Epstein files, Teil 3: How to get away with rape? Wie die Reichen mit Vergewaltigungsklagen umgehen

3,5 Millionen Datensätze sollen es sein, die von der Regierung der Vereinigten Staaten bis Ende Januar veröffentlicht wurden. Das sind wohl bei weitem nicht alle Epstein-Files, etwa sechs Millionen soll es geben. Auch in den veröffentlichten Datensätzen ist vieles geschwärzt und die Datenbank selbst ist beinahe unbewältigbar. Abertausende Dubletten und eine sehr eingeschränkte Suchfunktion machen es Journalisten oder Bürgern nicht leicht, in dem Berg von Material irgendetwas zu finden. Und dennoch: Allein das, was bisher bekannt ist und vorher schon bekannt war, zeichnet das Bild einer verrotteten Schicht aus Milliardären, Politkern und Prominenten, die sich weit jenseits der ethischen und juristischen Regeln von Normalsterblichen bewegt.

Wir haben uns in die Literatur zum Fall eingearbeitet und die zur Verfügung stehenden Daten durchforstet. In einer mehrteiligen Serie veröffentlichen wir einen kleinen Ausschnitt aus dem, was man in den Files über die Herrschenden dieser Welt erfahren kann. Der 1. Teil sollte noch nicht mit dem Fall vertrauten Leser:innen einen Überblick geben, worum es hier eigentlich geht. Der 2. Teil führte in Epsteins frühe Geschäfte mit Waffenhändlern, Finanztricksern und Geheimdiensten ein. Der vorliegende dritte Teil beschäftigt sich mit dem aus Drohung, Einschüchterung und Schweigegeld bestehenden Umgang mit Vergewaltigungsklagen in Epsteins Kreisen.

Allen Teilen wollen wir eine KLARE TRIGGERWARNUNG voranstellen. Es wird u.a. um sexualisierte Gewalt, Mord und Suizid gehen.

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Es gibt einen Mann in den Epstein-Files, gegen den Anschuldigungen vorgebracht werden, die so widerlich, so grausam sind, dass sie selbst in dieser Horrorshow menschlicher Abschaumhaftigkeit noch herausstechen. 2002, so gibt eine Frau an, die unter einer Form von Autismus leidet, sei sie als noch Minderjährige von Jeffrey Epstein an diesen Mann weitergereicht worden. In Epsteins Townhouse in Manhatten habe der große, dicke Mann sie – vor Gericht nur „Jane Doe“ genannt – dann vergewaltigt. Er zog seine Befriedigung offenbar aus der Erniedrigung und Verletzung seines Opfers. Die Klageschrift dokumentiert ein Martyrium. Er soll sie so im Genitalbereich verletzt haben, dass sie blutete, während er sie unflätig beschimpfte. Noch zwanzig Jahre später, so die 2023 eingereichte Klageschrift, durchlebt Jane Doe Panikattacken, wenn sie die Periode bekommt, weil die Blutungen sie an die Vergewaltigung erinnern.

Gegen denselben Mann lagen im Kontext der Epstein-Ermittlungen Vorwürfe von mindestens 4 Frauen vor, wobei eine Opfer-Anwältin in einem internen Mailverkehr sogar davon spricht, sie habe von zehn Frauen gehört, gegen die er sexualisierte Übergriffe verübt habe.

Der Mann, um den es hier geht, heißt Leon Black. Der ist in etwa 13 Milliarden schwer und betreibt einen Private Equity Firma namens Apollo Global Management. Sein Vater Elihu Menashe Blackerwarb in den 1960er-Jahren die berühmt-berüchtigte United Fruit Company, bekannt für zahllose Menschenrechtsverbrechen vor allem in Lateinamerika. Leon Black zählte zu jenen Kunden Epsteins, für die der Pädo-Jetsetter „Steueroptimierungen“ durchführte, deren Aufarbeitung ein eigenes Thema der Epstein-Veröffentlichungen ist.

Viele Klagen, keine Verurteilungen

Epstein und Black pflegten jenseits ihrer finanziellen auch freundschaftliche Beziehungen. Am 19.7.2018 etwa lädt der verurteilte Pädokriminelle „Leon“ per Chat ein: „Miro ist hier“, schreibt er. Gemeint ist der mittlerweile zurückgetretene slowakische Politiker Miroslav Lajčák, damals Präsident der Vereinten Nationen. „Wir haben Spaß“, deutet Epstein an.

