als absurd und befremdlich dargestellt, die Richter sind träge und unbeteiligt. Es herrscht eine spürbare Kluft zwischen den Herrschenden und den Beherrschten. Inmitten dieser starren Szenerie hält Pawel eine ikonische Verteidigungsrede, die den Raum erhellt und das Volk erreicht. Sein Plädoyer für den Sozialismus ist zeitlos und könnte heute fast Zeile für Zeile genauso vorgetragen werden.
Ein Plädoyer für die stillen Held:innen des Sozialismus
„Die Mutter“ ist ein Klassiker der sozialistischen Literatur. Gorki spielt gekonnt mit den schon seit jeher diskutierten Parallelen von Sozialismus als Religion(sersatz). Es ist ein unmissverständliches Plädoyer für die Selbstermächtigung der Ausgebeuteten und betont die Notwendigkeit des ideologischen Kampfes, die sehr stark mit Liebe und Beziehungen korrelieren. Dabei beleuchtet Gorki aber nicht die ersten und prominenten Reihen der sozialistischen Bewegung, sondern die häufig stillen und weniger beachteten Held:innen der Reihen dahinter, die diese Revolution mit getragen haben.

