Der Konflikt um die Friedensstatue offenbart, wie zwischen dem Korea-Verband, der Moabiter Nachbarschaft und dem Bezirksamt Berlin Mitte internationaler Druck, lokale Politik und Erinnerungskultur kollidieren.
Ein Mädchen sitzt auf einem kleinen Hocker, links neben ihr ein leerer Stuhl, auf ihrer Schulter sitz ein Vögelchen. Sie blickt mit gefasster Miene geradeaus und ihre zierlichen Hände sind zu festen Fäusten in ihrem Schoß geballt. Ihr Schatten formt eine alte Frau, durch deren Silhouette ein Schmetterling fliegt. Die Bronzestatue, die liebevoll Ari genannt wird, stand die letzten Jahre in Berlin Moabit, Brikenstraße Ecke Bremerstraße. Sie ist nicht nur ein Kunstwerk, sondern auch ein Denkmal, welches vom Korea-Verband mithilfe der Nachbarschaft und anderen Förder*innen 2020 eingeweiht wurde.
Im Oktober 2025 wurde sie von der Polizei im Namen des Bezirksamtes abgesägt und verschleppt. Seit diesem Januar steht sie im ZK/U in Moabit. Die Geschichte von Ari ist ein Knotenpunkt von Erinnerungskultur, aktueller Politik, Machtfragen, feministischen Kämpfen und deutscher Bürokratie.
Ein Denkmal in Deutschland aufstellen ist kompliziert und mit vielen Hürden verbunden. Als sich der Korea-Verband entschied, die Statue in den öffentlichen Raum Berlins setzen zu wollen, wurde ihnen geraten, sie als Kunstwerk auszustellen. Die Statue ist nicht die einzige Ihrer Art. Weltweit gibt es weitere Bronzestatuen, welche die sitzende junge Frau zeigen. Die erste von ihnen steht in Seoul gegenüber der japanischen Botschaft, weitere befinden sich in China, Australien, den USA, Italien und mehr. Sie erinnern an die sexuellen Verbrechen der japanischen Kriegsmaschinerie an den sogenannten „Trostfrauen‘‘ vor und während des zweiten Weltkrieges.
Zur Einordung: Es ist mehr als ein Euphemismus, wenn über „Trostfrauen“ gesprochen wird. Nicht nur in Korea, sondern im kompletten süd-ost-asiatischem Raum wurden Mädchen von den japanischen Faschisten verschleppt und in Bordellen in die sexuelle Sklaverei gezwungen. Die Mädchen waren meist zwischen 14 und 20 Jahre alt, besonders betroffen waren jene aus armen Familien. In den „Troststationen“ wurden die Mädchen zwischen fünf und 70-mal pro Tag vergewaltigt, misshandelt und teilweise gefoltert und getötet. In den Stationen waren die Mädchen Zimmer an Zimmer gefangen. Sie wurden regelmäßig erniedrigenden medizinischen Untersuchungen unterzogen. Die Mädchen mussten zum Teil mit den Armeen von Schlacht zu Schlacht ziehen und so neben dem missbräuchlichen Horror auch den Schrecken des Krieges tagtäglich miterleben. Das japanische Militär machte währenddessen für diese „Troststationen“ Werbung, verteilte Kondome an Soldaten und optimierte die Häuser, in welchen sich das Grauen vollzog.
Nach der Kapitulation 1945 fiel ein Schleier des Schweigens über die Gräueltaten. Das japanische Militär ließ die Mädchen in der Fremde zurück. Einige der jungen Frauen kehrten nie heim. Durch das unterdrückende patriarchale System waren viele der Opfer Schmach und Scham ausgesetzt und das Geschehene verschwand im Dunkeln der Vergangenheit.
Kim Hak-Sun, eine Überlebende, brach am 14. August 1991 als Erste das Schweigen und sprach öffentlich über die traumatischen Erfahrungen in einem südkoreanischen Fernsehauftritt. Damit begann der Kampf um Anerkennung und Rechenschaft. Immer mehr Überlebende meldeten sich zu Wort und es bildete sich die transnationale feministische „Trostfrauen“-Bewegung. Schließlich dokumentierte auch die UN-Menschenrechtskommission in ihrem Bericht von 1996 das „Trostfrauen“-System als sexuelle Versklavung durch das japanische Militär. Die Bewegung forderte von der japanischen Regierung ein Schuldbekenntnis, eine aufrichtige Entschuldigung, Entschädigungen, Bestrafung der verantwortlichen Kriegsverbrecher und die Offenlegung der relevanten offiziellen Dokumente sowie Bildungs- und Erinnerungsarbeit. Es wurde bis heute fast keine der Forderungen erfüllt. Es wurde niemand juristisch verfolgt und es gibt keine Gerechtigkeit für die Frauen.
Der Korea-Verband Berlin setzt sich für die Bewegung und für eine Erinnerungsstatue in Berlin ein. Nataly Jung-Hwa Han, Vorsitzende des Verbands, erklärt, dass die Statue jedoch nicht nur für die koreanischen bzw. asiatischen Frauen und Mädchen steht, welche im Krieg Opfer sexueller Gewalt wurden. Sie sieht in Ari ein Denkmal der Selbstermächtigung, eine Erinnerung an die feministische Bewegung, die die Opfer erkämpft haben. Frauen, die sich trauten, die Täter beim Namen zu nennen und Frauen, welche repräsentativ für alle Personen stehen, die Opfer von männlicher sexueller Gewalt wurden.