Wie könnte der „fun“ ausgesehen haben? Im Oktober desselben Jahres schreibt Lajčák an Epstein: „Warum lädst du mich nicht zu den Spielen ein? Ich nehme das „MI“ – Mädchen.“ Du „kannst beide haben“, antwortet Epstein. „Ich bin nicht besitzergreifend.“ Von derlei „Lockerroom“-Talk findet sich in den Files eine Unmenge. Es ist – natürlich unter Beibehaltung der Unschuldsvermutung, wir wollen ja nicht verklagt werden – recht wahrscheinlich, dass die Geschäftsbeziehungen Epsteins denen seines Mentors Adnan Kashoggi nachempfunden waren: Manchmal formelle Treffen, manchmal Orgien, bei denen Frauen und/oder Minderjährige zur Verfügung gestellt wurden. Dass es bei Andeutungen in den Mail- und Chat-Nachrichten bleibt, hat einen Grund. Wir haben es hier mit Leuten zu tun, die durchaus wissen, was Kompromat ist und dass man besser keine eindeutigen Beweise in Mails oder in sein Telefon tippt. Es gibt zahlreiche Nachrichten, in denen Epstein seine Gesprächspartner zu anderen Kommunikationswegen auffordert oder von Treffen in einer „keine Telefone, keine Uhren erlaubt Umgebung“ spricht.

Nun finden sich in den Epstein-Veröffentlichungen aber – obwohl es sich ja nur um einen Bruchteil der Dokumente handelt – zahlreiche Interviews mit Opfern und Klageschriften. Aber: Es wurde nie jemand verurteilt außer Ghislain Maxwell. Epstein verschied (angeblich) auf mysteriöse Weise im Gefängnis. Die anderen Genannten sind allesamt extrem schockiert, was dieser nette Herr aus ihrem Freundeskreis da so getrieben haben soll. „Herr Black hatte keine Ahnung, und ist immer noch verstört von den abstoßenden Handlungen, die am Ende des Jahres 2018 bekannt wurden und die zu den Strafanzeigen gegen Herrn Epstein führten. Er bereut zutiefst, mit ihm zu tun gehabt zu haben“, lässt etwa der mehrfach selbst beschuldigte Milliardär verlauten.

Nun gilt Black tatsächlich juristisch gesehen bislang nicht als verurteilter Sexualstraftäter. Den unvoreingenommenen Leser:innen der Epstein-Files muss das – vorsichtig formuliert – etwas komisch vorkommen. Da ist zum Beispiel folgende Kuriosität: Mindestens zwei Frauen berichteten unabhängig voneinander von bis ins Detail ähnlichen sadistischen Vorlieben ihres Peinigers, Leon Black. Eine Opferanwältin schreibt in interner Kommunikation: „Kurz gesagt, die Details, die sie mir über seine Taten erzählte, stimmen fast perfekt mit dem überein, was meine Mandantin mir berichtete: Er biss ihr heftig in Vulva, Schamlippen und Klitoris. Die Bisse wurden heftiger und seine Zähne griffen fester zu, wenn sie vor Schmerzen schrie. Die Frau erzählte mir heute Morgen im Grunde dasselbe Beißritual und dass sie vor Schmerzen kaum atmen konnte – das ist zu ungewöhnlich, um es sich auszudenken. Sie kennt meine Mandantin nicht. Diese Person ist älter und sagt, es sei 2001 in Epsteins Stadthaus passiert. Sie gab dort Massagen, und Black war einer ihrer Kunden. Sie sagte, sie habe nie Sex mit Epstein gehabt. Es gibt keine öffentlichen Informationen über die Details seiner (Blacks, d.A.) sexuellen Handlungen mit unserer Mandantin, daher kann sie es unmöglich wissen.“

