Die bürgerliche Kulturschickeria samt ihres monopolisierten Verlagswesens hat es vollbracht, dass die Kunst eines ganzen Erdteils aus mehr als sieben Jahrzehnten heute vollkommen aus dem westlichen Gedächtnis verschwunden ist. Noch jeder Kunstgeschichtestudent mit zwei Semestern auf dem Buckel kann irgendwas davon erzählen, wie schlimm und plump der „sozialistische Realismus“ wohl gewesen sein mag, doch die wenigstens haben je seine Meister zu Gesicht bekommen. Geht auch kaum, denn sie werden nicht verlegt oder ausgestellt. Noch viel weniger, seit man Russland zum neuen alten Hauptfeind erklärt hat.

Das ist ein immenser Verlust, nicht nur für Kommunisten. Denn damit entgeht einer ohnehin rasant verblödenden Intelligentsia im verfallenden Kapitalismus die Chance, je über so jemanden wie Gely Korzhev zu stolpern. Und das ist ohne Übertreibung so, als würde man einen Caravaggio oder einen Van Gogh nicht kennen. Für Kommunisten ist es sogar noch schlimmer, denn Korzhev war nicht nur ein Sohn seiner Klasse, sondern blieb, auch nachdem Gorbatschow&Co. ihr Land verscherbelten, der Idee einer besseren Welt treu.
„Den letzten großen russischen Realisten unserer Zeit“, nennt der 2016 erschiene Begleitband einer Werkschau Korzhevs in der Moskauer Tretjakow-Galerie den 1925 geborenen und 2012 verstorbenen Maler, der wie kaum ein anderer der sowjetischen Meister eine ganz eigene Bildsprache des sozialistischen Realismus entwickelte. Korzhev selber sprach lieber von „sozialem Realismus“ und verstand diesen auch nie im Sinne einer simplen fotografischen Kopie der Wirklichkeit. „Naturalismus, mit seinem Konzept der ‚Ähnlichkeit‘ ist der wirkliche Gegner des ‚sozialen Realismus“, schrieb er einmal.
Dementsprechend findet man bei ihm auch eine fast unfassbare Varietät an Stilen und Motivwelten. Es gibt die „klassischen“ Motive aus dem Arbeiterkampf wie in seinem oft als „Hauptwerk“ genannten Tryptichon „Kommunisten“. Aber er arbeitet auch in der biblischen Erzählwelt und hat den vielleicht menschlichsten Jesus seit Hans Holbein dem Jüngeren in seinem Werk „Im Schatten des Kreuzes“ erschaffen. Der Gottessohn ist hier nicht entrückt, nichts weist auf eine Auferstehung hin. Im Zentrum des Bildes, Maria Magdalena, trauernd um den ermordeten Freund, mit schmutzigen Füßen. Es geht hier nicht um die Fabelwesen der Religion, es geht um Menschen. Die theologische Erzählung ist ganz ins Irdische zurückgeholt, ähnlich wie in seinem 1998 entstandenen Öl-Gemälde „Vertreibung aus dem Paradies“.

Adam,verwiesen aus Gottes Garten, geht in eine karge Welt hinaus. Aber sein Gesicht zeigt keine Reue, keine Verzweiflung. Es bleibt ihm nichts, nur die Nähe und die Gemeinsamkeit mit dem anderen Menschen, Eva, die er in den Armen trägt. Es ist das Eingeständnis eines in einer kalten, kaputten Welt – wir schreiben ja hier schon die Zeit nach der „Perestroika“ – lebenden Menschen, der aber noch die Menschheit und eine ordentliche Portion Trotz hat.
Tryptichon „Kommunisten“
Ein anderes Meisterwerk Korzhevs greift direkt die Geschichte der Arbeiterbewegung auf: Wir sehen einen gefallenen Genossen (Titelbild s. o.). Seine Hand ist halb geöffnet, die Fahne muss ihm im Moment des Todes, als er sie noch zu greifen suchte, entglitten sein. Sein Kamerad, der die Fahne aufnimmt, kniet. Aber nicht, wie man vor seinem Herren kniet. Wie ein Raubtier, das auf dem Sprung ist. Er fasst die Fahne, seine Sehnen, seine Adern sind aufs äußerste angespannt. Sein schwerer Schuh ist fest in den Boden gedrückt.
Das Wesen dieses Moments findet ihren ganzen Ausdruck in den Gesichtszügen dieses Mannes, der dabei ist, die Fahne weiterzutragen. Wir können davon ausgehen, dass die Gefahr, der sein ermordeter Freund erlag, noch nicht gebannt ist. Von oben ragen Füße eines weiteren Toten ins Bild. Der Betrachter des Bildes wird an den Blutmai 1929 denken oder an den Blutsonntag von 1905. Es wird geschossen auf diesem Platz, den die von Arbeitern verlegten Eisenbahnschienen wie Adern durchziehen. Das helle Pfeifen der Kugeln mischt sich mit Schreien, auffordernden und von Schmerz erfüllten.
Doch der Blick des Arbeiters mit der Fahne zeigt keine Angst, keine Panik. Wut ist da, aber eine kalte Wut, die nicht besinnungslose Raserei ist. In diesem Gesicht ist Entschlossenheit, absolute Gewissheit der eigenen Sache. Es gibt in dieser Mimik keinen Zweifel.

