Die Ausmaße des Musikkomplexes „ORWO Haus“ in Berlin sind gigantisch. In einem Industriegebiet abseits des Zentrums der deutschen Hauptstadt proben hier mehr als 200 Bands (von Hip-Hop bis Hardrock), bevor sie auf den über 4.000 Quadratmetern, die das „Haus“ bietet, auf die Bühne gehen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit können die über 700 Musiker:innen, die an diesem Großprojekt beteiligt sind, hierherkommen, um in ihren gemieteten Räumen zu proben. Die Lage inmitten von Produktionsstätten bietet die Möglichkeit, in den 120 Proberäumen (von knapp einigen bis zu 30 m²) so laut zu sein, wie man möchte. Die Miete inklusive Heizung beträgt 7,60 Euro pro Quadratmeter, und das Gebäude ist zudem mit Tonstudios ausgestattet. Allein der Veranstaltungssaal im Erdgeschoss bietet Platz für fast tausend (950) Personen.
„Der Komplex als Ganzes ist wahrscheinlich der größte selbstverwaltete Proberaumkomplex Europas, wenn nicht sogar der Welt“, erklärt Maurice Sonnenfeld. Maurice, der natürlich auch Musiker ist (Schlagzeug und Gitarre), ist praktisch schon seit seiner Kindheit im Orwo-Haus und kümmert sich hier nicht nur um die Beleuchtung und die Veranstaltungen, sondern ist auch so etwas wie der Mann für alles – auch Interviews. „Der Film- und Fotofilmhersteller (Orwo) hatte hier seinen Sitz. Mit der Zeit zogen sie weg. Und danach versammelten sich hier alle möglichen jungen Musiker, die einfach einen Ort brauchten, um Musik zu machen, wo sie ungestört proben oder aufnehmen konnten“, fügt er hinzu.
ORWO: Wurzeln in der DDR
Der Name, der geblieben ist, ORWO, verweist auf das Unternehmen aus der DDR, das weltweit den ersten Farbfilm entwickelt hat. Ja, genau den, der durch den Kult-Song „Du hast den Farbfilm vergessen“ der Punk-Diva Nina Hagen verewigt wurde. 1997 meldete die ORWO Insolvenz an und nachdem das ORWO-Haus lange Zeit leer stand, kehrte 1998 wieder Leben in das Gebäude zurück. Die Lage mitten in einem Industriegebiet bot die Möglichkeit, zu jeder Tages- und Nachtzeit ungestört Lärm zu machen. So fing alles an – mit der Besetzung des riesigen Gebäudes.
Im Jahr 2004 drohte aufgrund von Mängeln im Brandschutz fast die Schließung. Doch dank der enormen Unterstützung aus der Bevölkerung für das neue Kulturzentrum konnte die Schließung verhindert werden. Zwei Jahre später ist das ORWO-Haus dank der großzügigen Unterstützung der Deutschen Lotto- und Totospielgesellschaft bereits brandsicher. Und so ist es bis heute geblieben: Die mittlerweile zur Institution in der Berliner Musikszene gewordene Einrichtung ist eine der wenigen kulturellen Initiativen, die nicht von Privatisierung oder Vertragsbeendigung bedroht ist.
Die Straße im selbsternannten „Bierschutzgebiet“ wird ihrem musikalischen Erbe gerecht: die Frank-Zappa-Straße Nr. 19, mitten im Industriegebiet von Marzahn. Die Dezibel sind schon am Eingang zu spüren, der voller musikalischer Ankündigungen ist – vom Verkauf von E-Gitarren über Schlagzeugunterricht bis hin zu Konzertplakaten.
Keine Mucke ohne Platte
Um erste Schritte auf der Bühne zu machen oder seine Etablierung unter Beweis zu stellen, gibt es im Sommer ein Festival namens „Orwohaus Festival“. Das letztjährige Festival dauerte zwei Tage, fand auf zwei Bühnen statt und es traten 17 Bands auf. Einige davon sind in Deutschland bereits berühmt geworden: Knorkator (Hardrock) oder Silbermond (Pop). Andere wie Mandel Kokain Schnaps (MKS, Punk & Pop) oder Mutabor machen sich gerade einen Namen.