Zu den Aussagen der autistischen Frau, die als Minderjährige von Black vergewaltigt sein soll, existiert – soweit man das bei all den Schwärzungen sagen kann – ein FBI-interner Bericht, in dem steht: „AW/DANY bezweifeln ihre Vorwürfe gegen JE und LB nicht. Sie glauben, dass sie auch von Staley missbraucht wurde.“ DANY dürfte hier als Abkürzung für die New Yorker Staatsanwaltschaft stehen, JE und LB sind Jeffrey Epstein und Leon Black. James Edward „Jes“ Staley wiederum ist ein Investmentbanker und Epstein-Vertrauter, der seinerseits wiederum auch von anderen Frauen der Vergewaltigung bezichtigt wird. Der Bericht enthält zumindest ausreichend Details, die als Ausgangspunkt für weitere Ermittlungen dienen hätten können. Ob solche je passiert sind, kann man aus dem, was das US-Justizministerium veröffentlicht hat, wie in den meisten Fällen nicht nachvollziehen.

Überwachen und drohen

Was man den Dokumenten aber extrem gut entnehmen kann, ist, wie das Epstein-Milieu auf Vorwürfe von Opfern reagiert. Man muss sich verdeutlichen: Dieser „Freundeskreis“ schließt ja dutzende Männer ein, gegen die es unabhängig von Epstein Vorwürfe und Verurteilungen gab, von Harvey Weinstein über Woody Allen bis Bill Cosby. Sie beraten sich gegenseitig, was gute Strategien sind, um mit solchen Vorwürfen umzugehen. Oft kommen Schriftwechsel mit Anwälten vor. Es werden alle möglichen Experten zurate gezogen und man nimmt teilweise immense Mengen von Geld in die Hand, um ohne Verurteilung weg zu kommen.

In der Korrespondenz mit und über Leon Black zum Beispiel lässt sich detailliert der Umgang mit dem Fall von Guzel Ganieva rekonstruieren. Das russische Model war über einen Zeitraum von mehreren Jahren in irgendeiner Art von Abhängigkeitsverhältnis und Beziehung mit Black. Am Ende dieses Verhältnisses beschuldigte sie Black der Vergewaltigung und des Missbrauchs. Epstein gibt ihm umfassende Ratschläge zum Umgang mit diesem Fall. Er empfiehlt Black, sie observieren und heimlich in Gesprächen aufzeichnen zu lassen – was zum Leistungsportfolio der auf derlei Bedürfnisse der Reichen spezialisierten Kanzlei Nardello&Co gehört. Die Firma beschreibt sich selbst als „die führende globale Detektei für vertrauenswürdige Beratung in komplexen Angelegenheiten“. Daniel Nardello – Chef dieser Kanzlei – war übrigens früher selbst stellvertretender Staatsanwalt in New York (und hatte zeitweise mit Ermittlungen im Epstein-Umfeld, nämlich im Hoffenberg-Fall zu tun).

Tatsächlich finden sich auch mindestens zwei Abhörprotokolle von Treffen zwischen Black und Ganieva in den Akten. Beide dokumentieren den Versuch Ganievas, für erlittenes Leid so viel Geld wie möglich zu bekommen und Blacks Versuch, weniger zu zahlen. Black droht ihr auch wiederholt, wenn sie an die Öffentlichkeit gehe: „Das wird für dich ein desaströser Weg.“

Epstein fungiert in solchen Dingen – nicht nur bei Black – als eine Art Beratungsunternehmen für Vergewaltigungsanschuldigungen. In einer Mail vom 30. Juli 2015 z.B. schreibt er an Brad Karp, einem für Black tätigen Anwalt: „Ich denke, du solltest darüber nachdenken, sie eine ganze Woche lang von Nardello überwachen zu lassen.“ Es ist unklar, ob es sich bei der Zielperson um Ganieva handelte, aber der Beschreibung nach (sie hat einen Sohn) möglich. „Danke, habe ich getan“, antwortet Karp. In einer anderen Korrespondenz schlägt Epstein vor, Karp möge doch „seine Kontakte“ nutzen, um ein Visum der überwachten Person aufheben und sie abschieben oder verhaften zu lassen zu lassen. Karp ist mittlerweile von seinem Chefposten bei der renommierten Kanzlei Paul Weiss zurückgetreten.