Das Bild – der Mittelteil des Tryptichons „Kommunisten“ enthält eine ganze Theorie darüber, was ein sinnerfülltes Leben ist. Im Angesicht des Todes ist es nicht das individuelle Fortbestehen des Einzelnen, sondern der Idee der Befreiung, die in der Fahne ihren Ausdruck findet, die es zu bewahren gilt. Der tote, gefallene Genosse wirkt, als hätte er sie bewusst weitergegeben, die Dynamik der beiden Körper läuft ineinander. Was hier zu sehen ist, ist eben genau kein Todeskult. Es ist die Liebe zum Leben, aber die Liebe nicht zu einem Leben auf Knien, sondern zu einem freien, glücklichen Leben für die gesamte Gattung Mensch.
Realismus, nicht Naturalismus
Diese Grundüberzeugung, einer tiefen Liebe zum einfachen Menschen, blieb Korzhev in allen Phasen seines Schaffens treu, auch dann noch, als er sich verbittert über die Konterrevolution in seinem Heimatland aus der Öffentlichkeit weitestgehend zurückgezogen hatte. Sogar Bilder, die er nach dem Fall der Sowjetunion malte, werden nicht zynisch, selbst da, wo sie nur noch von Monstern und mythischen Wesen handeln, die aussehen wie Hieronymus Boschs Teufelchen.
Seine subtilen Darstellungen des Verfalls nach der „Wende“ sind manchmal ironisch – wie in dem Bild eines alkoholisiert zusammengesunkenen Arbeiters, das er mit „Erhebe dich, Iwan“ überschreibt. Aber er wird nie ganz hoffnungslos. Noch 2001 malt er mit „Sieg der Lebenden und der Toten“ ein Skelett eines Rotarmisten, ganz in der Totentanz-Tradition, das die Mosin-Nagant in der Rechten nach oben streckt und aus dem Sarg aufersteht.
Vieles vom späten Korzhev spielte sich in Stillleben ab, aber selbst da blieb er dem arbeitenden Volk verpflichtet. Es sind die Alltagsgegenstände der einfachen Russen, die sich in seinen Stillleben wiederfinden, am grandiosesten in seinem „sozialen Stillleben“ von 1992.
Korzhev schrieb einmal, man könne den Künstler vielleicht als „einen Chronisten, einen Zeugen der Ereignisse seiner Zeit und Gesellschaft“ sehen. Und das blieb er selbst, von seinen Arbeiten über die Gräuel des Weltkriegs und den Heroismus der Verteidiger des sowjetischen Vaterlands bis zu seinen kompromisslosen Darstellungen des post-sowjetischen Russland. Diese Chronistentätigkeit übte er aber nie teilnahmslos aus, aus jeder Pore seiner Arbeiten atmet die Liebe zur Menschheit, egal wie tief sie im Schmutz liegt. Das wiederum verbindet den Realismus mit der Aufgabe des Ankämpfens gegen die Lüge. „Die Wahrheit entschwindet aus den Fingern, und die Lügen schleichen sich durch jede Ritze“, schreibt Korzhev. „Aber nichtsdestoweniger darf man nicht verzweifeln und muss für die Warheit kämpfen. Dieser monumentale Krieg erschafft die moralische Textur von Kunst.“ Es wundert nicht, dass der heutige Kulturbetrieb im Westen damit wenig anfangen kann