Beim Betreten fällt sofort das Motto „keine mucke ohne platte“ ins Auge. Mit „Platte“ sind, wie allgemein bekannt, die vorgefertigten Deckenplatten gemeint, die dem Stadtteil zu seinem Ruf verholfen haben. Denn kein anderer Stadtteil in Berlin symbolisiert den Ostblock, „die Zone“, wie man ihn damals im westlichen Teil Berlins nannte (gemeint war die Sowjetische Besatzungszone (SBZ)), besser als Marzahn. Der Ruf des Stadtteils Marzahn war lange Zeit nicht der beste. Vor allem nach „der Wende“ ist der Stadtteil ein Synonym für eine graue, eintönige Masse aus Beton, Hochhäusern und „Plattenbauten“. Dafür, wie vermeintlich eintönig, ungesellig und wenig reizvoll das Leben im sozialistischen Deutschland, der DDR, sein konnte.
Mehrere neonazistische Anschläge in den 90er Jahren, die sogenannten „Baseballschlägerjahre“, trugen weiter dazu bei, dass Marzahn als Sperrzone für Punks und Linke galt. Maurice bestätigt dies: „Damals gab es Vorurteile: Marzahn ist widerlich, Marzahn ist chaotisch, Marzahn ist asozial. Aber diesen Ruf hat es schon lange hinter sich gelassen.“ Tatsache ist jedenfalls, dass Marzahn im Nordosten Berlins durch den Bau von Wohnblocks groß geworden ist. Bereits 1975 begann die gewaltige Aufgabe, einen ganzen Stadtteil zu errichten, die Ödnis in einen Garten zu verwandeln. Von 1976 bis 1987 wurden auf einer Fläche von 30 Quadratkilometern 62.000 Wohnungen gebaut. Es handelt sich um die bis dato größte Wohnsiedlung in Deutschland. Oftmals auf Flächen, die zuvor als Kläranlagen genutzt worden waren. Und vor allem (42 %) handelte es sich bei den Neubauten um den Typ WBS 70 (Wohnungsbauserie), der es ermöglicht, ein Gebäude in nur 18 Stunden fertigzustellen. Da sie in Serie gebaut wurden, können Schäden zudem effizienter repariert werden, was zu ihrem niedrigen Preis beiträgt.
Die Neubauten verliehen Marzahn einen solchen Aufschwung, dass es 1979 zu einem eigenständigen Stadtteil wurde (und sich von Lichtenberg abspaltete), als ein Umzug hierher noch ein echtes Privileg war: viel Wohnraum, Warmwasser und Zentralheizung. Und sogar direkte Müllabfuhr – so etwas hatte man noch nie gesehen. Viele der neuen Bewohner flohen aus kleinen Wohnungen ohne eigene Dusche und Toilette und freuten sich über ihr neues Zuhause. Im Durchschnitt beliefen sich die Mietkosten zudem auf nur 2,4 % des Gehalts. Willkommen in den „Betonbuchten“.
Heute, mehr als fünfzig Jahre später, verfügt das Viertel, das aufgrund des hohen Zuzugs von Familien zum „Kinderbezirk“ wurde, über weitaus mehr Grünflächen. Die Straßen sind breit und gepflegt, und zu den Einheimischen sind aufgrund der Vorzüge der Gegend viele Zugezogene hinzugekommen: günstige Mieten, Spielplätze für Kinder, ein langsameres und stressfreieres Leben, Sportzentren, gute Krankenhäuser. Und sogar ein großes, futuristisches Einkaufszentrum wie das Eastgate (Tor zum Osten). Nicht zu vergessen die Gärten der Welt: 43 Hektar Gärten aus verschiedenen Kontinenten und Ländern, weite Wiesen, Blumenbeete und Spazierwege.