Epstein wirkte parallel noch auf andere Weise auf vermeintliche Geschädigte Blacks ein. In einem für Ganieva gedachten Email-Entwurf an sich selbst – das machte er öfter – drohte er ihr, dass er „es notwendig gesehen habe, einige Freunde im FSB“ – dem russischen Geheimdienst – zu kontaktieren. Gerade jetzt, wo die russische Ökonomie auf ausländisches Kapital angewiesen sei, würde man bei den russischen Behörden „jeden Versuch, einen US-Geschäftsmann zu erpressen, im 21. Jahrhundert so ansehen, wie im 20. Jahrhundert einen vrag naroda“ – einen Volksfeind. Das war keine leere Drohung. Epstein kontaktierte tatsächlich seinen Freund Sergej Belyakow, einen hochrangigen Kreml-Beamten mit FSB-Verbindungen. Der gab auch bereitwillig Auskunft über Guzel Ganieva. Unter anderem schreibt er, man müsse sie nicht fürchten, da sie „keine Patronage hinter sich hat“. Er sei aber verwundert, dass sie Probleme mache, denn sie sei „in zahlreiche harte Geschichten, die bislang ohne Konsequenzen für die anderen Teilnehmer blieben“ involviert. Die Mail kann so gelesen werden, dass Ganieva als Prostituierte spezielle „harte“ Tätigkeiten verrichte – was wiederum zu dem Sadismus-Vorwurf weiterer Opfer Blacks passen würde.

Nicht nur bei Leon Black, sondern in eine Reihe von solchen Fällen, die mit Epstein zu tun haben, ist das Vorgehen der beschuldigten Täter immer gleich: Es wird eine Phalanx von extrem gut vernetzten Anwälten und Detekteien engagiert, die nicht nur alle juristischen Möglichkeiten ausloten, sondern zugleich auch mit Mitteln der Drohung, Einschüchterung und Bespitzelung arbeiten. Politische und andere Beziehungen werden genutzt, um bei dem Opfer eine Atmosphäre völliger Ohnmacht entstehen zu lassen.

Nicht einfach bestreiten

Eine andere Mail zeigt, dass parallel auch immer die mediale Kommunikationsstrategie eine immense Rolle spielt. 2018 konsultierte der theoretische Physiker Lawrence Krauss seinen Bekannten Jeffrey Epstein. Gegen Krauss lag damals eine Reihe von Anschuldigungen wegen sexualisierter Übergriffe vor. Kraus schickt Epstein eine lange Mail von seinem „religiösen Rechtsprofessoren-Bruder aus dem rechten Flügel“ weiter. Der Bruder, Michael Krauss, empfahl Krauss, wenn es sich bei den Anschuldigungen nur „um ein einzelnes Ereignis“ ohne „parallelen Beschuldigungen im Hintergrund“ handle, solle der „liebe Lorry“ die Anschuldigungen mit „Zähnen und Klauen bekämpfen“. „Ich würde den Kampf völlig ausrichten auf die Exzesse der political correctness, die Lynchmob-Mentalität gegen beschuldigte Männer, etc.“

Allerdings, wenn er sich die Medienberichterstattung ansehe, scheine es dem Bruder so, als gebe es zu viele Anschuldigungen für diese Strategie. Also sei es „lebenswichtig, dass du nicht jede einzelne Anschuldigung abstreitest“. Lawrence Krauss solle lieber einiges zugeben, aber als „Missverständnis“ oder übertrieben darstellen. Zugleich aber müsse der Beschuldigte bekennen, dass er durch die Anschuldigungen aufgewacht sei und „nie realisiert habe, wie verletzlich Frauen sind“. Er solle betonen, dass er eine Tochter habe und sich jetzt schon in irgendein Programm zur Besserung des Arbeitsklimas hinsichtlich sexualisierter Übergriffe einschreiben. „Wichtig ist, dass du irgendetwas dramatisches machst, so wie 100 Prozent deiner Einnahmen aus deinem nächsten Buch an irgendeine Stiftung zu spenden, die Opfern von Übergriffen hilft“, empfiehlt Michael Lawrence Krauss seinem Bruder. Epstein antwortet Krauss: „Ja, ich stimme deinem Bruder zu (…). Ich denke, das hat eine bessere Erfolgschance als Justin, der Idiot“.