Ari ist nach dem Verständnis des Bezirksamtes jedoch ein Denkmal, das zu wenig Bezug zur deutschen Geschichte hat, außerdem eine „zu einseitige“ Perspektive zeige und Hass gegen Japan schüren würde. Als Kunstwerk darf Ari nicht länger als 2 Jahre im öffentlichen Raum stehen, außer die Fristen werden verlängert. Die jahrelange Sondernutzung – teilweise deutlich mehr als 2 Jahre – des öffentlichen Raumes durch private Kunstwerke sieht man zuhauf in Berlin, z.B. die Buddy-Bears Unter den Linden, das Memoria Urbana oder die zerbrochenen Gewehre beim Anti-Kriegsmuseum. Doch Ari durfte, im Gegensatz zu den anderen Werken, nicht bleiben. Nach einem Besuch von Kai Wegner in Tokio im Mai 2024 wurde ganz plötzlich entschieden, dass die Statue wegmuss.
Die Demontage der Statue konnte durch ein Gerichtsverfahren, das feststellte, dass es keine feste Gesetzeslage zu der Zwei-Jahres-Regel gibt, und mit Unterstützung von Unterschriftensammlungen und Demonstrationen noch verschoben werden. Doch schließlich wurde Ari ein Jahr später, im Oktober 2025, von Polizisten mit einer Kettensäge entfernt und an einen vorerst geheimen Ort gebracht. Erst nachdem der Verband mit Hilfe von Spenden die über 1.000€ Transportkosten der Statue zahlen konnte, wurde ihnen Aris Standort mitgeteilt: Unter einer schmutzigen, grünen Plane in der hintersten Ecke eines Lagerhofs des Grünflächenamts.
In Kooperation mit dem Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U) wurde die Statue am 22. Januar dieses Jahres in einem Park in der Nähe der Birkenstraße wieder aufgestellt. Doch das Ziel ist klar, die kleine Statue soll zurück an ihre Heimstätte. Bei dem Kampf um den Platz am Straßenrand zeigt sich das Gesicht der deutschen Erinnerungskultur. Wer darf erinnern? Und welche Erinnerungen werden anerkannt?
Migrant*innen, welche Opfer vom Faschismus der Achsenmächte und des japanisch-deutschen Kolonialismus waren und ihre Perspektiven mit nach Deutschland bringen, anscheinend nicht. Eine Nachbarschaft, die Bedarf für dieses Denkmal sieht und sich Grassroots-Style dafür einsetzt, auch nicht. Ari ist auch eine Erinnerung an migrantische Perspektiven in Deutschland – ein Mahnmal von unten, eine Nachbarschaftsaktion. Sollte eine pluralistische Art des Gedenkens in einer kosmopolitischen Stadt wie Berlin nicht möglich sein?
Das Bezirksamt und die Bezirksbürgermeisterin von Berlin Mitte, Stefanie Remlinger von den Grünen, stellen sich quer. Ein Denkmal, das eine Täternation wie Japan bzw. ihre Regierung auf die Verbrechen ihrer Vergangenheit hinweist, überschreitet den tolerierbaren Rahmen. Feminismus und Erinnerungskultur haben nur Platz, wenn sie niemanden verärgern, vor allem nicht politische Verbündete. Es geht anders. In der italienischen Stadt Stintino auf Sardinien beispielsweise strotzt die Bürgermeisterin Rita Limbania Vallebella dem Druck der japanischen Regierung, die Statue steht und bleibt im öffentlichen Raum.
Doch weshalb ist es von Bedeutung, dass gerade diese Statue ihren Platz in Berlin findet? Nataly Jung-Hwa Han sieht darin drei wichtige Punkte.
Erstens ist die Geschichte Japans und Deutschlands näher miteinander verknüpft, als man vielleicht denken würde. Historisch ist der japanische Kolonialismus vom deutschen beeinflusst worden. Schon vor der Zeit der Achsenmächte waren die Staaten in ihren imperialistischen Vorhaben verbunden. Und anknüpfend daran sollte man die außerdeutschen Konflikte Nazideutschlands während des zweiten Weltkrieges nicht von der deutschen Geschichte loslösen.
Zweitens ist die Statue nicht dazu da, um Konflikte zu säen. Ari steht nicht für anti-japanischen Hass. Sie steht für Selbstermächtigung – für ein Denkmal, das an die feministische Bewegung der Überlebenden erinnert und sich traut, die Täter beim Namen nennt. Sie ist eine Einladung: Lasst uns über sexuelle Gewalt von Männern sprechen, egal ob „Troststationen“ oder Wehrmachtsbordelle. Nennen wir es beim Namen.
Drittens findet die Bewegung der Frauen auf deutschem Boden statt. Die Frauen der koreanischen Diaspora in Deutschland arbeiten hier mit Teilen der japanischen Community zusammen. Opfer und Täter Nation sind zusammen aktiv. Diese Stimmen, welche in Deutschland sprechen, sollten auch als Teil der deutschen Geschichte anerkannt werden.
Es geht um die Frage, wie transnationale Erinnerungen und feministische Perspektiven in die deutsche Erinnerungskultur eingebunden werden können. In der deutschen Politik – egal auf welcher Ebene – jedoch zeigt sich immer wieder: Werte, Moral, Völkerrecht und Menschenrechte werden nur dann vertreten, wenn sie nicht den wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen der herrschenden Klasse widersprechen. Es braucht eine stabile Zivilgesellschaft, die solidarisch zusammensteht und kämpft – auch dafür ist Ari ein Symbol.