Ein ähnliches Beratungsgespräch findet sich in einem weiteren berühmten Fall, dem des ehemaligen französischen Finanzministers Dominique Strauss-Kahn, von Epstein meistens DSK genannt. 2011 wurde Strauß-Kahn verhaftet, weil er in einem New Yorker Luxushotel ein Zimmermädchen vergewaltigt haben soll. In einer langen Mail über Sperma-Flecken meldet sich der – mit Jeffrey Epstein nicht verwandte – Investigativjournalist Ed Epstein, der zu exakt diesem Fall später auch Bücher veröffentlichte. Ed Epstein scheint sehr besorgt um die Verteidigungsstrategie von Strauß-Kahn und konsultiert einen „befreundeten Rechtsprofessor“. Mit dem scheint er aus irgendeinem nicht sehr „journalistischen“ Grund die Verteidigungsstrategie des Finanzministers abgesprochen zu haben und schickt die jetzt an den verurteilten Kinderschänder. Da DSK den Geschlechtsverkehr nicht bestreiten konnte – es gab Spermaspuren von ihm gemischt mit ihrem Speichel – war die Strategie, den Fall so darzustellen: Das Opfer Nafissato Diallo sollte als „Prostituierte“ geframed werden, die sauer wegen mangelnder Bezahlung war. Wenn das nicht klappe, weil die Geschworenen das nicht schlucken, solle zumindest erreicht werden, dass er sie nicht gezwungen habe: „Er ging davon aus, dass sie will, weil er dachte, sie sei eine Professionelle; und sie sagte nicht nein, vielleicht, weil sie dachte, als Immigrantin, dass das etwas war, was von ihr im Job verlangt werde. Wenn er keine Gewalt anwandte, und sie nie nein gesagt hat, hat er sicherlich ja kein Verbrechen begangen (…).“

Zu diesem Zweck sollten ältere Sperma-Flecken im Hotel untersucht werden, um zu zeigen, dass es plausibel war für DSK zu erwarten, dass das Hotel ihm eine Prostituierte schicke. Das sei wiederum für das Hotel nicht gut, weil „Öffentlichkeit über den Fakt, dass die Hotel-Zimmer gesprenkelt mit Sperma sind, ist nicht gut für die Hotel-Marke. Würde das Hotel in diesem Fall nicht etwas Geld abdrücken als Teil einer außergerichtlichen Einigung mit Diallo? Ich würde es ihnen jedenfalls empfehlen.“

Zur Not ein „Settlement“

Wenn Drohungen, Einschüchterungen, die Diskreditierung der Opfer und die Phalanx aus Star-Anwälten nichts nutzen, kommt Geld ins Spiel. Davon hat man ja genug. Natürlich muss hier aus rechtlichen Gründen dazu gesagt werden: Diverse Zahlungen – oft verbunden mit Schweigeverpflichtungen, sogenannten NDA, non-disclosure agreements – sind juristisch gesehen kein Eingeständnis von Schuld. Warum aber z.B. der ganz Unschuldige Herr Black den Virgin Islands für die Freistellung von jeglicher Strafverfolgung im Zusammenhang mit Epstein 62,5 Millionen US-Dollar im Rahmen eines Settlements bezahlte, kann man sich natürlich fragen.

Black bezahlte auch an Ganieva einen Millionenbetrag im Austausch gegen ein NDA, was dazu führte, dass sie später keine Klage mehr erhebenkonnte. Die Zahlungen an Ganieva wurden offenbar, so legen die Epstein-Files nahe, durch Epstein ausgeführt, der die Gelder außerhalb der offiziell erfassten Kontobewegungen transferierte. Eine weitere Klage von einer Frau namens Cheri Pierson wurde abrupt zurückgezogen, ob auch hier Geld floß, ist öffentlich nicht einsehbar.

Auch der französische Ex-Minister Dominique Strauss-Kahn zahlte einen nicht öffentlichen bekannten, aber auf mehrere Millionen geschätzten Betrag an seine Anklägerin. Space X soll nach Vorwürfen gegen Elon Musk – ebenfalls prominent präsent in den Epstein-Files – eine höhere Summe an eine Flugbegleiterin gezahlt haben, die von ihm in einem Privatjet sexuell belästigt worden sein soll. Bill Clinton, ein weiterer Epstein-Vertrauter, erreichte mit einer Zahlung von 850 000 US-Dollar das Ende von Anschuldigungen sexualisierter Übergriffe von Paula Jones. Epstein selbst zahlte an eines der prominentesten Opfer, Virginia Giuffre, 500 000 US-Dollar, Ex-Prinz Andrew sogar 16,3 Millionen.

Und wenn alles nichts hilft?

Wird einer aus dem Epstein-Moloch beschuldigt, kommen Anwälte. Man lässt das Opfer wissen, dass man Verbindungen bis tief in Justiz und Staatsapparat hat. Man bedroht es , bespitzelt es. Man versucht, die Geschädigten zu diskreditieren. Man verklagt sie oder ihre Anwälte. Und gleichzeitig bietet man Zahlungen an, für Straffreiheit und Schweigen.

Die Frage, ob im Zusammenhang mit der Epstein-Affäre auch Morde begangen , steht im Raum. Eine Mail an den Radiomoderator Eddy Aragon, die in den Epstein-Files enthalten ist, erhebt so einen Vorwurf. Der Autor behauptet, auf Epsteins Zorro-Ranch gearbeitet zu haben und über Video-Material, das die Vergewaltigung von Minderjährigen zeigt, zu verfügen. Und er schreibt: „Wussten Sie, dass zwei ausländische Mädchen in den Hügeln außerhalb der Zorro auf Anweisung von Jeffrey und Madam G begraben wurden?“ Die Mädchen seien während Fetisch-Sex-Praktiken verstorben. Ob diese Vorwürfe echt oder ein Betrugsversuch sind, ist unklar. Die Behörden von New Mexiko sollen Medienberichten zufolge Untersuchungen anstrengen.

In zahlreichen Opferberichten jedenfalls kommen Drohungen von Epstein vor, er sei mächtig und könne die Mädchen „verschwinden lassen“. Viele Klageschriften enthalten an irgendeinem Punkt die Aussage der Mädchen, dass sie immense Angst haben, Aussagen zu machen.

Mindestens zwei Opfer Epsteins starben an einer „versehentlichen Überdosis“. Leigh Patrick, die anngab, mit 16 von Epstein missbraucht worden zu sein, wurde 2017 tot in einem Hotelzimmer in West Palm Beach aufgefunden. Carolyn Andriano starb im Mai 2023 ebenfalls an einer Überdosis und ebenfalls in einem Hotel in West Palm Beach. Virginia Giuffre, eine der prominentsten Überlebenden des Menschenhandelsrings, soll 2025 Selbstmord begangen haben.

Bedacht werden muss zudem, dass Epsteins Opfer oft aus armen Ländern oder prekarisierten Verhältnissen kamen. In einer Aussage eines Opfers, vermutlich Giuffres, wird darüber geredet, dass eine Anzahl 12-jähriger Mädchen aus Frankreich für den Sexualstraftäter auf die Insel geflogen wurden. Epstein prahlte damit, dass die eigens für ihn angeschafft wurden und „dass die da drüben echt arm waren und ihre Eltern das Geld brauchten“. Viele der Opfer sind nicht aus gefestigten Verhältnissen oder kommen z.B. aus Osteuropa. Zudem handelte es sich wohl um viele hunderte Fälle. Ob da womöglich mehr „Selbstmorde“, „Unfälle“ und „Überdosen“ vorkamen oder Menschen einfach „verschwanden“, ist bei der aktuellen Datenlage und dem absoluten Behördenunwillen zu Ermittlungen für die Öffentlichkeit schwer nachzuvollziehen. Soweit man sich allerdings in die Charaktere, die dem Kreis um Epstein angehören, und deren ganz alltägliche Geschäftspraktiken einlesen kann, wäre es allzu naiv, diese Möglichkeit von vornherein auszuschließen.

Unabhängig von der Frage, ob diese Leute auch morden, um ihre Missetaten zu vertuschen, bleibt ein immenses Missverhältnis. Es gibt hunderte, wenn nicht tausende Opfer. Es gibt einen Berg an Hinweisen und Indizien. Und es gibt kaum irgendeine Verurteilung. Das hat Gründe. Und die liegen nicht in der Unschuld der Beklagten.

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